Mittwoch, Mai 27, 2026
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Verliert Berlin seine besten Gründer an andere Städte?

BAD1 bringt Gründer, KI und Politik zusammen, um Berlin wieder zum führenden Startup Standort Europas zu machen

Wie entstand bei Ihnen persönlich die Idee hinter „Berlin auf die 1″?

Die Idee ist in einem sehr konkreten Moment entstanden. Bürgermeister Wegner war zu Besuch auf dem The Delta Campus im Kalle in Neukölln. Wir liefen gemeinsam durch den Campus und ich habe ihm offen gesagt, was ich in den Wochen davor in vielen Gesprächen gehört hatte: Viele der talentiertesten jungen Gründer:innen dieser Stadt überlegen ernsthaft, Berlin zu verlassen. Das war kein Lamentieren, das war ein Befund.

Aus diesem Gespräch ist ein Termin im Roten Rathaus geworden. Ich bin dort mit fünf der talentiertesten jungen Gründer:innen Berlins zusammengekommen, und wir haben miteinander entschieden: Mit gut gemeinten Appellen kommen wir nicht weiter. Die lähmenden Strukturen in dieser Stadt lassen sich nicht von innen reformieren. Dafür braucht es eine Bewegung, die von außen Druck macht und gleichzeitig Lösungen liefert. So ist Berlin auf die Eins entstanden.

Heute stehen über 3000 Gründerinnen und Gründer hinter der Initiative und arbeiten aktiv an konkreten Verbesserungen mit.

Julian Teicke, wann hatten Sie das Gefühl, dass Berlin im internationalen Startup-Wettbewerb den Anschluss verliert?

Das ist in den letzten zwei Jahren schleichend, aber spürbar dramatischer geworden. Paris hat uns bei den VC-Investitionen überholt, London zieht weiter weg, und entscheidender als jede Statistik sind die Gespräche, die ich auf dem Delta Campus täglich führe.

Wenn die besten Köpfe der Stadt anfangen zu sagen „Ich gründe woanders“ oder „Ich verlagere mein Team in eine andere Hauptstadt“, ist das ein Signal, das man nicht ignorieren darf. Berlin war jahrelang die natürliche Default-Wahl in Kontinentaleuropa. Das sind wir heute nicht mehr automatisch. Genau hier setzt BAD1 an.

Was möchten Sie mit BAD1 konkret verändern, damit Berlin wieder zu den führenden Startup-Standorten Europas gehört?

BAD1 ist bewusst keine Top-Down-Liste von Forderungen, das gibt es seit Jahren in jeder Schublade. Wir gehen anders vor. Wir holen aus der Community die echten Reibungspunkte hoch: von Gründer:innen, Talenten, Investor:innen, aus Wissenschaft und Verwaltung selbst.

Aus diesen über 3000 Stimmen kondensieren wir fünf priorisierte Probleme mit dem größten Hebel für die nächsten 12 bis 24 Monate. Wir bearbeiten sie in drei aufeinander aufbauenden Schritten auf dem Delta Campus: am 29. April im Ideation Workshop mit 50 kuratierten Köpfen aus dem Ökosystem, am 30. Mai im viertägigen Hackathon mit über 100 Teilnehmenden, und am 12. Juni in der BAD1 Conference mit 500 handverlesenen Gründer:innen, Investor:innen und Buildern. Dort übergeben wir ein White Paper mit messbaren Maßnahmen an die Politik.

Die Themen sind klar benannt: Englisch als zweite Verwaltungssprache für wirtschaftliche Prozesse, schnellere Visa- und Genehmigungsverfahren, Öffnung der öffentlichen Vergabe für Startups, Aufbau eigener KI-Infrastruktur, internationale Direktflüge nach BER. Diese Punkte sind nicht ausgedacht. Sie kommen direkt aus der Praxis und werden mit der Stadt zusammen umgesetzt.

Warum wird Berlin aus Ihrer Sicht oft unter seinem eigentlichen Potenzial gehandelt?

Weil wir an unserer eigenen Erzählung sparen. Die Substanz ist längst da. Das Berliner Startup-Ökosystem trägt 10 bis 12 Prozent zur Wirtschaftsleistung der Stadt bei, schafft über 150.000 Arbeitsplätze direkt und indirekt, und 2024 sind 2,2 Milliarden Euro VC nach Berlin geflossen. Das sind 31 Prozent des gesamten deutschen VC-Volumens. Wir haben 283 KI-Startups in der Stadt und 498 Neugründungen allein im letzten Jahr.

Das sind keine Potenzialzahlen, das ist Realität. Aber international sehen viele Berlin immer noch als coolen, kreativen Spielplatz statt als das, was es längst ist: ein ökonomischer Motor mit Tech- und KI-Tiefe. BAD1 will diese Erzählung gerade rücken. Faktenbasiert, selbstbewusst, ohne Schulterklopfen.

Welche Rolle spielt das Kalle Neukölln für die Vision hinter BAD1?

Das Kalle ist der physische Ort, an dem BAD1 stattfindet. Auf dem The Delta Campus im Kalle laufen alle drei Schlüsselveranstaltungen der Kampagne zusammen: Ideation Workshop, Hackathon und die Konferenz am 12. Juni. Auch der Auslöser für die Initiative liegt hier, an genau diesem Ort hat das Gespräch mit Bürgermeister Wegner stattgefunden.

Für mich ist das kein Zufall. Der Campus zeigt, wie Berlin im Kleinen längst funktioniert: international, vernetzt, ambitioniert, ohne den Reibungsverlust, den wir auf Stadtebene noch haben. Das Kalle ist im Grunde ein funktionierendes Modell. Die Aufgabe von BAD1 ist, diese Energie in die ganze Stadt zu tragen.

Sie sprechen häufig von einer fehlenden Macher-Mentalität in Politik und Verwaltung. Wo erleben Sie die größten Probleme aktuell?

Die größte Hürde ist eine Kultur, in der Prozess wichtiger ist als Ergebnis. Es wird abgestimmt, abgesichert, weitergereicht, und am Ende verantwortet niemand, dass etwas tatsächlich passiert.

Ganz praktisch sehe ich es bei internationalen Talenten, die Wochen auf einen Aufenthaltstitel warten. Bei Gründer:innen, die ein Geschäftskonto nicht eröffnen können, weil ein Formular nur auf Deutsch existiert. Bei öffentlichen Ausschreibungen, die so strukturiert sind, dass kleine, schnelle Unternehmen gar nicht erst teilnehmen können. Es liegt nicht an den einzelnen Menschen in der Verwaltung. Es liegt an einem System, das diese Menschen nicht ermächtigt, schnell und ergebnisorientiert zu entscheiden.

Warum ist Englisch als Sprache für wirtschaftliche Verwaltungsprozesse aus Ihrer Sicht längst überfällig?

Weil wir mit Städten konkurrieren, in denen eine indische KI-Forscherin oder ein brasilianischer Gründer innerhalb einer Woche operativ ist. In Berlin braucht es dafür heute oft Monate, Dolmetscher und eine gute Portion Glück.

Eine der am meisten unterstützten Ideen in der BAD1-Community kommt vom internationalen Gründer Louis Buys, der hier in Berlin skaliert. Sein Punkt ist einfach: Wer ein Unternehmen in Berlin aufbaut, sieht sofort, dass Englisch im Verwaltungsalltag fehlt. Eine zweite Idee, eingereicht von Mei Chi Lo, schlägt eine bilinguale Support-Plattform vor, die Newcomer mit lokalen Übersetzer:innen verbindet. Beides zeigt: Das Problem ist groß und die Lösungen liegen bereits auf dem Tisch. Es geht jetzt um Umsetzung, nicht mehr um die Frage, ob.

Julian Teicke, welche Chancen bietet die aktuelle KI-Entwicklung speziell für Berlin?

