Donnerstag, September 10, 2026
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ZVG Melder: Wie KI Wertgutachten liest und Zwangsversteigerungen transparent macht

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ZVG Melder: Zwangsversteigerungen mit Risikoanalyse Pascal Szorath ZVG Melder Bildcredits privat

ZVG Melder macht Zwangsversteigerungen für Privatpersonen transparenter und nutzt eine KI-gestützte Risikoanalyse, um Wertgutachten schnell und nachvollziehbar auszuwerten.

Können Sie ZVG Melder kurz vorstellen und erzählen, wie die Idee für die Plattform entstanden ist?

ZVG Melder ist ein Portal für Zwangsversteigerungen in Deutschland. Wir führen die Termine aller 14 am zvg-portal beteiligten Bundesländer täglich an einer Stelle zusammen, lesen die amtlichen Wertgutachten automatisch aus und zeigen zu jedem Objekt Risiken, Kosten und Fristen – jede kritische Aussage mit wörtlichem Zitat aus dem Originaldokument. Die Idee ist aus eigener Erfahrung entstanden: Wer sich für Zwangsversteigerungen interessiert, klickt sich durch 14 getrennte Länderportale, bekommt keine Benachrichtigung, wenn ein Termin verlegt oder aufgehoben wird, und sitzt dann pro Objekt vor einem 30- bis 60-seitigen Gutachten in Amtsdeutsch. Ich bin Software-Entwickler und habe mir zuerst ein Werkzeug für mich selbst gebaut. Als klar wurde, dass die eigentliche Arbeit nicht das Sammeln der Termine ist, sondern das Lesen der Gutachten, wurde daraus ZVG Melder.

Sie haben ZVG Melder allein entwickelt. Welche Vorteile und Herausforderungen bringt eine Gründung als Solo Gründer mit sich?

Der Vorteil ist Geschwindigkeit: Es gibt keine Abstimmung, keine Meetings, ich kann eine Entscheidung morgens treffen und abends live haben. Die Herausforderung ist, dass jede Disziplin bei mir landet – Recht, Steuern, Marketing, Support, Infrastruktur. Und man hat keinen Sparringspartner, der einen vor den eigenen blinden Flecken warnt. Ich gleiche das mit drei Dingen aus: harte Messkriterien statt Bauchgefühl, sehr frühes Feedback von echten Bietern, und KI-Agenten als Werkzeug für die Arbeit, die ich sonst nicht schaffen würde – mit klaren Freigaben durch mich, nicht auf Autopilot.

Welche Vision verfolgen Sie mit ZVG Melder, und was möchten Sie im Markt für Zwangsversteigerungen verändern?

Die Vision ist die verlässlichste Risikoanalyse für Zwangsversteigerungs-Gutachten in Deutschland. Verändern möchte ich, dass die Entscheidung „Lohnt sich die Prüfung dieses Objekts?“ heute eine Stunde Lesearbeit pro Gutachten kostet und damit vor allem Profis vorbehalten bleibt. Wenn ein Eigennutzer in wenigen Minuten sieht, was im Gutachten steht – und was nicht –, dann wird der Markt für Privatpersonen zugänglicher, ohne dass jemand die Katze im Sack kauft.

Informationen zu Zwangsversteigerungen sind öffentlich verfügbar. Warum sind sie für Interessenten dennoch so schwer nutzbar?

Weil öffentlich nicht nutzbar heißt. Die Termine stehen auf 14 getrennten Länderportalen ohne gemeinsame Suche, ohne Suchauftrag und ohne Benachrichtigung. Aufhebungen und Verlegungen erscheinen oft nur als kleine Notiz beim Amtsgericht – wer nicht regelmäßig nachschaut, fährt umsonst hin. Und die entscheidenden Informationen stecken in PDF-Gutachten mit Fachsprache: Rechte in Abteilung II, ob eine Innenbesichtigung stattgefunden hat, wie alt der Wertermittlungsstichtag ist. Das kann ein Laie lesen, aber nicht sicher bewerten – und schon gar nicht für zehn Objekte am Wochenende.

Ihre KI liest umfangreiche Wertgutachten aus und erfasst dabei 94 Datenfelder. Wie stellen Sie sicher, dass die Ergebnisse zuverlässig sind?

Mit einem Referenzdatensatz, den wir Feld für Feld manuell gegen die Originaldokumente geprüft haben. Jede Änderung an Modell oder Prompt wird gegen diesen Datensatz gemessen, bevor sie live geht – nicht nach Gefühl, sondern mit Trefferquoten pro Feld. Dazu kommen Kreuzprüfungen, zum Beispiel ob der Verkehrswert im Portal und im Gutachten übereinstimmen, und die Regel, dass jede Aussage ihre Quelle mitführt. Was das System nicht sicher belegen kann, zeigen wir als offen an, statt es zu erraten.

Jede kritische Aussage der KI wird mit einem Zitat aus dem Originalgutachten belegt. Warum war Ihnen dieser Belegzwang besonders wichtig?

Weil es um sechsstellige Entscheidungen geht. Niemand sollte einer KI glauben müssen – man soll nachlesen können. Das Zitat macht die Aussage in Sekunden prüfbar und schützt vor dem gefährlichsten Fehler, den solche Systeme machen: plausibel klingende Behauptungen ohne Grundlage. Der Belegzwang diszipliniert außerdem uns selbst: Was nicht belegbar ist, wird nicht behauptet.

An welche Nutzer richtet sich ZVG Melder, und wie unterscheiden sich die Bedürfnisse von Eigennutzern und privaten Kapitalanlegern?

An Privatpersonen in Deutschland. Eigennutzer nehmen meist zum ersten Mal an einer Versteigerung teil; sie brauchen Erklärung, einen Prüfplan und die Sicherheit, keine Falle zu übersehen – ein Wohnrecht, einen Sanierungsstau, eine Sonderumlage. Private Kapitalanleger kennen das Verfahren, haben aber ein Mengenproblem: Sie wollen viele Objekte in mehreren Regionen im Blick behalten, brauchen die Zahlen strukturiert, Rendite und Gesamtbudget auf einen Blick und sofortige Benachrichtigungen. Für die einen ist Verständlichkeit der Mehrwert, für die anderen Zeit.

Von Risikoanalysen bis zum PDF Dossier für die Bank bietet die Plattform verschiedene Werkzeuge. Wo entsteht für Nutzer der größte Mehrwert?

In der ersten Stunde, die man nicht mehr braucht: Die Risikoanalyse mit Zitaten beantwortet in Minuten, ob ein Objekt eine ernsthafte Prüfung wert ist. Danach kommen die Suchaufträge mit Aufhebungs-Warnung, damit niemand zu einem geplatzten Termin fährt, und der Kostenrechner, der aus dem Gutachten Gesamtbudget und Rendite vorbelegt. Das Dossier für die Bank ist der Abschluss – wenn die Entscheidung gefallen ist und die Finanzierung steht.

Was unterscheidet ZVG Melder von bestehenden Portalen und Informationsangeboten rund um Zwangsversteigerungen?

Die meisten Angebote sammeln Termine. Wir lesen zusätzlich das Gutachten – vollständig, jede Nacht, mit Beleg. Die Risikoklasse von 1 bis 6 ist keine reine KI-Note, sondern kombiniert feste Regeln mit belegten Signalen aus dem Dokument. Das Verzeichnis selbst bleibt kostenlos und werbefrei; bezahlt werden Zeitersparnis und Sicherheit.

Tausende Wertgutachten unterscheiden sich stark in Aufbau und Inhalt. Was war bei der automatisierten Auswertung technisch besonders herausfordernd?

Die Heterogenität: gescannte Seiten neben digitalem Text, Tabellen, unterschiedliche Gliederungen je Gutachter, dieselbe Information an zehn verschiedenen Stellen. Jedes Feld muss nicht nur extrahiert, sondern mit seiner Fundstelle versehen werden, sonst funktioniert der Belegzwang nicht. Dazu Widersprüche zwischen Portal und Gutachten, die man erkennen statt überschreiben muss. Und ein Sicherheitsaspekt, den viele unterschätzen: Dokumenttext ist für die KI ausschließlich Daten, nie eine Anweisung – ein präpariertes PDF darf das System nicht steuern können.

ZVG Melder ist seit August 2026 live. Welche nächsten Entwicklungsschritte stehen für die Plattform im Fokus?

Erstens Feedback: Ich spreche gerade mit den ersten Nutzern, die wirklich bieten, und baue das ein, was ihnen fehlt. Zweitens Transparenz nach außen: ein monatliches Zwangsversteigerungs-Barometer aus unseren Daten – Termine, Verkehrswerte und häufige Risiken nach Region –, das auch Journalisten und Bieter frei nutzen können. Drittens die Risikoanalyse selbst: weiter gegen den Referenzdatensatz messen und verbessern.

Welche drei Ratschläge würden Sie anderen Gründerinnen und Gründern geben, die mit KI komplexe Daten und Dokumente für Nutzer verständlicher machen möchten?

Erstens: Referenzdaten vor Modell. Ohne einen manuell geprüften Datensatz weiß man nie, ob eine Änderung besser oder nur anders ist.

Zweitens: Belege statt Behauptungen. Jede KI-Aussage sollte auf ihre Quelle zeigen – das schützt Nutzer und zwingt einen selbst zur Ehrlichkeit.

Drittens: Unsicherheit sichtbar machen. Ein „nicht belegbar“ ist mehr wert als eine geratene Antwort, und Nutzer danken es einem mit Vertrauen.

Bildcredits Privat

Wir bedanken uns bei Pascal Szorath für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.


