MirAI &cafe verbindet Anime und Community in Stuttgart mit einem Café, das Fans, Sammler und neugierige Gäste an einem gemeinsamen Ort zusammenbringen soll.
Können Sie MirAI &cafe kurz vorstellen und erzählen, welche Idee hinter der Verbindung aus Café, Anime Shop und Community Treffpunkt steckt?
MirAI &cafe soll ein Café in Stuttgart werden, in dem es gleichzeitig originale Anime-Figuren, Merchandise und Ichiban Kuji gibt. Vorne sitzt man bei einem Kaffee, hinten stehen die Regale.
Die Idee kommt aus einem sehr konkreten Problem. Wer eine Figur vorbestellt, wartet oft wochenlang auf den Erscheinungstag. Und wenn man sie dann endlich in der Hand hält, will man sie jemandem zeigen. Nur gibt es dafür keinen Ort. Man packt zu Hause aus, macht ein Foto und postet es. Das ist nicht dasselbe.
Deshalb möchte ich beides an einem Ort haben: etwas zu trinken, etwas zu entdecken und jemanden, der versteht, warum man sich freut.
Wer steht hinter MirAI &cafe, und wie haben Ihre Erfahrungen als Unternehmer in Korea und Küchenchef in Deutschland das Konzept geprägt?
Ich heiße Dohyun Hong und bin selbst Sammler. Das ist der Ausgangspunkt für alles andere.
In Korea hatte ich sechs Jahre lang mein eigenes Unternehmen im Merchandise-Bereich und habe das lizenzierte Toei-Animation-Café MAHODANG aufgebaut und betrieben. Dort habe ich gelernt, wie Beschaffung funktioniert und wie Sammler wirklich ticken.
In Deutschland habe ich in der Gastronomie noch einmal von vorne angefangen und mich bis zum Küchenchef hochgearbeitet. Diese Jahre haben mich geprägt. Ich verstehe inzwischen, wie eine deutsche Küche organisiert ist, was Hygienevorschriften im Alltag bedeuten und warum am Ende die Kalkulation über Erfolg oder Misserfolg entscheidet.
Beides zusammen ergibt MirAI &cafe. Ohne die Zeit in Korea hätte ich keinen Zugang zur Ware und kein Gefühl für die Community. Ohne die Jahre in deutschen Küchen würde ich den gastronomischen Teil unterschätzen.
Sie haben bereits ein Anime Café in Korea aufgebaut und durch die Corona Pandemie verloren. Warum haben Sie sich entschieden, noch einmal zu gründen?
Ehrlich gesagt hing ich danach noch eine ganze Weile an dem, was weg war. Das Café war kein Betrieb, den man einfach abhakt, sondern mehrere Jahre meines Lebens. Ich habe lange darüber nachgedacht, was ich hätte anders machen können.
In Deutschland musste ich dann beruflich ganz unten wieder anfangen, beim Abwasch in der Küche. Der Kontrast war hart. Aber genau dort hat sich etwas verändert. Wenn man jeden Tag Neues lernt und sich Schritt für Schritt nach oben arbeitet, bleibt irgendwann keine Energie mehr für die Frage, was man verloren hat. Man fragt sich stattdessen, was als Nächstes kommt.
Das war der eigentliche Wendepunkt. Kein bestimmter Tag, sondern die Erkenntnis, dass ich nach vorne schauen muss statt zurück.
Ich gründe heute nicht, um mein altes Café zurückzuholen. Ich versuche es noch einmal, weil ich glaube, dass ich manches inzwischen besser einschätzen kann als damals.
Welche Erfahrungen aus Korea möchten Sie auf MirAI &cafe und den deutschen Markt übertragen?
Vor allem den Umgang mit Neuerscheinungen. In Korea ist ein Release ein Ereignis. Es gibt ein Datum, alle wissen davon, und am Tag selbst passiert im Laden tatsächlich etwas. Diese Dynamik wünsche ich mir auch hier.
