Um die Flut an europäischen Gesetzesänderungen für Unternehmen beherrschbar zu machen, geht die renommierte Kanzlei Osborne Clarke neue Wege: Das KI-native Spin-off Justima automatisiert das regulatorische Monitoring mithilfe von intelligenten KI-Agenten und setzt schon zum Start auf namhafte Kunden wie Condor und Autodoc
Können Sie Justima kurz vorstellen und erzählen, wie die Idee zur Ausgründung aus Osborne Clarke entstanden ist?
Alexander Lilienbeck: Wir automatisieren mit KI-Agenten das laufende Monitoring europäischer Regulierung für Rechts- und Compliance-Abteilungen. Unsere Systeme durchsuchen täglich hunderte Rechts- und Regulierungsquellen und filtern für jedes Unternehmen genau die Änderungen heraus, die für das jeweilige Geschäftsmodell relevant sind und erläutern die individuellen Anknüpfungspunkte.
Die Idee entstand aus einer einfachen Beobachtung: Wir haben immer wieder erlebt, wie viel Zeit Mandanten, und auch wir selbst, damit verbringen, europäische Gesetzesänderungen lückenlos zu verfolgen, und wie teuer es wird, wenn eine relevante Änderung übersehen wird. Gleichzeitig gibt es nur selten Prozesse in den Unternehmen, wie das strukturiert abläuft. Meist informiert sich jeder selbst über Linkedin und Newsletter. Irgendwann stand für uns fest: Dieses Problem lässt sich mit KI deutlich besser lösen als mit noch mehr manueller Recherche. Daher haben wir entschieden, Justima zu gründen. Osborne Clarke ist als Kanzlei seit Jahren bekannt für die Beratung zu regulatorischen Themen und hoch aktueller Gesetzgebung. Außerdem ist die Kanzlei seit jeher neuen Technologien super aufgeschlossen.
Osborne Clarke blickt auf eine über 250-jährige Geschichte zurück. Warum hat sich die Kanzlei entschieden, mit Justima bewusst das eigene Geschäftsmodell anzugreifen?
Gereon Abendroth: Weil wir den Wandel lieber aktiv gestalten, als ihn passiv über uns ergehen zu lassen. Osborne Clarke ist sowohl im Regulatory-Bereich als auch im KI-Engineering schon länger stark aufgestellt, mit Justima bringen wir beides zusammen. Für unsere Mandanten heißt das: Überall dort, wo sich ein Problem mit KI lösen lässt, lösen wir es mit KI. Unsere Anwältinnen und Anwälte können sich so noch stärker fokussieren und kommen dort ins Spiel, wo es um Bewertung, Erfahrung und Einordnung geht, also genau dort, wo menschliches Urteilsvermögen zählt.
Zudem ist das auch eine Reaktion auf die berechtigten Erwartungen der Mandanten: Der Aufwand für regulatorisches Monitoring wächst branchenübergreifend, und Unternehmen erwarten zu Recht, dass KI ihnen einen wachsenden Teil dieser Basisarbeit abnimmt.
Welche Vision verfolgen Sie mit Justima, und wie möchten Sie das regulatorische Monitoring für Unternehmen langfristig verändern?
Alexander Lilienbeck: Wir glauben, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist, vertikale KI zu bauen, also Systeme, die Fachexpertise fest in den Produkt-Workflow einbauen, statt sie bei jeder Anfrage neu in ein generalistisches Modell hineinzuformulieren. Der Anspruch für uns ist klar: Mandanten sollen nicht zu Anwaltsstundensätzen für Tätigkeiten zahlen, die Software zuverlässig erledigen kann. Mit Justima lässt sich der ganze Prozess zudem audit-sicher gestalten.
Langfristig wollen wir auch international wachsen: Unternehmen außerhalb Deutschlands, die europäische Regulierung im Blick behalten müssen, sollen dafür künftig Justima nutzen können, statt jeweils kleine Teams in den Märkten aufzubauen, in denen sie operieren.
Welche Herausforderungen lösen Sie für Ihre Kunden, und warum gewinnt automatisiertes regulatorisches Monitoring gerade jetzt an Bedeutung?
Alexander Lilienbeck: Rechtsmonitoring ist für viele Unternehmen ein Pain Point. Gleichzeitig wächst die Zahl relevanter Vorgaben kontinuierlich. Eine Studie hat kürzlich gezeigt, dass der Umfang der Regulierung in den letzten knapp 15 Jahren über 30 Prozent zugenommen hat. Die Einstellung neuer Anwälte in Rechtsabteilungen ist hingegen nicht gewachsen. Wird eine Regulierungslücke jedoch erst spät im Unternehmen erkannt, entstehen daraus schnell operative und finanzielle Belastungen. Die vorschnelle Änderung von Produktfeatures oder Verzögerungen in der Entwicklung sind Kosten von versäumtem Compliance-Monitoring. Unser Versprechen ist, dass keine geschäftskritische Änderung übersehen wird.
