Mittwoch, April 22, 2026
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Femizide: Sich diesem Thema weiterhin zu verweigern, ist unterlassene Hilfeleistung

Fast jeden Tag bringt in Deutschland ein Mann (s)eine Frau um – und der Staat schaut weg. Dr. Kristina Wolff ist Wissenschaftlerin, FEMEN-Aktivistin und Autorin des Buchs „Wie viele noch? Deutschlands gebilligte Femizide“. Seit 2019 führt sie ehrenamtlich die einzige Datenbank, die Femizide in Deutschland dokumentiert. Damit schafft sie eine verlässliche Datengrundlage für dieses strukturelle Problem, das als Ansammlung von Einzelfällen abgetan wird. Im Interview mit herCAREER schildert sie, wie die Regierung, Institutionen und ganze Bevölkerungsgruppen die Sicherheit von Frauen und Mädchen systematisch vernachlässigen.

„Alle Femizide basieren immer auf dem männlichen Anspruch auf Macht und Kontrolle.“

herCAREER: Ihr Buch heißt „WIE VIELE NOCH? Deutschlands gebilligte Femizide“. Inwiefern billigt der Staat tödliche Gewalt gegen Frauen?

Dr. Kristina Wolff: Deutschland fehlt jegliche Haltung zu diesem Thema. Es fehlen der politische Wille, eine nationale Strategie sowie Gelder für Prävention und den Schutz von Betroffenen. In anderen Ländern wird zum Beispiel opferzentriert gearbeitet – zum Beispiel hält das spanische Parlament eine Schweigeminute für jedes Opfer eines Femizids ab, genau wie Großbritannien und Kanada. In Deutschland wurde zwei Tage vor unserem Gespräch in Mannheim eine 19-jährige Frau von einem 17-jährigen Jugendlichen getötet. Am gleichen Tag postete das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) bei Instagram ein Style-Video mit der amtierenden Bundesfrauenministerin Prien – die auch in der Causa Ulmen mit krachendem Schweigen auffällt. Das spiegelt die Ignoranz in der Bundespolitik wider, die ich seit Jahren kritisiere.

herCAREER: Vergangenes Jahr trat das Gewalthilfegesetz (GewHG) in Kraft. Es soll den Schutz gewaltbetroffener Frauen und ihrer Kinder in Deutschland deutlich verbessern. Werten Sie das nicht als Fortschritt?

Dr. Kristina Wolff: Der Kernauftrag des Staates – nach demokratischem Verständnis und im Sinne der Istanbul-Konvention – ist die Gewaltprävention. Und die verweigert Deutschland – auch hinsichtlich des GewHG. Es wird viel zu spät eingeführt und sichert Gewaltbetroffenen erst ab 2032 einen Rechtsanspruch, was bedeutet, dass nach der aktuellen Polizeilichen Kriminalstatistik über 2.000 weitere Femizide in Kauf genommen werden. Außerdem beinhaltet es nur den Schutz und den Anspruch auf Rechtsberatung. Beides benötigt man erst, wenn man bereits Gewalterfahrungen durchlitten hat. Mit dem als „Meilenstein“ gefeierten Gesetz werden über einen Zeitraum von zehn Jahren 2,6 Milliarden Euro an die 16 Bundesländer ausgeschüttet. Schon 2022 hat das European Institute for Gender Equality allerdings festgestellt, dass Gewalt gegen Frauen und Mädchen in Deutschland den Staat jedes Jahr 53 Milliarden Euro kostet. Das sind 148 Millionen Euro pro Tag – das GewHG liefert dagegen 162,5 Mio pro Jahr. Es ist eine Farce.

herCAREER: Seit 2019 dokumentieren Sie in eigener Recherche Femizide in Deutschland. Gab es in den vergangenen Jahren konstruktive Entwicklungen?

Dr. Kristina Wolff: Nein. Der erste Femizid, den ich bewusst wahrgenommen habe, war der Femizid an der Ex-Politikerin Petra Kelly durch ihren Partner, einen deutschen Ex-Generalmajor. Das ist bald 35 Jahre her – und bis heute wird in Deutschland fast jeden Tag eine Frau umgebracht. Ich werde in Interviews oft gebeten, zumindest zum Schluss noch eine positive Botschaft abzugeben. Aber ich habe keine! Ich gehe davon aus, dass Gewalt gegen Frauen und Mädchen in Deutschland zukünftig deutlich zunehmen und immer brutaler werden wird.

herCAREER: Daten sind heutzutage eine harte Währung, ohne Daten keine Handlungsgrundlage. Wie kann es sein, dass es – abgesehen von Ihrer – keine Datenbank für Femizide in Deutschland gibt?

