Der Arbeitstag beginnt für viele Gründerinnen und Gründer mit dem Handy in der Hand, noch vor dem ersten Kaffee. Die erste Kundenfrage kommt vor dem Aufstehen, um neun steht die Entscheidung an, die über das Quartal mitbestimmt. Der Kopf ist längst im Betrieb, der Körper läuft ungefragt mit. Im Leistungssport wäre dieser Start undenkbar. Dort geht niemand ohne Warm-up auf das Feld.
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Wohin der Druck geht
Zwischen der Gründung und dem Moment, in dem ein Unternehmen trägt, sammelt sich einiges an: Entscheidungen mit zu wenig Daten, Sichtbarkeit, Absagen, Konflikte im Team, Verantwortung für Menschen, die von diesem Unternehmen leben.
Das bleibt nicht im Kopf. Es geht in den Kiefer, in die Schultern, in die Atmung, in die Stimme. Der Kiefer arbeitet dabei selten allein. Er zieht die Schultern hoch, die Schultern verkürzen die Atmung, und die verkürzte Atmung hält das Nervensystem in Bereitschaft. Wer sich vor einem Pitch die Schultern lockert und den Kiefer stehen lässt, macht die halbe Arbeit.
Woran Sie es bei sich merken
Die Anzeichen sind unspektakulär und werden deshalb übersehen. Der Kiefer ist morgens schwer, obwohl die Nacht ruhig war. Die Stimme sitzt am Nachmittag höher als am Vormittag. Nach einem langen Videocall brennen die Augen, und der Blick braucht einen Moment, bis er die Ferne wieder erfasst.
Ein einfacher Test für zwischendurch: Wo ist gerade Ihre Zunge? Bei den meisten Menschen liegt sie fest am Gaumen, die Zähne stehen aufeinander, und beides fällt erst auf, wenn jemand danach fragt. Das ist kein Zeichen von Schwäche. Es ist ein Körper, der seit Stunden im Bereitschaftsmodus steht, ohne dass ihn jemand daraus entlassen hat.
Warum ausgerechnet das Gesicht
Im Gesicht enden viele Muskeln nicht an einem Knochen, sondern in der Haut. Deshalb ist dort jede Anspannung zu sehen, lange bevor jemand darüber spricht. Für Gründerinnen und Gründer ist das doppelt relevant, weil ein großer Teil ihrer Arbeit aus Gesprächen besteht, in denen andere genau diese Fläche lesen: Investoren, Kundinnen, das eigene Team.
Interessanter ist die Gegenrichtung. Die Forschung zum Facial Feedback beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Frage, ob das Gesicht nur meldet, wie es einem geht, oder daran mitwirkt.
Was eine aktuelle Studie zeigt
Im Mai 2026 hat ein Team um M. Axel Wollmer von der Asklepios Klinik Nord Hamburg in „Frontiers in Psychiatry“ eine randomisierte kontrollierte Studie veröffentlicht. Ein tägliches Gesichtstraining senkte bei leichter bis mittelschwerer Depression die Symptomschwere deutlich stärker als eine Ruheübung. Ausgewertet wurden 36 Teilnehmende, die kleine Fallzahl nennen die Autoren selbst als Einschränkung.
Ein solches Training ersetzt weder Therapie noch ärztliche Behandlung. Es zeigt aber, dass die Richtung vom Gesicht zum Befinden inzwischen ernst genommen wird, und nicht nur die umgekehrte.
Führung fängt eine Etage tiefer an
Klassische Führungstrainings arbeiten am Verhalten und an der Kommunikation. Die Etage darunter bleibt meistens unbesetzt. Was macht Ihr Kiefer, wenn ein Investorengespräch kippt? Was passiert mit Ihrer Stimme, wenn Sie einer Mitarbeiterin absagen müssen?
Dafür gibt es inzwischen eigene Formate. Leadership4Presence zum Beispiel setzt genau an dieser Stelle an: am Kiefer, an der Atmung, an der Stimme, bevor es um Gesprächsführung geht. Führung beginnt nicht im Meeting und nicht auf der Bühne, sondern in dem Moment, in dem jemand den eigenen Körper, die eigene Stimme und das eigene Nervensystem führen kann. Eine Unternehmenskultur verändert sich selten über Leitbilder. Sie verändert sich über Menschen, die unter Druck bei sich bleiben.
Vier Minuten vor dem ersten Telefonat
Ein Warm-up für das Nervensystem braucht keine halbe Stunde. Vier Minuten reichen, wenn sie vor dem ersten Telefonat liegen.
Lösen Sie den Kiefer. Zähne auseinander, die Zunge löst sich vom Gaumen, der Unterkiefer sinkt ein Stück. Halten Sie das zwei, drei Atemzüge lang und beobachten Sie, was die Schultern von allein machen.
Verlängern Sie die Ausatmung. Durch die Nase ein, doppelt so lang wieder aus, fünfmal. Das ist die einfachste Art, dem Körper zu melden, dass gerade niemand angreift.
Aktivieren Sie die Wangen. Die Mundwinkel breit ziehen und die Augen mitnehmen, zehn Sekunden, dreimal. Die Muskeln, die zu einem echten Lächeln gehören, sitzen um die Augen und nicht um den Mund.
Stellen Sie den Blick weit. Einmal aus dem Fenster schauen, so weit es geht. Ein Blick, der den ganzen Tag nur 40 Zentimeter weit reicht, hält den Körper in Bereitschaft.
Weniger Arbeit wird es dadurch nicht. Aber der Tag beginnt im eigenen Tempo statt im Reaktionsmodus. Für ein Unternehmen im Aufbau ist das kein Wellness-Thema. Es ist Betriebsmittel.
Bildunterschrift: Renée Ambarees Isermann, Gründerin von Yoga4Face®. Foto: Anja Schnell
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