Mittwoch, August 19, 2026
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Humor ist so erfolgreich, weil er das Schwere transportiert, ohne selbst schwer zu sein

Humor habe in ihrer Familie immer eine große Rolle gespielt, sagt die Comedienne und Ärztin Anissa Loucif. Vieles wurde mit Humor ausgedrückt oder auch in Humor umgewandelt. Darüber – und über Gesellschaftskritik und ihr Kopftuch – spricht Anissa Loucif im Interview mit herCAREER. Und wie gut diese Dinge zusammenpassen.

„Das Kopftuch ist ein Kleidungsstück, aber für mich ist es auch ein Stück weit Rebellion.“

herCAREER: Anissa, dein Buch heißt „Kopftuchmädchen“. Was sehen die Menschen in deinem Kopftuch?

Anissa Loucif: Diese Reaktionen sind widersprüchlich: Das Kopftuch macht mich scheinbar entweder zu einer unterdrückten Frau oder aber zu einer gefährlichen Frau. Gegen diese Zuschreibungen möchte ich mich abgrenzen. Das Kopftuch ist ein Kleidungsstück, aber für mich ist es auch ein Stück weit Rebellion. Es ist meine Art zu sagen: „Schaut her, ich bin Ärztin, ich bin ein integrer Teil dieser Gesellschaft und ich entspreche nicht euren Vorurteilen.”

herCAREER: Du schreibst, dass du dich selbst entschieden hast, ein Kopftuch zu tragen. Was bedeutet es für dich?

Anissa Loucif: Als ich mich dazu entschieden habe, Kopftuch zu tragen, war ich 12 oder 13 Jahre alt und hatte ein völlig anderes Verständnis von meiner Identität und meinem Umfeld als heute. Auch Deutschland hat sich seitdem sehr verändert. Ich habe miterlebt, wie meine deutsche Mutter plötzlich rassistisch angegriffen wurde, nachdem sie konvertiert war. Und gerade, weil das Kopftuch so viel Widerstand auslösen kann, habe ich nicht eingesehen, es abzulegen, um anderen einen Gefallen zu tun. Ich war und bin immer noch der Meinung, dass das Kopftuch ein Ausdruck meiner muslimischen Identität ist.

herCAREER: Welchen Einfluss hatten und haben patriarchale Strukturen auf dich?

Anissa Loucif: Ich bin zwar nicht als Frau in Algerien aufgewachsen, aber die Haltung meines Vaters hat mich dennoch stark beeinflusst. Im Buch bezeichne ich ihn auch bewusst als Patriarchen. Er hat seine Religion benutzt, um uns klein zu halten und meine Schwester, meine Mutter und mir ein schlechtes Gewissen zu machen. Das hat lange funktioniert, weil wir keine große Community hatten, die hinter uns stand und uns hätte aufklären können. Ich halte das für ein Problem, denn die muslimische Minderheit in Deutschland hat zu wenig Zugang zu einem liberalen, feministischen und demokratiefreundlichen Islam.

herCAREER: Durch die digitalen Medien müsste der Zugang zu vielfältigen Interpretationen des Korans eigentlich gewachsen sein. Du sagst aber, dass sich die Situation eher verschlechtert.

Anissa Loucif: In den sozialen Medien, gerade auf TikTok, werden radikale Imame gepusht und gehen viral. Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal hören würde, wie ein deutschsprachiger Imam sagt, es sei unter Umständen in Ordnung, Frauen zu beschneiden. (Anm. d. Red.: Sie bezieht sich auf ein Video von Abul Baraa, der vom Verfassungsschutz beobachtet wird.) Ich beobachte das mit Sorge. Aber auch bei uns dominiert der Male Gaze immer noch und gibt uns vor, wie Frau zu sein hat und was sie tragen soll. Was mich wiederum sehr freut, ist, dass sich in Deutschland etwas tut und Frauen hier, aber auch in muslimischen Ländern, immer lauter werden.

herCAREER: Du hast deinen Beruf als Anästhesistin aufgegeben, um dich ganz der Comedy zu widmen. Was hat dich dazu bewogen?

Anissa Loucif: Ich habe mir Gedanken darüber gemacht, was mir guttut. Denn ich habe beobachtet, dass im System viele Pflegende und Assistenzärzt:innen Frauen sind. Je schlechter eine Fachrichtung vergütet wird, desto mehr Frauen arbeiten dort.

herCAREER: Und umgekehrt gilt: Das Lohnniveau einer Branche sinkt, wenn der Frauenanteil steigt.