Gleichzeitig verbringen Compliance-Teams enorm viel Zeit mit manueller Recherche, die nicht ihrer eigentlichen juristischen und strategischen Expertise entspricht. Genau diese Zeit wollen wir ihnen zurückgeben. Der eigentliche Engpass ist heute nicht mehr der Zugang zu Informationen, sondern die Frage, was davon für das eigene Unternehmen wirklich relevant ist und genau diese Vorsortierung lösen wir.
Justima setzt konsequent auf KI-Agenten und verzichtet auf ein klassisches CRM-System. Warum haben Sie sich für diesen Ansatz entschieden?
Christian Braun: Ein klassisches CRM ist auf manuelle Dateneingabe und starre Vertriebsprozesse ausgelegt. Das passt nicht zu unserem Selbstverständnis als KI-natives Unternehmen. Unsere Agenten erfassen und pflegen Kundeninformationen automatisiert im Kontext des jeweiligen Workflows. Wenn wir über neue Features brainstormen oder technische Lösungen durchdenken, lassen wir die KI bei Vertrieb und Preisgestaltung mithören oder über besondere Kundenwünsche sowie gutes und schlechtes Feedback debattieren. Das wird natürlich alles kondensiert, aber steht dann als Kontext zur Verfügung und liefert erschreckend passgenaue Ergebnisse. Zahlen und Metriken haben wir ebenfalls angeschlossen. Der Aufbau war für uns nicht wesentlich aufwendiger als ein CRM auf unsere Bedürfnisse anzupassen. Es wächst aber kontinuierlich mit und es fühlt sich an, als hätten wir da etwas aus einem Guss. Auf lange Sicht spart das nicht nur Geld und Zeit, sondern hält die Daten auch aktueller und konsistenter.
Justima ist bewusst als schlankes Team konzipiert, KI-Agenten übernehmen wie gesagt den großen Teil der operativen Workflows, damit sich das Team auf das konzentrieren kann, wo menschliches Urteilsvermögen unersetzlich ist: grundsätzliche Architektur Entscheidungen im Engineering oder Datenstruktur darf die KI nie treffen, ebenso regulatorische Expertise und der direkte Kundenkontakt. Nach unserem Verständnis werden so 2026 Unternehmen gegründet.
Wie verändert Künstliche Intelligenz aus Ihrer Sicht den Gründungsprozess im Jahr 2026 im Vergleich zu noch vor zwei Jahren?
Alexander Lilienbeck: Vor zwei Jahren hätte man für ein Produkt wie Justima ein deutlich größeres Team gebraucht, allein um die Plattform aufrecht zu erhalten und zu entwickeln, regelmäßige Test Protokolle, dazu noch Buchhaltung, Kundensupport, Sales-Gespräche und vieles mehr. Heute starten wir mit einem Kernteam von fünf Leuten, weil KI-Agenten große Teile vom Testing, Engineering, Wissensaufbereitung, Vorbereitung der Demo-Termine und wiederkehrende Anfragen beantworten. Das verschiebt komplett, wie viel Kapital und wie viele Menschen man braucht, um ein B2B-Produkt auf den Markt zu bringen.
Bereits sechs Wochen nach dem Marktstart zählen Unternehmen wie Condor, Karlsberg Brauerei und Autodoc zu Ihren Kunden. Welche Faktoren waren aus Ihrer Sicht entscheidend für diesen schnellen Markteintritt?
Gereon Abendroth: Drei Dinge kamen zusammen. Erstens hatten wir bereits eine strukturierte Validierungsphase hinter uns. Rund 30 Unternehmen haben die Plattform vor dem offiziellen Launch mehrere Monate lang produktiv getestet, sodass wir die Relevanzlogik gemeinsam mit unserer Regulatory-Praxis verfeinern konnten. Zweitens gab es bereits einen spürbaren Nachfrage-Puffer: rund 60 Unternehmen aus dem Compliance-Bereich hatten sich schon vor dem Launch für den Early Access registriert. Und drittens profitieren wir vom Netzwerk von Osborne Clarke, die meisten unserer aktuellen Kunden kommen aus diesem Umfeld, ohne dass eine Mandatierung der Kanzlei Voraussetzung wäre oder Daten geteilt werden.
Welche Rolle spielen KI-Agenten heute bereits im operativen Alltag von Justima, und wo sehen Sie künftig weiteres Automatisierungspotenzial?
Christian Braun: Unsere Agenten durchsuchen täglich hunderte europäische und internationale Rechts- und Regulierungsquellen. Hier fließt schon eine ganze Menge Know-how in die Aufbereitung der Wissenspunkte und deren Strukturierung. Das Herzstück von Justima ist dann die Einwertung, die Filterung nach Relevanz für den jeweiligen Kunden. Daneben setzen wir KI auch intern ein, etwa in der Softwareentwicklung mit Claude Code und für automatisierte Abläufe im Vertrieb, etwa beim Aufsetzen von Kundendemos.
