Mit einer KI-gestützten Plattform statt einer reinen Tracking-App will das deutsche Femtech-Startup AEYA die oft vernachlässigte Phase der Perimenopause enttabuisieren und die digitale Infrastruktur für eine neue, selbstbestimmte Generation der Frauengesundheit schaffen
Können Sie AEYA kurz vorstellen und erzählen, wie die Idee zur Gründung des Unternehmens entstanden ist?
Fast jede Frau wird die Perimenopause erleben. Trotzdem beginnt für viele eine jahrelange Suche nach Antworten. Wir haben AEYA gegründet, weil wir das selbst erlebt haben. Nicht als theoretisches Problem, sondern als persönliche Erfahrung. Plötzlich verändert sich der eigene Körper – Schlaf, Stimmung, Konzentration, Energie – und statt Antworten hört man oft: „Dafür sind Sie noch viel zu jung.“
Dabei beginnt die Perimenopause bei vielen Frauen bereits mit Anfang oder Mitte 40 – teilweise sogar früher. Irgendwann wurde uns klar: Das ist kein individuelles Problem. Es ist ein strukturelles Versorgungsproblem. Wir haben AEYA deshalb nicht gegründet, weil die Welt noch eine weitere Gesundheits-App braucht. Wir haben AEYA gegründet, weil wir nicht länger akzeptieren möchten, dass Millionen Frauen jahrelang nach Antworten suchen müssen. Und wir bauen keine weitere Tracking-App. Wir bauen die Infrastruktur für eine neue Generation der Frauengesundheit.
Welche Vision verfolgen Sie mit AEYA, und wie möchten Sie die Versorgung von Frauen in der Perimenopause langfristig verbessern?
Wir glauben, dass die klassische Gesundheitsversorgung diese Herausforderung allein nicht lösen kann.
Ärztinnen und Ärzte leisten jeden Tag Enormes. Gleichzeitig entsteht Gesundheit nicht in einem 15-minütigen Arzttermin, sondern in den übrigen über 525.000 Minuten eines Jahres.
Genau dort setzt AEYA an.
Unser Ziel ist eine intelligente tägliche Gesundheitsbegleiterin, die Veränderungen früh erkennt, Zusammenhänge sichtbar macht und Frauen dabei unterstützt, informierte Entscheidungen für ihre Gesundheit zu treffen.
Wir verändern das System bewusst von der Patientinnenseite aus. Denn informierte Patientinnen stellen andere Fragen, treffen bessere Entscheidungen und verändern langfristig auch die medizinische Versorgung.
Unsere Vision endet deshalb nicht bei der Perimenopause. Wir möchten die digitale Infrastruktur für eine neue Generation der Frauengesundheit schaffen – personalisiert, präventiv, wissenschaftlich fundiert und KI-gestützt.
An welche Zielgruppen richtet sich AEYA hauptsächlich, und welche Bedürfnisse möchten Sie mit Ihrer App erfüllen?
Unsere Hauptzielgruppe sind Frauen zwischen Mitte 30 und Mitte 50 – also genau die Jahre, in denen die ersten hormonellen Veränderungen häufig beginnen.
Viele Frauen glauben, sie seien noch zu jung für die Perimenopause. Tatsächlich startet sie oft zehn Jahre vor der Menopause.
Genau deshalb setzen wir bewusst früh an.
Wir möchten Frauen nicht erst begleiten, wenn Beschwerden den Alltag bestimmen. Wir möchten Veränderungen sichtbar machen, bevor sie zum Problem werden.
Frauen brauchen nicht noch mehr Informationen.
Sie brauchen Orientierung.
AEYA hilft dabei, individuelle Muster zu erkennen, den eigenen Körper besser zu verstehen und dadurch mehr Sicherheit für die richtigen Entscheidungen zu gewinnen.
Die Perimenopause wird häufig unterschätzt oder erst spät erkannt. Warum ist es Ihnen wichtig, diesem Lebensabschnitt mehr Aufmerksamkeit zu schenken?
Weil die Perimenopause keine Nische ist.
Sie betrifft jede Frau – und trotzdem behandeln wir sie gesellschaftlich und medizinisch noch immer wie ein Randthema.
