Montag, Mai 11, 2026
StartGründerTalkWas passiert wenn Gründer rechtzeitig die Reißleine ziehen?

Was passiert wenn Gründer rechtzeitig die Reißleine ziehen?

Biohacking Base entwickelte eine KI gestützte Plattform für personalisierte Prävention, Biohacking und digitale Gesundheit mit Fokus auf Schlaf, Stressmanagement und mentale Leistungsfähigkeit.

Was hat dich ursprünglich dazu motiviert, 10XBiohacking zu gründen und welche Vision stand am Anfang im Mittelpunkt?

Ich wollte meine Leidenschaft für Biohacking, Longevity, Prävention und KI in ein eigenes Unternehmen übersetzen. Die ursprüngliche Vision war eine KI-gestützte Plattform, die Menschen dabei hilft, gesünder, leistungsfähiger und bewusster zu leben.

Es ging mir nicht um Selbstoptimierung um jeden Preis, sondern um Orientierung. Viele Menschen wollen etwas für ihre Gesundheit tun, wissen aber nicht, wo sie anfangen sollen. Genau dort wollte ich ansetzen.

Wie hat sich diese Vision im Laufe der Zeit verändert insbesondere mit der Weiterentwicklung hin zu Biohacking Base?

Am Anfang war 10XBiohacking stark von Aufbruch, Energie und Performance geprägt. Später wurde mir klar, dass Gesundheit mehr Vertrauen, Seriosität und Verantwortung braucht.

Aus 10XBiohacking wurde Biohacking Base. Der Fokus verschob sich von reiner Performance hin zu personalisierter Prävention, Schlaf, Stressmanagement und mentaler Leistungsfähigkeit. Die Idee wurde reifer, aber auch deutlich komplexer.

Welche konkreten Probleme wolltest du mit deiner Plattform im Bereich Biohacking und Gesundheitsprävention lösen?

Der Markt ist unübersichtlich. Es gibt Apps, Wearables, Supplements, Tests, Coaches und sehr viele Meinungen. Für Einsteiger ist schwer zu erkennen, was sinnvoll ist und was wirklich zu ihnen passt. Biohacking Base sollte Menschen strukturiert abholen: erst verstehen, wo jemand steht, dann passende Inhalte, Routinen, Produkte oder Experten empfehlen. Im Businessplan war die Plattform als digitales System für personalisierte Prävention mit Quiz-Modulen, Tracker-Bots, Wissensprodukten, Supplements und optionaler Expertenbegleitung angelegt.

Du hast früh Momentum aufgebaut was waren die wichtigsten Meilensteine in der Anfangsphase deines Startups?

Die Gründung im Mai 2025 war der erste große Schritt. Danach kamen schnell Fördergespräche, Netzwerkaufbau und erste Partnerkontakte.

Besonders wichtig waren die Gespräche mit Seewald Ortho, Novogenia und auch neuroVIZR. Dazu kamen Kontakte in die deutsche und österreichische Biohacking-Szene, unter anderem beim FlowFest in München. Von außen sah das nach starkem Momentum aus. Und das war es auch. Aber Momentum ersetzt keine stabile Struktur.

Gab es einen bestimmten Moment an dem du gemerkt hast dass sich die Entwicklung in eine kritische Richtung bewegt?

Es war kein einzelner Moment, sondern ein schleichender Prozess. Am Anfang bin ich morgens früh aufgewacht, weil ich voller Energie war. Später lag ich nachts wach, weil ich Risiken durchdacht habe. Mir wurde klar, dass ich als Solopreneur sehr viele Themen allein tragen müsste: Markenrecht, Datenschutz, Health Claims, KI-Regulierung, Finanzierung, Technik, Partner und Vertrieb. Aus Begeisterung wurde Druck.

Du sprichst offen über deinen persönlichen Breakdown was genau ist in dieser Phase passiert und welche Faktoren haben dazu geführt?

Ich bin in eine Phase gekommen, in der mir sehr viel Energie verloren gegangen ist. Die Kombination aus finanziellem Risiko, Existenzdruck, Verantwortung für meine Tochter, regulatorischer Komplexität und Einzelgründertum wurde zu viel.

