Mittwoch, Oktober 14, 2026
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Was Gründer:innen von Hochleistern lernen können

Gründerinnen und Gründer müssen ausdauernd, risikobereit und belastbar sein. Viele sind stolz darauf, auch unter hohem Druck immer weiterzumachen. Doch genau darin liegt die Gefahr. Wer Leistungsfähigkeit ausschließlich mit Durchhalten gleichsetzt, erkennt die eigenen Grenzen oft erst, wenn Körper oder Psyche nicht mehr mitspielen.

Was kann man als Gründer:in von Menschen lernen, für die extreme Belastungen und außergewöhnliche Leistungen zum Berufsalltag gehören? Erstaunlich viel, denn auch wenn die Tätigkeiten eines Extremsportlers, eines Big-Wave-Surfers, einer Apnoetaucherin, eines Spitzenkochs, eines Investors und eines Künstlers völlig unterschiedlich erscheinen, folgen sie erstaunlich ähnlichen Prinzipien.

Leistung beginnt mit einem eigenen Warum

Kaum ein deutscher Extremsportler steht so sehr für Ausdauer, Selbstdisziplin und mentale Stärke wie Jonas Deichmann. 120 Ironman-Distanzen an 120 aufeinanderfolgenden Tagen, ein Triathlon um die Welt, das sind nur zwei seiner zahlreichen Hochleistungsprojekte. Doch wie ist er in der Lage solche Leistungen zu erbringen? Ein wichtiger Aspekt ist, dass er sich vor jedem neuen Projekt eine einfache Frage stellt: Würde ich es auch machen, wenn es nicht mein Beruf wäre? Lautet die Antwort „Nein“, verfolgt er die Idee nicht weiter.

Für Gründer:innen ist diese Frage besonders wichtig, denn am Anfang einer Unternehmensgründung stehen die eigene Idee und die eigene Überzeugung. Doch mit der Zeit können andere Erwartungen zunehmend an Gewicht gewinnen. Investoren erwarten Wachstum. Kunden verlangen schnelle Lösungen. Mitarbeitende brauchen Sicherheit. Der Markt fordert ständige Anpassung.

So kann ein Unternehmen, das aus einer eigenen Idee entstanden ist, zunehmend fremdbestimmt werden. Somit kann die Arbeit nicht erst ihren Sinn verlieren, wenn das Geschäftsmodell scheitert. Sie verliert ihn, wenn der Gründer keinen inneren Bezug mehr zu ihr hat.

Große Ziele brauchen kleine Etappen

Eine Unternehmensgründung wird oft als Marathon beschrieben. Doch das Bild ist falsch. Ein Marathon hat eine bekannte Distanz und ein festgelegtes Ziel. Beim Aufbau eines Unternehmens verschiebt sich die Ziellinie dagegen ständig.

Deichmann betrachtet sein Leben deshalb als eine Abfolge von Sprints. Auch der Schweizer Unternehmer und Gründer von KOYO Capital, Max Meister, hält dieses Denken für Gründer:innen für überaus wertvoll. Große Vorhaben sollten in überschaubare Etappen zerlegt werden. Auf intensive Phasen müssen Zeiten folgen, in denen Kräfte gesammelt werden. Zwischenziele sind dabei mehr als ein Instrument des Projektmanagements. Sie begrenzen die Belastung. Sie schaffen Erfolgserlebnisse und ermöglichen die Frage: Wie viel Kraft brauche ich für die nächste Etappe?

Vorbereitung schafft Gelassenheit

Wer die Apnoetaucherin und Weltrekordhalterin Jennifer Wendland mit einem Atemzug in 120 Meter Tiefe tauchen sieht, könnte ihre Leistung für außergewöhnlichen Mut halten. Sie selbst beschreibt etwas anderes: jahrelange Vorbereitung und langsame Annäherung.

Auch Big-Wave-Surfer Freddy Olander verlässt sich nicht auf Mut. Vor jeder Session prüft er die Bedingungen, seinen körperlichen und mentalen Zustand, sein Selbstvertrauen und seine Angst. Stress verschwindet dadurch nicht. Er wird aber regulierbar.

