Glimmer begleitet Frauen während der Schwangerschaft digital und verbindet fundiertes Wissen mit persönlicher Unterstützung durch Hebammen.
Können Sie Keleya kurz vorstellen und erzählen, welche Entwicklung das Unternehmen seit der Gründung 2017 genommen hat?
Keleya ist 2017 als Lifestyle Produkt mit für die Schwangerschaft sicheren Yogaübungen und Rezepten für werdende Mütter gestartet. Seitdem haben wir das Angebot Schritt für Schritt erweitert: um Geburtsvorbereitung, digitale Hebammenberatung und mit ammely um eine gemeinsam mit dem Deutschen Hebammenverband entwickelte Plattform für die Hebammensuche. Heute begleiten wir Frauen digital durch Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett und helfen ihnen dabei, zum richtigen Zeitpunkt die passende Unterstützung zu finden. Rund 100.000 Frauen nutzen unsere Angebote jährlich, mehr als 10.000 Hebammen sind über ammely vertreten und mehr als 80 gesetzliche Krankenkassen sowie private Versicherungen übernehmen Kosten für unsere Leistungen.
Diese Entwicklung von der Schwangerschafts-App zur digitalen Versorgungsinfrastruktur haben wir zum Anlass genommen, einen vollumfänglichen Markenrelaunch vorzunehmen: Seit dem 8. Oktober heißt Keleya Glimmer. Dabei ging es nicht nur um einen neuen Namen und eine neue Gestaltung. Die bisherige Marke war über Jahre gewachsen, ohne unsere heutige Positionierung konsistent abzubilden; auch der Name war schwer auszusprechen und zu erinnern. Glimmer beschreibt einen Lichtschimmer und steht für Orientierung und Zuversicht in einer Lebensphase, die trotz aller Vorbereitung mit Ungewissheit verbunden bleibt. Gleichzeitig lösen wir uns bewusst von den typischen visuellen FemTech-Klischees: Schwangerschaft wird weder romantisiert noch primär als medizinisches Risiko inszeniert. Zum Start der neuen Marke haben wir außerdem unseren vollständig neu entwickelten Geburtsvorbereitungskurs veröffentlicht und die digitale Hebammensprechstunde integriert.
Wer steht heute hinter Glimmer, und wie hat sich Ihre eigene Rolle als CEO mit dem Wachstum des Unternehmens verändert?
Heute arbeiten knapp 50 Mitarbeitende für Glimmer. Etwa die Hälfte davon sind Hebammen, die in Teilzeit bei uns tätig sind und parallel freiberuflich arbeiten. Dadurch verbinden wir medizinische und hebammenfachliche Expertise direkt mit Produktentwicklung und Technologie. Ich bin 2019 als Head of Operations eingestiegen, wurde später Co-CEO und führe das Unternehmen seit rund drei Jahren allein. Anfangs habe ich mich häufig gefragt, ob jemand wie ich CEO sein kann: Ich bin nicht die Lauteste im Raum und höre zunächst eher zu. Mit der Zeit habe ich gelernt, dass ruhige Führung trotzdem sehr klar sein muss. Heute treffe ich schwierige Entscheidungen schneller und spreche Feedback früher und direkter aus.
Der Merger mit Kinderheldin 2024 war ein wichtiger Schritt. Was hat sich dadurch am Geschäftsmodell und am Angebot konkret verändert?
Durch die Fusion konnten wir zwei komplementäre Angebote verbinden: Keleya brachte die digitale Wissensplattform und Online-Kurse und Kinderheldin insbesondere die Erfahrung mit individueller Hebammenberatung ein. Seitdem haben wir die digitale Hebammensprechstunde vollständig integriert, den Geburtsvorbereitungskurs neu entwickelt und unser kassenfinanziertes Geschäftsmodell ausgebaut. So ist aus einzelnen Angeboten schrittweise eine gemeinsame Infrastruktur für Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett entstanden.
Mehr als 80 gesetzliche Krankenkassen sowie private Versicherungen übernehmen inzwischen die Kosten für Ihre Angebote. Wie entscheidend ist diese Erstattung für die weitere Skalierung von Keleya?
Die Erstattung ist für unsere Skalierung zentral, denn gute Geburtsvorbereitung darf keine Frage des Geldbeutels sein. Würden unsere Angebote ausschließlich selbst bezahlt, würden wir gerade die Frauen schlechter erreichen, die besonders von einem niedrigschwelligen Zugang profitieren können. Mittlerweile stammen rund 90 bis 95 Prozent unserer Produktumsätze aus dem Krankenkassenkanal. Das gibt uns eine wirtschaftlich tragfähige Grundlage, um unsere Angebote weiterzuentwickeln und bundesweit zugänglich zu machen – unabhängig von lokalen Kurskapazitäten oder dem Wohnort der Nutzerinnen.
Rund 100.000 Frauen nutzen Ihre Angebote jährlich. Welche Bedürfnisse während Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett stehen dabei besonders im Mittelpunkt?
Im Mittelpunkt steht Orientierung. In Deutschland gibt es viele gute Angebote, aber Frauen wissen häufig nicht, welche Unterstützung ihnen zusteht, wann sie sich darum kümmern müssen oder wo sie diese finden. Manche beginnen deshalb beispielsweise zu spät mit der Hebammensuche. Gleichzeitig brauchen sie verlässliche Informationen, die sich in ihren Alltag integrieren lassen. Glimmer ordnet medizinisch fundiertes Wissen entlang der Schwangerschaft ein, weist frühzeitig auf die nächsten Schritte hin und bietet flexible Geburtsvorbereitung sowie persönliche Hebammenberatung. Dabei geben wir nicht die eine richtige Entscheidung vor, sondern schaffen eine Grundlage, auf der Frauen ihren eigenen Weg wählen können.
Über ammely sind mehr als 10.000 Hebammen vertreten. Welche Rolle spielt die Verbindung von digitaler Versorgung und persönlicher Hebammenbetreuung in Ihrem Konzept?
Gesundheitsversorgung kann aus unserer Sicht nie vollständig digital sein. Gerade während Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett bleibt die persönliche Begleitung durch Hebammen unverzichtbar. Digitale Angebote können jedoch Orientierung zwischen den Terminen schaffen, häufige Fragen beantworten und Frauen frühzeitig in die persönliche Versorgung navigieren. Über ammely finden Familien eine Hebamme; die digitale Sprechstunde ergänzt die Versorgung abends und am Wochenende. Digitalisierung ersetzt Hebammen deshalb nicht, sondern schafft ihnen mehr Raum für individuelle Betreuung und menschliche Nähe.
Keleya wächst nach eigenen Angaben profitabel und erwartet in diesem Jahr rund 50 Prozent Umsatzwachstum. Was waren die wichtigsten Faktoren für diese Entwicklung?
Ein wichtiger Faktor war der konsequente Ausbau unseres kassenfinanzierten Geschäftsmodells. Dadurch erreichen wir viele Frauen und schaffen gleichzeitig wiederkehrende, wirtschaftlich tragfähige Erlösstrukturen. Ebenso wichtig war eine stärkere Fokussierung. Wir haben Produkte und Kooperationen beendet, die nicht ausreichend auf unsere Ziele eingezahlt haben, und Team und Budget auf die Bereiche mit dem größten Nutzen und Wachstumspotenzial konzentriert. Das hat uns aus einer Phase herausgebracht, in der wir vermeintlich viel gemacht haben, tatsächlich aber zu langsam vorangekommen sind.
Viele Digital-Health- und FemTech-Unternehmen sind stark auf externe Finanzierung angewiesen. Welche Entscheidungen haben Ihnen geholfen, einen anderen Weg einzuschlagen?