Der nächste Schritt ist, Justima individueller an die konkrete Unternehmensstruktur unserer Kunden anzupassen, etwa durch eine tiefere Verzahnung mit den internen Compliance-Systemen, mit denen sie ohnehin schon arbeiten.
Der Markt für KI-gestützte LegalTech-Lösungen entwickelt sich rasant. Wie positioniert sich Justima gegenüber internationalen Anbietern?
Christian Braun: Generische Modelle neigen zu Halluzinationen, das ist technisch sogar notwendig, damit sie überhaupt funktionieren. Justima bauen wir deshalb konsequent als vertikales Produkt für einen einzigen Anwendungsfall: regulatorisches Monitoring für Compliance-Teams in Unternehmen. Was auch immer die großen Modellbetreiber entwickeln, ihre Modelle werden in den kommenden Jahren zweifellos noch besser. Und davon wird Justima partizipieren, statt verdrängt zu werden. Denn wir sind nicht das Modell selbst, sondern die Ebene darüber. Was uns generell differenziert, sind die Prozesse und Strukturen, die wir aufgebaut haben, und unser Wissen um die Regulatorik in den Märkten weltweit. Und genau hier hat uns die Expertise von Osborne Clarke einen echten Vorsprung verschafft.
Welche Herausforderungen begegnen Ihnen beim Aufbau eines KI-Startups in einem stark regulierten Umfeld?
Alexander Lilienbeck: Rechtsabteilungen beziehungsweise Juristen allgemein sind für Startups vermutlich besonders herausfordernd. Schließlich ist man im Jurastudium und der späteren Ausbildung jahrelang darauf trainiert worden, das sprichwörtliche Haar in der Suppe zu finden. Da hilft es, gut vorbereitet zu sein und möglichst alles schnell parat zu haben, was typischerweise an Rückfragen kommt.
Außerdem: Wer Compliance-Teams als Kunden gewinnen will, muss selbst höchste Standards erfüllen. Wir betreiben Justima ausschließlich in der EU, DSGVO-konform und nach ISO 27001 sowie SOC 2 zertifiziert. Den Zertifizierungsprozess haben wir sehr früh schon angestoßen. Das war zunächst eine ordentliche finanzielle und zeitliche Investition für uns. Die sich aber gelohnt hat: Zum einen konnten wir von Anfang an in die Prozesse hineinwachsen, zum anderen legen viele Unternehmen Wert darauf, dass die Partner, mit denen sie zusammenarbeiten, genauso diligent sind wie sie selbst.
Welche nächsten Entwicklungsschritte und Wachstumsziele stehen bei Justima aktuell im Fokus?
Alexander Lilienbeck: Wir werden die Zahl der Länder erweitern, in denen wir das Monitoring anbieten. Die Auswahl der juristischen Quellen erfolgt bei uns generell manuell und handverlesen, denn uns ist besonders wichtig zu kontrollieren, was in unser System einfließt. Das bedeutet aber auch, dass wir manche Kundenwünsche zurückstellen mussten – etwa nach einer Datenschutz-Regulierung in Simbabwe, die erfahrungsgemäß nur selten nachgefragt wird.
Der nächste Schritt ist dann die internationale Vermarktung von Justima. Einige Anfragen haben wir bereits erhalten, doch außerhalb Deutschlands sind wir bislang kaum sichtbar präsent. Finanziert haben wir uns bisher ohne Venture Capital, das bleibt vorerst auch unser Weg, auch wenn wir das für die Zukunft nicht kategorisch ausschließen.
Welche drei Ratschläge würden Sie Gründerinnen und Gründern geben, die heute ein KI-Unternehmen aufbauen und dabei etablierte Geschäftsmodelle neu denken möchten?
Alexander Lilienbeck:
1.) Lasst Euch weder von denen entmutigen, noch von denen Zeit stehlen, die Euch erklären, dass dieser Geschäftsbereich viel zu komplex sei, um ihn neu zu denken.
2.) Nutzt den Vorteil, dass Ihr keine Legacy-Systeme mit Euch herumschleppt, so könnt Ihr die eigenen Prozesse von Grund auf neu denken.
3.) Der Klassiker: früh mit den Kunden sprechen. Wie wichtig die vielen Kollaborations-Features in unserem Produkt sein würden, hatten wir zum Beispiel völlig unterschätzt.
Bild Christian Braun, Alexander Lilienbeck, Gereon Abendroth v.l.n.r Credit: Justima
Wir bedanken uns bei den Gründern für das Interview
Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder














