Shirin’s Bliss entwickelt Mode aus regionaler Wolle und verbindet traditionelle Handwerkskunst mit zirkulären Konzepten. Das Startup ist Teil des Stoff im Kopf Accelerators und arbeitet an einer transparenten und ressourcenschonenden Zukunft der Mode
Wie entstand die Idee zu Shirin’s Bliss und wer steckt hinter dem Label?
Shirin’s Bliss entwickelt zirkuläre Mode aus regionalen Naturfasern und verbindet dabei Geschichten, traditionelle Handwerkstechniken und innovative Materialforschung.
Dahinter stehe ich, Natalie Shirin Nazemi – Textilkünstlerin und Kostümbildnerin mit deutsch-iranischen Wurzeln. Ich lebe und arbeite in Hannover.
Mich faszinieren die vielen kleinen Dinge, die uns im Alltag umgeben und oft übersehen werden. Schon als Kind habe ich überall Schönheit entdeckt und mich gewundert, wie wenig Aufmerksamkeit ihr manchmal geschenkt wird.
Zu meiner Einschulung in die Grundschule bekam ich einen Kastaniensetzling, der über viele Jahre mit mir gewachsen ist. Solche Bindungen wünsche ich mir auch für Kleidung. Wenn wir wissen, woher etwas kommt und welche Geschichte dahintersteht, entsteht Wertschätzung – und oft auch eine ganz andere Beziehung zu dem, was wir tragen.
Welche Rolle spielt deine deutsch iranische Herkunft für die kreative Ausrichtung von Shirin’s Bliss?
Meine deutsch-iranische Herkunft prägt Shirin’s Bliss vor allem durch die Verbindung zweier Kultur- und Handwerkstraditionen. In Halle habe ich während meines Masters an der Burg Giebichenstein das Weben gelernt und bin nun mit textilen Hubs wie VORN in Berlin vernetzt.
Im Iran habe ich erlebt, wie stark Kunst und Handwerk mit lokalen Geschichten, Pflanzen und Materialien verbunden sind. Während einer Residenz in Teheran lernte ich beispielsweise das Teppichknüpfen kennen. Diese Erfahrungen fließen heute in meine Arbeit mit Wolle, Naturfarben und regionalen Materialien ein.
Shirin’s Bliss versteht sich auch als kulturelle Brücke zwischen deutschen und iranischen Handwerkstraditionen und möchte Künstler und traditionelle Techniken aus dem Iran sichtbarer machen und in einen zeitgenössischen Kontext übersetzen.
Warum ist dir der Einsatz lokal geretteter Materialien so wichtig?
Ich liebe Materialien mit Charakter. Gleichzeitig sehe ich darin großes Potenzial: Rohstoffe, die heute oft als Abfall gelten, können zu hochwertigen Produkten mit klarer Herkunft werden.
Ein gutes Beispiel ist die Wolle des Rauwolligen Pommernschafs. Sie ist robust, einzigartig und wird dennoch häufig entsorgt, weil sie nicht den Erwartungen an besonders weiche Bekleidungswolle entspricht. Dabei besitzt sie viele wertvolle Eigenschaften – von Feuchtigkeitsregulation bis Wärmespeicherung – und eröffnet gestalterische Möglichkeiten, die weichere Wollarten nicht bieten.
Mich interessiert genau dieses Potenzial. Wenn ich mit solchen Materialien arbeite, werden die Geschichten des Tieres, des Ortes und der Menschen dahinter Teil des Kleidungsstücks. Ich mag es, wenn Materialien nicht anonym sind.
Wie kam es dazu, mit der Wolle des Rauwolligen Pommernschafs zu arbeiten?
Vor einiger Zeit traf mein Mann auf einen Schäfer im Norden Irans. Er erzählte ihm, dass der größte Teil seiner Wolle nicht genutzt wird. Als ich hörte, dass es in Deutschland ähnlich ist, hab ich mich auf den Weg zum Benther Berg bei mir in Hannover gemacht und habe dort Alexandra und Arno getroffen, die mir all ihre Rauwolligen Pommernschafe mit Namen vorgestellt haben. Ich war überrascht, dass dieses wertvolle Material kaum genutzt wird. Das inspirierte mich, damit zu experimentieren und seine besonderen Eigenschaften in Kleidung erlebbar zu machen.
