Donnerstag, Mai 28, 2026
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Stehen Unternehmen vor einer neuen Welle juristischer Unsicherheit?

Die Idee entstand aus meinem direkten Umfeld. Viele Freunde aus Scale-ups und mittelständischen Unternehmen kamen mit rechtlichen Fragen zu mir, oft spät abends, oft mit Themen, die für sie wichtig waren, für die es aber keine wirklich gute Anlaufstelle gab. Die Wahl war meistens dieselbe: mehrere tausend Euro für eine Kanzlei zahlen oder einen generischen Chatbot fragen und hoffen, dass die Antwort stimmt. Das Problem bei generischer KI im juristischen Bereich ist aber: Wenn sie falschliegt, liegt sie oft mit voller Überzeugung falsch. Aus meiner Zeit bei Freshfields wusste ich außerdem, dass ein großer Teil juristischer Arbeit gar nicht aus komplexer Rechtsberatung besteht, sondern aus dem Sammeln, Strukturieren und Organisieren von Informationen. Genau darin ist KI heute sehr stark. Also habe ich angefangen zu experimentieren und „LegalGPT“ gebaut.

Wenn Freunde später mit Fragen auf mich zukamen, habe ich sie zunächst durch das System geschickt. Dadurch konnten sie ihre Situation strukturieren und die relevanten Informationen zusammentragen. Als ich mir den Fall dann angesehen habe, musste ich nicht mehr stundenlang nachfragen oder endlose Nachrichten hin- und herschicken. Das war der Moment, in dem klar wurde: Es braucht eine dritte Option zwischen teurer Kanzlei und unsicherer generischer KI. Genau daran arbeiten wir mit nu.

Unsere Vision ist es, juristische Expertise zugänglicher und besser skalierbar zu machen. Eine Kennzahl, die uns dabei besonders wichtig ist, ist die Zeit von der ersten Anfrage bis zur fertigen Lösung. Diese Zeit sollte möglichst kurz sein und der gesamte Prozess transparent und nachvollziehbar. Langfristig glauben wir außerdem, dass sich auch die Rolle von Anwält weiterentwickeln kann. Heute verkaufen viele primär ihre Zeit. In der Welt, an der wir arbeiten, können Jurist zusätzlich Creators werden, die ihre Erfahrung in skalierbare Dienstleistungen übersetzen und damit deutlich mehr Mandant erreichen, als es im klassischen Modell möglich wäre. Für uns ist das keine Ablösung des Berufsbildes, sondern eine Erweiterung.

Wie verändert künstliche Intelligenz aus eurer Sicht aktuell die Arbeit in Kanzleien und Rechtsabteilungen?

Wir glauben, dass es im Kern um etwas Größeres geht als nur darum, eine „AI-First-Kanzlei“ zu bauen. Für uns stehen das Wissen und die Erfahrung von Jurist im Mittelpunkt. Technologie ist das Mittel, um diese Expertise breiter verfügbar zu machen. Dabei sind Distribution und Delivery genauso wichtig wie das eigentliche KI-Modell. Das klassische Kanzleimodell bringt dabei eine strukturelle Spannung mit sich: Wenn Technologie Prozesse effizienter macht, wird die eingesparte Zeit schwieriger abrechenbar. Diese Spannung lässt sich innerhalb bestehender Strukturen nur schwer auflösen. Genau deshalb halten wir es für sinnvoll, parallel dazu neue Modelle zu entwickeln.

Die Zahlen zum rechtlichen Aufwand im deutschen Mittelstand sind bekannt. Spannender ist aber die konkrete Realität dahinter. Wir richten uns an Unternehmen mit etwa 50 bis 500 Mitarbeitenden, an HR-Teams, Operations-Verantwortliche und Gründer, die heute oft zwischen zwei wenig überzeugenden Optionen stehen: rechtliche Fragen selbst googeln und hoffen, dass es passt, oder eine Kanzlei für etwas beauftragen, das eigentlich Standard ist und entsprechend teuer wird.

