Freitag, März 20, 2026
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Warum scheitert moderne Gesundheitsversorgung oft an den einfachsten Stellen?

Versorgung und Diagnostik rücken immer stärker in den Fokus, während der Druck auf die bestehenden Strukturen spürbar wächst und Veränderungen notwendig werden. Im Interview erklärt Christoph Neumeier, CEO CKM, warum vor allem funktionierende Übergänge entscheidend dafür sind, wie gut Patientinnen und Patienten begleitet werden.

Herr Neumeier, viele Debatten zur digitalen Gesundheitsversorgung drehen sich um Technologie. Wo sehen Sie aktuell tatsächlich die größten Engpässe?

Das System redet über Tools, während es an Übergaben scheitert. Zwischen Arzt und Apotheke. Zwischen Diagnose und Behandlung. Zwischen digital und analog. Nicht weil die Technologie fehlt, sondern weil niemand konsequent die Patienten Journey zu Ende denkt. Wir haben Hightech-Medizin und Lowtech-Zugang. Das ist kein Ressourcenproblem. Es ist eine Prioritätsfrage.

2025 hat gezeigt, dass hybride Versorgungsmodelle schneller entstehen als lange erwartet. Ist das aus Ihrer Sicht Fortschritt oder eher eine Reaktion auf strukturelle Überlastung?

Ehrlich gesagt: hauptsächlich Reaktion. Hybride Modelle entstehen nicht, weil das System vorausgedacht hat. Sie entstehen, weil das System seine eigene Nachfrage nicht mehr bedient. Märkte füllen, was Strukturen lassen. Das ist kein Zufall und kein Verdienst der Politik. Wer das als Fortschritt verkauft, verwechselt Symptombehandlung mit Strategie.

Sie beobachten seit Jahren die Schnittstelle zwischen Prävention, Diagnostik und Versorgung. Was hat sich seit 2025 erstmals messbar verändert?

Die Nutzung hat die Theorie eingeholt. Sechsstellige Patientenzahlen in der Telemedizin sind kein Pilotprojekt mehr, das ist Realität. Was sich wirklich verändert hat: Wir wissen jetzt genau, wo es kippt. Nicht beim Einstieg in die digitale Versorgung, sondern bei der Übergabe. Wo Rezepte und Befunde nahtlos weiterlaufen, bleibt die Journey stabil. Wo die Schnittstelle fehlt, fällt man zurück ins alte System.

In mehreren Präventionspfaden wird inzwischen eine höhere Nachfrage verzeichnet als in klassischen stationären Angeboten. Was sagt das über das Vertrauen der Patientinnen und Patienten in bestehende Versorgungsstrukturen aus?

Es sagt, dass Menschen mit den Füßen abstimmen. Und das System sollte aufhören, das als Konkurrenz zu lesen, und anfangen, es als Signal zu verstehen. Das ist kein Misstrauen gegenüber Medizin. Es ist Misstrauen gegenüber dem Weg dorthin. Wer krank ist, will keine Warteschleife. Sobald jemand eine Alternative anbietet, die funktioniert, wird sie genutzt. Das ist kein Trend. Das ist Verhalten, das sich nicht mehr umkehren lässt.

Welche Rolle spielt aus Ihrer Sicht die vorgelagerte Diagnostik für den Erfolg digitaler und hybrider Versorgungsmodelle?

Sie ist die Voraussetzung, keine Ergänzung. Ohne frühe Diagnostik ist hybrid nur ein schnellerer Weg zur gleichen Lücke. Was viele unterschätzen: Frühdiagnostik ist nicht nur ein medizinisches Argument, es ist ein systemisches. Abwasseranalytik zeigt Resistenzentwicklungen, bevor sie klinisch eskalieren. Das System hätte die Instrumente, früher zu reagieren. Es entscheidet sich nur zu selten dafür.

Home Testing und dezentrale Diagnostik werden oft als Komfortlösung beschrieben. Welche strukturelle Bedeutung haben solche Angebote tatsächlich für das Gesundheitssystem?

Komfort ist das falsche Framing. Es geht um Triage im großen Maßstab. Heimtests für Darm- oder Gebärmutterhalskrebs, die heute bereits über Krankenkassen verfügbar sind, sind kein Nice-to-have. Sie sind ein Frühwarnsystem. Wer früh testet, kommt früher in die richtige Versorgung. Wer wartet, bis Symptome zwingen, kommt teurer an. Für den Menschen und für das System. Dezentrale Diagnostik ist keine Serviceleistung. Sie ist Infrastruktur.