Dabei erleben Frauen innerhalb weniger Jahre einen der größten hormonellen Umbrüche ihres Lebens. Ein vergleichbarer natürlicher Hormonabfall würde sich bei Männern – vereinfacht betrachtet – über rund 180 Jahre erstrecken. Trotzdem erwarten wir von Frauen häufig, dass sie diese Phase einfach neben Beruf, Familie und Alltag bewältigen.
Gleichzeitig sprechen wir in Deutschland ständig über Fachkräftemangel und investieren enorme Ressourcen in die Gewinnung neuer Talente. Gleichzeitig verlieren Unternehmen hochqualifizierte Fach- und Führungskräfte mitten im Berufsleben, weil die Auswirkungen der Perimenopause noch immer unterschätzt werden.
Das ist längst nicht nur ein Gesundheitsthema.
Es ist auch ein gesellschaftliches und wirtschaftliches Thema.
Was macht AEYA aus Ihrer Sicht besonders im Vergleich zu anderen Gesundheits- oder Zyklus-Apps?
Wir glauben nicht, dass Frauen noch eine weitere Tracking-App brauchen.
Daten allein lösen kein Problem.
Der eigentliche Mehrwert entsteht erst dann, wenn daraus Zusammenhänge, Orientierung und konkrete Handlungsmöglichkeiten werden.
Hinzu kommt: Die Perimenopause ist hochkomplex und hochindividuell. Keine Frau erlebt sie gleich. Gleichzeitig beobachten Wissenschaft und Medizin immer mehr Zusammenhänge zwischen Hormonschwankungen und Symptomen, die bislang häufig gar nicht damit in Verbindung gebracht wurden.
Genau deshalb reicht ein statischer Ratgeber nicht mehr aus.
Mit jeder Nutzerin lernen wir mehr darüber, welche Muster tatsächlich auftreten. Dieses Wissen fließt – wissenschaftlich begleitet – kontinuierlich zurück in unsere Plattform und hilft langfristig allen Frauen.
KI ist für uns dabei kein Buzzword. Sie hilft uns, aus Millionen einzelner Datenpunkte personalisierte Orientierung zu schaffen.
Ihre App kombiniert Symptom-Tracking, personalisierte Auswertungen und wissenschaftlich fundierte Inhalte. Welche Vorteile bietet dieser ganzheitliche Ansatz für die Nutzerinnen?
Unser Ziel ist nicht die intelligenteste KI.
Unser Ziel ist die verständlichste Gesundheitsbegleiterin.
Heute unterstützt AEYA Frauen dabei, Zusammenhänge zwischen Schlaf, Symptomen, Zyklus, Bewegung oder Stimmung zu erkennen.
Langfristig sehen wir AEYA als tägliche Gesundheitsbegleiterin, die den gesamten Lebenskontext berücksichtigt – Stress, Ernährung, Bewegung, mentale Gesundheit, Alltag, persönliche Ziele und die individuelle Lebensphase.
Gesundheit entsteht nie isoliert.
Warum sollte künstliche Intelligenz sie isoliert betrachten?
Je besser AEYA eine Frau versteht, desto individueller und persönlicher können Empfehlungen werden. Genau darin sehen wir die Zukunft digitaler Gesundheit.
Wie unterstützt AEYA Frauen dabei, ihre Beschwerden besser zu verstehen und informierte Entscheidungen für ihre Gesundheit zu treffen?
Wir möchten Frauen nicht sagen, was sie tun sollen.
Wir möchten ihnen helfen zu verstehen, was in ihrem Körper passiert.
Denn Wissen schafft Selbstbestimmung.
Wer Veränderungen dokumentiert, Muster erkennt und Beschwerden besser einordnen kann, geht mit einer ganz anderen Sicherheit in Arztgespräche, kann gezieltere Fragen stellen und informiertere Entscheidungen treffen.
Gesundheitsversorgung verändert sich nicht nur in Arztpraxen.
Sie verändert sich auch dann, wenn Patientinnen beginnen, die richtigen Fragen zu stellen.
Welche Herausforderungen begegnen Ihnen bei der Entwicklung einer Digital-Health-Lösung für ein Thema, über das noch immer zu wenig gesprochen wird?
Die größte Herausforderung ist heute nicht die Technologie.
Sie ist die Finanzierung.