Welche Bedeutung haben biologische Abbaubarkeit und zirkuläre Mode für deine Arbeit?
Ich glaube, für meine Großmütter in Toyserkan und Finkenwerder wäre dieser Ansatz selbstverständlich gewesen. Man nutzte, was die Natur zur Verfügung stellte, und respektierte ihre Kreisläufe, ohne dafür ein eigenes Wort zu brauchen.
Für mich liegt darin der Ursprung von Nachhaltigkeit: nicht als Trend oder Zertifikat, sondern als Haltung. Deshalb ist Zirkularität einer der Grundpfeiler von Shirin’s Bliss.
Biobasierte Materialien können am Ende ihres Lebenszyklus wieder in natürliche Kreisläufe zurückkehren. Im besten Fall wird aus einer Faser neue Fruchtbarkeit. Bei der Rauwolligen Pommernwolle kann das sogar bedeuten, dass sie nach der Kompostierung zur Verbesserung des Bodens beiträgt, auf dem neues Futter für die Schafe wächst.
Mir ist wichtig, diese Kreisläufe zu respektieren und sie in möglichst viele Entscheidungen innerhalb des Labels einfließen zu lassen.
Wie gelingt es Shirin’s Bliss, Nachhaltigkeit mit kreativen und fröhlichen Designs zu verbinden?
Etwas, das mich neben der Natur und den kleinen Geschichten, die mich umgeben am meisten inspiriert, sind Farben. Sie geben mir Energie und ich werde nie müde davon Farbkonstellationen während meiner Spaziergänge zu entdecken. Durch den Einsatz von natürlichen Farben und Erzählungen, die einen zum Schmunzeln bringen, möchte ich etwas Lebensfreude in die nachhaltige Mode bringen, die oft sehr fad und technisch anmutet.
Welche Geschichten sollen die Kleidungsstücke von Shirin’s Bliss erzählen?
Geschichten, die einen neugierig machen und im Herzen bleiben. Die Geschichten hinter den Pflanzen, Tieren und Menschen, die hinter dem Kleidungsstück stehen.
Für welche Menschen entwirfst du deine Kollektionen?
Für Menschen, die wissen möchten, woher ihre Kleidung kommt und die Freude daran haben, eine echte Beziehung zu Materialien, Handwerk und Geschichten zu entwickeln. Sie investieren lieber in wenige besondere Stücke, die Charakter und Herkunft spürbar machen.
Welche Herausforderungen begegnen dir beim Aufbau eines nachhaltigen Modelabels?
Die größte Herausforderung ist Zeit. Nachhaltige Lösungen brauchen oft mehr Recherche, mehr Abstimmung und mehr Sorgfalt – und Zeit kostet Geld.
Ich kann nicht einfach den nächstbesten Lieferanten wählen. Mir ist wichtig, mit Menschen zusammenzuarbeiten, die ähnliche Werte teilen und bereit sind, neue Wege mitzugehen. Das macht Prozesse manchmal langsamer, schafft aber langfristig belastbare Strukturen.
Gleichzeitig bin ich überzeugt, dass sich dieser Aufwand lohnt. Der Markt für zirkuläre Mode wächst stetig und zeigt, dass Transparenz, Herkunft und Ressourcenschonung zunehmend an Bedeutung gewinnen.
Deshalb baue ich Shirin’s Bliss bewusst Schritt für Schritt auf. Mein Ziel ist nicht möglichst schnelles Wachstum, sondern ein solides Netzwerk aus Handwerker, Künstler, Schäfer und Forschungspartnern, das langfristig Bestand hat.
Welche Rolle spielt die Teilnahme am Stoff im Kopf Accelerator für die Entwicklung von Shirin’s Bliss?