Ich war 43, hatte einen guten beruflichen Weg verlassen und fragte mich irgendwann sehr ehrlich: Kann ich davon in drei Jahren wirklich leben? Das war keine theoretische Business-Frage mehr. Das wurde sehr persönlich.

Welche Rolle haben Druck Erwartungen und vielleicht auch eigene Ansprüche in dieser Entwicklung gespielt?

Eine große Rolle. Ich hatte den Anspruch, etwas Sinnvolles, Seriöses und Verantwortungsvolles aufzubauen. Gerade im Gesundheitsbereich wollte ich nicht einfach ein weiteres Hype-Produkt machen. Gleichzeitig erzeugt positives Feedback Druck. Wenn viele Menschen sagen, dass eine Idee spannend ist, fühlt man sich fast verpflichtet weiterzumachen. Heute weiß ich: Begeisterung von außen bedeutet nicht automatisch, dass das Setup für einen selbst tragfähig ist.

Rückblickend betrachtet welche Entscheidungen würdest du heute anders treffen?

Ich würde früher die harten Risiken prüfen: Markenrecht, Datenschutz, Health Claims, EU-AI-Act, Haftung und technische Komplexität.

Außerdem würde ich viel kleiner starten. Ein Problem, eine Zielgruppe, ein sehr schlankes Angebot und echte Zahlungsbereitschaft. Erst danach würde ich über Plattform, Partner, Community und Skalierung nachdenken.

Du hast Förderungen vorbereitet und teilweise bereits zugesagt bekommen warum hast du dich dennoch entschieden den aws Preseed Antrag zurückzuziehen?

Weil ich gespürt habe, dass ich innerlich nicht mehr bereit war, diesen Weg in der geplanten Form zu gehen.

Der Förderung hatte eine sah einen Kapitalbedarf von rund 90.000 Euro vor, ergänzt durch Eigenmittel und eine geplante aws Preseed Förderung. Auf dem Papier war das nachvollziehbar. Aber eine Förderung nimmt einem nicht das unternehmerische Risiko. Sie kann einen sogar noch stärker an einen Weg binden. Für mich war das Risiko am Ende zu groß.

Wie schwierig war es für dich das Projekt in der ursprünglich geplanten Form nicht weiterzuführen?

Sehr schwierig. Das Projekt war längst mehr als eine Geschäftsidee. Es war Teil meiner Identität geworden.

Ich hatte Logo, Domains, Business Cards, Pläne, Partnergespräche und sehr viel Energie investiert. Dann zu akzeptieren, dass es so nicht weitergeht, war schmerzhaft. Heute sehe ich es anders: Ich habe nicht einfach aufgegeben. Ich habe rechtzeitig gestoppt.

Viele Gründerinnen und Gründer haben Angst vor dem Scheitern wie hat sich deine Perspektive auf das Thema durch diese Erfahrung verändert?

Ich sehe Scheitern heute weniger theoretisch. „Fail fast“ klingt leicht, bis man selbst betroffen ist.

Trotzdem glaube ich: Früh zu stoppen kann besser sein, als aus Stolz zu lange weiterzumachen. Scheitern ist nicht automatisch das Gegenteil von Erfolg. Entscheidend ist, ob man ehrlich hinschaut und daraus lernt.

Was waren die wichtigsten Learnings die du aus dem Aufbau und dem Ende von 10XBiohacking und Biohacking Base mitgenommen hast?

Leidenschaft ist ein starker Motor, aber sie ersetzt kein Risikomanagement.

Eine gute Idee ist noch kein gutes Geschäftsmodell. Momentum ist noch kein Beweis. Und KI ist ein großartiges Werkzeug, aber kein Ersatz für kritisches Denken, Expertenrat und aktuelle Daten. Mein wichtigstes Learning: Ein Startup muss nicht nur zum Markt passen. Es muss auch zum Gründer, zur Lebensphase und zur persönlichen Belastbarkeit passen.