Dr. Kristina Wolff: Das Problem beginnt schon damit, dass es in Deutschland keine einheitliche Definition des Begriffs Femizid gibt. Im Jahr 2018 hat die Partei Die Linke eine Anfrage an die Bundesregierung gestellt, ob diese die Definition der WHO (Weltgesundheitsorganisation) übernehmen möchte: „Ein vorsätzliches Töten von Frauen und Mädchen, weil sie Frauen oder Mädchen sind.“ Die Regierung hat diese Definition abgelehnt, da sie ihr zu schwammig ist. Das ist nachvollziehbar. Nicht nachvollziehbar ist, dass bis heute noch keine eigene Definition nachgeliefert wurde. Was mir große Sorgen macht: Männer beanspruchen immer häufiger eine Deutungshoheit über Femizide oder das, was als Gewalt gegen Frauen eingestuft wird.

herCAREER: Inwiefern?

Dr. Kristina Wolff: In einer Studie, die knapp vier Jahre lang (2022-25) durch die Deutsche Forschungsgesellschaft finanziert wurde, lieferte der Studienleiter Prof. Dr. Kinzig keinerlei Erkenntnisgewinn: Er evaluierte Daten, die allein aus dem Jahr 2017 stammten. In Ermangelung einer deutschen Definition von „Femizid“ definierte Kinzig den Betriff eigenmächtig und reduzierte die Grundgesamtheit der zu untersuchenden Fälle um mehr als die Hälfte auf 127 Fälle. So sind die Daten weder repräsentativ für Deutschland noch mit anderen Ländern vergleichbar.

Der frisch veröffentlichte Sicherheitsbericht des Landes Baden-Württemberg für 2024 wurde nicht geschlechtsdifferenziert verfasst, sondern unterscheidet sowohl Tatverdächtige als auch Opfer lediglich in „deutsch“ oder „nichtdeutsch“.

Und die kürzlich veröffentlichte Dunkelfeldstudie „LeSubia“ suggeriert, dass nahezu gleich viele Männer wie Frauen von Gewalt durch ihre Partner:innen und Ex-Partner:innen betroffen seien. Ein Blick ins Studiendesign verrät, wie diese Verzerrung zustande kommt: Das Gewaltverständnis sei breit angelegt und gehe über den strafrechtlichen Gewaltbegriff hinaus, erfasse „teilweise auch nicht strafbewehrte Formen von (psychischer, digitaler und sexualisierter) Gewalt.“ Ghosting mit Femiziden gleichzusetzen, entspricht dem Vergleich von Äpfeln mit Birnen. So wird die strukturelle geschlechtsbezogene Gewalt verharmlost.

herCAREER: Es gibt doch eine Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS). Warum liefert sie nicht die entsprechenden Daten?

Dr. Kristina Wolff: Unter anderem, weil die PKS nie zu diesem Zweck aufgesetzt wurde. Eigentlich soll sie als Leistungsnachweis für die Arbeit der Polizei dienen und hat das Ziel, der Bevölkerung zu vermitteln, dass sie in einem sicheren Land lebt.

herCAREER: Es besteht also ein Interessenkonflikt …

Dr. Kristina Wolff: Ja, einer, der der Rolle des oder der amtierenden Innenminister:in . Wie will diese:r den Frauen, die die Mehrheit der deutschen Bevölkerung stellen, bei diesen Zahlen vermitteln, dass Deutschland sicher ist? Und selbst wenn die PKS volle Transparenz bieten würde, könnten wir die Daten derzeit nicht zu unseren Zwecken auslesen. Zwar lassen sich die infrage kommenden Straftatbestände „vollendeter Mord“, „vollendeter Totschlag“ und „Körperverletzung mit Todesfolge“ darin finden. Aber sehr viele wichtige Details werden in der Statistik nicht abgefragt und abgebildet: Sie fragt etwa nicht, ob die weiblichen Opfer schwanger waren. Außer bei Messerkriminalität fragt sie nicht nach der Tatwaffe. Sie fragt nicht nach der Anzahl hochgradiger Gefährder, also bekannter Gewalttäter, und auch nicht nach einer Gewalthistorie der Täter. Auch das Motiv bildet die Statistik nicht ab.

