nydo setzt auf Sofas mit ausdrucksstarkem Design, hochwertigen Materialien und einem direkten Vertriebsmodell. Im Interview erklärt Gründer Henk Waninge, wie er den Sofakauf vereinfachen und eine europäische Interior-Marke aufbauen möchte.
Können Sie nydo kurz vorstellen und erzählen, warum Sie ausgerechnet mit dem Sofa als erstem Produkt gestartet sind?
nydo ist eine deutsche Sofamarke, die ausdrucksstarkes, italienisch inspiriertes Design, hochwertige Materialien und langlebigen Komfort vereint. Unser Direktvertriebsmodell macht diese Qualität zu fairen Preisen zugänglich. Unsere Sofas werden auf Bestellung in Europa handgefertigt; ein verlässlicher, unkomplizierter Premium-Service gehört für uns ebenso dazu. Aktuell konzentrieren wir uns auf Sofas und Sessel; langfristig wollen wir unser Sortiment gezielt erweitern. Unsere Produkte sind direkt über den Onlineshop, in unseren Showrooms sowie über ausgewählte Handelspartner und Marktplätze wie Breuninger erhältlich.
Wir haben aus drei Gründen mit dem Sofa begonnen. Erstens ist es das emotionale Zentrum des Alltags zu Hause: Es prägt den Raum und sagt viel über die Menschen aus, die dort leben. Zweitens ist der Kauf eines hochwertigen Sofas oft unnötig teuer, umständlich und wenig persönlich. Drittens gehört es zu den größten und am sorgfältigsten abgewogenen Anschaffungen fürs zuhause. Ein Sofa soll Menschen viele Jahre begleiten und zu ihrem Alltag passen. Wenn wir bei dieser Entscheidung Vertrauen schaffen, legen wir eine gute Grundlage für weitere Produktkategorien.
Wer steht hinter nydo, und welche Erfahrungen aus Ihrer bisherigen D2C-Karriere fließen heute besonders stark in das Unternehmen ein?
Ich bin Henk Waninge, Gründer und CEO von nydo. Aufgewachsen bin ich in Gorredijk, im ländlichen Norden der Niederlande, in einer Familie, die seit Generationen Unternehmen führt. Bodenständigkeit, eine starke Arbeitsmoral und die Bereitschaft, Chancen zu ergreifen, haben mich geprägt.
Vor nydo war ich mehrere Jahre bei Emma, einer der weltweit größten D2C-Marken für Schlafprodukte. Dort habe ich zunächst den niederländischen Markt verantwortet und das Geschäft in einem der etabliertesten Märkte mehr als verdreifacht. Danach habe ich als Head of Retail Europe den stationären Vertrieb in mehreren Ländern von Grund auf aufgebaut. Dabei habe ich gelernt, wie digitales Denken und persönliche Erlebnisse vor Ort zusammenwirken müssen; eine Erfahrung, die ich heute bei nydo einbringe.
Das spiegelt sich auch in unserem Team wider: Teresa habe ich bewusst als zweite Person ins Team geholt. Sie verantwortet bei uns Marke und Kundenerlebnis und achtet sehr genau darauf, wie Kund:innen nydo tatsächlich erleben. Melle verantwortet Business Development und Growth und bringt aus seiner Zeit bei Emma einen strukturierten Blick auf die Geschäftsentwicklung mit. Nik leitet unseren operativen Bereich und war zuvor bei Westwing. Was uns verbindet: Wir haben alle erlebt, worauf es ankommt, wenn man das Kundenerlebnis konsequent in den Mittelpunkt stellt.
Mehr als 500 verkaufte Sofas im ersten Jahr sind ein wichtiger Meilenstein. Welche Erkenntnis über Ihre Kunden hat Sie dabei am meisten überrascht?