Welche Fehler siehst du besonders häufig bei ambitionierten Gründern gerade in stark gehypten Bereichen wie Biohacking oder Longevity?

Viele verlieben sich zu früh in die große Vision und zu spät in das konkrete Problem.

Biohacking, Longevity und KI klingen groß und attraktiv. Aber Kunden kaufen keine Buzzwords. Sie kaufen Lösungen für echte Probleme. Gerade im HealthTech-Bereich sind Vertrauen, Regulierung und klare Kommunikation entscheidend.

Du hast den Namen bewusst von 10XBiohacking zu Biohacking Base weiterentwickelt welche strategischen Überlegungen standen dahinter?

Der Hauptgrund war Markenrecht. 10XBiohacking war ein starker Name, aber es gab Nähe zu 10X Health in einem ähnlichen Themenfeld.

Für einen Solopreneur kann ein Markenrechtskonflikt existenzbedrohend werden. Biohacking Base war breiter, ruhiger und seriöser. Der Name passte besser zu einer Plattform, die Orientierung, Wissen und Vertrauen bieten sollte.

Inwiefern hat dich die Erfahrung auch persönlich verändert jenseits der beruflichen Perspektive?

Ich bin demütiger geworden. Ich habe gelernt, wie schnell Begeisterung kippen kann, wenn Druck und Unsicherheit zu groß werden.

Gleichzeitig bin ich stärker geworden. Mir haben am Ende keine extremen Biohacks geholfen, sondern die Basics: Schlaf, Natur, Meditation, Freunde, Ruhe und einfache Routinen.

Du bist heute im Bereich digitale Transformation und KI tätig wie kam es zu diesem Neustart?

Nach dem Ende von Biohacking Base wusste ich, dass ich neu starten möchte, aber nicht zurück in die alte Komfortzone.

Technologie und KI haben mich schon lange fasziniert. Durch das Startup hatte ich mich noch intensiver mit KI, Plattformlogik und digitalen Geschäftsmodellen beschäftigt. Heute arbeite ich bei iteratec im Business Development für AI und digitale Transformation. Das fühlt sich wie ein sehr stimmiges neues Kapitel an.

Was macht diesen neuen Job für dich zu einem echten Traumjob?

Ich arbeite an einem Zukunftsthema, das Unternehmen stark verändern wird. Gleichzeitig bin ich Teil eines erfahrenen Teams und nicht mehr allein als Solopreneur unterwegs.

iteratec ist ein deutsches Unternehmen mit rund 500 Mitarbeitenden und Büro in Wien. Für mich passt das sehr gut, weil ich ursprünglich aus Deutschland komme, in Dresden und Berlin gelebt habe und beruflich weiterhin eng mit Deutschland verbunden bin.

Inwiefern helfen dir deine Startup Erfahrungen heute in deiner aktuellen Rolle?

Sehr stark. Ich verstehe heute besser, wie sich Unsicherheit, Veränderung und Entscheidungsdruck anfühlen.

Wenn ich mit Unternehmen über KI und digitale Transformation spreche, sehe ich nicht nur Technologie. Ich sehe auch Menschen, Prozesse, Risiken und Erwartungen. Meine Startup-Erfahrung hat mich pragmatischer gemacht.

Welche Parallelen siehst du zwischen Biohacking und deiner heutigen Arbeit im Bereich KI und digitale Transformation?

Beides beginnt mit der Frage: Was soll sich wirklich verbessern?

Im Biohacking bringt es wenig, einfach Trends zu kopieren. Bei KI ist es genauso. Unternehmen sollten KI nicht einführen, weil alle darüber sprechen, sondern weil ein konkretes Problem gelöst werden soll. In beiden Bereichen braucht es Klarheit, Messbarkeit und Verantwortung.

Du bist weiterhin Teil der Biohacking Community welche Rolle spielt das Thema heute in deinem Leben?

Biohacking bleibt eine private Leidenschaft. Nur ohne den Druck, daraus ein Unternehmen machen zu müssen.