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Kontakt:

ZVG Melder
Pascal Szorath
Albulastrasse 50
8048 Zürich
Schweiz

www.zvg-melder.de
pascal@zvg-melder.de

Ansprechpartner: Pascal Szorath

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Humor ist so erfolgreich, weil er das Schwere transportiert, ohne selbst schwer zu sein

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Anissa Loucif: Kopftuch, Humor und klare Haltung Anissa Loucif Deutsch-algerische Comedienne, Mutter und Narkoseärztin © Marina Rosa Weigl

Humor habe in ihrer Familie immer eine große Rolle gespielt, sagt die Comedienne und Ärztin Anissa Loucif. Vieles wurde mit Humor ausgedrückt oder auch in Humor umgewandelt. Darüber – und über Gesellschaftskritik und ihr Kopftuch – spricht Anissa Loucif im Interview mit herCAREER. Und wie gut diese Dinge zusammenpassen.

„Das Kopftuch ist ein Kleidungsstück, aber für mich ist es auch ein Stück weit Rebellion.“

herCAREER: Anissa, dein Buch heißt „Kopftuchmädchen“. Was sehen die Menschen in deinem Kopftuch?

Anissa Loucif: Diese Reaktionen sind widersprüchlich: Das Kopftuch macht mich scheinbar entweder zu einer unterdrückten Frau oder aber zu einer gefährlichen Frau. Gegen diese Zuschreibungen möchte ich mich abgrenzen. Das Kopftuch ist ein Kleidungsstück, aber für mich ist es auch ein Stück weit Rebellion. Es ist meine Art zu sagen: „Schaut her, ich bin Ärztin, ich bin ein integrer Teil dieser Gesellschaft und ich entspreche nicht euren Vorurteilen.”

herCAREER: Du schreibst, dass du dich selbst entschieden hast, ein Kopftuch zu tragen. Was bedeutet es für dich?

Anissa Loucif: Als ich mich dazu entschieden habe, Kopftuch zu tragen, war ich 12 oder 13 Jahre alt und hatte ein völlig anderes Verständnis von meiner Identität und meinem Umfeld als heute. Auch Deutschland hat sich seitdem sehr verändert. Ich habe miterlebt, wie meine deutsche Mutter plötzlich rassistisch angegriffen wurde, nachdem sie konvertiert war. Und gerade, weil das Kopftuch so viel Widerstand auslösen kann, habe ich nicht eingesehen, es abzulegen, um anderen einen Gefallen zu tun. Ich war und bin immer noch der Meinung, dass das Kopftuch ein Ausdruck meiner muslimischen Identität ist.

herCAREER: Welchen Einfluss hatten und haben patriarchale Strukturen auf dich?

Anissa Loucif: Ich bin zwar nicht als Frau in Algerien aufgewachsen, aber die Haltung meines Vaters hat mich dennoch stark beeinflusst. Im Buch bezeichne ich ihn auch bewusst als Patriarchen. Er hat seine Religion benutzt, um uns klein zu halten und meine Schwester, meine Mutter und mir ein schlechtes Gewissen zu machen. Das hat lange funktioniert, weil wir keine große Community hatten, die hinter uns stand und uns hätte aufklären können. Ich halte das für ein Problem, denn die muslimische Minderheit in Deutschland hat zu wenig Zugang zu einem liberalen, feministischen und demokratiefreundlichen Islam.

herCAREER: Durch die digitalen Medien müsste der Zugang zu vielfältigen Interpretationen des Korans eigentlich gewachsen sein. Du sagst aber, dass sich die Situation eher verschlechtert.

Anissa Loucif: In den sozialen Medien, gerade auf TikTok, werden radikale Imame gepusht und gehen viral. Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal hören würde, wie ein deutschsprachiger Imam sagt, es sei unter Umständen in Ordnung, Frauen zu beschneiden. (Anm. d. Red.: Sie bezieht sich auf ein Video von Abul Baraa, der vom Verfassungsschutz beobachtet wird.) Ich beobachte das mit Sorge. Aber auch bei uns dominiert der Male Gaze immer noch und gibt uns vor, wie Frau zu sein hat und was sie tragen soll. Was mich wiederum sehr freut, ist, dass sich in Deutschland etwas tut und Frauen hier, aber auch in muslimischen Ländern, immer lauter werden.

herCAREER: Du hast deinen Beruf als Anästhesistin aufgegeben, um dich ganz der Comedy zu widmen. Was hat dich dazu bewogen?

Anissa Loucif: Ich habe mir Gedanken darüber gemacht, was mir guttut. Denn ich habe beobachtet, dass im System viele Pflegende und Assistenzärzt:innen Frauen sind. Je schlechter eine Fachrichtung vergütet wird, desto mehr Frauen arbeiten dort.

herCAREER: Und umgekehrt gilt: Das Lohnniveau einer Branche sinkt, wenn der Frauenanteil steigt.

Anissa Loucif: Genau. Während der Pandemie habe ich auf der Intensivstation gearbeitet und beobachtet, wie sich die jungen Frauen für die Stationsarbeit aufgeopfert haben, während sich viele Männer vorrangig darum gekümmert haben, ihre Ausbildung durchzuboxen und vielfältige praktische Erfahrungen zu sammeln. Ich habe mich gefragt, wo ich als Mensch in diesem Gesundheitssystem bleibe. Am Ende wollte ich lieber Freude verbreiten, als täglich gegen ein System anzuarbeiten. Mein Ziel ist aber, meinen Facharzt abzuschließen, wenn mein zweites Kind etwas älter ist.

herCAREER: Und jetzt übst du Systemkritik von der Bühne aus …

Anissa Loucif: Der Erfolg mit der Comedy kam für mich eher unerwartet. Wie ich eingangs bereits erzählt habe, wollte ich vor allem zeigen, dass man mit Kopftuch erfolgreich sein kann. Mittlerweile nehme ich stärker wahr, dass das Publikum diese meine Perspektive hören will. Gerade Frauen aus meiner Diaspora spiegeln mir, wie viel es ihnen bedeutet, mich auf der Bühne zu sehen.

herCAREER: Du hast zunächst erwartet, dass dein Kopftuch an Bedeutung verlieren würde, sobald du deine Approbation hast und den Arztkittel trägst. Das ist allerdings nicht eingetreten. Wie erlebst du das auf der Comedy-Bühne und in der -Szene?

Anissa Loucif: Rückblickend war die Unterstützung groß, als ich Newcomerin war und anderen Shows etwas „Spice“ verliehen habe. Ich habe auch von vielen männlichen Kollegen positives Feedback bekommen. Ich glaube, anfangs war ich sehr gern gesehen, als „nices Add-on“, um die Show ein wenig „spicier“ und bunter zu machen. Aber jetzt, da ich eine Soloshow habe, bemerke ich, dass sich viele fragen: Kann sie eine ganze Show tragen? In Deutschland scheint mir der Tenor zu sein, dass Frauen zwar witzig sein können, aber keine echten Showmaker:innen.

herCAREER: Woran machst du das fest?

Anissa Loucif: Vielleicht beiße ich mit dieser Aussage die Hand, die mich füttert, aber ich habe mich mal damit befasst, wie viele der öffentlich-rechtlichen Comedy-Formate in der Hand von Frauen sind. Da wären Caroline Kebekus, Sarah Bosetti und, wenn man Reschke Fernsehen als Satire werten möchte, dann Anja Reschke. Parshad Esmaeili hat gerade eine neue Game-Show bekommen – und dann wird es schon dünn. Jan Böhmermann dagegen hat mittlerweile, glaube ich, sein siebtes Format (Anm. d. Red.: Drei davon werden aktuell ausgestrahlt). Bei den männlichen Kollegen habe ich das Gefühl: Man gibt ihnen eine Show und schaut dann mal, wie es läuft. Notfalls sagen sie hinterher: „Tut uns leid, haha.“

herCAREER: Was bedeutet das konkret für weibliche Comediennes?

Anissa Loucif: Eine eigene Sendung verleiht einem Künstler bzw. einer Künstlerin Legitimität. Wenn so wenige Comediennes eine bekommen, scheint die Ansicht vorzuherrschen, dass Frauen nicht die gleichen Showmaker-Qualitäten oder Funny Bones (ein angeborenes Talent für Humor) haben wie Männer. Das ist schade.

herCAREER: Was kann Humor in deinen Augen leisten?

Anissa Loucif: Humor ist ein wunderbares Mittel, um Dinge, die einen schmerzen oder unter den Nägeln brennen, auf positive Weise zu kommunizieren. Es ist schön, wenn das funktioniert. Humor ist so erfolgreich, weil er das Schwere transportiert, ohne selbst schwer zu sein. Eine gute Pointe kann und soll Spannungen lösen. Ich mache auch mal einen doofen Witz, aber ich finde Humor am schönsten, wenn eine Botschaft und eine Haltung dahinterstecken.

herCAREER: Es ist noch nicht allzu lange her, da gab es Witze-Kategorien wie „Blondinen-Witze“ oder „Ausländer-Witze“ und es war völlig normal, die zu erzählen. Wo sind für dich heute die Grenzen des (guten) Humors?

Anissa Loucif: Das ist die große Frage. Ich glaube, es ist die Aufgabe von guten Comediennes und Comedians, nah an diese Grenze heranzukommen, ohne sie zu übertreten. Wenn jemand diese Grenze überschreitet, ist der Aufschrei – zu Recht – groß. Das Problem ist: Diese Grenze ist sehr individuell. Für manche überschreite ich diese Grenze schon lange.

herCAREER: Auf welche Weise?

