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Bei einem Start-up-Workshop stellte ich im Rahmen der Finanzplanung eine Frage, die für mich an den Anfang jeder Gründung gehört:
Welches Leben soll das Unternehmen ermöglichen – und wie muss es gestaltet sein, damit es den Menschen dient, die es aufbauen?
Ein anderer Mentor hielt sinngemäß dagegen: Eine solche Haltung sollte man gegenüber Investoren besser nicht zu offen vertreten.
Uff. Das hat gesessen.
Doch schon im nächsten Moment waren wir mitten in einer konstruktiven Diskussion. Es ging um ein Bild, das in der Start-up-Welt noch immer stark ist: Wer Kapital sucht, muss maximal verfügbar, grenzenlos belastbar und bereit sein, das Unternehmen über alles andere zu stellen.
Wer dagegen davon spricht, dass ein Unternehmen auch den Menschen dienen soll, die es aufbauen und tragen, wirkt schnell zu weich. Zu wenig hungrig. Vielleicht sogar ungeeignet, ein skalierbares Business aufzubauen, das durch die Decke geht.
Und genau da begann die eigentliche Diskussion.
LIFE-first ist kein Schonprogramm
LIFE-first bedeutet nicht Beine hochlegen. Es bedeutet auch nicht 9-to-5, Freizeitmaximierung oder den Verzicht auf ambitionierte Ziele.
Natürlich muss ein Unternehmen profitabel sein. Es braucht Umsatz, Liquidität, belastbare Margen. Wer externes Kapital aufnimmt, übernimmt zusätzliche Verantwortung, auch die Ziele der Investoren zu erreichen.
Ein Start-up kann eine Zeit lang davon profitieren, dass Gründer durchgehend arbeiten, private Rücklagen aufbrauchen und das Business, ihr Leben bestimmt – aber nicht als Dauerzustand.
Bereitschaft für permanente Überlastung ist kein Beweis für Commitment und besonderer Leistungsfähigkeit.
Menschen sind kein weicher Faktor
Gründer und Mitarbeitende werden im Rahmen einer Beteiligung oft als jederzeit unbegrenzt verfügbare Kapazitäten vorausgesetzt. Menschen funktionieren jedoch nicht wie Serverleistung, die sich beliebig hochfahren lässt.
Erschöpfung verschlechtert Entscheidungen. Dauerhafter Druck erhöht Konflikte und Fluktuation. Wissen geht verloren. Innovation wird schwieriger. Fehler werden gemacht und teurer.
Wer die Menschen im Unternehmen mitdenkt, stellt Profit nicht infrage. Er schützt eine seiner wichtigsten Voraussetzungen.
LIFE-first fragt deshalb nicht: Wie können wir eine ruhige Kugel schieben?
LIFE-first fragt: Was brauchen die Menschen? Wie muss dieses Unternehmen geplant, finanziert und geführt werden, damit sie darin langfristig leistungsfähig bleiben und wirtschaftlicher Erfolg wächst?
Der Investor-Fit gehört auf den Prüfstand
Am Ende der Diskussion waren wir uns in einem Punkt einig: Ja, LIFE-first kann einzelne Investoren abschrecken.
Aber ist das automatisch schlecht?
Gründer prüfen ihren Product-Market-Fit. Sie analysieren Zielgruppen, Geschäftsmodelle und Wachstumspotenziale. Bei Kapitalgebern dominiert dagegen häufig die Frage: Bekommen wir genug Geld raus?
Mindestens ebenso wichtig wäre die Gegenfrage: Wollen wir das Geld und das Netzwerk von genau diesen Menschen? Und welchen Preis zahlen wir im Gegenzug tatsächlich?
Nicht jede Verbindung passt
Bevor sich Gründer an Mitgründer oder Investoren binden, sollten sie klären, welche Welten dort aufeinandertreffen.
Warum wollen beide Seiten gemeinsam ein Stück des Weges gehen? Wo liegt die echte Schnittmenge? Wo liegen Gegensätze? Welchen Preis ist jeder bereit zu zahlen?
Es reicht nicht, sich als zwei perfekte Puzzleteile zu betrachten und daraus abzuleiten, nun gemeinsam zum Erfolg verdammt zu sein.
Auch bei einem gemeinsamen Ziel wird es Reibung geben. Das ist normal. Unterschiedliche Perspektiven können Entscheidungen verbessern und blinde Flecken sichtbar machen.
Entscheidend ist, welche Art von Reibung entsteht.
Geht es um unterschiedliche Wege zum gemeinsamen Ziel? Dann lassen sich oft Lösungen finden, die wieder auf dieses Ziel einzahlen.
Oder zeigt die Reibung, dass grundlegende Vorstellungen nicht zusammenpassen? Etwa beim Wachstumstempo, bei Kontrolle, Führung, Exit oder beim Umgang mit den Menschen im Unternehmen?
Dann ist der Konflikt möglicherweise kein Problem, das gelöst werden muss. Er ist ein Stoppschild.
Augenhöhe statt Bittstellerrolle
Gründer sollten sich in solchen Gesprächen nicht als Bittsteller verstehen. Kapital, Erfahrung und Kontakte sind wertvoll. Die Idee, das Unternehmen, die operative Arbeit und das persönliche Risiko sind es ebenfalls.
Investor-Fit bedeutet deshalb auch, sich auf Augenhöhe zu begegnen.
Investoren dürfen und müssen kritisch prüfen, ob Gründer ausreichend ambitioniert sind. Gründer dürfen ebenso kritisch prüfen, welches Menschenbild hinter den Renditeerwartungen steht.
Wer bei LIFE-first sofort an Leistungsverweigerung denkt, übersieht, dass Menschen eher bereit sind, die Extrameile zu gehen, wenn ihr Wunschleben dabei nicht aus dem Kalkül fällt. Menschenorientiertes Unternehmertum kann ihnen die Flügel verleihen, die sie für diesen Ritt brauchen. Denn wie viel Leistung geht verloren, wenn ein Unternehmen den Menschen aus dem Blick verliert, der sie erbringen soll?
Die Frage lautet deshalb nicht nur:
Wer soll da in dich investieren wollen?
Sondern auch:
Mit wem willst du dein Unternehmen aufbauen?
Willst du Investoren, für die Wachstum und Exit im Mittelpunkt stehen und die dabei die Menschen hinter diesem Erfolg aus dem Blick verlieren? Oder willst du eine langfristige und tragfähige Beziehung aufbauen, in der Ziele, Erwartungen und Grenzen offen verhandelt werden?
Profit und Menschen sind keine Gegensätze. Nachhaltig erfolgreiche Unternehmen brauchen beides. Ambition ohne wirtschaftliche Substanz funktioniert nicht. Wachstum ohne Menschen, die es langfristig tragen können, ebenfalls nicht.
Bildcredits/Fotograf: Vesna Boccadamo
Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.

