Dazu sei gesagt: Alle Femizide basieren immer auf dem männlichen Anspruch auf Macht und Kontrolle. Aber Täter sagen aus, sie hätten aus Liebe getötet, aus Verzweiflung, aus Eifersucht oder um die Opfer von ihrem Leid zu erlösen – mit solchen Relativierungen zielen sie auf Strafmaßminderung ab. Wir haben einen riesigen Datenpool, können daraus aber nicht die Erkenntnisse ziehen, die wir brauchen, um Femizide als gesamtgesellschaftliches Problem zu definieren.

herCAREER: Bei uns wird jede Form von Gewalt gegen Frauen häufig als Zuwanderungs-Problem deklariert. Wie stehen Sie dazu?

Dr. Kristina Wolff: Ein Argument, das gerne und vorrangig von Männern vorgebracht wird. Gewaltbetroffene haben sicher viele Fragen zum fehlenden Schutz von Mädchen und Frauen in Deutschland an die Regierungsverantwortlichen – ich bezweifle stark, dass die Frage nach dem Pass ihrer Peiniger dazugehört. Dazu ist dieses Framing völlig abwegig, weil seit über zehn Jahren 65 bis 70 Prozent der Tatverdächtigen bei Femiziden einen deutschen Pass haben. Wenn wir diese Diskussion konsequent führen würden, dann müssten wir in der PKS a) Täter berücksichtigen, die mit deutschem Pass im Ausland Frauen angreifen und töten, und b) beleuchten, wie viele deutsche Täter in Deutschland Frauen mit nichtdeutschem Pass umbringen. Mit dieser Argumentation wird das Problem ausgelagert. Es soll der Eindruck vermittelt werden, dass strukturelle, tradierte, patriarchale und sexualisierte Gewalt nichts mit unserem Land und unseren Männern zu tun hat.

herCAREER: Mit Ihren Aufzeichnungen für das Femicide Observation Center Germany wollen Sie Transparenz schaffen. Nach welchen Parametern sammeln und sortieren Sie die Daten und was geschieht dann damit?

Dr. Kristina Wolff: Die Datenbank ist eine große Excel-Tabelle, die versuchte und vollendete Attentate gegen Mädchen und Frauen erfasst. Ich schlüssele die Tötungsdelikte nach über 100 Parametern auf. Dabei prüfe ich beispielsweise, ob das Opfer schwanger war oder ob die Tat vermeidbar gewesen wäre, weil bereits Todesandrohungen durch den Täter oder eine Wegweisung vorlagen – also der Täter bereits offiziell aus der gemeinsamen Wohnung verwiesen wurde. Ich prüfe auch, ob die Tat im öffentlichen Raum begangen wurde und ob Kinder betroffen sind.

herCAREER: Wie kommen Sie an diese Informationen?

Dr. Kristina Wolff: Die Arbeit beginnt mit der ersten Pressemeldung zu einer getöteten Frau. Dann beobachte ich in den folgenden Stunden und Tagen, welche weiteren Informationen veröffentlicht werden. Nicht jeder Femizid ist den Behörden eine Pressemeldung wert. Das heißt, manche muss ich aktiv suchen oder bei Staatsanwaltschaften abfragen und wieder andere werden mir von Privatpersonen zugespielt. Ich dokumentiere diese Artikel, indem ich sie als chronologisch sortierte PDFs ablege. Aus der Summe der versuchten und vollendeten Tötungsdelikte lassen sich belastbare Trends und Aussagen ableiten, die ich dann publiziere.

herCAREER: Wie viele Femizide haben Sie bis zu unserem Gespräch am 30.03.2026 verzeichnet?

Dr. Kristina Wolff: Ich habe dieses Jahr bisher 55 Femizide dokumentiert, einige davon sind bis dato noch versuchte Femizide, die letzte Meldung lautete „lebensgefährlich verletzt“. Wir müssen mit dem Schlimmsten rechnen. Für 2025 habe ich 165 vollendete Tötungsdelikte festgehalten, hochgerechnet erwarte ich auch für 2026 etwa 200 dokumentierte Femizide. Ich erhebe allerdings keinen Anspruch auf Vollständigkeit, da ich immer mit der Arbeit hinterherhinke und keine Möglichkeit habe, meine Daten mit der PKS abzugleichen. Ich arbeite neben meiner Erwerbstätigkeit und an den Wochenenden Fälle ab. Es ist unbefriedigend, aber mehr geht unter den derzeitigen Umständen nicht.

herCAREER: Hat Ihnen je eine Behörde Mittel oder Unterstützung angeboten?