Anissa Loucif: Es gibt Leute, die sagen, über Religion dürfe man keine Witze machen. Viele mögen es auch nicht, dass ich Witze darüber mache, wie unglaublich deutsch mein Mann ist. Dann heißt es: „Würde das jemand umgekehrt machen, wäre das diskriminierend gegenüber Ausländern.“ Aber ich finde, man muss die Dynamik hier berücksichtigen: Ich mache als Deutsche Witze über die deutsche Mehrheitsgesellschaft. Ich habe einen Kumpel namens Erhan, der eine Behinderung hat. Wenn Erhan einen ableistischen Witz macht, hat das eine völlig andere Dynamik, als wenn ich das machen würde. Und: Persönliche Erfahrungen und Empfindungen sind sehr unterschiedlich, darum lassen sich die Grenzen des Humors nicht klar definieren.

herCAREER: Wo ziehst du deine persönliche Grenze?

Anissa Loucif: Solange der satirische Kontext klar ist, bin ich ziemlich tolerant. Ich glaube, das ist das Zauberwort: Kontext. Wenn ich als deutsch-algerische Ärztin und Muslima auf der Bühne stehe, gehe ich davon aus, dass das Publikum weiß, dass ich es nicht ernst meine, wenn ich sage, dass alle Menschen in Nordafrika Drogen verkaufen, sondern damit auf ein gängiges Vorurteil hinweisen möchte. Wenn ein Dieter Nuhr hingegen sagt, wir hätten weniger Femizide und geschlechtsbezogene Gewalt, wenn Frauen Männer erst kennenlernen würden, bevor sie mit ihnen schlafen, dann meint er das nicht satirisch, sondern ernst. Das ist eine Aussage, kein Humor. Und ja, das darf man dann auch kritisieren. Aber ich verstehe natürlich, dass es schwierig wird, wenn die Haltung des Sprechers oder der Sprecherin nicht eindeutig ist.

herCAREER: Welche Vision oder Botschaft möchtest du vermitteln?

Anissa Loucif: Wenn sich alle mal entspannen würden. Die Sache mit der Gleichberechtigung ist nicht so wild, wie es in den Medien manchmal dargestellt wird. Frauen – auch Frauen mit Kopftuch – übernehmen jetzt nicht die Weltherrschaft. Dafür haben wir weder die Mittel noch die Zeit! Aber ernsthaft: Mich nervt es zum Beispiel, wenn Frauen in langen Klamotten nicht mehr ins Schwimmbad dürfen. Burkini-Verbote begannen vor zehn Jahren in Frankreich, jetzt gibt es das auch in einzelnen Bädern in Baden-Württemberg und Bayern und in öffentlichen Bädern im Schweizer Kanton Genf. Ich mag es nicht, wenn Frauenkleidung kriminalisiert wird. Frauen dienen immer als Sündenbock.

Ich meine – wie die Leute auf Ikkimel im MoMA reagiert haben! Da rufen einige Leute nach Kinderschutz und ich möchte sie fragen: „Welche Inhalte ziehen sich Ihre Kinder auf TikTok rein?“ Niemand hat Sidos Vorbildfunktion infrage gestellt, als er mit dem Bandnamen A.i.d.S. auftauchte und die Assoziation mit einer lebensbedrohlichen Krankheit für den Effekt instrumentalisiert hat. Es wird einfach so heftig mit zweierlei Maß gemessen. Meine Vision ist es, die Leute darauf aufmerksam zu machen, dass Frauen einerseits nach wie vor von bestimmten Räumen ausgeschlossen werden, andererseits aber für alles verantwortlich gemacht werden.

Das Interview führte herCAREER-Redakteurin Kristina Appel.

Auf der herCAREER-Expo wird Anissa Loucif am 22.10.2026 über ihr Leben und die Arbeit als „Kopftuchmädchen – Zwischen Humor und Halal“ sprechen.

Bild Anissa Loucif Deutsch-algerische Comedienne, Mutter und Narkoseärztin © Marina Rosa Weigl

Quelle messe.rocks GmbH

amber: Wie eine proaktive Business-KI verteiltes Unternehmenswissen nutzbar macht

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amber: KI für Unternehmen und Unternehmenswissen amber/Floris Groteclaes

amber entwickelt KI für Unternehmen, die Unternehmenswissen intelligent verknüpft, Informationen verfügbar macht und Mitarbeitende im Arbeitsalltag unterstützt.

Können Sie amber kurz vorstellen und erzählen, welche Idee hinter Ihrer Business-KI für Unternehmen steht?

amber ist eine KI-Plattform, die Unternehmenswissen zentral verfügbar und operativ nutzbar macht. Unsere Idee ist, KI nicht nur als Chatbot zu verstehen. Sie versteht den Kontext eines Unternehmens, führt relevante Informationen zusammen und übernimmt zunehmend auch Aufgaben und Prozesse eigenständig.

Wer steht hinter amber, und welche Erfahrungen haben die Gründer in den Aufbau des Unternehmens eingebracht?

amber wurde von Bastian Maiworm, Philipp Reißel und Igli Manaj gegründet. Im Gründerteam verbinden wir Erfahrungen aus einem familiengeführten Unternehmen mit Forschungsexpertise der RWTH Aachen. Dadurch haben wir von Beginn an sowohl die praktischen Anforderungen des Mittelstands als auch die technologische Perspektive berücksichtigt.

Welche Vision verfolgen Sie mit amber, und welche Rolle soll die Plattform künftig im Arbeitsalltag von Unternehmen spielen?

Unsere Vision ist eine Business-KI, die nicht darauf wartet, dass Mitarbeitende die richtige Frage stellen. amber soll verstehen, was im Unternehmen passiert, erkennen, welche Aufgaben anstehen, und Mitarbeitende proaktiv entlasten, indem es die relevanten Informationen zur richtigen Zeit vorschlägt.

Unternehmenswissen ist häufig über zahlreiche Systeme verteilt. Wie hilft amber dabei, dieses Wissen einfacher zugänglich zu machen?

Unser AI Data Layer verknüpft und strukturiert Informationen aus unterschiedlichen Unternehmenssystemen und setzt sie in ihren fachlichen Kontext. Mitarbeitende müssen dadurch nicht mehr verschiedene Ordner, E Mails oder Anwendungen durchsuchen, sondern können ihr Unternehmenswissen direkt über amber nutzen.

An welche Unternehmen richtet sich Ihre Lösung besonders, und welche Probleme begegnen Ihnen dort immer wieder?

Unser Fokus liegt besonders auf kleinen und mittelständischen Unternehmen, etwa aus Fertigung, Engineering, IT Beratung und Konsumgüterindustrie. Dort sehen wir immer wieder ähnliche Herausforderungen: Wissen ist über viele Systeme verteilt, Informationen sind schwer auffindbar und viel wertvolles Erfahrungswissen steckt in den Köpfen einzelner Mitarbeitender. Gerade wenn langjährige Kolleginnen und Kollegen in Rente gehen oder das Unternehmen verlassen, droht dieses Wissen verloren zu gehen. amber hilft dabei, es langfristig im Unternehmen verfügbar zu machen.

Was unterscheidet amber von etablierten Lösungen wie ChatGPT oder Microsoft Copilot im Unternehmenseinsatz?

Unser Ansatz ist bewusst unabhängig und ganzheitlich. Während Microsoft Copilot seine Stärke vor allem im Microsoft Ökosystem hat und ChatGPT auf die Modelle eines Anbieters setzt, kann amber verschiedene Sprachmodelle und Unternehmenssysteme integrieren. Unser Anspruch ist, dass amber in Microsoft 365 genauso gut funktioniert wie beispielsweise in Salesforce oder Atlassian. Gleichzeitig strukturiert und verknüpft unser proprietärer AI Data Layer das Unternehmenswissen und stellt der KI gezielt den relevanten Kontext zur Verfügung. Das sorgt für präzisere Antworten und kann den Tokenverbrauch pro Anfrage um bis zu 60 Prozent reduzieren. Als europäischer Anbieter legen wir zudem großen Wert auf Datenhoheit und darauf, Unternehmen nicht in die Abhängigkeit eines einzelnen Modells oder Ökosystems zu bringen.

Bestehende Zugriffsrechte sollen auch bei der Nutzung der KI berücksichtigt werden. Warum ist dieser Ansatz für Unternehmen entscheidend?

Jedes Unternehmen hat bereits bestehende Zugriffsrechte und Berechtigungsstrukturen. Diese übernimmt amber. So sieht jeder Mitarbeitende auch über die KI nur die Informationen, auf die er in den jeweiligen Unternehmenssystemen tatsächlich Zugriff hat. Das ist für uns eine wichtige Grundlage für den sicheren Einsatz von KI im Unternehmen.

Neben Suche und Chat setzen Sie auf KI-Agenten. Welche Aufgaben können diese bereits übernehmen und wo liegen derzeit noch Grenzen?

amber kann schon jetzt auf der Basis der KI-Suche interne Informationen problemlos finden und auswerten. Mit neuen Funktionen wie bspw. Aktionen können wir jedoch auch Informationen zurückschreiben oder bspw. Dokumente und Dashboards generieren. Zusätzlich ist es möglich, über beispielsweise einen zeitlichen Trigger jeden Freitag zu einer gewissen Uhrzeit ein Dashboard zu aktualisieren und anschließend eine E-Mail oder Nachricht zu versenden. Durch Integrationen in Workflowbuilder stehen zudem diverse weitere agentische Optionen zur Verfügung.

