„Funktionieren“ ist eine Überlebensstrategie des Nervensystems. So weit, so gut. Doch was passiert, wenn unsere Funktionsfähigkeit uns krank macht, wenn Funktionieren unweigerlich zur Funktionsunfähigkeit führt? Die Coaching und Autorin Kathleen Kunze erklärt, wann wir die Grenzen unserer Kapazitäten überschreiten und wie wir aus der Funktionsspirale ausbrechen können.
„Wenn Menschen bei der Arbeit und für die Familie alles geben, aber nichts mehr für sich selbst tun, beginnt die Erschöpfung.“
herCAREER: Kathleen, in unserer neoliberalen Gesellschaft ist der Begriff „funktionieren” eigentlich positiv besetzt. Gestresst und erschöpft zu sein, wird mit Leistung und Einsatz gleichgesetzt. Warum sagst du also, der Funktionsmodus sei ein Zeichen von Überlastung?
Kathleen Kunze: Die Fähigkeit zu funktionieren ist grundsätzlich gut und wertvoll, solange wir bewusst entscheiden können, wann und wie wir sie einsetzen. Solange wir nicht gezwungen sind, sie ständig einzusetzen. Nur – wir leben und arbeiten in einem System, in dem stete Leistung gefordert wird. Manche Menschen schaffen es in diesem System recht gut, bei sich zu bleiben, andere eben nicht. Das System belohnt diejenigen, die die entsprechende Veranlagung haben.
herCAREER: Hast du sie, diese Veranlagung?
Kathleen Kunze: Ich stamme aus der ehemaligen DDR, da galt natürlich „Pass ins System!“ und ich habe gelernt zu tun, was von mir erwartet wurde. Gleichzeitig bin ich in einem Haus mit einem emotional nicht immer berechenbaren Vater aufgewachsen. So habe ich früh begonnen, Situationen zu scannen, Konflikte zu vermeiden und mich anzupassen.
herCAREER: In deinem Buch beschreibst du drei Typen von „Funktionierenden“: den Fight-, Flight- und Fawn-Typen. Was sind die Ursachen, die sie in den Funktionsmodus bringen?
Kathleen Kunze: Mein primäres Überlebensmuster ist der Fawn-Typ, Fawn bedeutet wörtlich Rehkitz. Wir stellen Sicherheit über Verbindungen mit anderen Menschen her. Fawn-Typen sind oft sozial intelligente Kinder, die sowohl ihre eigenen Gefühle als auch die der anderen gut wahrnehmen können. Das führt auch dazu, dass sie ständig ermitteln: Wie ist die Stimmung im Raum? Wie ist die Laune meines Gegenübers? Um das tun zu können, müssen sie ihre eigenen Bedürfnisse hintenanstellen. Sie verlernen unter Stress und Anspannung, sich selbst wahrzunehmen, und haben ein hohes Risiko, auszubrennen.
herCAREER: Was zeichnet dagegen den Flight-Typen aus?
Kathleen Kunze: Flight-Typen flüchten, weil sie Angst vor dem Alleinsein, Scheitern oder Verbindungsabbruch haben. Oft wurden diese Menschen in der Kindheit nicht ausreichend begleitet, wenn sie Angst oder Unsicherheit erfahren haben. Sobald solche Gefühle aufkommen, flüchten sie aus Beziehungen, in Ablenkungen, in die Arbeit – letztlich, um nicht mit den eigenen Gefühlen in Kontakt zu kommen. Der Flight-Typ ist daher prädestiniert für die Funktionsspirale: ständig im Tun, mit dem Ziel, das Fühlen zu vermeiden.
herCAREER: Bleibt der Fight-Typ …
Kathleen Kunze: Diese Menschen haben bereits in jungen Jahren verinnerlicht, dass sie Leistung erbringen müssen, um Sicherheit zu erlangen. Erfolg simuliert Sicherheit, die wiederum Stärke und Leistungsfähigkeit suggeriert. „Fight-Typen” fühlen sich handlungsfähig und somit in Kontrolle, solange sie funktionieren. Oft sind sie sehr konkurrenzorientiert und erwarten von anderen genauso viel Leistung und Funktionsfähigkeit wie von sich selbst. Das hat Konfliktpotenzial.
herCAREER: Unabhängig vom Typ: Welche Verhaltensweisen weisen darauf hin, dass jemand in meinem Umfeld oder ich selbst in eine Funktionsspirale abrutsche?
Kathleen Kunze: Es gibt verschiedene Anzeichen. Oft sind diese Menschen immer unterwegs, immer busy, immer im Kontakt mit anderen. Manche kümmern sich ständig um andere, andere sind über die Maßen pflichtbewusst. Das sind die Kolleg:innen, die auch im Urlaub ans Firmenhandy gehen.
herCAREER: Glauben sie, dass sie unersetzlich sind?