Dr. Kristina Wolff: Nein, das Gegenteil ist der Fall. Ich werde als Quertreiberin betrachtet, die den Finger in die Wunde legt. Ich übe mit meiner Arbeit Kritik an allen Beteiligten: Legislative, Exekutive und Judikative, dem Hilfesystem und den involvierten Anwält:innen. Und ich frage immer wieder: „Wie konntet ihr alle es so weit kommen lassen?” Dazu kommt, dass ich als FEMEN-Aktivistin kontinuierlich sehr öffentlichkeitswirksam die Botschaft propagiere: „Frauen werden umgebracht, weil ihr euren Job nicht macht.“

herCAREER: Wer muss zuerst Verantwortung übernehmen?

Dr. Kristina Wolff: In diesem Fall stinkt der Fisch wirklich vom Kopf her. Ich kann alle Politiker:innen nur daran erinnern, dass sie einen Eid auf das Grundgesetz geschworen haben. In Artikel 2, Absatz 2 heißt es: „Jeder und jede hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit.” Theoretisch bräuchten wir die Istanbul-Konvention gar nicht, denn gemäß unserer Verfassung müssen alle, insbesondere die Bundespolitiker:innen, daran interessiert sein, dass Frauen und Mädchen in unserem Land unversehrt und selbstbestimmt leben können. Indem staatliche Repräsentant:innen das (weiterhin) ignorieren, sind sie aktiver Teil der strukturellen Gewalt gegen Frauen.

herCAREER: Stichwort Istanbul-Konvention: Deutschland durchläuft gerade zum zweiten Mal die Prüfung durch GREVIO, die unabhängige Expertengruppe des Europarats. Bei der ersten Prüfung im Jahr 2022 wurden Deutschland „gravierende Defizite“ bescheinigt und konkrete Forderungen an die Regierung gestellt. Wie wird die Evaluation Ihrer Meinung nach ausfallen?

Dr. Kristina Wolff: Die Bundesregierung torpediert die Kommission in ihrem sogenannten Staatenbericht mit einem Katalog angeblicher Maßnahmen, die alle erst nach einer Gewalterfahrung greifen. Die schiere Masse der Maßnahmen soll den Eindruck erwecken, dass gehandelt wird. Stattdessen steigen die Zahlen von Gewalt und tödlicher Gewalt gegen Frauen seit Jahren an. Diese Liste führt beispielsweise das Gewalthilfetelefon an. Das existiert seit 1973, lange vor der Istanbul-Konvention! Ich wehre mich gegen diese Augenwischerei und habe mein Buch und meine Daten – als Teil der sogenannten Schattenberichte, die NGOs und Privatpersonen liefern sollen – an GREVIO geschickt, damit sie das Bild vervollständigen.

herCAREER: Im Vergleich zu Schweden, Frankreich, Italien und Spanien fehlt uns eine nationale Strategie. Was machen diese Länder richtig?

Dr. Kristina Wolff: Solange der politische Wille für die Bevölkerung nicht erkennbar ist, kann sich auch kein gesellschaftlicher Wille durchsetzen. Andere Länder erreichen Veränderung. Einige Beispiele: Kanada hat einen nationalen Gedenk- und Aktionstag gegen Gewalt gegen Frauen. Er erinnert an ein Massaker an 14 Studentinnen im Jahr 1989. In Großbritannien liest die Abgeordnete Jess Phillips seit 11 Jahren anlässlich des Internationalen Frauentags die Namen der Femizid-Opfer des vergangenen Jahres vor. Dieses Jahr waren es 110 Namen, die der Femicide Census erfasst hat – eine Datenbank, die ebenfalls von einer Privatperson geführt wird. Spanien ist federführend bei der Umsetzung der Istanbul-Konvention in Europa und hat eine nationale Strategie aufgesetzt, die jedes Jahr überarbeitet und verbessert wird.