Datenschutz und Datensouveränität sind bei Unternehmens-KI zentrale Themen. Wie schaffen Sie Vertrauen bei Ihren Kunden?

Für uns gehört Datenhoheit zur technologischen Grundlage einer Business-KI. Entscheidend ist, dass Unternehmen die Kontrolle über ihre Daten behalten und KI in bestehende Strukturen integriert wird, statt diese zu umgehen. Darum hosten wir amber auf der T Cloud bei der Telekom – in Deutschland. Zusätzlich sind wir ISO 27001 zertifiziert. Gerade im Mittelstand ist dieses Vertrauen eine wesentliche Voraussetzung für eine breite Nutzung von KI.

Mit mehr als 400 Unternehmenskunden und über 100.000 aktiven Nutzern haben Sie bereits eine relevante Größenordnung erreicht. Was waren die wichtigsten Wachstumstreiber?

Ein wichtiger Faktor ist, dass wir ein sehr konkretes Problem lösen: Unternehmenswissen schneller zugänglich und nutzbar zu machen. Gleichzeitig sehen wir eine stark steigende Nachfrage nach KI-Lösungen, die sich sinnvoll in bestehende Unternehmenssysteme integrieren lassen und einen direkten Mehrwert im Arbeitsalltag schaffen.

Wie soll sich amber in den kommenden Jahren weiterentwickeln, und welche Bedeutung werden autonome KI-Agenten dabei bekommen?

Heutzutage agieren Business-KI-Lösungen stets reaktiv. Als Nutzer frage ich etwas und die KI erledigt die Aufgabe. Durch die Data Layer wissen wir jedoch, was in dem Unternehmen passiert. Dadurch können wir auf Mitarbeitende proaktiv mit relevanten Informationen, Aufträgen usw. zukommen, damit diese zur richtigen Zeit die richtigen Informationen haben. KI-Agenten sind dabei ganz wesentlich, da sie die Instanz sind, welche Informationen selbstständig verarbeiten können und sowohl das strategische Ziel als auch die zur Erfüllung notwendigen Informationen erfassen können.

Welche drei Ratschläge würden Sie anderen Gründerinnen und Gründern geben, die ein Unternehmen im schnelllebigen KI-Markt aufbauen möchten?

Erstens sollte man von einem echten Kundenproblem ausgehen und nicht von der Technologie. Zweitens braucht es eine technologische Grundlage, die auch dann Bestand hat, wenn sich einzelne Modelle schnell verändern. Drittens sollte man nah an den Kunden entwickeln, schnell lernen und gleichzeitig eine klare, langfristige Vision verfolgen.

Bildcredits amber/Floris Groteclaes

Wir bedanken uns bei Bastian Maiworm für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.

Kyrok: Das erste KI-Betriebssystem für die Supply Chain im Pharma- und Chemie-Mittelstand

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Daniel Hofinger CEO Fotograf Guido Schwarz

Kyrok entwickelt ein KI-Betriebssystem, das mit KI-Agenten die Supply Chain mittelständischer Pharma- und Chemieunternehmen automatisiert und vorhandene Systeme intelligent erweitert.

Können Sie Kyrok kurz vorstellen und erzählen, wer das Unternehmen gegründet hat?

Kyrok ist das erste KI-Betriebssystem für Supply-Chain-Teams im Pharma- und Chemie-Mittelstand in der DACH-Region. Unsere branchenspezifischen KI-Agenten übernehmen Routineaufgaben entlang der Supply Chain, beginnend beim Kundenservice.

Kyrok legt sich dabei wie eine smarte Erweiterung über das bestehende Enterprise-Resource-Planning-System (ERP), ohne dass ein Unternehmen sein aktuelles System wechseln muss. Gegründet haben wir Kyrok 2025 zu zweit: mein Mitgründer Lukas Bierfreund und ich kennen uns aus dem Master an der WHU, unser Team sitzt in Berlin.

Wie entstand die Idee, ein KI-Betriebssystem für das Supply-Chain-Management in der Pharma- und Chemieindustrie zu entwickeln?

Lukas und ich haben uns gefragt, wo der Bedarf am größten ist und wo ein echter gesellschaftlicher Mehrwert entsteht. So sind wir beim Mittelstand der Pharma- und Chemiebranche gelandet, der kritischen Infrastruktur für Europa. Den Anstoß gab dann, was wir in den Werken sahen: In Betrieben, die hochkomplexe Medikamente und Chemikalien herstellen, werden Aufträge teils noch ausgedruckt und händisch in die nächste Excel-Tabelle übertragen.

Zwischen Kundenservice, Planung und Einkauf liegen Datensilos, die niemand verbindet. An der Technik fehlt es nicht, es hat nur nie jemand eine Lösung für genau diese Unternehmensgröße und ihre Anforderungen gebaut. Daher haben wir ein Jahr lang über 200 Interviews geführt und viele Betriebe vor Ort besucht, bevor wir die erste Zeile Code geschrieben haben.

Welche Vision verfolgen Sie mit Kyrok, und wie möchten Sie die Arbeit in Planung, Einkauf und Auftragsabwicklung langfristig verändern?

Heute fühlt sich die Arbeit oft wie ständiges Hinterherlaufen an: nachfragen, wo ein Auftrag steht, Tabellen abgleichen, Engpässe erst bemerken, wenn sie da sind. Das wollen wir umdrehen. Das System erledigt die Routine und meldet sich von selbst, bevor etwas auf der Kippe steht.

Die Menschen validieren und entscheiden, statt zu suchen. So wird ein Teil der europäischen Industrie widerstandsfähiger, der heute kaum Aufmerksamkeit bekommt.

Kyrok hat kürzlich 3,1 Millionen Euro in einer Pre-Seed-Finanzierungsrunde eingesammelt. Welche Bedeutung hat diese Finanzierung für die nächsten Entwicklungsschritte des Unternehmens?

Das Geld fließt vor allem in den Ausbau des Betriebssystems. Das Kundenservice-Modul ist bei unseren ersten Kunden im Einsatz und erfasst dort über 90 Prozent auch komplexere Aufträge fehlerfrei. Als Nächstes folgt der Einkauf, 2027 dann Produktions- und Materialplanung.

Parallel erweitern wir unser Team in Berlin. Am wichtigsten ist es uns, das Produkt gemeinsam mit unseren Pilotkunden zu vertiefen und die Ergebnisse zu belegen. Die Runde gibt uns den Spielraum, das in Ruhe und richtig zu tun, statt unter Druck zu wachsen.

Was hat Investoren wie Speedinvest, Arve Capital und erfahrene Branchenexperten davon überzeugt, in Kyrok zu investieren?

Speedinvest, unser Lead-Investor, kannten wir lange, bevor eine Finanzierung das Ziel war. Wir haben früh und viel inhaltlich gesprochen, daraus wuchs Vertrauen. Bei den weiteren Investoren war die Nähe zur Industrie entscheidend.

Arve Capital, das Family Office hinter dem Pharmaverpackungs-Marktführer Sanner, kennt den Pharma-Mittelstand aus der Innensicht. Dazu kommen Menschen wie Dr. Marcell Vollmer, früher Chief Procurement Officer bei SAP, die genau die Systemwelt kennen, auf die wir Kyrok aufsetzen. Diese Industrieexperten gewinnt man nicht mit einem schönen Pitch. Sie sehen sofort, ob ein Produkt die Realität trifft.

In der Pharma- und Chemieindustrie geht mit dem Ruhestand vieler Fachkräfte wertvolles Erfahrungswissen verloren. Wie adressiert Kyrok diese Herausforderung?

In vielen Betrieben steckt das entscheidende Wissen in einzelnen erfahrenen Mitarbeitenden: Wer weiß, wie man eine bestimmte Bestellung richtig einplant, wann es bei einem Lieferanten eng wird, welcher Sonderfall wie zu behandeln ist.

Bis 2040 erreicht in Deutschland rund ein Drittel aller Erwerbspersonen das Rentenalter. Die Produktionsstandorte abseits der Ballungsräume trifft das besonders. Geht so eine erfahrene Person in Rente, geht die Erfahrung mit.

Unsere KI-Agenten erfassen solche auf Erfahrungswissen basierenden Abläufe und machen sie für das ganze Team nutzbar, statt sie an einzelne Personen zu binden. So bleibt das Wissen im Unternehmen, auch wenn die Generation wechselt.

Wie gelingt es Ihnen, vorhandenes Wissen in Unternehmen zu erfassen und für KI-Agenten nutzbar zu machen?

Das beginnt nah an der täglichen Arbeit. Wir schauen uns mit den Teams ihre konkreten Abläufe an, in den Onboarding-Workshops direkt vor Ort in der Produktion. Aus den realen Fällen, den Systemen und dem, was die erfahrenen Mitarbeitenden uns zeigen, leiten wir ab, wie ein Vorgang sauber läuft.

Die Agenten übernehmen dann die wiederkehrenden Schritte, und der Mensch behält die Übersicht und entscheidet. Wichtig ist uns dabei eines: Wir tun das gemeinsam mit der Belegschaft und nicht über ihre Köpfe hinweg.

An welche Zielgruppen richtet sich Kyrok hauptsächlich, und welche konkreten Probleme lösen Sie für diese Unternehmen?

Wir richten uns an mittelständische Pharma- und Chemieunternehmen, typischerweise mit 50 bis 500 Mitarbeitenden. Allein im DACH-Raum sind es rund 3.000 Unternehmen. Diese Gruppe sitzt zwischen den Stühlen: Die großen Enterprise-Suiten sind für sie zu schwer und zu teuer, die KI-Tools am Markt lösen jeweils nur einen Ausschnitt.

