Die neue Startup- und Scale-up-Strategie der Bundesregierung setzt wichtige Akzente. Mehr Wachstumskapital, bessere Bedingungen für Ausgründungen und weniger Bürokratie sind zweifellos notwendig. Bei der Finanzierung greift die Debatte trotzdem zu kurz. Der Fokus der Strategie liegt vor allem auf technologiegetriebenen Unternehmen mit hohem Kapitalbedarf. Die Gründungsrealität in Deutschland ist jedoch deutlich breiter gefächert.
Laut KfW-Gründungsmonitor haben sich 2025 rund 690.000 Menschen selbstständig gemacht, und 70 Prozent gründeten im Nebenerwerb. Aber: Viele von ihnen brauchen weder eine Series A noch Millionen für die internationale Expansion. Ihr Finanzierungsproblem beginnt bei wesentlich kleineren Beträgen. Entscheidend kann sein, ob kurzfristig 3.000, 5.000 oder 10.000 Euro verfügbar sind.
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Wenn wenige Tausend Euro über Wachstum entscheiden
Kleinstkredite wirken auf den ersten Blick kaum wie ein Instrument der Wachstumspolitik. Für Gründer und Solo-Selbstständige können sie jedoch genau das sein. Sie überbrücken die Zeit, bis eine verspätete Kundenrechnung eingeht. Darüber hinaus finanzieren sie Material für einen neuen Auftrag, eine notwendige Software oder die erste größere Marketingmaßnahme. Nicht zuletzt verhindern sie, dass eine Steuervorauszahlung die operative Liquidität vollständig aufzehrt.
Wie nah diese Beträge an der tatsächlichen Gründungsrealität liegen, zeigen ebenfalls die KfW-Daten: 2025 kamen 38 Prozent aller Gründer mit höchstens 1.000 Euro aus. Weitere 33 Prozent setzten zwischen 1.000 und 10.000 Euro ein. Für einen großen Teil des Gründungsgeschehens liegt der relevante Kapitalbedarf damit weit unter den Summen, über die in der Startup-Finanzierung meist gesprochen wird.
Fehlt der Zugang zu diesen kleinen Beträgen, kann sich ein vorübergehender Engpass schnell zu einer Wachstumsbremse entwickeln. Aufträge können nicht angenommen, Investitionen nicht vorgezogen und Nebenerwerbsgründungen nicht in den Vollerwerb überführt werden. Das Problem ist also nicht nur fehlendes Kapital. Es fehlt häufig Kapital in der passenden Größenordnung, zur passenden Zeit und mit einem vertretbaren Antragsaufwand.
Warum klassische Kreditprüfungen oft zu kurz greifen
Etablierte Prüfverfahren sind oft besser geeignet für Angestellte oder Unternehmen mit einer längeren Historie. Sie orientieren sich an regelmäßigen Gehaltseingängen, Jahresabschlüssen, Sicherheiten und Vergangenheitswerten. Junge Selbstständige können vieles davon noch nicht vorweisen. Ihre Einnahmen schwanken, obwohl ihr Geschäft wirtschaftlich tragfähig sein kann.
Eine belastbare Kreditentscheidung muss deshalb nicht weniger gründlich, sondern näher am laufenden Geschäft sein. Mit Zustimmung des Antragstellers können aktuelle Kontobewegungen ein differenzierteres Bild liefern: Wie entwickeln sich die Zahlungseingänge? Wie hoch sind die laufenden Ausgaben? Werden Rücklagen für Steuern gebildet? Bestehen saisonale Muster oder starke Abhängigkeiten von einzelnen Auftraggebern?
Solche Daten ersetzen keine sorgfältige Risikoprüfung. Sie können diese jedoch verbessern. Anstatt Selbstständige allein deshalb abzulehnen, weil sie nicht in ein für Angestellte entwickeltes Raster passen, lässt sich ihre tatsächliche Zahlungsfähigkeit genauer beurteilen. Das eröffnet die Chance auf schnellere Entscheidungen und passendere Kreditbeträge.
Dabei braucht es klare Grenzen. Die Nutzung von Finanzdaten muss auf einer ausdrücklichen Einwilligung beruhen, auf den notwendigen Umfang beschränkt und nachvollziehbar sein. Automatisierung darf außerdem nicht dazu führen, dass unplausible Ergebnisse ungeprüft übernommen werden. Datenbasierte Verfahren schaffen nur dann besseren Zugang, wenn Transparenz, Datenschutz und menschliche Kontrolle mitgedacht werden.
Gründungsförderung muss die Breite des Marktes erreichen
Eine zeitgemäße Gründungsförderung sollte Wachstumskapital und Kleinstfinanzierung nicht gegeneinander ausspielen – Deutschland braucht beides. Die Instrumente müssen sich jedoch stärker an den tatsächlichen Finanzierungsphasen orientieren.
Dazu gehören niedrigschwellige Kredite für Betriebsmittel und kurzfristige Liquidität. Öffentliche Garantien und Förderprogramme sollten mit digitalen Anträgen und einer datenbasierten Prüfung verbunden werden. Der Aufwand muss zum Kreditbetrag passen. Wer 5.000 Euro benötigt, darf nicht an einem Verfahren scheitern, das für eine Finanzierung im sechsstelligen Bereich konzipiert wurde.
Zugleich sollte Gründungserfolg breiter gemessen werden. Nicht jede wirtschaftlich relevante Gründung strebt eine Finanzierungsrunde oder einen Exit an. Auch der erste feste Kundenstamm, der Wechsel in den Vollerwerb und die erste Einstellung sind Wachstum.
Die neue Strategie setzt beim großen Kapital an. Der nächste Schritt muss darin bestehen, auch die kleinen Finanzierungslücken zu schließen. Denn für viele Gründer entscheidet nicht die nächste Millionenrunde über den Erfolg, sondern der rechtzeitige Zugang zu wenigen Tausend Euro.
Autor:
Steffen Kaiser ist Director Banking bei Kontist und Experte für Gründer sowie Freelancer.
Bild Steffen Kaiser Bildcredits: Kontist
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