Dazu kommt der Zugang zu echter Originalware. Ich weiß, bei welchen Lieferanten ich einkaufe und woran man gefälschte Figuren erkennt. Bei mir soll nur lizenzierte Ware im Regal stehen, damit sich niemand fragen muss, ob das Sammelstück echt ist.
Was ich nicht übernehmen möchte, ist das Tempo. In Korea läuft vieles sehr schnell und sehr laut. Mir selbst gefällt es ruhiger, und ich möchte einen Laden, in dem man in Ruhe schauen kann, ohne dass jemand hinter einem steht.
Welche Vision verfolgen Sie mit MirAI &cafe, und warum braucht die Anime und Sammler Community in Stuttgart aus Ihrer Sicht einen festen Treffpunkt?
Stuttgart hat eine große Szene, aber kaum Orte dafür. Conventions gibt es ein- oder zweimal im Jahr, Online-Shops liefern Kartons. Dazwischen ist nichts.
Meine Vision ist deshalb ziemlich unspektakulär: ein Laden mit festen Öffnungszeiten, zu dem man an einem normalen Mittwochnachmittag einfach hingehen kann. Kein Event, keine Anmeldung. Man kommt vorbei, trinkt etwas, schaut, was Neues da ist, und trifft vielleicht jemanden.
Genau das fehlt mir hier selbst. Und weil es das nicht gibt, versuche ich es aufzubauen.
Sie möchten ausdrücklich auch Menschen ansprechen, die bisher wenig mit Anime oder Ichiban Kuji zu tun haben. Wie schaffen Sie den Spagat zwischen Community Ort und offenem Café?
Indem der Kaffee gut ist und niemand etwas erklären muss.
Wer nur einen Cappuccino trinken will, soll einen guten Cappuccino bekommen. Es gibt keine Schwelle, keinen Test und kein Insiderwissen, das man mitbringen müsste. Der Verkaufsbereich liegt bewusst hinten und ist durch eine Wand abgetrennt. Man sieht ihn, man muss aber nicht hin.
Meine Erfahrung ist ohnehin, dass die Neugier von allein kommt. Wenn am Nachbartisch jemand ein Kuji zieht und sich freut, fragen die Leute nach. Das funktioniert besser als jede Erklärung von mir.
Guter Kaffee soll genauso wichtig sein wie Figuren und Merchandise. Warum ist die gastronomische Qualität für das Konzept entscheidend?
Weil schlechter Kaffee alles kaputt macht.
Ein Themen-Café, in dem das Getränk nur Nebensache ist, funktioniert genau einmal. Die Leute kommen aus Neugier, trinken etwas Mittelmäßiges und kommen nicht wieder. Am Ende hängt der ganze Laden am Warenverkauf, und das ist mir zu wackelig.
Ich komme aus der Küche, deshalb ist das für mich auch eine Frage des eigenen Anspruchs. Jemand soll bei uns einen Kaffee trinken können, ohne die Regale überhaupt zu beachten, und trotzdem zufrieden nach Hause gehen. Wenn das klappt, funktioniert der Rest hoffentlich auch.
Was unterscheidet MirAI &cafe von klassischen Anime Shops, Onlinehändlern oder zeitlich begrenzten Pop ups?
Man kann bleiben.
In einem normalen Shop kauft man und geht. Online kommt ein Paket. Ein Pop-up ist nach drei Wochen wieder weg, und niemand kann darauf etwas aufbauen.
Bei uns soll man sich hinsetzen können. Genau darin liegt für mich der Unterschied. Menschen kommen nicht nur wegen einer Figur, sondern weil sie irgendwo dazugehören wollen. Ein Ort mit Tischen, festen Öffnungszeiten und einem bekannten Gesicht hinter der Theke leistet etwas anderes als ein Onlineshop mit größerem Sortiment.
Tauschtreffen, Release Events und Kooperationen sollen Teil des Konzepts werden. Welche Rolle spielt die Community bereits vor der Eröffnung?
Eine große. Ich frage lieber vorher nach, statt hinterher zu raten.