Konkret nehmen wir ihnen die wiederkehrende Routine in Kundenservice, Einkauf und Planung ab und vernetzen Abläufe, die heute über getrennte Systeme und Excel-Tabellen verteilt sind. Mit den kommenden Modulen wollen wir dann auch frühzeitig warnen, wenn etwa ein Rohstoff knapp zu werden droht.

Was macht Kyrok aus Ihrer Sicht besonders im Vergleich zu anderen KI-Lösungen für Supply-Chain-Prozesse?

Für einzelne Funktionen gibt es spezialisierte Anbieter, für Großkonzerne umfassende Supply-Chain-Suiten. Was es bisher nicht gab, ist ein System, das Kundenservice, Einkauf sowie Produktions- und Materialplanung in einem Betriebssystem zusammenführt und konsequent auf den Pharma- und Chemie-Mittelstand zuschneidet.

Die meisten KI-Tools am Markt sind horizontal gebaut, für alle Branchen zugleich und damit für keine richtig. Wir gehen bewusst den umgekehrten Weg: vertikal, tief in die Chemie- und Pharma-Branche hinein. So bilden wir die branchenspezifischen Abläufe ab, die hier über Erfolg oder Stillstand entscheiden: Endverbleibserklärungen, Gefahrgut, Betäubungsmittellizenzen. All das setzt auf dem vorhandenen ERP auf, statt es zu ersetzen.

Viele Unternehmen stehen KI noch mit Vorsicht gegenüber. Welche Rolle spielen Transparenz, Compliance und menschliche Kontrolle in Ihrem Ansatz?

Diese Vorsicht ist berechtigt, gerade in regulierten Branchen, und wir nehmen sie ernst. Bei uns trifft die KI keine Entscheidung im Alleingang: Die Agenten erledigen Vorarbeit und Routine, während Übersicht und Entscheidung beim Menschen bleiben, besonders in komplexen Fällen.

Dabei ist jeder Schritt nachvollziehbar, das Team sieht, was ein Agent getan hat und warum. Dazu liegen die Daten auf europäischer Infrastruktur, und unser Ansatz ist auf die regulatorischen Anforderungen der Branche ausgelegt.

Welche Herausforderungen begegnen Ihnen beim Aufbau eines KI-Unternehmens für regulierte Branchen wie Pharma und Chemie?

Das Schwierigste an einer regulierten Branche ist, dass man Vertrauen nicht einfordern kann, man muss es sich verdienen. Niemand übergibt einem jungen Unternehmen seine Auftragsabwicklung, weil die Demo gut aussah.

Dazu kommt, dass jeder Betrieb seine eigenen Sonderfälle hat, von Gefahrgut bis zu betriebsinternen Ausnahmen, die in keiner Standardsoftware sauber abgebildet sind. Wir mussten beweisen, dass wir das verstehen, und zwar im echten Betrieb, nicht auf Folien.

Deshalb arbeiten wir von Anfang an sehr eng mit unseren Kunden: Bevor wir irgendetwas einrichten, sitzen wir vor Ort mit dem Team zusammen und gehen ihre echten Fälle durch. Für das Onboarding gehen wir dann direkt in die Produktion. Genau dort entsteht das Vertrauen.

Welche nächsten Produktentwicklungen und Wachstumsziele stehen bei Kyrok aktuell im Fokus?

Produktseitig führen wir das Betriebssystem Schritt für Schritt zur vollständigen Supply Chain, in der Kundenservice, Einkauf sowie Produktions- und Materialplanung nahtlos ineinandergreifen.

Beim Wachstum geht es uns zuerst um Tiefe statt Breite: mehr Pilotkunden über die Pilotphase hinausführen, die Ergebnisse belegen, das Team in Berlin aufbauen. Mittelfristig sprechen wir denselben Mittelstand über den DACH-Raum hinaus europaweit an.

Welche drei Ratschläge würden Sie anderen Gründerinnen und Gründern geben, die mit KI-Lösungen komplexe Industrieprozesse neu denken möchten?

Erstens: Substanz vor Form. Die echten Erfolgskennzahlen sind Kundennutzen und ein tragfähiges Geschäft. Für mich zählt nicht die Zahl der Finanzierungsrunden oder gewonnenen Pitch-Wettbewerbe. Gerade bei komplexen Industrieprozessen heißt das, früh und viel mit echten Kunden zu sprechen und am Produkt zu arbeiten, statt sich mit „Fake Work“ wie endlosem Networking oder Skalierung vor dem Product-Market-Fit zu verzetteln.

Zweitens: Versteht die Branche, bevor ihr baut. In regulierten Industrien reicht eine clevere KI-Idee nicht, es zählt das echte Verständnis für die Abläufe und Datenbasis dahinter.

Drittens: Fokus schlägt Ressourcen. Gerade ohne unbegrenztes Kapital ist es entscheidend, genau die richtigen Dinge zu tun und den Rest konsequent ruhen zu lassen.

Bildcredits Fotograf Guido Schwarz

Wir bedanken uns bei Daniel Hofinger für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.

Zwischen Förderzweck und Kapitalanlage: Kann das Genossenschaftsmodell die Energiewende finanzieren?

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Mitglieder: Genossenschaft und Energiegenossenschaften Josephine Fritzsche Bildcredits FPS

Der Ausbau erneuerbarer Energien verschlingt Milliarden und viele Kommunen stoßen bei der Finanzierung neuer Wind- und Solarparks an ihre Grenzen. Neben Nachrangdarlehen, geschlossenen Fonds, Crowdinvesting oder Green Bonds hat sich die Beteiligung an Energiegenossenschaften als eigenständiger Weg etabliert. Anders als bei klassischen kapitalmarktorientierten Investments werden Anleger hier nicht nur Kapitalgeber, sondern Mitglieder mit Stimm- und Mitspracherecht. Doch die genossenschaftliche Struktur unterscheidet sich grundlegend von anderen Beteiligungsformen – insbesondere hinsichtlich Handelbarkeit, Bewertung und Einflussnahme.

Was ist eine Energiegenossenschaft?

Eine Energiegenossenschaft ist ein Zusammenschluss von Bürgern, Unternehmen oder Kommunen mit dem Ziel, gemeinsam Projekte im Bereich der erneuerbaren Energien, wie beispielsweise Photovoltaik-, Wind- oder Wärmeanlagen, umzusetzen. Die Einnahmen aus dem Stromverkauf fließen in Rücklagen, neue Projekte oder als Dividende an die Mitglieder. Im Vordergrund steht dabei nicht die Gewinnmaximierung, sondern der gesetzlich verankerte Förderzweck.

Der Deutsche Genossenschafts- und Raiffeisenverband (DGRV) zählt in Deutschland rund 1.000 Energiegenossenschaften mit etwa 220.000 Mitgliedern. Im Jahr 2024 kamen 125 Neugründungen dazu, 64 davon im Bereich Umwelt, Energie und Wasser.

Wie handelbar sind Genossenschaftsanteile?

Anders als Aktien oder Fondsanteile sind Genossenschaftsanteile nicht über einen Kapitalmarkt handelbar. Die Mitgliedschaft ist grundsätzlich unbefristet und kann ordentlich gekündigt werden, meist mit einer Frist von ein bis zwei Jahren zum Geschäftsjahresende. Anleger haften mit ihren Geschäftsanteilen und im Worst-Case droht ein Totalverlust; eine Nachschusspflicht über die gezeichneten Anteile hinaus kann die Satzung jedoch ausschließen.

Die Mitgliedschaft ist höchstpersönlich und als solche nicht übertragbar. Übertragbar ist nur das Geschäftsguthaben, und zwar ausschließlich an Personen, die der Genossenschaft als Mitglied beitreten oder bereits Mitglied sind. Die Satzung kann die Möglichkeit der Übertragung zusätzlich einschränken.

Die Bewertung folgt dem genossenschaftsrechtlichen Nominalwertprinzip und weicht damit von der Praxis bei Kapitalgesellschaften ab. Ausgezahlt wird grundsätzlich nur der bilanzielle Nominalwert der geleisteten Einzahlung, zu- oder abzüglich etwaiger Gewinn- oder Verlustverrechnungen. Ein Mehrwert etwa aus stillen Reserven oder Goodwill steht dem ausscheidenden Genossen grundsätzlich nicht zu.

Reichweite und Grenzen des genossenschaftlichen Stimmrechts

Das Prinzip „ein Mitglied, eine Stimme“ ist das Markenzeichen der Genossenschaft. Unabhängig vom eingebrachten Kapital zählt jede Stimme gleich. Dieses Kopfstimmprinzip stärkt die Gleichberechtigung und verhindert eine Dominanz kapitalkräftiger Akteure.

Die Satzung kann in bestimmten Fällen Mehrstimmrechte vorsehen, wobei bei überwiegend privaten Mitgliedern keinem Mitglied mehr als drei Stimmen gewährt werden können. Bei Beschlüssen, die eine Dreiviertelmehrheit erfordern, gilt zwingend das Prinzip „ein Mitglied, eine Stimme“.

Lässt die Satzung der Genossenschaft sog. investierende Mitglieder zu (dazu sogleich), muss sichergestellt sein, dass diese die übrigen Mitglieder nicht überstimmen können. Möglich ist auch, dass investierende Mitglieder satzungsmäßig sogar gänzlich vom Stimmrecht ausgeschlossen werden. Die Genossenschaftsstruktur setzt dem Investoreneinfluss damit bewusst Grenzen.

