Im Gespräch mit Dr. Karina Audrey Jeker über erfolgreiches Personal Branding und ihr neues Buch Ganz einfach du
Mehr als 20 Jahre waren Sie als Dozentin für Marketing und Unternehmensführung an renommierten Schweizer Hochschulen tätig, bevor Sie 2014 ein Beratungsunternehmen gründeten. Warum haben Sie Ihre wissenschaftliche Laufbahn gegen die Selbstständigkeit eingetauscht?
Ich bin von der Persönlichkeit her eine Pionierin und Macherin. Ich mag es, Dinge zu entwickeln und von Grund auf neu zu denken. Das kann man in der Wissenschaft zwar auch, aber vieles bleibt theoretisch. Erst als Unternehmerin merkst du, ob das, was du über Marketing und Unternehmensführung weißt, auch wirklich funktioniert. Und ich kann Ihnen sagen: Nicht alles hat funktioniert, es gab schwierige Momente. Aber die eigene Academy zu führen und ein Netzwerk mit inspirierenden Frauen aufzubauen, das hat alles wettgemacht.
Worum geht es beim Thema Personal Branding? Muss man heutzutage zur Marke werden, um erfolgreich zu sein?
Sie können es nennen, wie Sie wollen: zur Marke werden oder ganz einfach zum eigenen Kern finden. Mir geht es darum, das eigene authentische Selbst zu finden und sich nicht nur über seine Stärken zu definieren. Das greift zu kurz. In einer Welt, in der künstliche Intelligenz Inhalte erzeugt, ist das Vertrauen in Menschen und ihre Fähigkeiten wichtiger denn je. Genau darum geht es beim Personal Branding: eigene Klarheit für mehr Klarheit im Außen. Die Art und Weise, wie wir wahrgenommen werden, entscheidet über unseren Einfluss, unsere Glaubwürdigkeit und beruflichen Chancen.
Für Ihr Brand.YOU-Framework haben Sie sich an starken Produktmarken orientiert und die systematische Vorgehensweise für Menschen adaptiert. Wie funktioniert das?
Ich war an der Hochschule und in der Unternehmensberatung unter anderem lange für das Thema strategische Markenführung zuständig. Es gibt viele Gemeinsamkeiten, wenn wir uns anschauen, wie starke Marken aufgebaut sind und warum diese Marken für uns Konsumenten einen hohen Wert haben. Einiges davon können wir übernehmen, wenn es um unsere persönliche Marke geht, allen voran das systematische Vorgehen beim Markenaufbau. Nichts wird dem Zufall überlassen. Zuerst wird die Markenidentität geklärt, anschließend die Positionierung entwickelt. Viele beginnen direkt mit der Positionierung. Das halte ich für wenig erfolgversprechend. Starke Marken bauen ihre Identität auf klaren Werten auf und sprechen die Emotionen ihrer Zielgruppe an. Genau das gilt auch für Persönlichkeitsmarken.
Wer im Marketing zuhause ist, kennt den Managementprozess der identitätsorientierten Markenführung, der unter anderem von Hans-Rudolf Esch entwickelt wurde. Ich habe diesen Prozess über die Jahre adaptiert, sodass er leicht verständlich und für Persönlichkeitsmarken praktisch umsetzbar ist. Daraus ist mein Personal-Branding-Framework entstanden.
Warum haben Sie ein Buch zum Thema geschrieben? Wer sollte Ihr Buch lesen?
Ich habe gesehen, wie viele Menschen sich mit diesem Thema schwertun und es oft missverstehen. Viele glauben sogar, es sei verwerflich, sich selbst als Marke zu sehen. Andere denken, Personal Branding bedeute, möglichst laut oder angeberisch aufzutreten. Mit diesen Vorurteilen wollte ich aufräumen und insbesondere fähigen Menschen ein Werkzeug an die Hand geben, mit dem sie ihre Leistungen sichtbar machen und ihre Position im Unternehmen stärken können. Ich möchte Menschen unterstützen, die Wertvolles in die Welt tragen und mehr Sichtbarkeit gewinnen möchten, ohne sich verstellen zu müssen.
Mit Ihren Female Business Seminars haben Sie bereits über 2.000 Frauen zu mehr Sichtbarkeit und Relevanz im Business verholfen. Richtet sich Ihr Buch hauptsächlich an Frauen?
Ich würde sagen hauptsächlich ja, aber nicht ausschließlich. Die Schritte zu einer authentischen Persönlichkeitsmarke gelten für Frauen und Männer gleichermaßen. Ein Kapitel zur Positionierung im unternehmerischen Kontext richtet sich allerdings besonders an Frauen, weil sie ihre Rolle oft zu wenig sichtbar machen und eine andere Beziehung zu Führung und Macht haben. Auch Männer in Führungspositionen können daraus wertvolle Erkenntnisse gewinnen, wenn sie weibliche Talente fördern möchten.