Ich bin weiterhin eng mit der Szene in Deutschland und Österreich verbunden und Teil des Organisationsteams des Biohacking Netzwerks. Das Netzwerk hat mehr als 1.500 Mitglieder, ist kostenlos und organisiert regelmäßig Veranstaltungen in Deutschland und Österreich. Für mich ist das heute die richtige Rolle: verbunden bleiben, beitragen und weiter lernen.

Wie blickst du heute auf den Markt rund um Biohacking Longevity und digitale Gesundheit?

Ich sehe großes Potenzial, aber auch viel Hype. Am Ende geht es nicht um extreme Routinen oder teure Protokolle. Die Basics zählen: Schlaf, Ernährung, Bewegung, soziale Beziehungen und Stressmanagement. Wenn diese Säulen stimmen, ist schon sehr viel gewonnen. Für mich ist Schlaf besonders wichtig. Ich nenne ihn manchmal meinen „heiligen Gral“. Alles Weitere kann spannend sein, sollte aber nie dogmatisch werden.

Glaubst du dass dein ursprüngliches Konzept heute unter anderen Rahmenbedingungen funktionieren könnte?

Ja, grundsätzlich schon. Aber nicht in dem Setup, in dem ich es versucht habe. Mit einem starken technischen Co-Founder, ausreichend Kapital, rechtlicher Begleitung und einem kleineren MVP hätte das Konzept Potenzial gehabt. Der Businessplan zeigte einen relevanten Markt, klare Zielgruppen und sinnvolle Partneransätze im DACH-Raum. Die Idee war nicht falsch. Das Setup war es.

Was würdest du jemandem raten der heute ein Startup im Bereich HealthTech oder Biohacking aufbauen möchte?

Starte kleiner, als du möchtest. Prüfe zuerst ein konkretes Problem mit echten Kunden und echter Zahlungsbereitschaft. Hole dir früh juristische Beratung zu Datenschutz, Health Claims, Markenrecht und KI. Und frage dich ehrlich, ob du dieses Thema drei bis fünf Jahre tragen kannst. Ein Startup ist nicht nur eine Vision. Es ist Alltag.

Welche Bedeutung haben aus deiner Sicht Geschichten über gescheiterte Startups für die Gründerszene?

Sie sind wichtig, weil sie ein ehrlicheres Bild zeigen. Wir sprechen viel über Finanzierungen, Wachstum und Exits. Aber viele Gründer erleben auch Zweifel, Überforderung und Rückschläge. Wenn solche Geschichten geteilt werden, können andere daraus lernen und sich weniger allein fühlen.

Nicht jedes gescheiterte Startup ist ein Fehler. Manchmal ist es eine sehr intensive Ausbildung über sich selbst.

Wenn du deine Reise in einem Satz zusammenfassen müsstest was ist die wichtigste Erkenntnis die bleibt?

Manchmal ist nicht das Festhalten an einer Idee der mutigste Schritt, sondern der ehrliche Moment, in dem man loslässt und neu anfängt.

Bild: Jan Bruckner Bildcredits Jan Bruckner

Wir bedanken uns bei Jan Bruckner für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder

StartupValley
StartupValley
Das StartupValley Magazin ist Europas großes Magazin für Start-ups, Gründer und Entrepreneure. Ihr findet bei uns Tagesaktuelle News zu den neuesten Trends, Technologien und Geschäftsmodellen der internationalen Startup-Szene sowie Interviews mit erfolgreichen Gründern und Investoren.
- Advertisement -
spot_img

StartupValley WhatsApp

Sei immer einen Schritt voraus! Tägliche Updates: Events, Termin & echte Insider-Tipps – direkt in dein WhatsApp!

StartupValley Newsletter

Erhalte regelmäßig die wichtigsten internationalen Startup-News in dein Postfach!

PREMIUM STARTUPS

Neueste Beiträge

Premium Events

spot_img
spot_img
spot_img
spot_img

Das könnte dir auch gefallen!

StartupValley Newsletter

Erhalte regelmäßig die wichtigsten internationalen Startup-News in dein Postfach!