Die Mitgliedschaft in der Genossenschaft als Kapitalanlage

Auch wenn der Förderzweck im Vordergrund steht, schließt das Genossenschaftsrecht eine Ausgestaltung der Mitgliedschaft als Kapitalanlage nicht aus. Die Satzung kann investierende Mitglieder zulassen, also natürliche oder juristische Personen, die keine Güter oder Dienste der Genossenschaft in Anspruch nehmen, sondern ausschließlich Kapitalanlageinteressen verfolgen. So kann die Genossenschaft Eigenkapital einwerben und bei hohem Kapitalbedarf institutionelle Investoren wie Versicherungen und Fonds ansprechen.

Energiegenossenschaften bieten institutionellen Investoren einen strukturell begünstigten, ESG-konformen Zugang zu Projekten im Bereich der erneuerbaren Energien. Zwar bestehen keine exklusiven Förderprivilegien zugunsten der Genossenschaft als Rechtsform. Die für Bürgerenergiegesellschaften geltenden regulatorischen Erleichterungen, wie etwa die Befreiung von der Ausschreibungspflicht, setzen jedoch Strukturmerkmale voraus, die Genossenschaften typischerweise leichter erfüllen als Kapitalgesellschaften.

Das Genossenschaftsrecht setzt Kapitalanlegern aber zugleich enge Grenzen: Das Kopfstimmprinzip und die mögliche Beschränkung des Stimmrechts investierender Mitglieder verhindern, dass institutionelle Investoren eine Genossenschaft wie eine Aktiengesellschaft dominieren oder kontrollieren. In Verbindung mit dem gesetzlichen Förderzweck macht dies die Rechtsform für rein gewinnorientierte externe Investoren strukturell wenig attraktiv – ihnen fehlt der maßgebliche Einfluss, den sie von anderen Beteiligungsformen gewohnt sind.

Dies wird auch durch den Regierungsentwurf eines Gesetzes zur Stärkung der genossenschaftlichen Rechtsform bestätigt, den das Bundeskabinett am 15. Juli 2026 beschlossen hat. Der Entwurf stellt klar, dass die bloße Kapitalanlage keinen zulässigen Förderzweck im Sinne des Genossenschaftsgesetzes darstellt und begrenzt die zulässige Zahl der investierenden Mitglieder auf höchstens 50 % der Gesamtmitgliederzahl.

Fazit

Kann das Genossenschaftsmodell die Energiewende finanzieren? Ja, aber nur als ein Baustein unter vielen. Energiegenossenschaften mobilisieren Bürgerkapital dort, wo klassische Bankkredite oder institutionelle Investoren nicht greifen: bei regionalen, dezentralen Projekten mit überschaubarem Volumen.

Für die großvolumige, renditeorientierte Finanzierung setzt die Rechtsform wegen der fehlenden Kapitalmarktfähigkeit der Anteile, des Nominalwertprinzips und des begrenzten Investoreneinflusses klare Grenzen.

Wer demokratische Teilhabe an der regionalen Energieversorgung sucht, findet in der Energiegenossenschaft ein rechtlich etabliertes Modell mit hoher Stabilität. Bürgerkapital kann den Bankkredit damit nicht ersetzen, aber dort ergänzen, wo Mitbestimmung und Förderzweck wichtiger sind als Rendite.

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Autor

Dr. Josephine Fritzsche ist Rechtsanwältin bei FPS in Berlin. Sie berät nationale und internationale Unternehmen im Gesellschaftsrecht und bei M&A-Transaktionen. Sie promovierte an der Freien Universität Berlin und ist seit 2025 als Rechtsanwältin zugelassen.

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.

neo:sense von WEYV Technology: Wie das Startup Schatten-KI in Unternehmen stoppt

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WEYV Technology: neo:sense bringt KI in Unternehmen links: Daniel Schaffeld, rechts: René Tillmann

WEYV Technology entwickelt mit neo:sense eine KI für die regelbasierte Prüfung und Korrektur sensibler Dokumente in Unternehmen.

Können Sie WEYV Technology kurz vorstellen und erzählen, wie die Idee für neo:sense entstanden ist?

WEYV Technology haben Daniel Schaffeld und ich im März 2024 in Köln gegründet. Die Idee zu neo:sense kam nicht am Reißbrett, sondern aus der Praxis: Wir entwickelten zunächst eine Vertragsprüfungslösung für das Berliner Legal-Tech-Start-up Neo.Law. Die Wirtschaftskanzlei orka testete sie ausgiebig und genau aus diesem Praxistest entstand im Juli 2025 neo:sense als eigenständiges Produkt.

Wer steht hinter WEYV Technology, und welche Erfahrungen bringen René Tillmann und Daniel Schaffeld in das Unternehmen ein?

Mit künstlicher Intelligenz beschäftigen Daniel und ich uns schon deutlich länger als der aktuelle Hype, seit rund elf Jahren, unter anderem über unsere hijob GmbH im Recruiting-Bereich. Dazu bringe ich über 20 Jahre Erfahrung im Enterprise-IT-Geschäft mit, unter anderem als Key Account Manager für Data-Center-Lösungen bei Comparex und Inforsacom Logicalis, Daniel über 15 Jahre als Geschäftsführer digitaler Unternehmen, darunter mehr als sechs Jahre an der Spitze der fotocommunity GmbH.

Schatten KI wird für Unternehmen zunehmend zum Risiko. Warum greifen Mitarbeitende Ihrer Erfahrung nach trotzdem auf nicht freigegebene KI Tools zurück?

Meine Hypothese: Es geht schlicht um Zeit. Mitarbeitende sehen jeden Tag, was KI-Tools an Arbeit abnehmen können und wollen genau das für sich nutzen. An Datenschutz, Governance oder mögliche Datenprobleme denken sie in diesem Moment am wenigsten. Nicht aus Nachlässigkeit, sondern weil der Zeitdruck im Alltag stärker ist als das abstrakte Risiko.

Welche Vision verfolgen Sie mit WEYV Technology, und wie möchten Sie den sicheren Einsatz von KI in Unternehmen voranbringen?

Heute prüft neo:sense Dokumente, morgen soll es sich an sie erinnern. Wir entwickeln das System gerade vom Prüf- und Korrekturvorgang zu einem echten Gedächtnis für Unternehmen: neo:sense wird sich dann merken, welche Verträge und Unterlagen bereits geprüft wurden, was daran geändert wurde und warum. Ändert sich morgen eine Regel, etwa durch ein neues Gesetz, erkennt das System von selbst, welche Dokumente betroffen sind, und passt sie an. Wir wollen weg von einem Prüf- und Korrekturprozess zu der Instanz, die für Unternehmen jederzeit weiß, wo sie regulatorisch stehen, ohne dass das jemand manuell nachhalten muss.

neo:sense ist bewusst keine eigenständige KI Anwendung. Warum haben Sie sich für die Integration in bestehende Software und Prozesse entschieden?

Weil niemand ein weiteres Tool braucht. Genau das ist ja der Grund, warum Mitarbeitende überhaupt zu ChatGPT und Co. greifen: Sie wollen nicht erst eine neue Anwendung lernen, sondern einfach schneller fertig sein. Also haben wir neo:sense so gebaut, dass es sich in die Programme einfügt, die ohnehin schon genutzt werden, etwa direkt in Word. Je organischer die Integration, desto eher wird sie auch wirklich verwendet und genau darauf kommt es an. Für Unternehmen, die keine passende Umgebung dafür haben, bieten wir neo:sense aber auch als Stand-alone-Lösung an.

Verträge und andere Dokumente werden anhand unternehmensspezifischer Regeln geprüft. Wie funktioniert dieser Ansatz in der Praxis?

In fünf Schritten: Zunächst werden bestehende Verträge, Vorgaben oder Gesetze hochgeladen. Daraus erstellt neo:sense in wenigen Minuten ein sogenanntes Playbook, das Expert:innen bearbeiten und freigeben. Danach kann jede:r im Unternehmen ein Dokument hochladen, ganz ohne Vorkenntnisse. neo:sense prüft es Regel für Regel, begründet jede Änderung, korrigiert regelkonform und kontrolliert am Ende die eigene Arbeit noch einmal nach, inklusive lückenloser Aufstellung aller Änderungen.

Was unterscheidet neo:sense von klassischen KI Lösungen für die Analyse und Bearbeitung von Verträgen?

Zwei Dinge: Erstens arbeiten wir nicht mit offenem Prompting, sondern mit einem festen Regelwerk. Das heißt, niemand muss eine neue „Sprache“ lernen, um damit umzugehen und dasselbe Dokument liefert immer dasselbe Ergebnis, ohne Halluzinationsrisiko. Egal, wer es nutzt. Zweitens bleibt klassische Prüfsoftware zumeist bei reiner Fehlermarkierung stehen, während neo:sense Verstöße auch direkt regelkonform korrigiert, als nachverfolgbares Redlining direkt in Word. Man kann sich das ein bisschen wie einen TÜV für Verträge vorstellen: feste, bekannte Prüfkriterien statt einer Einzelmeinung, die morgen schon wieder anders ausfallen könnte.

Nachvollziehbarkeit und Reproduzierbarkeit stehen bei Ihnen im Mittelpunkt. Warum sind diese Eigenschaften bei sensiblen Dokumenten so entscheidend?

Eine Antwort, die man nicht erklären kann, ist bei Verträgen gefährlich: Jede Änderung muss lückenlos nachvollziehbar sein, sonst ist es nur schneller geraten statt schneller geprüft. Gerade in regulierten Bereichen verlangen Vorgaben wie der EU AI Act oder DORA ohnehin eine belegbare Prüfung. Das können generische KI-Assistenten schlicht nicht liefern.

