MiaoSense ist eine App, die mithilfe künstlicher Intelligenz die Körpersprache von Katzen analysiert und ihre Stimmung einschätzt. Entwickler Robert Sommer erklärt im Interview, wie die Technologie funktioniert, warum sämtliche Analysen direkt auf dem Smartphone stattfinden und welche Grenzen die KI hat.
Robert, kannst du dich und MiaoSense kurz vorstellen und erzählen, wie die Idee entstanden ist, eine App zur Einschätzung der Stimmung von Katzen zu entwickeln?
Ich bin Robert Sommer und habe MiaoSense in München entwickelt. MiaoSense ist eine Android-App zur visuellen Analyse der Stimmung von Katzen: Man richtet die Smartphone-Kamera auf eine Katze, und die App schätzt anhand der Körpersprache ein, in welcher Stimmung das Tier gerade ist. Anfangs war ich nur neugierig, ob KI die Mimik und Körpersprache von Katzen überhaupt auswerten kann. Mit der Zeit verstand ich, was möglich sein würde, und entschloss mich dazu, ein entsprechendes Projekt zu konzipieren, zu entwickeln und schließlich sogar auf den Markt zu bringen.
Welche persönlichen Erfahrungen oder Beobachtungen haben dich dazu gebracht, dich mit der Körpersprache von Katzen zu beschäftigen und daraus eine digitale Anwendung zu entwickeln?
Auch wenn wir selbst schon seit einigen Jahren Katzen haben und uns auch recht gut damit auskennen, so kann es gerade für Anfänger in der Katzenhaltung oder Menschen, die noch davor stehen, sich eine oder mehrere Katzen anzuschaffen, durchaus eine Herausforderung sein, die Körpersprache von Katzen einzuschätzen. Daher will ich ihnen mit MiaoSense ein Hilfsmittel an die Hand geben, die Stimmung ihrer Katze einzuschätzen.
MiaoSense nutzt künstliche Intelligenz, um anhand der Körpersprache die Stimmung einer Katze einzuschätzen. Wie funktioniert die Analyse und welche Verhaltensmerkmale berücksichtigt die App dabei?
Zunächst einmal muss die App die Katze im Kamerabild erkennen: Ist überhaupt etwas im Kamerabild, und ist das, was dort zu sehen ist, überhaupt eine Katze? Danach wertet sie drei Dinge aus: Mimik, Körperhaltung und Bewegung. Daraus entsteht eine wahrscheinlichkeitsbasierte Einschätzung der Stimmung. Das Ergebnis erscheint live im Bild, als farbiger Rahmen um die Katze, darüber die eingeschätzte Stimmung und wie sicher sich die App dabei ist. Diese Angabe ist mir wichtig, weil sie offenlegt, wie sicher sich die App bei ihrer eigenen Einschätzung ist. Sie ist ein Hinweis und keine Garantie.
Katzen kommunizieren häufig über subtile Veränderungen ihrer Körperhaltung und Mimik. Welche Herausforderungen entstehen bei der Interpretation dieser Signale und wo liegen die Grenzen deiner Technologie?
Ein einzelnes Signal sagt bei Katzen wenig. Ohren, Augen, Schwanz und Haltung ergeben erst zusammen ein Bild, und auch das bleibt eine Deutung. Praktisch gibt es klare Grenzen: Bei schlechtem Licht, aus größerer Entfernung oder wenn die Katze nur halb im Bild ist, wird die Einschätzung unsicherer. Dann sollte man das Ergebnis besonders vorsichtig lesen bzw. das Tier unter entsprechend optimierten Umgebungsbedingungen analysieren lassen. Eine Katze, die lebhaft durch den Raum läuft, ist schwerer zu verfolgen als eine, die ruhig sitzt. Und manche Katzen reagieren auf das Handy selbst, was das Aufnehmen erschwert. Die grundsätzliche Grenze ist eine andere: MiaoSense schätzt Stimmung ein. Die Gesundheit der Katze beurteilt die App nicht.
Du hast dich bewusst dafür entschieden, die KI vollständig auf dem Smartphone auszuführen. Warum verzichtest du auf eine Cloud-Anbindung und welche technischen Herausforderungen bringt dieser Ansatz mit sich?