Für Gründer:innen bedeutet das: Unsicherheit gehört zum Unternehmertum. Sie lässt sich nicht beseitigen. Doch gute Vorbereitung und Training können verhindern, dass jede unerwartete Entwicklung als Bedrohung erlebt wird. Wer Szenarien durchdenkt, Kompetenzen aufbaut und auf Erfahrungen zurückgreifen kann, bleibt auch unter Druck handlungsfähig.

Struktur schützt in unsicheren Zeiten

In der Spitzengastronomie herrschen Zeitdruck und hohe Qualitätsansprüche. Micha Schäfer, Culinary Director im Berliner Sternerestaurant Nobelhart & Schmutzig, begegnet diesem Umfeld mit Ordnung und Disziplin. Er unterscheidet konsequent zwischen wichtigen und unwichtigen sowie zwischen dringenden und weniger dringenden Aufgaben.

Gerade in einem Start-up wird Struktur leicht mit Bürokratie verwechselt. Dabei kann sie entlasten. Feste Abläufe, klare Prioritäten und verlässliche Routinen verringern die Zahl der Entscheidungen, die täglich getroffen werden müssen.

Leistungsfähigkeit beruht daher nicht allein auf Willenskraft. Sie ist ein System aus Gewohnheiten, Vorbereitung und einem Umfeld, das Stabilität ermöglicht.

Regeneration ist Teil der Leistung

Gründer:innen sind häufig besonders gut darin, Warnsignale zu übergehen. Erschöpfung wird als vorübergehende Schwäche gedeutet. Pausen werden verschoben, Schlaf wird verkürzt und Erholung soll irgendwann nachgeholt werden. Doch Regeneration ist kein Gegenpol zur Leistung. Sie ist ihre Voraussetzung. Deichmann plant nach intensiven Projekten bewusste Erholungsphasen ein. Wendland nimmt sich nach Wettkämpfen Zeit, ihre körperlichen und mentalen Speicher wieder zu füllen.

Grenzen wahrzunehmen ist Stärke

Langfristige Leistungsfähigkeit bedeutet deshalb nicht, immer mehr auszuhalten. Dies gilt sowohl für Extremsportler:innen, Sterneköch:innen, Apnoetaucher:innen als auch für Start-up-Gründer:innen. Sie entsteht durch den Wechsel von Leistung und Erholung, durch Selbstkenntnis und durch den Mut, Grenzen ernst zu nehmen. Außergewöhnlich leistungsfähig ist nicht, wer niemals aufhört, sondern wer weiß, wann es Zeit ist, weiterzumachen – und wann es Zeit ist, eine Pause einzulegen, um danach wieder mit voller Kraft das Ziel zu verfolgen: ein erfolgreiches Unternehmen aufzubauen.

Der Artikel basiert auf der Publikation „Die Kunst außergewöhnlicher Leistungsfähigkeit – Was Founder vom Spitzenkoch, Extremsportler, Investor und Unternehmer, Künstler und der Apnoetaucherin über Leistungsfähigkeit, Regeneration und Stress lernen können“.

Bild Die Porträtfotos für das Mosaik-Bild wurden von den Interviewten zur Verfügung gestellt. Foto © Remo Neuhaus, Foto © Freddy Olander, Foto © Jennifer Wendland, Foto © Marko Seifert, Foto © Max Meister, Foto © Jan Strempel Photography Jeppe Hein Portrait 2022

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.

Stefan Rennicke
Stefan Rennickehttps://immervel-threeplusone.com/de
Dr. Stefan Rennicke gründete das Textilunternehmen KAYA&KATO und beschäftigt sich nach einem eigenen Burn-out intensiv mit Stress, Regeneration und nachhaltiger Leistungsfähigkeit. Über seine Founder Journey hat er das Buch „Zurück nach vorn“ geschrieben, dass im Campus Verlag erschienen ist.

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