Kathleen Kunze: Zumindest sind sie überzeugt, ständig verfügbar sein zu müssen. Andere dieses Typus sind hoch engagiert, motiviert und lernwillig. Dazu vergessen sie keinen Geburtstag zu Hause und kein Jubiläum im Team. Sie investieren alles in ihre Karriere, alles in ihre Beziehungen und wollen so allen Erwartungen entsprechen.
herCAREER: Ketzerische Frage: Sind das nicht genau die High-Performer:innen, die so gefragt sind?
Kathleen Kunze: Ja, dieser Funktionstyp wird oft sehr positiv gesehen. Diese Menschen haben Initiative und Drive! Sie jonglieren alles, sind ehrgeizig, kommen aber nur schwer zur Ruhe.
herCAREER: Wann kippt das? Wann werden sogenannte Leistungsträger:innen zu Funktionierenden im negativen Sinn?
Kathleen Kunze: Wenn sich die Erschöpfung einschleicht. Wenn Menschen bei der Arbeit und für die Familie alles geben, aber nichts mehr für sich selbst tun. Wenn sie anfangen, Termine mit Freund:innen abzusagen, weil der Alltag zu sehr schlaucht.
herCAREER: Was passiert dabei im Körper?
Kathleen Kunze: Im Funktionsmodus ist unser sympathisches Nervensystem ständig aktiviert. Der Stress sorgt noch eine Weile für viel Energie, damit der Körper weiter funktioniert, aber das kann der Organismus nur eine gewisse Zeit lang verkraften. Dann schickt er uns in den Gegenzustand: Das parasympathische Nervensystem wird aktiviert und die Erschöpfung setzt ein. Wir benötigen Regeneration. Wenn wir diese aber nicht zuverlässig bekommen, geraten wir in erste Erschöpfungsphasen.
herCAREER: Wie sehen diese aus?
Kathleen Kunze: Sobald wir Zeit haben, zur Ruhe zu kommen, uns zu regenerieren oder etwas für uns zu tun, geht einfach gar nichts mehr. Man merkt das zum Beispiel abends, wenn man nach Hause kommt: Man fällt direkt auf die Couch und kann nicht einmal mehr richtig fernsehen, sondern ist einfach nur fertig. Unsere Prägungen, pushen uns, gegen die Erschöpfung anzukämpfen – aber das ist natürlich kontraproduktiv. Über die Jahre laugen wir so unseren Körper aus. So sehr, dass sich unser Hormonsystem, unser Immunsystem und unser Krafthaushalt durch diese kontinuierliche Überlastung nachhaltig verändern. Dadurch entsteht das Risiko, Krankheiten zu entwickeln.
herCAREER: Wie unterbricht man diesen Teufelskreis?
Kathleen Kunze: Funktionieren ist ein chronisches Muster und schwer zu durchbrechen. Der erste und wichtigste Schritt ist, sich dessen bewusst zu werden. Teste dich: Setz dich eine Minute hin und tu 60 Sekunden lang gar nichts.
herCAREER: Puh …
Kathleen Kunze: Ja, genau. Einfach aus dem Fenster sehen und den Baum gegenüber betrachten – das kann für Funktionierende unendlich schwer sein.
herCAREER: Und wenn ich mir dessen bewusst geworden bin, was sind erste Schritte zum Wandel?
Kathleen Kunze: Eine Möglichkeit ist es, das Nervensystem zu regulieren. Es gilt, die Aktivierung des Sympathikus zu reduzieren. Dadurch verändert sich die Sichtweise auf die Dinge und ich bekomme die Chance, freie Entscheidungen zu treffen. Es gibt viele Reflexions- und Selbsthilfetools, mit denen man dem eigenen Funktionsmodus auf die Schliche kommen kann – einige davon beschreibe ich im Buch.
herCAREER: Stellen wir uns eine Stresssituation vor: Vielleicht haben wir uns mit dem Vorgesetzten angelegt oder uns zum x-ten Mal mit den Kindern über die Unordnung gestritten. Gibt es Möglichkeiten, den Sympathikus aktiv zu regulieren?
Kathleen Kunze: Ein einfacher Schritt ist, vor die Tür zu gehen. Die bilaterale Bewegung beim Laufen sorgt dafür, dass das Gehirn aus dem Überlebensmodus heraus und in den klaren Denkmodus zurückkommt. Darum lassen sich beim Spazierengehen Gedanken so gut sortieren. Grundsätzlich ist es gut, aufzustehen und etwas ganz anderes zu tun, um eine neue Perspektive zu erlangen. Und dann gibt es noch Körper- und Atemübungen.
herCAREER: Wie funktionieren die?
Kathleen Kunze: Stelle dich zum Beispiel auf die Füße und wippe von rechts nach links oder von vorne nach hinten. Diese wiegenden, schaukelnden Bewegungen wirken regulierend und nehmen schnell die Spannung aus dem Körper – das funktioniert auch im Sitzen. Wo Schaukeln gerade nicht geht, kann Atmung helfen: Normal durch die Nase in den Bauch einatmen und verlängert ausatmen. Das immer wiederholen, die Ausatmung immer weiter verlängern. Es hat denselben regulierenden Effekt.
herCAREER: Was funktioniert für dich besonders gut?