Eine Kamera, die ins Wohn- oder Schlafzimmer zeigt, sieht mehr als nur die Katze. Diese Bilder sollen dort ausgewertet werden, wo sie entstehen. Alle KI-Modelle sind Teil der App und laufen auf dem Prozessor des Telefons. Fotos, Audiodaten und Analyseergebnisse werden nicht in eine Cloud übertragen, und es gibt keinen Server, auf den Bilder hochgeladen würden. Nebenbei funktioniert die Analyse dadurch auch ohne Internetverbindung. Die Herausforderung: Die Modelle müssen klein und schnell genug sein, um auf ganz unterschiedlichen Android-Geräten live mitzulaufen, und trotzdem brauchbare Ergebnisse liefern. In der Cloud könnte man einfach mehr Rechenleistung einsetzen, auf dem Handy nicht.
MiaoSense benötigt kein Nutzerkonto und verarbeitet die Analysen direkt auf dem Gerät. Welche Bedeutung haben Datenschutz und eine möglichst unkomplizierte Nutzung für dein Produktkonzept?
Beides hängt zusammen. Die App startet ohne Anmeldung, man muss weder eine E-Mail-Adresse angeben noch ein Passwort anlegen. Gleichzeitig gibt es keinen MiaoSense-Server, auf dem Daten von Nutzern gespeichert würden. Verlauf und Profile liegen nur lokal auf dem Handy. Wer seine Daten entfernen möchte, löscht sie in den Einstellungen mit einer bestätigten Aktion aus der App. Das Recht auf Löschung ist damit technisch umgesetzt und nicht nur als Antragsweg beschrieben.
Die App liefert eine Einschätzung und ausdrücklich keinen tierärztlichen Befund. Wie stellst du sicher, dass Nutzer die Ergebnisse richtig einordnen und mögliche gesundheitliche Probleme ihrer Katze nicht übersehen?
Beim ersten Start erscheint ein Hinweis, dass MiaoSense eine Einschätzung liefert und keinen Befund. Erst wenn man ausdrücklich zustimmt, lässt sich die App verwenden. Zu jeder Einschätzung zeigt die App außerdem an, wie sicher sie ist. Wer sich Sorgen um seine Katze macht, sollte in die Tierarztpraxis gehen. Der Verlauf in der App kann dort höchstens eine Gedächtnisstütze sein, weil er frühere Beobachtungen neben die von heute legt. MiaoSense ist nicht dafür gedacht, tierärztliche Befunde zu liefern, und will das auch nicht.
Mit drei kostenlosen Analysen können Nutzer MiaoSense zunächst ausprobieren, bevor sie die Vollversion einmalig erwerben. Warum hast du dich gegen ein Abonnement entschieden und wie möchtest du die langfristige Weiterentwicklung finanzieren?
Eine App, die man ab und zu öffnet, um nach seiner Katze zu sehen, rechtfertigt für mich keine monatliche Gebühr. Und weil alles auf dem Gerät läuft, entstehen pro Analyse keine Serverkosten, die ein Abo decken müsste. Drei Analysen, ein Katzenprofil und der Verlauf der letzten sieben Tage sind kostenlos. Die Vollversion kostet in der Eurozone einmalig 7,99 Euro (Stand Oktober 2026) inklusive Mehrwertsteuer und schaltet unbegrenzte Analysen, mehrere Katzenprofile mit eigenem Verlauf, eine Aktivitäts-Heatmap und einen Wochenvergleich frei. Die Weiterentwicklung finanziere ich momentan eigenständig.
MiaoSense ist bereits in acht Sprachen bei Google Play verfügbar. Welche Zielgruppen möchtest du damit erreichen und welche Herausforderungen bringt die internationale Vermarktung einer solchen Spezialanwendung mit sich?
Die App gibt es auf Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Portugiesisch, Japanisch und Koreanisch. Zielgruppe sind Menschen, die die Körpersprache ihrer Katze genauer ansehen wollen, und die gibt es in jedem dieser Länder. Die Schwierigkeit liegt weniger in der Übersetzung als in der Wirkung der Worte. Ein Begriff für eine Stimmung klingt nicht in jeder Sprache gleich nüchtern, und was in der einen Sprache eine vorsichtige Einschätzung ist, kann in der anderen wie ein Versprechen klingen. Dazu kommt, dass jedes Land eigene Medien und eigene Gewohnheiten hat, wie man über Produkte berichtet. Zum Glück bin ich sprachbegabt und habe mindestens Anfängerkenntnisse in den aktuell unterstützten Sprachen, um wenigstens einschätzen zu können, ob eine Übersetzung passt oder daneben liegt. Da ich auch häufig die kulturellen und lokalen Befindlichkeiten einzuschätzen weiß, kann ich die internationale Vermarktung eigentlich recht gut steuern. Natürlich wäre die zusätzliche Unterstützung von Muttersprachlern hilfreich.