Die KI-Welle entscheidet, ob Europa technologisch souverän bleibt oder weiter in Abhängigkeit von US- und chinesischen Anbietern gerät. Berlin ist dafür der natürliche Hebel. Wir haben 283 KI-Startups in der Stadt, eine der höchsten Forschenden-Dichten Europas an TU, HU, Charité und Hasso-Plattner-Institut, und eine internationale Community, die freiwillig hier ist.

Was BAD1 sichtbar machen will: Europa braucht einen dritten Weg jenseits des hyperkapitalistischen Modells aus den USA und des Überwachungsmodells aus China. KI, die auf europäischen Werten basiert. Freiheit, Würde, Privatsphäre, Fairness. Berlin kann genau der Ort sein, an dem dieser dritte Weg gebaut wird. Dafür braucht es Rechenkapazität, regulatorische Klarheit und Kapital für Anwendungen, die über die reine Forschung hinausgehen.

Warum braucht Berlin aus Ihrer Sicht dringend ein internationales Startup- und KI-Event mit globaler Strahlkraft?

Weil Strahlkraft kein Selbstläufer ist. Slush hat Helsinki auf die Karte gesetzt, Bits & Pretzels München, VivaTech Paris, Web Summit Lissabon. Diese Städte sind durch ein einziges, fokussiertes Leuchtturm-Event nicht nur sichtbarer geworden, sondern auch wirtschaftlich stärker. Berlin hat objektiv die bessere Substanz als die meisten dieser Städte, aber bislang keinen jährlichen Anker, der die Welt hierher zieht.

Mit der BAD1 Conference am 12. Juni 2026 machen wir den ersten Schritt. 500 handverlesene Gründer:innen, Investor:innen und Builder, eine Bühne, ehrliche Gespräche, ein Abend auf dem Delta Rooftop, den die Teilnehmenden nicht vergessen werden. Das ist der Anfang. Langfristig braucht Berlin ein etabliertes Tech-Event, das jedes Jahr Kapital, Talent und Politik in die Stadt holt. Daran arbeiten wir.

Wie wichtig ist die Verbindung aus Universitäten, Talenten und Unternehmertum für die Zukunft Berlins?

Entscheidend. Jedes globale Tech-Cluster der Welt ist aus einer Universitäts-Industrie-Symbiose entstanden: Boston, die Bay Area, Tel Aviv, London. Berlin hat exzellente Universitäten und Forschungsinstitute, aber der Transfer von Forschung in Unternehmen ist zu langsam und zu vorsichtig.

Wir brauchen mehr Ausgründungen, schnellere Pfade aus dem Lehrstuhl in die Firma, Universitäten, die an Erfolgen beteiligt sind, und eine Kultur, in der eine Professorin stolz darauf ist, dass ihre Doktorandin gründet. Diese Brücke zu bauen ist ein zentrales Anliegen von BAD1. Genau deshalb sitzen in unseren Working Groups bewusst auch Wissenschaft, Konzerne und Verwaltung mit am Tisch, nicht nur Startups.

Mit BAD1 wollen Sie nicht nur Forderungen stellen, sondern auch Lösungen liefern. Was unterscheidet die Initiative von klassischen Wirtschaftsdebatten?

Wir arbeiten Bottom-Up, nicht Top-Down. Probleme werden nicht in einem Hinterzimmer definiert, sondern aus der Praxis hochgeholt, von den über 3000 Gründer:innen, die täglich an diesen Reibungspunkten arbeiten. Das ist der erste Unterschied.

Der zweite Unterschied: Wir liefern Lösungen, keine Forderungslisten. Aus 3000 Stimmen kondensieren wir wenige, hoch priorisierte Themen, und für jedes davon gibt es konkrete Vorschläge, Pilotprojekte, Indikatoren. Im Juni übergeben wir das Ergebnis als gemeinsames Mandat an die Politik.