Sie sprechen von einer Anpassung der Versorgung an die real verfügbare Infrastruktur. Wie verändert dieser Pragmatismus die bisherigen Idealvorstellungen von Versorgung?

Die Idealvorstellung war immer: einheitliche Struktur, optimale Versorgung für alle. Das ist ein schöner Gedanke. Aber er hat dazu geführt, dass das System rund um seine eigenen Prozesse gebaut wurde, nicht rund um den Menschen, der es braucht. Pragmatismus heißt nicht, Ansprüche aufzugeben. Es heißt, die Patient Journey ernst zu nehmen und aufzuhören, Versorgung dort enden zu lassen, wo die Zuständigkeit endet. Versorgung endet, wenn der Mensch weiß, was er tun muss. Nicht früher.

Welche Signale senden die Krankenkassen mit ihrer wachsenden Beteiligung an präventiven und diagnostischen Versorgungsmodellen?

Sie haben gerechnet. Prävention kostet weniger als Spätbehandlung. Das ist keine Überraschung, das ist Mathematik. Was interessant ist: Wenn Kassen anfangen, diese Rechnung aktiv umzusetzen, verschiebt sich der Anreiz im gesamten System. Weg vom Akutfall, hin zur Verhinderung. Das ist strukturell bedeutsamer als jede Digitalstrategie, die je beschlossen wurde. Die Frage ist, ob die Versorgungslandschaft das Tempo mithält.

Wenn Sie auf die Nutzungszahlen und die Präventionsbereitschaft blicken, was lernen wir daraus über das Verhalten der Patientinnen und Patienten?

Dass sie nie passiv waren. Sie hatten nur kein gutes Angebot. Sobald Hürden sinken, steigt Nachfrage. Was wir wirklich lernen: Menschen wollen verstehen, was mit ihnen passiert. Verständlichkeit ist heute eine medizinische Leistung. Wer das als selbstverständlich behandelt, unterschätzt, wie lange das System das Gegenteil als Normal verkauft hat.

Wird digitale Gesundheitsversorgung Ihrer Einschätzung nach künftig weniger über Innovationen definiert sein als über verlässliche Zugangsmodelle?

Ja. Und das ist eigentlich eine gute Nachricht, auch wenn es für viele unbequem klingt. Die spannendste Technologie ist wertlos, wenn niemand sie im richtigen Moment erreicht. Was jetzt zählt, ist nicht das nächste Feature. Es ist die Frage, ob Versorgung dort ankommt, wo sie gebraucht wird. Zuverlässig, ohne Brüche, ohne Formular dazwischen.

Welche Annahmen über digitale Versorgung haben sich 2025 aus Ihrer Sicht als nicht tragfähig erwiesen?

Zwei vor allem. Erstens: dass digital allein reicht. Eine Videosprechstunde ersetzt kein System. Sie funktioniert nur, wenn die gesamte Kette dahinter steht. Wer digital startet und analog steckenbleibt, hat dem Patienten keinen Gefallen getan. Er hat nur das Wartezimmer verschoben. Zweitens: dass Geschwindigkeit und Qualität sich ausschließen. Das stimmt nicht. Es braucht Struktur, die beides trägt. Wer nur Momentum erzeugt, baut keine Infrastruktur.

Mit Blick auf 2026: Wo sehen Sie die größten Herausforderungen, wenn Diagnostik zur zentralen Infrastrukturfrage der Versorgung wird?

Standards. Wer definiert Qualität, wenn Diagnostik dezentral wird? Wer vergütet was, unter welchen Bedingungen? Das sind keine technischen Fragen. Das sind politische. Und genau da liegt das eigentliche Tempo-Problem. Nicht bei den Anbietern. 2025 hat bewiesen, dass hybride Versorgung funktioniert. 2026 zeigt bereits jetzt, ob das System bereit ist, das als Realität anzuerkennen oder ob es hybrid weiter als Ausnahme behandelt. Hybrid darf kein Dauerpilot bleiben. Es muss Standard werden.

Bildcredits CKM Group

Wir bedanken uns bei Christoph Neumeier für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder

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