Kathleen Kunze: Mir hilft diese Übung: Ich nehme zwei kleine Bälle oder irgendwelche anderen Gegenstände in die Hand und gebe einem die Bedeutung „Funktionieren” und dem anderen die Bedeutung „Erschöpfung”. Dann spüre ich hinein, wie sich der eine Ball anfühlt und wie der andere. Ich merke sehr schnell, wie ein Ball sehr präsent wird, wenn ich mich darauf konzentriere. Wenn du es ausprobierst, wird der Erschöpfungs-Ball unter Umständen ganz schwer in deiner Hand oder wird ganz leicht und fliegt. Es ist ein tolles Werkzeug, um herauszufinden: Wo stehe ich gerade? Funktioniere ich noch oder bin ich vielleicht schon in der Erschöpfung angekommen? Anschließend kannst du deine Aufmerksamkeit bewusst von diesen beiden Gegenständen weglenken und in den freien Raum zwischen ihnen treten. Dort bist du weder erschöpft noch funktionierst du.
herCAREER: Was sagst du zu Menschen, für die sich das esoterisch anhört?
Kathleen Kunze: Im Grunde habe ich gerade Aufstellungsarbeit beschrieben. Wir nutzen stellvertretende Gegenstände und projizieren die Energie, die in unserem Körper ist, auf diese Gegenstände. In den meisten Fällen hilft diese Technik dabei, von außen auf uns zu blicken, und wenn ich die Dinge beobachten, sehen und in die Hand nehmen kann, werde ich wieder handlungsfähig.
herCAREER: Dann kann ich damit beginnen, meine Muster zu durchbrechen. Was bedeutet das im Alltag?
Kathleen Kunze: Üben, üben, üben. Das hört niemand von uns gerne. Aber wir müssen alte, scheinbar erfolgreiche und tief verankerte Bewältigungsstrategien ablegen. Das sind neuronale Verbindungen, die erst aufgebrochen werden müssen. Muster zu durchbrechen, bedeutet auch auszuprobieren, Dinge liegen zu lassen, sie auf morgen zu vertagen oder zu delegieren. Und dann zu erleben, dass gar nichts Schlimmes passiert. So machen wir neue Erfahrungen und verankern in unserem Gehirn ein anderes, neues Bild von Sicherheit.
herCAREER: Wir haben uns nun stark auf das Innenleben konzentriert. Zu Beginn unseres Gesprächs haben wir aber auch über Strukturen und Systeme gesprochen, die uns viel, manchmal sogar zu viel, Leistung abverlangen.
Kathleen Kunze: Ja. In einem Umfeld, das ständige Leistung fordert, wird es schwierig sein, die eigene Haltung zu verändern. Das bedeutet, dass ich mein Umfeld verändern darf, oder zumindest ein Umfeld finden muss, in dem ich auch dann akzeptiert werde, wenn ich mal nicht „funktioniere”.
herCAREER: Heißt das, manchmal muss man den Job wechseln oder die Partnerschaft beenden?
Kathleen Kunze: Es ist immer ein Prozess. In einem Familienkonstrukt kann ich anfangen, mehr an meine:n Partner:in und die Kinder abzugeben. Das erfordert allerdings, dass mein Umfeld meine Veränderung auch mitmacht. Es kann auch zu massiven Konflikten führen.
Wenn du wirklich aus dem Funktionsmuster aussteigen möchtest, gilt es meiner Erfahrung nach häufig, irgendwann ein gesünderes berufliches Umfeld zu finden.
herCAREER: Voraussetzung ist, dass wir unsere eigenen Grenzen kennen und respektieren gelernt haben.
Kathleen Kunze: Richtig, genauso wie deine Fähigkeiten, Kräfte und Ressourcen.
herCAREER: Und wenn es mir allein oder mithilfe deines Buches nicht gelingt?
Kathleen Kunze: Je länger und stärker die Muster in uns verankert sind, desto schwerer sind sie zu durchbrechen. Desto hilfreicher ist es, sich Unterstützung in Form von Coaching oder Therapie zu holen. Es kann sehr hilfreich sein, wenn jemand diese Muster spiegelt und dabei unterstützt, sie zu verändern.
Das Interview führte herCAREER-Redakteurin Kristina Appel.
Auf der herCAREER Expo 2026 wird Kathleen Kunze ihr Buch „Raus aus dem Funktionsmodus – zurück zu dir“ beim Authors Meet-up vorstellen und ihre Ansätze und Methoden teilen.
Bild Kathleen Kunze Copyright Fotostudio HaniArt Frankfurt
Quelle messe.rocks GmbH

