Anissa Loucif: Genau. Während der Pandemie habe ich auf der Intensivstation gearbeitet und beobachtet, wie sich die jungen Frauen für die Stationsarbeit aufgeopfert haben, während sich viele Männer vorrangig darum gekümmert haben, ihre Ausbildung durchzuboxen und vielfältige praktische Erfahrungen zu sammeln. Ich habe mich gefragt, wo ich als Mensch in diesem Gesundheitssystem bleibe. Am Ende wollte ich lieber Freude verbreiten, als täglich gegen ein System anzuarbeiten. Mein Ziel ist aber, meinen Facharzt abzuschließen, wenn mein zweites Kind etwas älter ist.

herCAREER: Und jetzt übst du Systemkritik von der Bühne aus …

Anissa Loucif: Der Erfolg mit der Comedy kam für mich eher unerwartet. Wie ich eingangs bereits erzählt habe, wollte ich vor allem zeigen, dass man mit Kopftuch erfolgreich sein kann. Mittlerweile nehme ich stärker wahr, dass das Publikum diese meine Perspektive hören will. Gerade Frauen aus meiner Diaspora spiegeln mir, wie viel es ihnen bedeutet, mich auf der Bühne zu sehen.

herCAREER: Du hast zunächst erwartet, dass dein Kopftuch an Bedeutung verlieren würde, sobald du deine Approbation hast und den Arztkittel trägst. Das ist allerdings nicht eingetreten. Wie erlebst du das auf der Comedy-Bühne und in der -Szene?

Anissa Loucif: Rückblickend war die Unterstützung groß, als ich Newcomerin war und anderen Shows etwas „Spice“ verliehen habe. Ich habe auch von vielen männlichen Kollegen positives Feedback bekommen. Ich glaube, anfangs war ich sehr gern gesehen, als „nices Add-on“, um die Show ein wenig „spicier“ und bunter zu machen. Aber jetzt, da ich eine Soloshow habe, bemerke ich, dass sich viele fragen: Kann sie eine ganze Show tragen? In Deutschland scheint mir der Tenor zu sein, dass Frauen zwar witzig sein können, aber keine echten Showmaker:innen.

herCAREER: Woran machst du das fest?

Anissa Loucif: Vielleicht beiße ich mit dieser Aussage die Hand, die mich füttert, aber ich habe mich mal damit befasst, wie viele der öffentlich-rechtlichen Comedy-Formate in der Hand von Frauen sind. Da wären Caroline Kebekus, Sarah Bosetti und, wenn man Reschke Fernsehen als Satire werten möchte, dann Anja Reschke. Parshad Esmaeili hat gerade eine neue Game-Show bekommen – und dann wird es schon dünn. Jan Böhmermann dagegen hat mittlerweile, glaube ich, sein siebtes Format (Anm. d. Red.: Drei davon werden aktuell ausgestrahlt). Bei den männlichen Kollegen habe ich das Gefühl: Man gibt ihnen eine Show und schaut dann mal, wie es läuft. Notfalls sagen sie hinterher: „Tut uns leid, haha.“

herCAREER: Was bedeutet das konkret für weibliche Comediennes?

Anissa Loucif: Eine eigene Sendung verleiht einem Künstler bzw. einer Künstlerin Legitimität. Wenn so wenige Comediennes eine bekommen, scheint die Ansicht vorzuherrschen, dass Frauen nicht die gleichen Showmaker-Qualitäten oder Funny Bones (ein angeborenes Talent für Humor) haben wie Männer. Das ist schade.

herCAREER: Was kann Humor in deinen Augen leisten?

Anissa Loucif: Humor ist ein wunderbares Mittel, um Dinge, die einen schmerzen oder unter den Nägeln brennen, auf positive Weise zu kommunizieren. Es ist schön, wenn das funktioniert. Humor ist so erfolgreich, weil er das Schwere transportiert, ohne selbst schwer zu sein. Eine gute Pointe kann und soll Spannungen lösen. Ich mache auch mal einen doofen Witz, aber ich finde Humor am schönsten, wenn eine Botschaft und eine Haltung dahinterstecken.

herCAREER: Es ist noch nicht allzu lange her, da gab es Witze-Kategorien wie „Blondinen-Witze“ oder „Ausländer-Witze“ und es war völlig normal, die zu erzählen. Wo sind für dich heute die Grenzen des (guten) Humors?