Du hast MiaoSense in München entwickelt. Welche technischen und unternehmerischen Herausforderungen musstest du bisher meistern und welche Erfahrungen haben dich dabei besonders geprägt?
Technisch war die größte Aufgabe, die analytische, visuelle Erkennung so klein zu bekommen, dass sie live auf dem Handy läuft. Vor der Veröffentlichung musste die App außerdem einen geschlossenen Test bei Google Play mit echten Testern durchlaufen. Die Rückmeldungen daraus haben die App spürbar verändert. Unternehmerisch war und ist für mich natürlich der Schritt in die Selbständigkeit eine gewisse Herausforderung und zugleich auch eine Befreiung.
Welche Rückmeldungen hast du seit der Veröffentlichung von Katzenhaltern erhalten und welche neuen Funktionen oder Verbesserungen möchtest du künftig umsetzen?
Vor der Veröffentlichung hat MiaoSense einen geschlossenen Test bei Google Play durchlaufen. Von den Testerinnen und Testern, die den abschließenden Fragebogen beantwortet haben, hatten alle die Live-Analyse, den Verlauf und die Katzenprofile genutzt, die meisten fast täglich, und niemand meldete einen Absturz. Alle gaben an, die Anzeige habe meistens zu dem gepasst, was sie selbst an ihrer Katze beobachtet haben. Das ist eine kleine Gruppe und keine Messung der Genauigkeit, aber ein ermutigender Anfang.
Genauso wichtig waren die kritischen Hinweise. Eine Testerin schrieb, dass die App draußen die Katze oft nur erkennt, wenn man sehr nah herangeht. Eine andere hat aus Neugier einen Schlüsselanhänger in Katzenform vor die Kamera gehalten und eine Stimmung angezeigt bekommen. Das hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, Unsicherheit sichtbar zu machen, statt ein Ergebnis einfach anzuzeigen. Seit der Veröffentlichung kam bei Google Play der Hinweis, dass die App eine lebhaft herumlaufende Katze schwer verfolgen kann. Als Zielgruppe nannten die Testerinnen und Tester übrigens am häufigsten Haushalte mit mehreren Katzen und Menschen, die gerade erst eine Katze bekommen haben.
Daraus ergibt sich, was als Nächstes kommt: das Verfolgen von Katzen in Bewegung, eine bessere Erkennung auf Entfernung und im Freien sowie natürlich die kontinuierliche Verbesserung der Analysemodelle. Ebenfalls weit oben steht die Analyse von Lautäußerungen; eine Testerin, die seit Jahrzehnten Katzen hält, hat von sich aus danach gefragt. Sie soll die vorhandene Auswertung von Mimik, Haltung und Bewegung ergänzen.
Welche drei Ratschläge würdest du anderen Gründerinnen und Gründern geben, die mit künstlicher Intelligenz eine eigene App entwickeln und dabei bewusst auf Datenschutz, einfache Bedienung und ein transparentes Preismodell setzen möchten?
Erstens: Schreibt früh auf, was eure KI nicht kann, und sagt es den Nutzern in der App selbst. Das schützt die Nutzer und euch. Überhaupt: Seid ehrlich! Zu euch selbst und zu euren Nutzern. Zweitens: Datenschutz beginnt bei der Architektur. Daten, die das Gerät nie verlassen, muss man nicht auf einem Server absichern. Drittens: Macht den Preis so einfach, dass man ihn in einem Satz erklären kann. Wer erst rechnen muss, was ihn eine App am Ende kostet, kauft sie eher nicht.
KI-generierte Einschätzung, kein medizinischer oder diagnostischer Befund. Ersetzt keine tierärztliche Beurteilung.
Bild KI-generierte Illustration (Google Gemini), Bildrechte: Robert Sommer, privat
Wir bedanken uns bei Robert Sommer für das Interview
Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.