Bei Startnext können Unterstützerinnen und Unterstützer zum Beispiel mit abstimmen, welche Getränke auf die erste Karte kommen. Solche Antworten sind für mich wertvoller als jede Marktanalyse, weil dahinter echte Menschen mit echten Vorlieben stehen.
Außerdem spreche ich schon jetzt mit lokalen Gruppen, mit Cosplayerinnen und Cosplayern und mit anderen Leuten aus der Szene. Wer von Anfang an dabei ist, kommt später vielleicht auch wieder. Das ist mir deutlich lieber, als am Eröffnungstag vor einem leeren Laden zu stehen.
Sie finanzieren einen Teil des Projekts über Crowdfunding. Warum haben Sie sich für diesen Weg entschieden und welche Erfahrungen machen Sie dabei?
Zum einen brauche ich das Geld für Einrichtung, Cafétechnik und den ersten Warenbestand. Zum anderen ist es der ehrlichste Test, den ich mir vorstellen kann. Wenn niemand unterstützt, will Stuttgart diesen Ort vielleicht nicht.
Die Erfahrung bisher ist anstrengender als gedacht. Man muss ständig erklären, immer wieder dieselben Fragen beantworten und aushalten, dass Reaktionen manchmal ausbleiben. Dafür sind die Rückmeldungen sehr direkt und meistens hilfreich.
Ein Punkt ist mir wichtig: Das Crowdfunding deckt nicht die kompletten Gründungskosten. Es ist ein Baustein neben Eigenmitteln und einer geplanten Bankfinanzierung. So steht es auch auf der Projektseite.
Welche Herausforderungen sehen Sie beim Aufbau eines stationären Geschäfts, das Gastronomie, Handel und Community Angebote miteinander verbindet?
Drei Bereiche gleichzeitig sauber zu betreiben, ist die eigentliche Schwierigkeit. Jeder hat eigene Regeln, eigene Genehmigungen und eigene Fehlerquellen.
Am meisten beschäftigt mich der Warenbestand. Figuren sind teuer, und falsch eingekaufte Ware steht im Regal und bindet Geld. Deshalb fange ich lieber kleiner an und erweitere erst, wenn ich weiß, was tatsächlich gefragt ist.
Dazu kommt der Standort. In Stuttgart eine bezahlbare Fläche zu finden, die auch gastronomisch nutzbar ist, ist nicht einfach. Und Veranstaltungen kosten Zeit, die im laufenden Betrieb erst einmal da sein muss.
Welche drei Ratschläge würden Sie anderen Gründerinnen und Gründern geben, die nach einem unternehmerischen Rückschlag noch einmal neu anfangen möchten?
Ehrlich gesagt fühle ich mich nicht in der Position, Ratschläge zu geben. Ich stehe selbst wieder ganz am Anfang und weiß noch nicht, ob es diesmal funktioniert. Ich kann nur sagen, was ich für mich gemerkt habe.
Das Erste ist, dass es eine Weile dauern darf. Bei mir hat es lange gebraucht, bis ich aufhören konnte, im Rückblick zu leben. Rückblickend hätte ich mir gewünscht, dass mir jemand sagt, dass diese Phase normal ist.
Das Zweite ist, dass die Zeit dazwischen nicht verloren ist. Ich habe die Jahre in deutschen Küchen lange als Umweg empfunden. Heute merke ich, dass ich ohne sie dieselben Fehler wieder machen würde.
Und das Dritte: Man muss die Schließung nicht verstecken. Ich habe lange vermieden, darüber zu sprechen, weil es sich wie ein Makel angefühlt hat. Für das Crowdfunding musste ich die Geschichte dann aufschreiben, mit allem, was schiefgegangen ist. Es hat mich niemand dafür abgeschrieben. Im Gegenteil, seitdem sind die Gespräche ehrlicher geworden.
Bildrechte: Dohyun Hong / privat
Wir bedanken uns bei Dohyun Hong für das Interview
Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.