Diese Unternehmen haben dieselben arbeitsrechtlichen und datenschutzrechtlichen Pflichten wie ein DAX-Konzern, aber weder ein eigenes Inhouse-Team noch das Budget für eine dauerhafte Kanzleibeziehung. Genau dort sehen wir den größten Bedarf für das, was wir bauen.

Die größte Herausforderung ist Vertrauen, und Vertrauen entsteht im juristischen Bereich aus unserer Sicht weniger durch Kommunikation als durch die Architektur eines Systems. Man kann es nicht einfach am Ende hinzufügen, es muss von Anfang an mitgedacht werden. Viele Tools behandeln Geschwindigkeit und Transparenz als Gegensatz. Wir versuchen jedoch, beides gemeinsam zu denken: Ergebnisse sollen schnell entstehen und gleichzeitig nachvollziehbar bleiben, und jedes Resultat sollte sich auf seine Quellen zurückführen lassen. Technisch ist das anspruchsvoll, aber gerade in regulierten Bereichen halten wir es für essenziell.

Viele KI-Lösungen im Markt basieren letztlich auf generischen Modellen mit juristischem Branding. Wir versuchen bewusst, einen anderen Weg zu gehen. nu wurde speziell für deutsches und europäisches Recht entwickelt und nicht einfach aus US-Produkten übersetzt. Spezialisierte Anwälte sind bei uns kein nachträglicher Kontrollmechanismus, sondern Teil des Designs. Gleichzeitig lässt sich jedes Ergebnis auf seine Quellen zurückverfolgen. Wir arbeiten eng mit erfahrenen Rechtsexpert zusammen, die unsere Workflows mitentwickeln und kontinuierlich verbessern. Unser Ziel ist nicht, möglichst viel KI sichtbar zu machen, sondern verlässliche juristische Infrastruktur zu schaffen, auf die sich Unternehmen im Alltag verlassen können.

Welche juristischen Abläufe eignen sich besonders für Automatisierung und wo stößt KI noch an Grenzen?

Strukturierte und wiederkehrende Aufgaben lassen sich heute bereits sehr gut automatisieren, wie Arbeitsverträge, Datenschutzerklärungen, Auftragsverarbeitungsverträge oder standardisierte HR-Prozesse. Schwieriger wird es überall dort, wo strategische Entscheidungen, Verhandlungen oder komplexe Einzelfallbewertungen gefragt sind. Aus unserer Sicht ist die spannendere Frage aber gar nicht, was automatisierbar ist und was nicht, sondern wo genau der Übergang liegt: Wann sollte ein System stoppen und an eine Anwältin oder einen Anwalt übergeben? Mit genau dieser Übergabe habe ich mich schon bei Freshfields intensiv beschäftigt, und sie ist auch bei nu ein zentrales Thema unserer Entwicklungsarbeit. Wir glauben, dass es hier noch viel Raum für Fortschritt gibt und versuchen, diese Grenze Schritt für Schritt sinnvoll zu verschieben.

Wie wichtig sind Datenschutz und DSGVO-Konformität bei der Entwicklung eurer Lösungen?

Datenschutz ist für uns von Anfang an Teil der Architektur und nicht etwas, das man später ergänzt. Sämtliche Daten werden ausschließlich innerhalb der EU verarbeitet und gespeichert, verteilt über eine Multi-Cloud-Infrastruktur in mehreren europäischen Ländern. Dabei berücksichtigen wir nicht nur die DSGVO, sondern ausdrücklich auch den anwaltlichen Berufsgeheimnisschutz nach § 203 StGB, der in vielen Bereichen sogar strenger ist als europäisches Datenschutzrecht. Mandantendaten verstehen wir als operatives Gedächtnis unseres Systems und auch nicht als Trainingsmaterial. Ein konkreter Fall trainiert niemals die Erfahrung eines anderen Kunden. Gerade im europäischen Markt wird dieses Maß an Sorgfalt aus unserer Sicht langfristig ein entscheidender Wettbewerbsvorteil sein.

Welche Rolle spielt Vertrauen, wenn Unternehmen KI im juristischen Bereich einsetzen?

