Mit einer Kombination aus haptischen Bedienelementen und digitaler Biografiearbeit möchte das Startup meelo die Begleitung von Menschen mit Demenz nachhaltig verändern und Angehörigen im Pflegealltag echte Entlastung bieten.
Wie entstand die Idee zu meelo, und welcher persönliche Antrieb hat Sie dazu bewegt, sich mit dem Thema Demenz auseinanderzusetzen?
Die Idee zu meelo entstand während meines Masterstudiums in Strategischer Gestaltung. Dabei erkannte ich, dass wirksame nichtmedikamentöse Ansätze wie Biografiearbeit und musikalische Aktivierung im Pflegealltag häufig zu spät oder gar nicht eingesetzt werden. So bleibt wertvolles Potenzial ungenutzt: Menschen mit Demenz zu aktivieren, ihre Identität zu stärken und Familien zu verbinden. Obwohl die positive Bedeutung vertrauter Musik, Stimmen und Erinnerungen gut untersucht ist, fehlt bislang eine einfache Lösung für das häusliche Umfeld. Genau dort setzt meelo an.
Welche Erfahrungen und Kompetenzen bringen die Gründerinnen in den Aufbau von meelo ein?
Wir sind ein interdisziplinäres Women-Power-Team mit einem gemeinsamen Antrieb: mit meelo einen echten gesellschaftlichen Mehrwert schaffen. Elodie bringt Erfahrung aus der Innovationsberatung sowie Expertise in Strategie, Kommunikation und Geschäftsaufbau ein. Magdalena ergänzt das Team mit langjähriger Erfahrung in Produktmanagement und Service Design – und kennt das Thema Demenz aus persönlicher Betroffenheit. Divya verantwortet als CTO die technologische Umsetzung und bringt Expertise in Informatik, Embedded Software und Machine Learning mit.
Welche Vision verfolgen Sie mit meelo, und wie möchten Sie die Begleitung von Demenz langfristig verändern?
Unsere Vision ist eine hochgradig personalisierte Aktivierung auf Basis der eigenen Biografie. Technologie und KI machen persönliche Inhalte einfach und nutzerorientiert zugänglich, bleiben dabei aber bewusst im Hintergrund. Langfristig soll meelo zum Standard für personalisierte, nichtmedikamentöse Begleitung zu Hause und in Pflegeeinrichtungen werden – mit echtem Mehrwert für Betroffene, Angehörige und Pflegekräfte.
Welche Bedürfnisse von Angehörigen standen bei der Entwicklung von meelo besonders im Fokus?
Viele Angehörige erleben, wie der geliebte Mensch zunehmend hinter der Diagnose verschwindet. Gemeinsame Zeit wird von Organisation und Pflege bestimmt, während Gespräche, Nähe und unbeschwerte Momente verloren gehen. Gleichzeitig fehlen oft Wissen und Sicherheit, um angemessen zu reagieren. Der zentrale Need ist deshalb nicht nur Beschäftigung, sondern echte Verbindung. meelo macht Persönlichkeit und Biografie wieder zugänglich, schafft individuelle Kommunikations- und Aktivierungsimpulse und hilft Angehörigen sowie Pflegenden, den Menschen hinter diversen Verhaltensweisen besser zu verstehen beziehungsweise gezielt zu beruhigen.
Wie gelingt es Ihnen, Technologie so zu gestalten, dass sie auch im Alltag älterer Personen leicht zugänglich bleibt?
Innovation bedeutet für uns, moderne Technologie so einzusetzen, dass sie sich vertraut anfühlt. meelo ist eine intuitive Audiobox, die an ein klassisches Radio erinnert: Erinnerungsscheibe auflegen und zuhören. Wir entwickeln sie gemeinsam mit Menschen mit Demenz, damit sich die Technologie ihrem Alltag anpasst und nicht umgekehrt.
meelo setzt auf die Verbindung von haptischen Elementen und digitalen Erinnerungen. Warum war dieser Ansatz für Sie der richtige Weg?
Dieser Ansatz war für uns der richtige, weil beide Welten ihre eigenen Stärken haben: Digital lassen sich biografische Inhalte einfach sammeln, strukturieren und aufbereiten. Haptische Elemente schaffen dagegen einen vertrauten, niedrigschwelligen Zugang. Schließlich bilden die Erinnerungsscheiben die Brücke zwischen dem digitalen Erinnerungsarchiv und dem analogen Erleben. Ihre Formen und Oberflächen setzen sensorische Impulse und machen digitale Erinnerungen greifbar. So wird aus Technologie ein realer, gemeinsamer Moment.