Am meisten hat mich überrascht, wie offen viele Kund:innen in Deutschland dafür sind, ein Sofa zu kaufen, ohne es vorher persönlich gesehen zu haben. Ich hatte mit mehr Zurückhaltung gerechnet. Stattdessen haben uns viele Kund:innen ihr Vertrauen geschenkt. Für mich zeigt das, dass sich auch bei größeren Anschaffungen zunehmend Vertrauen in digitale Kaufprozesse entwickelt.
Oft hören wir auch, dass Kund:innen nydo als nahbar erleben. Vielleicht liegt das an meinen niederländischen Wurzeln: Ich bin mit einer eher direkten und weniger formellen Art aufgewachsen. Das merkt man auch daran, wie unser Team mit Kund:innen spricht: auf Augenhöhe, herzlich und ohne aufgesetzt zu wirken. Dass guter Service dazugehört, war mir klar. Überrascht hat mich, wie oft Kund:innen ihn in ihren Rückmeldungen ausdrücklich erwähnen und wertschätzen.
Der Sofakauf ist häufig mit langen Lieferzeiten, großen Sortimenten und komplexen Entscheidungen verbunden. Was möchten Sie mit nydo bewusst anders machen?
Wir haben den klassischen Sofakauf Schritt für Schritt hinterfragt und uns gefragt: Muss das wirklich sein? Vieles geht auch einfacher. Konkret setzen wir an drei Punkten an:
Wir halten unser Sortiment bewusst übersichtlich. Statt immer mehr Modelle und Varianten anzubieten, konzentrieren wir uns auf Designs und Stoffe, hinter denen wir wirklich stehen. Jede Kollektion hat ihren eigenen Charakter und ihre eigene Gestaltungssprache. So geben wir Orientierung, statt Kund:innen mit einer endlosen Auswahl allein zu lassen.
Unsere Sofas werden auf Bestellung gefertigt. Deshalb kommunizieren wir realistische Lieferzeiten: Lieber nennen wir acht Wochen und halten sie ein, als zwei Wochen zu versprechen und zu enttäuschen.
Bei einer so großen Anschaffung sollen sich Kund:innen gut begleitet fühlen. Dafür bieten wir Stoffmuster für zu Hause, ehrliche Beratung im Showroom und einen 100-Tage-Probezeitraum an, um das Sofa daheim auszuprobieren. So möchten wir ihnen helfen, die für sie richtige Entscheidung zu treffen.
Sie setzen auf individuelle Konfigurationsmöglichkeiten, wollen gleichzeitig aber unnötige Komplexität vermeiden. Wie gelingt dieser Spagat?
Bei jeder Konfigurationsmöglichkeit fragen wir uns: Hilft sie Kund:innen, ein passendes Sofa zu finden, oder macht sie die Entscheidung nur komplizierter?
Maße, Stoffe, Farben und Modulkombinationen beeinflussen, ob ein Sofa zum Raum und zum Alltag passt. Deshalb bieten wir gerade hier Gestaltungsspielraum. Bei den Stoffen treffen wir eine bewusste Vorauswahl: Aus dem größeren Angebot unserer Lieferanten wählen wir Materialien und Farbtöne, die zu unseren Sofas passen, aktuelle Entwicklungen im Interior Design aufgreifen und sich im Alltag bewähren. Wir bieten lieber eine durchdachte Auswahl als möglichst viele Varianten.
Ein Sofa ist ein Produkt, das viele Kunden vor dem Kauf sehen und ausprobieren möchten. Welche Herausforderung bedeutet das für ein Direct-to-Customer-Modell?
Das ist eine der spannendsten operativen Fragen rund um unser Geschäftsmodell. Wir begegnen ihr mit verschiedenen Kanälen und jeweils passenden Abläufen
Ein Sofa möchte man oft probesitzen, Stoffe fühlen und Farben bei natürlichem Licht sehen. Das ermöglichen unsere Showrooms in München, Dreieich, Nürnberg und Schlieren bei Zürich. Stoffmuster schicken wir auf Wunsch auch nach Hause.