Anissa Loucif: Das ist die große Frage. Ich glaube, es ist die Aufgabe von guten Comediennes und Comedians, nah an diese Grenze heranzukommen, ohne sie zu übertreten. Wenn jemand diese Grenze überschreitet, ist der Aufschrei – zu Recht – groß. Das Problem ist: Diese Grenze ist sehr individuell. Für manche überschreite ich diese Grenze schon lange.

herCAREER: Auf welche Weise?

Anissa Loucif: Es gibt Leute, die sagen, über Religion dürfe man keine Witze machen. Viele mögen es auch nicht, dass ich Witze darüber mache, wie unglaublich deutsch mein Mann ist. Dann heißt es: „Würde das jemand umgekehrt machen, wäre das diskriminierend gegenüber Ausländern.“ Aber ich finde, man muss die Dynamik hier berücksichtigen: Ich mache als Deutsche Witze über die deutsche Mehrheitsgesellschaft. Ich habe einen Kumpel namens Erhan, der eine Behinderung hat. Wenn Erhan einen ableistischen Witz macht, hat das eine völlig andere Dynamik, als wenn ich das machen würde. Und: Persönliche Erfahrungen und Empfindungen sind sehr unterschiedlich, darum lassen sich die Grenzen des Humors nicht klar definieren.

herCAREER: Wo ziehst du deine persönliche Grenze?

Anissa Loucif: Solange der satirische Kontext klar ist, bin ich ziemlich tolerant. Ich glaube, das ist das Zauberwort: Kontext. Wenn ich als deutsch-algerische Ärztin und Muslima auf der Bühne stehe, gehe ich davon aus, dass das Publikum weiß, dass ich es nicht ernst meine, wenn ich sage, dass alle Menschen in Nordafrika Drogen verkaufen, sondern damit auf ein gängiges Vorurteil hinweisen möchte. Wenn ein Dieter Nuhr hingegen sagt, wir hätten weniger Femizide und geschlechtsbezogene Gewalt, wenn Frauen Männer erst kennenlernen würden, bevor sie mit ihnen schlafen, dann meint er das nicht satirisch, sondern ernst. Das ist eine Aussage, kein Humor. Und ja, das darf man dann auch kritisieren. Aber ich verstehe natürlich, dass es schwierig wird, wenn die Haltung des Sprechers oder der Sprecherin nicht eindeutig ist.

herCAREER: Welche Vision oder Botschaft möchtest du vermitteln?

Anissa Loucif: Wenn sich alle mal entspannen würden. Die Sache mit der Gleichberechtigung ist nicht so wild, wie es in den Medien manchmal dargestellt wird. Frauen – auch Frauen mit Kopftuch – übernehmen jetzt nicht die Weltherrschaft. Dafür haben wir weder die Mittel noch die Zeit! Aber ernsthaft: Mich nervt es zum Beispiel, wenn Frauen in langen Klamotten nicht mehr ins Schwimmbad dürfen. Burkini-Verbote begannen vor zehn Jahren in Frankreich, jetzt gibt es das auch in einzelnen Bädern in Baden-Württemberg und Bayern und in öffentlichen Bädern im Schweizer Kanton Genf. Ich mag es nicht, wenn Frauenkleidung kriminalisiert wird. Frauen dienen immer als Sündenbock.

Ich meine – wie die Leute auf Ikkimel im MoMA reagiert haben! Da rufen einige Leute nach Kinderschutz und ich möchte sie fragen: „Welche Inhalte ziehen sich Ihre Kinder auf TikTok rein?“ Niemand hat Sidos Vorbildfunktion infrage gestellt, als er mit dem Bandnamen A.i.d.S. auftauchte und die Assoziation mit einer lebensbedrohlichen Krankheit für den Effekt instrumentalisiert hat. Es wird einfach so heftig mit zweierlei Maß gemessen. Meine Vision ist es, die Leute darauf aufmerksam zu machen, dass Frauen einerseits nach wie vor von bestimmten Räumen ausgeschlossen werden, andererseits aber für alles verantwortlich gemacht werden.

Das Interview führte herCAREER-Redakteurin Kristina Appel.

Auf der herCAREER-Expo wird Anissa Loucif am 22.10.2026 über ihr Leben und die Arbeit als „Kopftuchmädchen – Zwischen Humor und Halal“ sprechen.

Bild Anissa Loucif Deutsch-algerische Comedienne, Mutter und Narkoseärztin © Marina Rosa Weigl

Quelle messe.rocks GmbH

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