Wie kann WEYV dazu beitragen, Expertenwissen nicht nur bei einzelnen Mitarbeitern zu belassen, sondern im Unternehmen skalierbar zu machen?

Indem Expert:innen ihr Wissen einmal als Playbook festhalten. Danach steht es der gesamten Organisation in gleicher Qualität zur Verfügung, egal ob das jemand im Einkauf, in der Rechtsabteilung oder im Vertrieb braucht, statt an einzelnen Personen zu hängen und mit ihnen das Unternehmen wieder zu verlassen. Neue Mitarbeitende müssen sich dieses Wissen dann nicht erst mühsam aneignen, sie arbeiten vom ersten Tag an mit demselben Qualitätsstandard wie die erfahrensten Kolleg:innen im Haus. Wichtig ist dabei trotzdem: Die Endverantwortung für das Ergebnis liegt weiterhin beim Menschen. neo:sense skaliert das Wissen, nicht die Verantwortung dafür.

Viele Unternehmen versuchen Schatten KI durch Verbote zu verhindern. Warum reicht dieser Ansatz aus Ihrer Sicht nicht aus?

Ein Verbot lässt das eigentliche Bedürfnis nicht verschwinden, es verschiebt es nur ins Verborgene. Der Zeitdruck, der Mitarbeitende zu privaten KI-Tools treibt, ist am nächsten Tag noch genauso da, nur wird jetzt heimlich statt offen mit privaten Tools gearbeitet. Die IT-Abteilung verliert also nicht nur die Kontrolle, sondern auch die Sichtbarkeit über das Problem. Wirksam wird Governance erst, wenn die sichere Variante mindestens so schnell ist wie die unsichere Abkürzung.

Welche Branchen und Anwendungsfälle stehen für WEYV Technology künftig besonders im Fokus, und wie soll sich neo:sense weiterentwickeln?

Am stärksten wirkt neo:sense schon heute in regulierten Bereichen, überall dort, wo Dokumente festen Regeln folgen, von Verträgen über Datenschutz-Unterlagen bis zu Förderanträgen und Ausschreibungen. Besonders im Fokus stehen für uns Legal, IT-Dienstleister und Behörden, aber wir bleiben aktuell bewusst offen: Auch Banken oder die Pharmabranche haben genau diese Kombination aus strengen Regeln und hohem Dokumentenaufkommen und wir können uns den Einsatz dort sehr gut vorstellen. Wie sich neo:sense dafür weiterentwickeln soll, habe ich ja bereits mit dem Blick auf das Gedächtnis schon beschrieben. Das bleibt unser roter Faden, unabhängig von der Branche.

Welche drei Ratschläge würden Sie anderen Gründerinnen und Gründern geben, die ein KI Unternehmen für regulierte oder besonders sensible Bereiche aufbauen möchten?

Erstens: Baut nicht für den Prompt, baut für den Prozess. In sensiblen Bereichen zählt nicht die beeindruckendste Antwort, sondern die nachvollziehbarste. Zweitens: Sucht euch früh einen kritischen Praxispartner, der euer Produkt wirklich auf die Probe stellt. Bei uns war das orka, und genau dieser Realitätscheck hat neo:sense zu dem gemacht, was es heute ist. Drittens: Unterschätzt nie, wie viel Vertrauen ihr am Anfang verspielt, wenn ihr Genauigkeit gegen Geschwindigkeit eintauscht. In sensiblen Bereichen holt man verlorenes Vertrauen kaum zurück.

Bild Gründerteam Bildcredits Nullprozente UG (haftungsbeschränkt)

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Abmahnfalle Social Media: Wie Musik in Reels für Unternehmen teuer wird

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Musik auf Social Media: Abmahnung vermeiden Tim Kniepkamp Bildcredits Suitcase

Social-Media-Videos sind schnell produziert. Ein kurzer Clip wird mit einem bekannten Song unterlegt. Das ist heute der Standard. Doch was privat unproblematisch ist, birgt für Selbstständige und Firmen enorme rechtliche Risiken. Ein kurzer Moment der Unachtsamkeit kann schnell teuer werden.

Die Plattform-Lizenz schützt Firmen nicht

Der Fehler passiert oft aus Unwissenheit. Viele Nutzer glauben, sie dürfen jedes Musikstück verwenden, das Plattformen wie Instagram oder TikTok anbieten. Technisch ist das Einbinden von Songs über die Musikbibliothek der Apps sehr leicht. Das Problem liegt jedoch in der Lizenzierung. Die Plattformen erwerben die notwendigen Rechte ausschließlich für die private Nutzung. Wenn ein Konto gewerblich ist, greifen diese Lizenzen nicht. Wer dann geschützte Musik ohne eigene Lizenz postet, verletzt das Urheberrecht.

Wann ein Account geschäftsmäßig ist

Die Grenze zwischen privater und gewerblicher Nutzung ist in der Praxis nicht trennscharf. Eindeutig kommerziell sind Accounts von Kapitalgesellschaften oder eingetragenen Kaufleuten. Aber auch Solo-Selbstständige oder Freiberufler handeln im rechtlichen Sinne geschäftsmäßig. Selbst ein scheinbar privater Account wird gewerblich, sobald dort ein Produkt gezeigt oder eine Dienstleistung beworben wird. Ein entscheidendes Indiz ist die Impressumspflicht. Sobald ein Kanal ein Impressum benötigt, ist bei der Nutzung von Musik auf Social Media Vorsicht geboten.

Warum Löschen allein keine Lösung ist

Die erste Reaktion vieler Unternehmen ist Panik. Der betroffene Post wird unverzüglich gelöscht. Das beendet zwar die andauernde Verletzung des Urheberrechts, löst aber nicht das eigentliche Problem. Die Rechtsverletzung ist bereits in der Vergangenheit geschehen. Die Rechteinhaber haben den Verstoß im Vorfeld der Abmahnung meist durch Screenshots oder digitale Archivdienste gerichtsfest dokumentiert. Das Löschen des Videos entbindet also nicht von der Pflicht, sich mit den gestellten Forderungen auseinanderzusetzen.

Was der Verstoß kostet

Rechteinhaber und Musiklabels verfolgen diese Verstöße zunehmend. Betroffene erhalten in der Regel eine formelle Abmahnung. Darin wird eine Unterlassungserklärung gefordert – gepaart mit einer Schadenersatzforderung. Die Berechnung dieses Schadens erfolgt meist nach der sogenannten Lizenzanalogie. Also: Was hätte eine reguläre Lizenz für diesen Beitrag gekostet? Da es für Social Media keine einheitlichen Preistabellen gibt und bislang ein klarer Maßstab in der Rechtsprechung fehlt, schwanken die Forderungen enorm. Sie reichen regelmäßig von niedrigen vierstelligen bis mittleren fünfstelligen Beträgen pro Post.

Außergerichtliche Schlichtung als Alternative

Eine klassische Abmahnung endet oft in einem teuren juristischen Streit. Neben dem Schadenersatz müssen meist die Anwaltskosten der Gegenseite getragen werden. Die strafbewehrte Unterlassungserklärung bindet langfristig und erhöht den Streitwert – in der Folge also auch die Anwaltskosten. Eine Alternative ist die außergerichtliche Konfliktlösung. In digitalen Schlichtungsverfahren einigen sich die Parteien schnell auf eine rein wirtschaftliche Kompensation. Solche Einigungen erfolgen vertraulich und ersparen den Betroffenen die Übernahme gegnerischer Anwaltskosten. Der Fokus liegt auf einer schnellen, gesichtswahrenden Lösung.

Tipps für rechtssicheren Content

Aufklärung ist immer der beste Schutz. Stellen Sie gewerbliche Social-Media-Kanäle konsequent auf lizenzfreie Musik um. Nutzen Sie ausschließlich Sound-Bibliotheken, die explizit für kommerzielle Zwecke freigegeben sind. Sensibilisieren Sie Ihre Mitarbeiter oder externe Agenturen für dieses Risiko. Im Zweifel gilt: Verzichten Sie auf Musik und setzen Sie stattdessen auf Voice Content. Das schützt vor unerwarteten Abmahnungen.

Hinweis

Wir machen darauf aufmerksam, dass die Inhalte dieses Beitrags lediglich dem unverbindlichen Informationszweck dienen. Sie stellen keine Rechtsberatung im eigentlichen Sinne dar. Der Inhalt kann und soll eine individuelle und verbindliche Rechtsberatung, die auf Ihre spezifische Situation eingeht, nicht ersetzen. Alle bereitgestellten Informationen verstehen sich ohne Gewähr auf Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität.

Bildcredits Suitcase

Autor:

Tim Kniepkamp ist Jurist und Geschäftsführer der digitalen Schlichtungsstelle „Suitcase“ in München. Seine Plattform vermittelt außergerichtliche Einigungen u.a. bei Konflikten im Medien- und Urheberrecht. Ziel ist die effiziente Konfliktlösung. 

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Was knapp drei Millionen Marken über Startup-Namen verraten

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Name, Marken und Gründer: Warum Markenrecherche wichtig ist Ron van de Sand Fotograf Jennifer Wickert

Ein Unternehmen zu gründen bedeutet, früh sehr viele Entscheidungen gleichzeitig zu treffen. Produkt entwickeln, erste Kunden gewinnen, eine Landingpage bauen, Social-Media-Kanäle sichern und SEO-Sichtbarkeit aufbauen. Vieles davon lässt sich später noch verändern oder optimieren. Eine Entscheidung zieht sich dagegen von Anfang an durch fast alles: der Name.