Wir haben Wachstum nie größer dargestellt, als wir es realistisch liefern können. Ich wollte Investoren nicht mit Prognosen überzeugen, an die ich selbst nicht glaube. Diese Haltung wurde mir anfangs teilweise als mangelnder Ehrgeiz ausgelegt. Heute wissen unsere Investoren, dass wir eher vorsichtiger planen und unsere Zusagen zuverlässig einlösen.
Nach einer Phase der Stagnation mussten wir das Unternehmen zunächst sanieren: Produkte und Kooperationen auf den Prüfstand stellen, unsere Kostenstruktur anpassen und Ressourcen stärker fokussieren. Das hat die Grundlage geschaffen, um unser Geschäft wieder konsequent auszubauen. In die Profitabilität hat uns dann das Umsatzwachstum geführt. Kosten zu senken allein ist keine langfristige Perspektive – entscheidend ist, ein Angebot zu entwickeln, das gebraucht wird und dessen Umsatz nachhaltig wächst.
Digitale Angebote rund um Schwangerschaft und Geburt betreffen einen besonders sensiblen Lebensbereich. Wie schaffen Sie Vertrauen und stellen gleichzeitig eine hohe Qualität der Inhalte und Angebote sicher?
Unsere Inhalte werden von Hebammen und anderen Expert:innen entwickelt und geprüft. Am neuen Geburtsvorbereitungskurs waren insgesamt fünf Hebammen an Erstellung und Review beteiligt; umgesetzt wurde er mit drei Hebammen. In der digitalen Sprechstunde beantworten ausschließlich examinierte Hebammen die persönlichen Fragen der Nutzerinnen. Ebenso wichtig ist, die Grenzen digitaler Angebote klar zu benennen. Glimmer ersetzt keine ärztliche Diagnose und keine Hebammenbetreuung vor Ort. Wir vermitteln Wissen, ordnen Möglichkeiten ein und unterstützen Frauen dabei, informierte Entscheidungen zu treffen – ohne Angst zu schüren oder eine vermeintlich richtige Schwangerschaft vorzugeben.
Welche langfristige Vision verfolgen Sie mit Keleya, und welche Rolle soll das Unternehmen künftig in der Versorgung rund um Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett übernehmen?
Unsere Vision ist eine Versorgung, in der jede Frau Zugang zu guter Vorbereitung und Begleitung hat – unabhängig von Wohnort, Zeitbudget, Einkommen oder Bildungshintergrund. Glimmer soll zu einem der wichtigsten digitalen Zugänge zur Versorgung rund um Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett werden. Idealerweise begleiten wir Frauen ab dem positiven Schwangerschaftstest und helfen ihnen, die vorhandene persönliche Versorgung besser zu nutzen. Wir wollen Ärzt:innen und Hebammen nicht ersetzen, sondern Lücken zwischen Terminen schließen und dort eine verlässliche Alternative bieten, wo Unterstützung vor Ort gerade nicht erreichbar ist.
Welche drei Ratschläge würden Sie anderen Gründerinnen geben, die ein Unternehmen im anspruchsvollen Digital-Health- oder FemTech-Markt aufbauen möchten?
Erstens: Testet neue Ideen zunächst im kleinen Rahmen und entscheidet dann schnell, ob ihr sie konsequent weiterverfolgt oder beendet. Wer zu wenig Nein sagt, verliert leicht den Fokus.
Zweitens: Verwechselt Lautstärke nicht mit Ambition. Entscheidend ist nicht das größte Versprechen, sondern ein reales Problem zu lösen und Zusagen zuverlässig einzuhalten.
Drittens: Sprecht schwierige Dinge früh und klar an. Indirektes Feedback hilft weder dem Team noch dem Unternehmen. Klarheit kann kurzfristig unangenehm sein, ist langfristig aber fairer und produktiver.
Bild Copyright: Glimmer
Wir bedanken uns bei Julia Neumann für das Interview
Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.
