All-Female-Founding-Teams erhalten in Deutschland bis heute weniger als zwei Prozent des Venture-Capital-Fundings. Gleichzeitig entstehen genau hier Lösungen für Märkte, die jahrzehntelang übersehen oder unterschätzt wurden.
Wir sehen unsere Perspektive dabei als besondere Stärke.
Wir entwickeln keine Lösung für eine Zielgruppe, die wir beobachten.
Sondern wir entwickeln sie gemeinsam mit Frauen, die wir selbst sind.
Gleichzeitig entsteht AEYA nicht nur aus persönlicher Erfahrung. Gemeinsam mit unserem interdisziplinären Medical- und Advisory Board und unserer Community verbinden wir wissenschaftliche Evidenz, medizinische Expertise und die Lebensrealität unserer Nutzerinnen.
Genau diese Kombination macht aus unserer Sicht die besten Gesundheitslösungen möglich.
Wie wichtig sind Datenschutz und der verantwortungsvolle Umgang mit sensiblen Gesundheitsdaten für die Entwicklung von AEYA?
Gesundheitsdaten gehören zu den sensibelsten Daten überhaupt.
Vertrauen ist deshalb die Grundlage jeder digitalen Gesundheitslösung.
Datenschutz ist für uns kein nachgelagerter Prozess, sondern Teil der Produktentwicklung.
Gleichzeitig gilt: Technologie allein reicht im Gesundheitsbereich nicht aus.
Jede Weiterentwicklung unserer Plattform basiert auf wissenschaftlicher Evidenz und wird gemeinsam mit unserem Medical- und Advisory Board eingeordnet.
KI kann Muster erkennen.
Medizinische Expertise sorgt dafür, dass diese Erkenntnisse verantwortungsvoll genutzt werden.
Welche nächsten Funktionen und Entwicklungsschritte stehen bei AEYA aktuell im Fokus?
Aktuell entwickeln wir unsere KI konsequent weiter.
Heute erkennt AEYA bereits individuelle Muster.
Langfristig soll daraus eine tägliche Gesundheitsbegleiterin entstehen, die den gesamten Kontext einer Frau versteht und personalisierte Empfehlungen gibt – nicht nur auf Basis einzelner Symptome, sondern unter Berücksichtigung ihres gesamten Lebens.
Parallel bauen wir unsere wissenschaftlichen Inhalte, unsere Community und unsere Kooperationen mit Expertinnen und Experten kontinuierlich aus.
Denn wir glauben, dass die besten Gesundheitsprodukte nicht hinter verschlossenen Türen entstehen, sondern gemeinsam mit Wissenschaft und den Frauen, für die wir sie entwickeln.
Wie sehen Sie die Zukunft der digitalen Frauengesundheit, und welche Rolle soll AEYA dabei langfristig übernehmen?
Über Jahrzehnte wurde Frauengesundheit in Forschung und Versorgung systematisch unterrepräsentiert.
Jetzt erleben wir erstmals, wie digitale Technologien und künstliche Intelligenz helfen können, individuelle Gesundheitsverläufe besser zu verstehen und Frauen kontinuierlich zu begleiten.
Wir stehen erst am Anfang dieser Entwicklung.
Unser Ziel ist nicht, die größte Perimenopause-App zu werden.
Unser Ziel ist es, die digitale Infrastruktur für die nächste Generation der Frauengesundheit aufzubauen.
Perimenopause ist dabei nicht das Ziel.
Sie ist der Anfang.
Welche drei Ratschläge würden Sie anderen Gründerinnen und Gründern geben, die mit einem Digital-Health-Startup ein gesellschaftlich relevantes Problem lösen möchten?
Erstens: Verlieben Sie sich nicht in Ihre Lösung, sondern in das Problem. Wirklich relevante Unternehmen entstehen dort, wo echte Probleme gelöst werden.
Zweitens: Entwickeln Sie gemeinsam mit Ihren Nutzerinnen und Nutzern. Kein Pitchdeck ersetzt ehrliches Feedback aus dem Alltag.
Und drittens: Denken Sie größer als Ihr erstes Produkt. Die erfolgreichsten Unternehmen bauen keine App – sie verändern einen Markt.
Fotocredits: Sebastian Donath
Wir bedanken uns bei den Gründerinnen Camilla Rando, Doreen Schwanck und Dr. Julia Binder für das Interview
Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.














