Mittwoch, Mai 13, 2026
StartWorkbaseGenug Buzzword: Venture Clienting ist kein Fortschritt, sondern eine bequeme Ausrede

Genug Buzzword: Venture Clienting ist kein Fortschritt, sondern eine bequeme Ausrede

Wenn Startups und etablierte Unternehmen über eine Zusammenarbeit sprechen, fallen schnell Begriffe wie Pilotprojekt, Kooperation oder Venture Clienting. Das klingt modern, strukturiert und leicht umsetzbar. In der Realität verdecken diese Buzzwords jedoch oft den Kern des Problems. Denn am Ende geht es nicht um teure Berater-Programme oder Labels von Innovationshubs, sondern um zwei sehr grundlegende Fragen: Wie kommen Startups an zahlende Kunden? Und wie schaffen es Unternehmen, dauerhaft innovativ zu bleiben?

Venture Clienting wird häufig als Wunderlösung verkauft. Dahinter steckt meist die einfach präsentierte Idee für etablierte Unternehmen, endlich innovativer zu werden, ohne viele Risiken einzugehen und mit hippen Startups zusammenzuarbeiten. Was dabei oft verloren geht, ist der eigentliche Kern von Unternehmertum. Ein Startup existiert nicht, um Teil eines Innovationsprozesses zu sein, sondern um reale Probleme zu lösen und dafür Kunden zu gewinnen. Innovation lässt sich nicht einfach bestellen.

Innovation ist kein klassischer Einkaufsprozess

Kein Unternehmen der Welt kann über Jahre hinweg erfolgreich sein, ohne neue Impulse aufzunehmen. Märkte verändern sich, neue Technologien entstehen und bestehende Geschäftsmodelle geraten unter Druck. Klassische interne Entwicklung und Forschung reicht dafür oft nicht mehr aus. Genau hier wird Open Innovation relevant.

Open Innovation bedeutet vor allem, sich bewusst nach außen zu öffnen und externe Perspektiven ernsthaft einzubinden. Nicht als Alibi, sondern als echten Bestandteil der eigenen Weiterentwicklung. Startups bringen dafür ideale Voraussetzungen mit. Sie arbeiten nah am Markt und mit neuen Technologien, sind fokussiert und denken selten in bestehenden Strukturen.

Problematisch wird es dann, wenn diese Offenheit durch Prozesse ersetzt wird. Wenn Innovation formalisiert wird, bevor sie verstanden wurde. Viele Venture Clienting Ansätze reduzieren Zusammenarbeit auf ein Einkaufsverhältnis. Das mag effizient wirken, verhindert aber genau das, was eigentlich entstehen soll: neues Denken.

Die Begegnung vor dem Business Case

In der Praxis treffen Startups und Unternehmen häufig in einem klassischen Verkäufer Käufer Modus aufeinander. Das Startup pitcht. Das Unternehmen bewertet. Anforderungen, Budgets und Entscheidungsprozesse stehen früh im Raum. Was fehlt, ist eine echte Begegnungsebene.

Die eigentliche Magic entsteht dort, wo beide Seiten zuerst verstehen wollen. Wie tickt der andere? Welche Zwänge gibt es? Welche Erwartungen, welche Ängste, welche Ziele? Diese Phase braucht Zeit und Offenheit. Sie lässt sich nicht durch einen Pitch oder ein Briefing ersetzen.

Zuhören ist hier wichtiger als Präsentieren. Es geht nicht darum, sofort Lösungen zu verkaufen oder Entscheidungen zu treffen. Es geht darum, gemeinsam Probleme zu benennen und offen über Herausforderungen zu sprechen. Erst dann entsteht Raum für kreative Ansätze. Vertrauen ist dabei der zentrale Faktor. Ohne Vertrauen bleibt jede Zusammenarbeit rein transaktional.