Es hat mir vor allem die Möglichkeit gegeben mich zu vernetzen. Menschen kennenzulernen, die ähnliches vorhaben und mich auszutauschen. In Hannover, konnte ich mich mit dem fantastische kreHtiv Netzwerk austauschen, das mir eine persönliche Mentorin zur Seite gestellt hat. Ich habe durch Stoff im Kopf Menschen getroffen, die mit viel Herzblut ihre Start-Ups aufgebaut haben und konnte mich mit Expert austauschen, die sehr großzügig und mit viel Leidenschaft ihr Wissen geteilt haben. Man muss nicht bei Null beginnen. Der große Pool an Expert mit Masterclasses hat mir viel unternehmerische Struktur gegeben, um auch über Stoff im Kopf hinaus, kreative Ideen in tragfähige Geschäftsentscheidungen zu übersetzen.
Was unterscheidet Shirin’s Bliss aus deiner Sicht von anderen nachhaltigen Fashion Labels?
Erstens: Rückverfolgbare Geschichten statt anonymer Materialien. Jedes Stück ist mit einem konkreten Ort, einem Tier oder einem Menschen verbunden. Dadurch entstehen limitierte Kleidungsstücke aus regionalen Naturmaterialien, deren Herkunft vollständig nachvollziehbar ist.
Zweitens: Eine kulturelle Brücke zwischen zwei Handwerkstraditionen. Meine deutsch-iranische Perspektive verbindet Traditionen, die sonst selten in Dialog treten. Diese verbinde ich mit modernen Entwicklungen: In Zusammenarbeit mit dem Forschungsinstitut NIG Magdeburg mache ich das natürliche Färben ressourcenschonender und skalierbarer. Für die Materialentwicklung teste ich aktuell die Zusammenarbeit mit Het Woolly Collectief und Hollands Wol Collectief B.V.,
Ein Kollektiv in Belgien und eins in Holland, die spezialisiert auf die Verarbeitung selten genutzter Wolle sind und Systeme entwickeln, um diese in zirkuläre Kreisläufe zu integrieren. Ergänzt wird das durch 3D-Technologie wie die Software CLO3D für ressourcensparende Produktionsformen.
Drittens: Serien statt Saisonen. Statt kurzlebiger Kollektionen entwickle ich Serien, die sich über Zeit entfalten — das steht bewusst gegen die Schnelllebigkeit der Modeindustrie.
Welche nächsten Projekte und Entwicklungen planst du für Shirin’s Bliss?
Die aktuelle Serie “The Sheep Salon”, wird sich über längere Zeit weiterentwickeln und Schafe und Farmen aus verschiedenen Regionen vorstellen und unterstützen.
Ich möchte eine weitere Serie rund um den deutschen Flachsanbau gestalten und stetig eine Bibliothek mit natürlichen Färberezepten ausbauen, die in den Geschichten ihrer Herkunftsorte verwurzelt sind. Die laufende Zusammenarbeit mit dem NIG Magdeburg zur Standardisierung des natürlichen Färbens und die Materialtests mit Het Woolly Collectief und Hollands Wol Collectief sind dabei wichtige strategische Schritte in Richtung Skalierbarkeit. Außerdem werden Workshops angeboten, die traditionelle Handwerkstechniken wie das Nadelfilzen und natürliche Färben für jeden zugänglich machen und gleichzeitig eine direkte Kundenbeziehung aufbauen, die wertvolles Feedback für die Weiterentwicklung des Labels liefert.
Welche drei Tipps würdest du anderen Gründerinnen und Gründern aus der nachhaltigen Modebranche geben?
Definiere klar, wofür dein Label steht und was dir langfristig Freude gibt.
Umgebe dich mit inspirierenden Menschen und nutze Expert für fundierte Entscheidungen.
Baue ein nachhaltiges Fundament, bevor du schnell skalierst – Qualität, Rückverfolgbarkeit und Storytelling zahlen sich langfristig aus.
Bild Natalie Shirin Nazemi Bildcredits/Fotograf: Björn Klein
Wir bedanken uns bei Natalie Shirin Nazemi für das Interview
Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder

