Der dritte Unterschied ist, dass wir koalitionsfähig sind. Bürgermeister Wegner trägt die Initiative aktiv mit. Founding Partner wie The Delta, Juni und Dentsu Creative stehen dahinter, dazu Unternehmen wie SAP und viele weitere. Wir bringen Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft an einen Tisch, statt gegeneinander zu lobbyieren.

Wie haben Politik und Wirtschaft bislang auf BAD1 reagiert?

Die Resonanz hat uns selbst überrascht. Innerhalb weniger Monate haben sich über 3000 Gründer:innen eingebracht. Dazu führende Partner aus der Wirtschaft und Stimmen aus Wissenschaft und Verwaltung. Bürgermeister Wegner trägt die Initiative aktiv mit, was nicht selbstverständlich ist und für uns ein wichtiges Signal war, weil es zeigt, dass Politik und Wirtschaft hier ausnahmsweise auf demselben Spielfeld stehen.

Es gibt auch Skepsis. Manche fragen, ob das wieder nur eine Bewegung mit Bühne ist. Genau dieser Skepsis begegnen wir mit dem Format: Workshop, Hackathon, Konferenz, White Paper, messbare Ziele. Spätestens nach dem 12. Juni wird man uns am Output messen können, und genau das ist das Ziel.

Was müsste sich in Berlin sofort verändern, damit internationale Gründer:innen und Fachkräfte die Stadt wieder als erste Wahl sehen?

Englisch als zweite Verwaltungssprache für wirtschaftliche Prozesse. GmbH-Gründung digital in 24 Stunden. Aufenthaltstitel und Arbeitserlaubnis in maximal vier Wochen. Ein One-Stop-Shop für internationale Talente, der von Visum bis Kita-Anmeldung alles abdeckt. Und Direktflüge zwischen Berlin und der US-Westküste, die aktuell aus standortpolitischen Gründen blockiert werden, obwohl Carrier wie Emirates längst Slots beantragt haben.

Wer aus São Paulo oder Bangalore am Montag in Berlin landet und am Freitag handlungsfähig ist, bleibt. Wer drei Monate auf einen Termin wartet, geht. So einfach ist die Rechnung.

Wo sehen Sie Berlin in fünf Jahren, wenn BAD1 erfolgreich wird?

Berlin steht in fünf Jahren als die führende europäische Stadt für Builder. KI-Hauptstadt Europas, faktisch und in der internationalen Wahrnehmung. Das Ökosystem ist deutlich größer, internationaler und sichtbarer, die Verwaltung funktioniert in Englisch, internationale Talente kommen zuerst nach Berlin, und die BAD1 Conference ist ein etablierter Termin im globalen Tech-Kalender.

Vor allem aber: Berlin ist wieder die selbstverständliche erste Wahl, wenn jemand in Tel Aviv, New York oder Singapur sagt „Ich gehe nach Europa“. Genau dahin arbeiten wir, gemeinsam mit der Community und mit der Stadt.

Welche drei Ratschläge würden Sie jungen Gründer:innen geben, die heute in Deutschland ein Unternehmen aufbauen möchten?

Erstens: Baut von Tag eins für den globalen Markt. Der deutsche Markt finanziert euch, aber er macht euch nicht groß. Denkt Produkt, Sprache und Team von Anfang an international.

Zweitens: Umgebt euch mit den besten Menschen, die ihr finden könnt. Eure Firma ist immer nur so stark wie die fünf, sechs Köpfe, mit denen ihr gründet, einstellt und finanziert. Wählt diese Menschen wie Lebensentscheidungen, nicht wie Stellenausschreibungen.

Drittens: Wartet nicht auf Erlaubnis. Nicht von der Politik, nicht von der Verwaltung, nicht vom Markt. Die größten Firmen Deutschlands sind nicht entstanden, weil jemand sie freigegeben hat. Sie sind entstanden, weil jemand angefangen hat. Macht das, am besten heute.

Bild Marc Angeloff

Wir bedanken uns bei Julian Teicke für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.

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