Die eigentliche Herausforderung ist weniger, Kund:innen für den Onlinekauf zu gewinnen, als passende Ladenflächen an den richtigen Standorten zu finden. Gute Flächen sind selten, und wenn sich eine Gelegenheit ergibt, muss man schnell sein. Deshalb freue ich mich besonders auf den nächsten Schritt: Bald eröffnen wir unseren ersten Flagship-Store in Berlin. Das ist ein wichtiger Meilenstein für uns.
Mit Breuninger arbeiten Sie inzwischen auch mit einem etablierten Retailpartner zusammen. Welche Rolle soll der stationäre Handel künftig neben Ihrem D2C-Geschäft spielen?
Wir arbeiten mit Breuninger über den Marktplatz zusammen und sind stolz darauf, dort als erste Marke Sofas und Sessel anzubieten.
Solche Partnerschaften stehen nicht im Widerspruch zu unserem Direct-to-Consumer-Modell, sondern ergänzen es. Über Handelspartner und Marktplätze wie Breuninger erreichen wir Kund:innen in einem Umfeld, das sie kennen und dem sie vertrauen.
Gleichzeitig achten wir darauf, keine zusätzlichen Vertriebsstufen zu schaffen, die den Preis erhöhen, ohne Kund:innen einen entsprechenden Nutzen zu bieten. Deshalb verbinden wir den direkten Verkauf über unseren Onlineshop mit eigenen Showrooms und Stores sowie ausgewählten Partnern. So schaffen wir verschiedene Wege zu nydo und behalten dabei den direkten Kontakt und die persönliche Betreuung im Blick.
Design, Komfort und Praktikabilität versprechen viele Möbelmarken. Wodurch soll nydo langfristig eine eigenständige Position im Markt aufbauen?
Wir wollen konsequent bei dem bleiben, wofür nydo steht, statt alles für alle sein zu wollen.
Deutsche Traditionsmarken sind oft stark mit „Made in Germany“ verbunden. Italienische Designhäuser stehen für ikonisches italienisches Design, sind aber häufig im höheren Preissegment und über klassische Handelsstrukturen angesiedelt. Viele Online-Anbieter stellen vor allem Preis und Funktion in den Vordergrund.
Mit nydo wollen wir eine Lücke im Markt schließen: Wir entwickeln Sofas mit Persönlichkeit; ausdrucksstark im Design, kompromisslos komfortabel und gemacht für das echte Leben.Dazu gehört für uns auch der direkte Draht zu unseren Kund:innen. Diese Kombination findet man am Markt bislang kaum.
Langfristige Unterscheidbarkeit entsteht nicht allein durch die Positionierung. Entscheidend ist, wie konsequent wir unseren Anspruch im Alltag einlösen: bei der Auswahl unserer Stoffe, bei durchdachten Details, in der persönlichen Beratung und in unserer offenen Kommunikation – besonders dann, wenn etwas nicht wie geplant läuft.
Sie verzichten bewusst auf künstliche Verknappung und möchten transparent mit Ihren Kunden umgehen. Warum ist Vertrauen für Ihr Geschäftsmodell so entscheidend?
Wenn Kund:innen mehrere tausend Euro für ein Sofa ausgeben sollen, das sie vor dem Kauf nicht anfassen können und das einige Wochen nach der Bestellung bei ihnen zu Hause ankommt, ist Vertrauen kein nettes Extra. Es ist die Grundlage unseres Geschäftsmodells.
Gerade in der frühen Phase unseres Unternehmens zählen vor allem zwei Dinge: Trust & Traction. Vertrauen schafft die Voraussetzung dafür, am Markt Fuß zu fassen. Die daraus entstehende Nachfrage und Resonanz bringen das Unternehmen voran. Vieles andere baut auf diesen beiden Faktoren auf.