Sie wird mit entsprechenden Etats, Zielen und Verantwortlichkeiten hinterlegt und berücksichtigt, dass die Exekutive geschult ist und die Staatsanwaltschaften schneller arbeiten. Spanische Medien, analog und digital, melden jeden einzelnen Femizid sofort und schaffen so Bewusstsein. Die Ministerien ächten diese Gewaltexzesse umgehend öffentlich auf der offiziellen Homepage. Auch die Fußfessel würde in Deutschland nicht eingesetzt werden, wenn sie in Spanien nicht bereits mit einer hundertprozentigen Erfolgsquote genutzt würde. In Ludwigsburg haben wir am 10. März jedes Jahres einen Gedenktag und eine Schweigeminute für Opfer geschlechtsspezifischer Gewalt eingeführt. Das ist ein leicht umzusetzendes und kostengünstiges Instrument, wurde aber weder vom Land noch vom Bund aufgegriffen. Bewusstsein und Erinnerungskultur sind Prävention, so wie sie von der Istanbul-Konvention eingefordert wird! In Deutschland finden sich Billigung und stille Akzeptanz sogar in der Sprache wieder.

herCAREER: Haben Sie hier Beispiele?

Dr. Kristina Wolff: In Medien heißt es „Gewalt an Frauen“, anstatt „Gewalt gegen Frauen“, was die korrekte Präposition wäre. Die Justiz nennt es „erweiterten Suizid“, wenn sich der Täter nach dem Mord an einer Frau oder einem Kind das Leben nimmt. Das Opfer wird so zur „Erweiterung“ entmenschlicht. Im Englischen heißt es dagegen korrekterweise Murder Suicide. Und statt der passiven Formulierung „Frau wurde erstochen“ bei sexualisierter und tödlicher Gewalt müsste es lauten: „Ein weiterer Mann hat (s)eine Frau erstochen“. Wenn Medien die Sprache aus Polizeiberichten und Pressemeldungen reproduzieren oder sogar voyeuristisch ändern, verfestigt und normalisiert auch das Gewaltstrukturen.

herCAREER: Welche Schritte braucht Deutschland auf politischer, institutioneller und individueller Ebene?

Dr. Kristina Wolff: Mit den Behörden mache ich sehr unterschiedliche Erfahrungen. Es gibt Richter:innen, Staatsanwält:innen und Polizist:innen, die mich sehr unterstützt haben. Ich glaube, das Problem kann nur durch die Verbindung aller politischen Instanzen gelöst werden. Das heißt, das BMBFSFJ hat zwar die federführende Verantwortung, aber letztlich müssen das Bundesinnenministerium, das Bundesjustizministerium, das Kultusministerium und das Bundesgesundheitsministerium zusammenarbeiten. Auch das Wirtschaftsministerium muss involviert sein, denn wenn Frauen attackiert und/oder umgebracht werden, hat das erwiesenermaßen gravierende wirtschaftliche Konsequenzen. Meine Forderung ist, dass diese Instanzen ressortübergreifend eine gemeinsame Strategie entwickeln, angefangen mit einer gemeinsamen Definition des Begriffs „Femizid” und der adäquaten Bereitstellung von Mitteln sowie einem nachhaltigen Qualitätsmanagement. Ein Stück Butter unterliegt in Deutschland strengeren interdisziplinären Regeln und Gesetzen als der Schutz von weiblichem Leben.

herCAREER: Welche Forderungen stellen Sie an Männer?

Dr. Kristina Wolff: Ich fordere Männer auf, sich ein Beispiel an Alexander van der Bellen, dem österreichischen Bundespräsidenten, zu nehmen. Er hat am Internationalen Frauentag Männer dazu aufgerufen hat, sich nicht länger hinter dem Hashtag #NotAllMen zu verstecken. Es reicht nicht, zu sagen: „Ich kenne das Problem, aber ich bin ja selbst kein Täter.“ Das ist zu wenig! Wer sich darauf ausruht, ist Teil des Problems. Mittlerweile betrachte ich diese Verweigerungshaltung als Teil der strukturellen Gewalt. Das gilt auch für Frauen: Es reicht nicht aus, sich betroffen zu zeigen. Sich diesem Thema weiterhin zu verweigern, ist unterlassene Hilfeleistung.


Die herCAREER Expo steht für: Austausch, Expertise und Inspiration.
Am 22. und 23. Oktober 2026 öffnet die herCAREER Expo ihre Türen im MOC München – ein Event, das Menschen anspricht, ganz gleich, ob sie aktiv auf Jobsuche sind oder einfach nach Inspiration und Netzwerk suchen.

Bild Prof. Dr. Kristina Wolff Gründerin des Femicide Observation Center Deutschland (F.O.C.G.) Aktivistin und Referentin zahlreicher Vorträge zum Thema © Die Hoffotografen

Das Interview führte herCAREER-Redakteurin Kristina Appel.

Quelle messe.rocks GmbH

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