Welche Bedeutung haben persönliche Erinnerungen, Fotos und Stimmen für das Wohlbefinden von Betroffenen?
Persönliche Erinnerungen geben Orientierung, schaffen emotionale Sicherheit und machen den Menschen hinter der Diagnose sichtbar. Zusätzlich fördern vertraute Klänge, Stimmen und Inhalte das Wohlbefinden, regen die Kommunikation an und schaffen Nähe. Wichtig ist es zu sagen, dass es nicht darum geht, Erinnerungen korrekt abzurufen, sondern um das Gefühl, das sie auslösen. Denn das Gehirn wird dement – nicht das Herz.
Mit welchen Herausforderungen sehen Sie sich beim Aufbau von meelo und der Entwicklung neuer Lösungen konfrontiert?
Neben den typischen Herausforderungen einer Gründung bringt das Thema Demenz ganz eigene Anforderungen mit sich. Jede Erkrankung und jede Familie erlebt den Verlauf anders. Gleichzeitig wird häufig erst darüber gesprochen, wenn die Belastung bereits groß ist, wodurch der Zugang zur Zielgruppe besonders behutsam erfolgen muss. Unsere wichtigste Aufgabe ist es deshalb, Vertrauen zu schaffen, zuzuhören und den Mehrwert biografischer Aktivierung verständlich und ohne Druck erlebbar zu machen und in die Welt zu kommunizieren.
Welche Rolle spielen Pflegeeinrichtungen bei der Weiterentwicklung Ihres Angebots?
Pflegeeinrichtungen sind für uns zentrale Entwicklungspartner. Sie wissen aus der Praxis, welche Aktivierungen funktionieren, welche Inhalte gebraucht werden und wie sich meelo in den Betreuungsalltag integrieren lässt. Dieses Wissen möchten wir von Anfang an einbeziehen, damit meelo Menschen vom häuslichen Umfeld bis in die professionelle Pflege begleiten kann. Denn das gemeinsame Ziel bleibt überall gleich: Betroffene zu aktivieren und zu beruhigen sowie Angehörige und Pflegekräfte zu entlasten.
Was macht meelo aus Ihrer Sicht einzigartig im Vergleich zu anderen digitalen Lösungen im Pflege- und Gesundheitsbereich?
meelo ist ein personalisiertes Begleitsystem, das kontinuierlich unterstützt, statt erst reaktiv einzugreifen. Aus biografischem Wissen entstehen individuelle Aktivierungsimpulse, die zu Hause und in Pflegeeinrichtungen einfach zugänglich sind, ohne digitale Hürden und weitgehend unabhängig von verfügbaren Personalressourcen. meelo schafft Verbindung, entlastet Angehörige und Pflegekräfte und bewahrt etwas, das im Verlauf der Erkrankung zunehmend verloren zu gehen droht: die Identität des Menschen hinter der Diagnose.
Welche nächsten Schritte und Entwicklungen stehen bei meelo in den kommenden Monaten im Mittelpunkt?
Aktuell befinden wir uns mitten in der Pilotphase mit 20 Familien. Mit ihrem Feedback validieren wir die letzten Produktannahmen und entwickeln Box und App iterativ weiter. Parallel bauen wir unsere Community auf, kümmern uns um Themen rund um die Produktion und suchen nach passenden Investoren und Finanzierungsmöglichkeiten. Unser klares Ziel: Bis Ende des Jahres machen wir aus dem pilotfähigen Prototyp ein marktreifes Produkt, das überzeugt und wirkt.
Welche drei Ratschläge würden Sie Gründerinnen und Gründern geben, die mit ihrem Startup eine gesellschaftliche Herausforderung lösen möchten?
Zuhören, ausdauernd sein und nicht versuchen, das gesamte Problem von Anfang an zu lösen. Eine große Vision gibt Orientierung und hält die Motivation lebendig. Aber man sollte sie Schritt für Schritt umsetzen. Dabei sollte man sich Unterstützung holen und Menschen ins Team oder Netzwerk aufnehmen, die fehlende Perspektiven und Kompetenzen ergänzen. Oft beginnt die Wirkung schon viel früher als gedacht: Allein die Sichtbarmachung eines wichtigen Themas kann das Denken einzelner Menschen verändern und einen kleinen Stein ins Rollen bringen.
Bildcredits meelo
Wir bedanken uns bei Elodie Keller für das Interview
Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.