Begegnen Frauen anderen Herausforderungen beim Personal Branding als Männer? Spielen auch andere Faktoren wie das Alter eine Rolle?
Eigentlich nicht, denn die grundlegenden Herausforderungen sind für alle ähnlich. Es geht darum, über den eigenen Schatten zu springen, sich ehrlich mit sich selbst auseinanderzusetzen, über die eigenen Stärken zu sprechen und groß zu denken. Unterschiede entstehen vor allem durch unsere Prägung. Mädchen lernen häufig, sich zurückzunehmen und die Bedürfnisse anderer in den Vordergrund zu stellen. Dadurch fällt es vielen Frauen schwerer, ihre Erfolge sichtbar zu machen oder selbstbewusst über Karriereziele zu sprechen.
Welche drei konkreten Tipps geben Sie allen, die zur Love Brand für andere werden möchten?
Mein Buch soll Lust auf einen Roadtrip zu sich selbst machen. Klären Sie grundlegende Fragen wie: Wer bin ich? Was möchte ich erreichen? Welche Themen sollen mit meiner Person verbunden werden? Setzen Sie sich intensiv mit Ihren Werten auseinander und haben Sie den Mut, für diese einzustehen. Zeigen Sie Ihrem Umfeld, wer Sie wirklich sind, und überzeugen Sie Menschen mit Kompetenz sowie einer echten emotionalen Botschaft.
Was haben Sie selbst auf Ihrem Weg über Sichtbarkeit und Positionierung gelernt?
Personal Branding ist kein Schönwetter-Szenario. Es geht um Echtheit und gelebte Überzeugungen. Ich musste lernen, mir selbst zu vertrauen und auch einmal Nein zu sagen. Sichtbarkeit entsteht nicht über Nacht. Positionierung bedeutet, bewusst für bestimmte Themen zu stehen. Gerade für Menschen mit vielen Interessen ist das oft eine Herausforderung.
Warum fällt es vielen Menschen so schwer, ihre Leistungen sichtbar zu machen?
Das hat viel mit unserem Kulturkreis zu tun. Ich habe einige Jahre in den USA gelebt, wo der Umgang mit diesem Thema ganz anders ist. Wir werden zu Bescheidenheit erzogen und haben oft Angst vor Ablehnung oder Neid. Gerade Frauen fühlen sich in ihrer Unsichtbarkeit häufig sicherer. Hinzu kommt, dass wir unsere eigenen Fähigkeiten oft unterschätzen und vergessen, darüber zu sprechen.
Wie verhindert man, dass der Wunsch nach Sichtbarkeit in Selbstoptimierungsdruck umschlägt?
Ein gesundes Leben, klare Abgrenzung und Nachsicht mit dem eigenen Perfektionismus sind wichtige Voraussetzungen. Sichtbarkeit ist zwar auch Fleißarbeit, aber sie sollte immer auf Echtheit beruhen. Wer sich selbst kennt und weiß, wofür er steht, gerät deutlich seltener in einen ungesunden Vergleich mit anderen.
Gibt es Situationen, in denen Personal Branding kontraproduktiv sein kann?
Ja. Personal Branding ist kein Allheilmittel. Wer beginnt, eine Rolle zu spielen und seine Authentizität verliert, riskiert seine Glaubwürdigkeit. Auch in Teams kann eine sehr starke Personenmarke Spannungen erzeugen. Kritisch wird es außerdem, wenn Menschen ihre Selbstbestätigung ausschließlich aus Likes, Kommentaren und Reichweite beziehen.
Wird Authentizität in der digitalen Welt wichtiger oder schwieriger?
Sie wird definitiv wichtiger. Je digitaler unsere Welt wird, desto bedeutender werden Echtheit, Vertrauen und zwischenmenschliche Beziehungen. Authentizität bedeutet nicht, alles von sich preiszugeben. Es geht vielmehr darum, klar zu zeigen, wofür man steht. In einer Welt voller KI-generierter Inhalte, Übertreibungen und leerer Versprechen schafft Authentizität Orientierung und Verlässlichkeit.
Welche Rolle spielt Personal Branding im Talent Management?
Personal Branding wird im Talent Management der Zukunft eine immer größere Rolle spielen. Gute Leistung allein reicht in vielen Unternehmen nicht mehr aus, um wahrgenommen zu werden. Wer seine Stärken, Erfahrungen und Erfolge angemessen kommunizieren kann, hat bessere Chancen auf Führungsaufgaben, strategische Projekte und Beförderungen. Deshalb lege ich insbesondere Frauen diese Kompetenz sehr ans Herz.
Bild: Dr. Karina Audrey Jeker Bildcredits: Frederike Asael
Quelle Schäfer I Agentur für Presse & Öffentlichkeit
