Ein weiterer Punkt wird häufig unterschätzt: Unternehmensgröße verändert alles. Startups agieren schnell, treffen Entscheidungen im kleinen Kreis und sind an kurze Feedbackzyklen gewöhnt. Etablierte Unternehmen funktionieren anders. Hier gibt es Hierarchien, Verantwortlichkeiten und komplexe Entscheidungsbäume.

Mit wachsender Unternehmensgröße verändern sich nicht nur Umsatzpotenziale, sondern auch Entscheidungsdauer, Risikoabwägung und interner Abstimmungsbedarf. Der Schritt von kleinen Kunden hin zu sehr großen Organisationen ist kein linearer Fortschritt, sondern ein qualitativer Sprung.

Für Startups stellt sich daher eine ehrliche Frage: Können sie diese Dynamik aushalten? Lange Entscheidungszyklen, wechselnde Ansprechpartner und interne Prioritäten sind kein Ausnahmefall, sondern Normalität. Wer das ignoriert, unterschätzt die Belastung erheblich.

Venture Clienting als bequemes Missverständnis

Es existieren zahlreiche einfach klingende Venture Clienting Modelle. In vielen Fällen verbirgt sich dahinter jedoch ein klassisches Prozess oder Beratungsmodell, lediglich neu verpackt. Workshops werden durchgeführt, Roadmaps erstellt und Innovation simuliert, ohne dass ein konkreter Mehrwert entsteht.

Am Ende zählt jedoch immer nur eines: Löst die Lösung ein reales Problem? Schafft sie messbaren Nutzen? Alles andere ist Beschäftigungstherapie. Innovation ohne Mehrwert ist kein Experiment, sondern Zeitverlust.

Wenn ein Unternehmen diesen Nutzen nicht klar benennen kann, liegt das Problem nicht beim Startup. Dann fehlt intern die Klarheit. In solchen Fällen braucht es zuerst Selbstreflexion. Welche Herausforderungen sind wirklich relevant? Wo besteht echter Handlungsdruck? Welche Probleme verdienen Aufmerksamkeit?

Innovation scheitert intern, nicht extern

In der Praxis scheitert die Zusammenarbeit mit Startups nur selten an fehlenden Ideen oder Technologien. Sie scheitert an internen Strukturen. An falsch ausgewählten Ansprechpartnern. An mangelnder oder überhaupt regelmäßiger Abstimmung zwischen Fachbereichen. Oder an fehlender Rückendeckung aus dem Management.

Besonders kritisch sind isolierte Innovationseinheiten ohne engen Bezug zum Kerngeschäft. Eine stand alone Innovation Unit mag gut klingen, bleibt aber oft wirkungslos. Innovation darf kein Paralleluniversum sein. Sie muss dort stattfinden, wo Verantwortung getragen und Entscheidungen getroffen werden.

Nur wenn Fachabteilungen aktiv eingebunden sind, entstehen tragfähige Use Cases. Nur dann können Lösungen skaliert werden. Und nur dann lohnt sich der Aufwand für beide Seiten.

Zusammenarbeit braucht Haltung

Erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Startups und Unternehmen entsteht nicht durch Buzzwords oder schön klingende Programme. Sie entsteht durch Haltung. Durch Offenheit, Geduld und die Bereitschaft, den klassischen Kauf und Verkaufsmodus zu verlassen.

Weniger Venture Clienting als Buzzword. Mehr echtes Interesse. Weniger Prozesse, mehr Gespräche. Wer bereit ist, zuerst zuzuhören und gemeinsam zu denken, schafft die Grundlage für Innovation mit Substanz. Und genau darum sollte es gehen.

Bildcredits@privat

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.

Nicolai Droll
Nicolai Droll
Nicolai Droll arbeitet seit vielen Jahren im Innovations und StartupÖkosystem. Er begleitet Startups von der frühen Idee bis zum nachhaltigen Wachstum und unterstützt Unternehmen bei der Entwicklung und Umsetzung von Innovationspotenzialen.
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