BLP Digital entwickelt KI-Lösungen für ERP-Prozesse und unterstützt Unternehmen dabei, komplexe Geschäftsabläufe effizienter, transparenter und automatisierter zu steuern
Wie ist BLP Digital entstanden und welchen Hintergrund bringen Sie als Gründer mit?
Mein Bruder Sven und ich sind bereits mit Entrepreneurship und Software aufgewachsen. Unsere Eltern haben mit BLP Software ein ERP-Unternehmen aufgebaut. Dadurch waren operative Abläufe, Systemlandschaften und die Frage, wie Firmen im Alltag wirklich funktionieren, bei uns zu Hause sehr präsent.
Trotzdem war es nie unser Plan, einfach das Familienunternehmen zu übernehmen. Ich habe Engineering studiert und später in der Strategieberatung gearbeitet. Sven wiederum kam über seine Forschung an der ETH Zürich tief mit Machine Learning in Kontakt. Erst durch diese technologische Perspektive sind wir wieder in Richtung ERP gegangen, weil wir dort ein Problem gesehen haben, das wir aus der Praxis schon sehr gut kannten. Diese Kombination hat auch BLP Digital geprägt: technologische Tiefe, ein sehr konkretes Prozessverständnis und früher Zugang zu Unternehmen, die mit genau diesen Herausforderungen arbeiten. Unser Ziel ist, nicht nur ein interessantes KI-Produkt zu bauen, sondern ein reales operatives Problem zu lösen.
Was hat Sie dazu motiviert, sich mit KI-Lösungen für Finanz und ERP Prozesse zu beschäftigen?
Der Bedarf für unsere Lösung entsteht aus mehreren Richtungen. Unternehmen müssen mit weniger verfügbaren Fachkräften immer mehr operative Arbeit bewältigen. Gleichzeitig sind Lieferketten, Einkaufsprozesse und Finanzprozesse in den letzten Jahren komplexer und volatiler geworden. Genau das sieht man in ERP-nahen Prozessen sehr deutlich. Viele Unternehmen haben in ERP-Systeme, Workflows, RPA oder Dokumentenerkennung investiert. Trotzdem bleiben täglich einzelne Aufgaben im System hängen, weil Informationen fehlen, Daten nicht zusammenpassen oder Geschäftsregeln nicht eindeutig greifen. Das ist dann nicht einfach manuelle Arbeit. Es ist operative Ausnahmebehandlung in großem Umfang.
Unsere Motivation war deshalb: Wenn KI in Unternehmen wirklich Wirkung entfalten soll, dann muss sie genau dort ansetzen. Nicht nur als Assistent am Rand des Prozesses, sondern dort, wo Arbeit tatsächlich stecken bleibt und wirtschaftlicher Impact entsteht.
Welche Vision verfolgt BLP Digital im Hinblick auf den Einsatz von Agentic AI in Unternehmen?
Unsere Vision ist, dass Unternehmen ihre Kernprozesse deutlich autonomer, zuverlässiger und messbarer ausführen können. Agentic AI bedeutet für uns nicht, einfach einen großen KI-Assistenten auf ein komplexes Problem anzusetzen. Es geht darum, spezialisierte KI-Agenten in klar definierte operative Aufgaben einzubetten. Jeder Agent übernimmt einen kontrollierten Teil eines Prozesses: Kontext prüfen, Regeln anwenden, Informationen abgleichen, Entscheidungen vorbereiten oder nächste Schritte auslösen.
Der Mensch bleibt dabei an den richtigen Kontrollpunkten eingebunden. Gerade in sensiblen ERP- und Finanzprozessen ist das entscheidend. KI soll nicht unkontrolliert handeln, sondern operative Arbeit übernehmen, Transparenz schaffen und Unternehmen helfen, Prozesse schneller und verlässlicher auszuführen.
Wie genau funktioniert die Agentic AI-basierte Lösung von BLP Digital in der Praxis?
BLP Digital arbeitet als ERP-nahe Ausführungsschicht für dokumentengetriebene und ausnahmeintensive Unternehmensprozesse. Der erste Schritt ist, dass unsere Plattform Dokumente und ERP-Daten versteht. Ein Dokument nur auszulesen reicht jedoch nicht, wenn der nächste Mensch anschließend wieder prüfen muss, ob die Daten zur Bestellung, zur Lieferung, zum Vertrag oder zu den Regeln im ERP-System passen. Deshalb verbindet BLP Digital Dokumentenverständnis, ERP-Kontext, Prozesslogik, Unternehmensregeln und spezialisierte KI-Agenten. Wenn ein Vorgang dem Standardfall entspricht, kann er automatisch weiterlaufen. Wenn jedoch eine Ausnahme entsteht, erkennt die Plattform den Kontext, prüft relevante Informationen und stößt den nächsten sinnvollen Schritt an.