Deshalb setzen wir auf nachvollziehbare Preise und offene Informationen. Der Preis soll das Sofa und eine faire Marge abbilden, nicht unnötige Vertriebsstufen. Mit dem 100-Tage-Probezeitraum können Kund:innen ihr Sofa zu Hause ausprobieren und herausfinden, ob es zu ihnen passt.
Vom Produkt über Logistik bis zum Kundenservice ist der Möbelmarkt operativ anspruchsvoll. Was war im ersten Jahr die größte unternehmerische Herausforderung?
Ganz ehrlich? Ich habe einmal um eine Ladenfläche verhandelt, die ich unbedingt haben wollte. Bei den weniger wichtigen Vertragsdetails habe ich zu hart verhandelt, weil ich noch das Maximum herausholen wollte – und dadurch den Standort verloren. Das hat wehgetan.
Wir waren damals nur zu dritt und hatten noch kein eigenes Team für den stationären Handel. Also führte ich die Verhandlungen selbst. Rückblickend stand ich mir dabei im Weg. Die Lektion war unangenehm, aber wichtig. Schließlich fanden wir einen noch besseren Standort, doch der Weg dorthin war alles andere als leicht. Die größere Erkenntnis daraus: Jede Stunde, die ich mit Mietvertragsverhandlungen verbringe, fehlt mir für die Marke, das Team oder die nächste Partnerschaft. Als Gründer muss ich genau abwägen, wo meine Zeit wirklich den größten Unterschied macht.
Langfristig soll aus nydo eine Home Brand entstehen. Welche Vision verfolgen Sie dabei und welche nächsten Entwicklungsschritte sind geplant?
Unsere Vision ist, nydo zu einer europäischen Interior-Marke zu entwickeln, die Design, Komfort und faire Preise selbstverständlich verbindet.
Dafür bauen wir unsere Präsenz in Deutschland, Österreich und der Schweiz mit zusätzlichen Standorten, stärkeren Partnerschaften und weiteren Investitionen ins Kundenerlebnis aus. Parallel planen wir den Markteintritt in den Niederlanden und Belgien; weitere Märkte prüfen wir mit Blick auf 2027.
Beim Sortiment gehen wir gezielt vor: Neue Kategorien müssen zu nydo passen und unseren Anspruch an Design, Qualität und Alltagstauglichkeit erfüllen. Nur dann entwickeln wir sie – mit derselben Sorgfalt wie unsere Sofas.
Welche drei Ratschläge würden Sie anderen Gründerinnen und Gründern geben, die eine D2C-Marke in einem etablierten Markt aufbauen möchten?
Erstens: Seid ehrlich darin, was das etablierte Modell nicht gut löst, und benennt es klar. Nur wenn ihr das Problem präzise beschreibt, könnt ihr überzeugend zeigen, warum eure Alternative ihr Geld wert ist.
Zweitens: Überlegt genau, welchen Stellenwert das Kundenerlebnis in eurer Kategorie hat. Ein Sofa ist das emotionale Herzstück eines Zuhauses. Man kauft es vielleicht nur alle zehn Jahre und trifft die Entscheidung sehr bewusst. Bei einer Matratze steht dagegen meist eine funktionale und oft dringliche Anschaffung im Vordergrund. Bei emotionalen, überlegten Käufen kann das Kundenerlebnis entscheidend sein.
Drittens: Jagt dem Feedback eurer Kund:innen aktiv hinterher – wartet nicht darauf, dass es von selbst kommt. Fragt sie direkt, ruft sie nach der Lieferung an und beobachtet sie in den Geschäften eurer Handelspartner: Wo zögern sie, wo hakt es, was erzählen sie anderen? Die ersten Kund:innen sind mehr als eine Umsatzquelle. Sie legen das Fundament für euer Unternehmen. Entscheidend ist, Feedback aktiv einzuholen, auszuwerten und die gewonnenen Erkenntnisse in konkrete Verbesserungen umzusetzen.
Fotocredits: nydo
Wir bedanken uns bei Hendrik Wietse Waninge für das Interview
Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.