Vertrauen ist im juristischen Bereich einer der wichtigsten Faktoren überhaupt. Generische KI hat eine sehr spezifische Schwäche: Wenn sie falschliegt, wirkt sie oft trotzdem vollkommen überzeugend. In einem Marketingtext ist das ärgerlich, aber in einem Kündigungsschreiben oder einem Auftragsverarbeitungsvertrag kann daraus ein reales Risiko entstehen. Für uns gilt deshalb ein einfaches Prinzip: Eine Antwort, die Nutzer nicht überprüfen können, ist im Zweifel weniger hilfreich als gar keine Antwort. Deshalb lässt sich jedes Ergebnis bei nu auf seine Quellen zurückführen. Relevante Schritte werden von spezialisierten Jurist geprüft, und wir versuchen bewusst transparent zu machen, wo das System endet und menschliche Expertise beginnt.

Unser Produkt ist nicht nur ein einzelner Workflow, sondern zweierlei: Wir bauen zum einen ein System, mit dem Anwälte ihre Expertise in skalierbare Services übersetzen können, und zum anderen die Infrastruktur, um diese Services zuverlässig und wiederholbar an viele KMU in Deutschland und Europa auszuliefern. Kurzfristig vertiefen wir unsere Bereiche Arbeitsrecht und Datenschutz, weil dort der operative Druck besonders hoch ist, und erweitern 2026 um Wirtschaftsverträge. Den Grundstein dafür haben wir mit dem Launch unserer öffentlichen Beta am 27. Mai sowie der Pre-Seed-Finanzierung über 1,3 Millionen Euro unter Führung von Caesar Ventures gelegt.

Wo der europäische Legal-Tech-Markt in fünf Jahren genau stehen wird, kann ich offen gesagt nicht vorhersagen. Was aber sehr klar ist: Die zugrunde liegenden Probleme sind real und groß. Der Draghi-Bericht zur Wettbewerbsfähigkeit der EU hat das deutlich gezeigt: Mehr als 60 Prozent der europäischen Unternehmen sehen Regulierung inzwischen als Investitionshindernis. Für KMU ist Bürokratie sogar eines der größten Wachstumshemmnisse überhaupt. Wenn wir auch nur einen Teil dieses Problems lösen können und rechtliche Unterstützung in Europa zugänglicher machen, entsteht daraus ein enormer Mehrwert – für Unternehmen, für Anwälte und auch für uns selbst. Gleichzeitig ist Recht extrem lokal. Man kann US-Produkte nicht einfach übersetzen und erwarten, dass sie deutsche Arbeitsgerichte oder europäische Datenschutzanforderungen zuverlässig verstehen. Europa benötigt eigene Lösungen. Genau darin sehen wir großes Potenzial für Unternehmen, die regulatorische Tiefe mit moderner KI verbinden.

Welche drei Ratschläge würdet ihr anderen Gründern mit auf den Weg geben?

  1. Einfach anfangen. Pläne sind wichtig, aber die entscheidenden Dinge lernt man erst, wenn man tatsächlich baut und mit echten Nutzern spricht. Unser erster Prototyp war weit entfernt von perfekt, aber genau dadurch haben wir verstanden, wo der echte Bedarf liegt.
  2. Auf ein echtes Problem fokussieren. Spannende Ideen gibt es viele. Ein Problem, das Menschen wirklich beschäftigt und für dessen Lösung sie bezahlen würden, ist deutlich seltener. Genau darauf sollte sich die gesamte Energie konzentrieren.
  3. Sich nicht entmutigen lassen. Wenn die Lösung offensichtlich wäre, müsste man wahrscheinlich kein Startup gründen. Schwierige Probleme zu lösen ist anstrengend, dauert lange und wirkt von außen oft hoffnungslos. Genau das ist am Ende aber auch der Filter dafür, wer durchhält und wer aufgibt.

Bild: Bork Morfaw Bildcredit/Fotograf: nu:legal

Wir bedanken uns bei Bork Morfaw für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder

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