Ein Beispiel aus der Rechnungsverarbeitung: Eine Rechnung kommt rein, aber der Preis stimmt nicht exakt mit der Bestellung überein oder eine Information fehlt. Klassische Automatisierung stoppt hier oft oder leitet den Fall zur manuellen Klärung weiter. BLP Digital kann die Abweichung einordnen, relevante ERP-Daten prüfen, Regeln anwenden und den Fall entweder automatisch weiterführen oder gezielt an die richtige Person eskalieren.
Welche Unternehmen sprechen Sie mit Ihrem Angebot an und welche konkreten Probleme lösen Sie dort?
Wir sprechen vor allem mittelständische und große Unternehmen an, die mit ERP-Systemen arbeiten und ein hohes operatives Prozessvolumen haben. Besonders relevant ist BLP Digital zudem für Branchen wie Manufacturing, Retail und andere Unternehmen mit komplexen Lieferketten, vielen Belegen und gewachsenen Systemlandschaften. Unsere typischen Anwender haben mehrere ERP-Systeme, internationale Einheiten und viele operative Ausnahmen. Genau dort entstehen täglich tausende Fälle, die klassische Automatisierung oft nicht sauber abbilden kann: Preise stimmen nicht überein, Bestellbestätigungen weichen von Bestellungen ab, Liefermengen passen nicht, Rechnungen lassen sich nicht automatisch zuordnen oder Informationen fehlen.
BLP Digital hilft diesen Unternehmen, solche Ausnahmen in Finance, Procurement, Logistics und Sales schneller, kontrollierter und skalierbarer zu bearbeiten. Unsere Plattform verbindet dabei Dokumente, ERP-Daten, Prozesslogik und spezialisierte KI-Agenten, damit operative Prozesse nicht bei jedem Sonderfall ins Stocken geraten.
Wie gelingt es BLP Digital, mit KI-Agenten messbare Effekte in Bilanzkennzahlen zu erzielen?
Der Effekt entsteht, weil wir sehr nah an den Prozessen arbeiten, die finanzielle Kennzahlen direkt beeinflussen. Wenn Rechnungen schneller und korrekter verarbeitet werden, verbessert das beispielsweise Skonto-Nutzung, Transparenz über Verbindlichkeiten und Working Capital Management. Wenn Abweichungen in Procurement oder Logistics schneller gelöst werden, sinken Prozesskosten und operative Reibung. Zudem entsteht ein direkter Produktivitätsgewinn, wenn Teams weniger manuell nachfassen müssen.
Wir sehen bei Kunden typischerweise Produktivitätssteigerungen im Bereich des fünf- bis zehnfachen in relevanten Workflows. Gleichzeitig geht es nicht nur um Kosten. Es geht auch um Kontrolle, Nachvollziehbarkeit und Prozessqualität.
Viele Anbieter sprechen noch über Pilotprojekte. Warum ist BLP Digital bereits einen Schritt weiter?
Wir haben sehr früh entschieden, nicht für Demo-Szenarien zu bauen, sondern für produktive Unternehmensprozesse. Schon in den ersten Projekten haben wir mit realen Kundendaten gearbeitet und sehr eng mit den Fachabteilungen validiert, ob die Lösung im Alltag funktioniert. Ein wichtiger Teil davon ist unser Proof of Value. Unternehmen müssen nicht monatelang theoretisch evaluieren, welchen Effekt BLP Digital haben könnte. Wir zeigen anhand echter Prozessdaten innerhalb von rund einer Woche, welcher konkrete Wert realistisch erreichbar ist, wo Automatisierung greift und welche Ausnahmen im Prozess den größten Hebel bieten.
Damit schaffen wir einen sehr risikoarmen Einstieg in eine KI-Initiative in einem kritischen Geschäftsbereich. Unternehmen sehen schnell, wo der Business Case Resultate erzielt. Gleichzeitig ist die Umsetzung bewusst pragmatisch aufgebaut: BLP Digital lässt sich typischerweise innerhalb weniger Monate produktiv einführen und benötigt nur sehr begrenzte IT-Ressourcen auf Kundenseite. Heute ist BLP Digital bei mehr als 500 Unternehmen in über 40 Ländern im Einsatz. Unsere Plattform verarbeitet täglich mehr als 21 Millionen Ausnahmen und bietet mehr als 30 ERP-Integrationen. Das ist ein anderer Reifegrad als ein isolierter KI-Pilot, der auf einem begrenzten Datensatz gut funktioniert.
Was unterscheidet BLP Digital im Markt für KI-Lösungen im Finanz- und ERP-Umfeld besonders?
Ich glaube, der wichtigste Unterschied ist unser Ausgangspunkt. Wir kommen nicht aus der Problemstellung heraus „Wie bringen wir KI in einen bestehenden Prozess?“ Uns bewegt die Frage: „Was muss passieren, damit ein Unternehmensprozess wirklich weiterläuft?“ Das klingt ähnlich, ist aber ein großer Unterschied. Viele Lösungen optimieren einzelne Schritte. BLP Digital ist breiter angelegt: Wir betrachten den gesamten operativen Vorgang und bauen die Technologie so, dass sie in der Realität großer Unternehmen funktioniert.
Dazu gehört auch, dass wir sehr tief in die Systemlandschaft gehen. Denn ERP-Prozesse sind nicht isoliert. Sie hängen an Stammdaten, Regeln, Verantwortlichkeiten, Historie und vielen kleinen Entscheidungen, die ein Unternehmen über Jahre aufgebaut hat. Genau diese Tiefe ist schwer nachzubauen.
Welche Herausforderungen begegnen Ihnen bei der Einführung von KI in sensiblen Kernprozessen?
Die erste Herausforderung ist Vertrauen. In Finanz- und ERP-nahen Prozessen reicht es nicht, wenn eine KI „meistens richtig“ liegt. Unternehmen müssen verstehen können, welche Daten genutzt werden, wie Ergebnisse zustande kommen und wann ein Mensch eingebunden wird. Die zweite Herausforderung ist Integration. Eine KI-Initiative darf nicht zu einem großen IT-Projekt werden, das erst nach vielen Monaten greifbare Ergebnisse liefert. Gerade deshalb investieren wir stark in standardisierte Integrationen und eine Umsetzung, die mit sehr begrenzten IT-Ressourcen auf Kundenseite auskommt.
Die dritte Herausforderung ist Veränderung im Arbeitsalltag. Wenn KI operative Arbeit übernimmt oder vorbereitet, verändert sich auch die Rolle der Teams. Das muss sauber eingeführt werden. Die besten Ergebnisse entstehen dort, wo Fachbereiche früh eingebunden sind und schnell sehen, dass die Lösung ihnen Arbeit abnimmt, statt zusätzliche Komplexität zu schaffen.
Wie reagieren große Unternehmen wie Migros oder Edeka auf den Einsatz Ihrer Technologie?
Diese Unternehmen reagieren sehr pragmatisch. Sie wollen keine abstrakte KI-Diskussion führen, sondern sehen, ob eine Lösung in ihrer Realität funktioniert. Deshalb ist es für sie wichtig, mit echten Daten zu arbeiten und den potenziellen Effekt früh messbar zu machen. Was gut ankommt, ist die Kombination aus schneller Validierung und produktionsnaher Umsetzung. Unternehmen sehen dann innerhalb kurzer Zeit, wo der Wert liegt, und können danach sehr konkret entscheiden, welche Prozesse sie priorisieren.
Bei großen Kunden entsteht Vertrauen vor allem durch Nachvollziehbarkeit und Verlässlichkeit. Wenn eine Lösung in einem kritischen Bereich funktioniert, steigt schnell das Interesse, weitere Use Cases anzuschließen. Der Einstieg ist oft bewusst fokussiert, aber die Perspektive wird danach breiter.
Welche nächsten Entwicklungsschritte plant BLP Digital in den kommenden Jahren?
Wir planen in den kommenden Jahren sehr ambitioniertes Wachstum. Das betrifft Umsatz, Kundenbasis, internationale Präsenz und die Breite unserer Plattform. Ein großer Fokus liegt dabei auf Customer Expansion. Parallel dazu bauen wir unsere internationale Präsenz deutlich aus. BLP Digital kommt aus der Schweiz, ist heute aber bereits bei mehr als 500 Kunden in über 40 Ländern im Einsatz. In den nächsten Jahren wollen wir vor allem in Europa weiter skalieren und den US-Markt deutlich stärker aufbauen.
Produktseitig werden wir die Plattform weiter ausbauen: Mehr Prozesse, mehr Integrationen, stärkere Agenten und noch mehr Fähigkeit, komplexe Unternehmensabläufe kontrolliert auszuführen. Unser Ziel ist, BLP Digital als führende Plattform für Agentic AI in ERP-nahen Geschäftsprozessen zu etablieren.
Welche drei Ratschläge geben Sie Gründerinnen und Gründern im Bereich KI und B2B-Software?
Erstens: Versteht das Problem besser als alle anderen. Gerade im B2B reicht es nicht, eine gute Technologie zu haben. Man muss die Prozesse, Nutzer, Systeme und wirtschaftlichen Prioritäten der Kunden wirklich verstehen.
Zweitens: Baut für den Alltag, nicht für den Pitch. Eine KI-Demo kann schnell gut aussehen. Der Unterschied entsteht, wenn eine Lösung jeden Tag in echten Prozessen funktioniert und Kunden ihr vertrauen.
Drittens: Macht den Kundennutzen früh messbar. Unternehmen investieren dann in KI, wenn sie den Wert nachvollziehen können. Wer mit echten Daten schnell zeigen kann, was möglich ist, schafft Vertrauen und beschleunigt den Weg von der Idee in die produktive Nutzung.
Bild von links nach rechts: Tim Beck, Thore Harmut, Sabrina Schenardi und Sven Beck Bildcredits BLP Digital
Wir bedanken uns bei Tim Beck für das Interview
Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.
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