Wie soll das Unternehmen oder das Produkt heißen? Die Frage klingt zunächst einfach, zumindest bis man sich intensiv damit beschäftigt. Denn euer Name soll nicht nur kurz sein, sondern gleichermaßen prägnant und modern wirken und am besten sofort vermitteln, was ihr macht. Die passende Domain wäre ebenfalls schön. Am Ende steht dann die alles entscheidende Frage: Sollte ich mir den Namen schützen lassen?

Diese Frage lässt sich nicht pauschal beantworten, denn daraus kann schnell ein eigener, mitunter monatelanger Prozess entstehen. Dazu gehören beispielsweise der Gang zum Markenanwalt, die Beschreibung der relevanten Nizza-Klassen und schließlich die Markenanmeldung selbst, etwa beim Deutschen Patent- und Markenamt oder beim EUIPO (Amt der Europäischen Union für geistiges Eigentum).

Ich selbst bin diesen Weg des Öfteren gegangen, und er kann durchaus frustrierend sein. Denn neben der Frage, ob eine Marke grundsätzlich eintragungsfähig ist, entscheidet nicht nur die eigentliche Anmeldung. Relevant ist auch, wie ähnlich eine neue Marke bereits bestehenden Marken klingt, wie sie wirkt und ob sich die dahinterliegenden Waren oder Dienstleistungen inhaltlich überschneiden.

Ganz unabhängig davon, ob ihr euch am Ende für oder gegen eine Markenanmeldung entscheidet: Eine gründliche Recherche zu bereits bestehenden Marken ist unerlässlich. Nicht nur, weil im schlimmsten Fall Abmahnungen, Unterlassungsansprüche oder ein späterer Namenswechsel drohen können. Sondern auch, weil ihr sehr wahrscheinlich schon früh Zeit, Geld und Arbeit in die Sichtbarkeit eurer Marke investiert habt. Domain, Website, SEO, Social Media und erste Marketingmaßnahmen bauen auf diesem Namen auf. Je später ihr feststellt, dass es problematische Überschneidungen gibt, desto teurer und aufwendiger wird es, diesen Fehler zu korrigieren.

Wenn gute Ideen plötzlich ziemlich ähnlich aussehen

Viele Gründer neigen bei der Namenswahl öfter zu ähnlichen Mustern. Ganz konkret habe ich knapp drei Millionen europäische Markennamen ausgewertet. Dabei zeigt sich, dass Namensbestandteile wie „Tech“ (ca. 21.000-mal) oder „eco“ und „smart“ (jeweils ca. 13.000-mal) sowie Endungen wie „io“, „ly“ oder „fy“ tausendfach auftauchen. Das ist kein Zufall. Bei der Namenssuche greifen viele Gründer zu Begriffen, die modern klingen, vertraut wirken und möglichst schnell erklären, was das Unternehmen macht.

Je stärker sich ein Name an bekannten Begriffen und aktuellen Trends orientiert, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass viele andere auf eine ähnliche Idee gekommen sind. Ein guter Name muss deshalb nicht möglichst viel erklären. Er sollte vor allem genug Eigenständigkeit besitzen, um nicht zwischen Hunderten ähnlich klingenden Marken unterzugehen.

Der KI-Boom bringt seinen eigenen Trend mit sich

Die Veröffentlichung von ChatGPT im November 2022 läutete nicht nur eine neue Ära der Effizienzsteigerung und eine bis dahin beispiellose Verbreitung generativer KI ein. Sie wurde zugleich zum Startschuss für eine neue KI-Gründungswelle, die innerhalb kurzer Zeit zahlreiche Branchen erfasste.

Das zeigt sich nicht nur an der zunehmenden Anzahl registrierter Firmen in Deutschland, sondern auch an der Anzahl der Anmeldungen beim EUIPO. Zum Vergleich: Im Jahr 2025 wurden knapp 200.000 Marken angemeldet, 2019 waren es noch rund 160.000, ein Zuwachs von nahezu 23 Prozent.

Der KI-Gründungshype zeigt sich aber nicht nur an den reinen Zahlen der Anmeldungen. Auch die Namen selbst zeigen ein deutliches Muster. Rund zwei Drittel aller datierten EU-Markennamen mit „AI“ oder „GPT“ wurden erst nach 2022 registriert, obwohl das Register Jahrzehnte zurückreicht. Bis Ende 2022 waren es nicht einmal 800, seit 2023 kamen bereits 1.470 hinzu, also fast doppelt so viele wie in der gesamten Zeit davor.

Und ganz nebenbei gewann auch das nahezu unbekannte britische Überseegebiet Anguilla augenscheinlich an Attraktivität bei vielen Gründern. Der Grund dürfte allerdings weniger an den Stränden liegen, sondern vielmehr an der Länder-Domain „.ai“, unter der viele der neuen KI-Unternehmen ihre Webseiten registrieren.

Euer Markenname wird nie „perfekt“ sein

Auch wenn es immer schwieriger wird, einen kurzen und selbsterklärenden Namen zu finden, solltet ihr euch davon nicht abschrecken lassen, auch wenn fast täglich neue Marken registriert und auch passende Domains knapper werden. Ein guter Markenname muss nicht alles sofort erklären und schon gar nicht „perfekt“ sein. Viel wichtiger ist, dass er zu euch passt, im Kopf bleibt, bei euren Kunden funktioniert und nicht durch andere bereits besetzt ist.

Fragt deshalb ruhig Kunden, Freunde oder Bekannte, was sie empfinden, wenn sie den Namen zum ersten Mal hören. Was kommt ihnen als Erstes in den Sinn? Woran erinnert sie der Name? Und können sie ihn sich nach kurzer Zeit noch merken?

Am Ende zählt immer das, was ihr daraus macht.

Bildcredits Jennifer Wickert

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Mietminderung bei Wasserschaden: Das steht Mietern zu

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Mieter: Schaden und Minderung richtig handhaben Benjamin Kominek

Ein dunkler Fleck an der Decke, Wasser im Laminat oder ein Rohrbruch in der Wand: Wasserschäden zählen zu den häufigsten Problemen in Mietwohnungen. Für die Bewohner beginnt dann oft ein wochenlanger Ausnahmezustand. Feuchte Wände, aufgequollene Böden und dröhnende Trocknungsgeräte machen das Wohnen zur Belastung. Viele Mieter wissen nicht, dass sie in dieser Zeit weniger Miete zahlen müssen. Dabei ist die Rechtslage eindeutig.

Wann Mieter die Miete mindern dürfen

Die Grundlage steht in Paragraf 536 des Bürgerlichen Gesetzbuchs. Schränkt ein Mangel die Nutzung der Wohnung spürbar ein, ist die Miete automatisch gemindert. Ein Antrag ist nicht nötig. Auch auf die Zustimmung des Vermieters kommt es nicht an. Die Minderung gilt ab dem Tag, an dem der Schaden gemeldet wurde. Gerechnet wird tagesgenau bis zur vollständigen Beseitigung, die Trocknungsphase eingeschlossen. Eine Ausnahme gibt es: Wer den Schaden selbst verursacht hat, darf nicht mindern. Das gilt etwa, wenn der Schlauch der eigenen Waschmaschine platzt.

Ohne Meldung kein Recht

Der wichtigste Schritt ist die Mängelanzeige. Mieter müssen den Schaden unverzüglich melden. Wer das versäumt, verliert das Minderungsrecht für diesen Zeitraum und haftet im schlimmsten Fall sogar für Folgeschäden. Bei laufendem Wasser gilt: sofort anrufen, danach schriftlich nachziehen. Die Anzeige sollte den Schaden konkret beschreiben und eine Frist zur Beseitigung setzen. Fotos mit Datum, kurze Notizen zum Verlauf und Zeugen sichern die Beweislage. Auch die Ankündigung der Minderung gehört in das Schreiben. Das schafft klare Verhältnisse und beugt Streit vor.

Wie hoch darf die Minderung ausfallen?

Eine gesetzliche Tabelle gibt es nicht, die Quote richtet sich nach dem Einzelfall. Aus der Rechtsprechung lassen sich aber Orientierungswerte ableiten. Feuchte Wände ohne echten Nutzungsausfall rechtfertigen etwa fünf bis fünfzehn Prozent. Ist ein Raum nicht mehr nutzbar, sind fünfzehn bis dreißig Prozent üblich. Laufen Trocknungsgeräte in mehreren Räumen, steigen die Quoten wegen Lärm, Abwärme und blockierter Flächen auf dreißig bis sechzig Prozent. Bei einer unbewohnbaren Wohnung entfällt die Miete komplett. Berechnungsgrundlage ist die Bruttomiete, also Kaltmiete plus Nebenkostenvorauszahlung. Wer unsicher ist, zahlt zunächst unter Vorbehalt weiter und fordert den Differenzbetrag später zurück.

Trocknungsgeräte: Der Strom geht auf den Vermieter

Bautrockner laufen meist Tag und Nacht, oft über mehrere Wochen. Je Gerät kommen schnell 15 bis 25 Kilowattstunden am Tag zusammen. Das summiert sich auf über hundert Euro Stromkosten im Monat. Diese Kosten trägt der Vermieter beziehungsweise dessen Versicherung. Mieter sollten den Zählerstand beim Aufstellen und beim Abbau der Geräte fotografieren und die Differenz in Rechnung stellen. Die Minderung wegen Lärm und eingeschränkter Nutzung kommt zusätzlich dazu. Ein Punkt für später: In der Nebenkostenabrechnung haben Trocknungs- und Reparaturkosten nichts verloren.

Wer zahlt was?

Nach einem Wasserschaden sind oft mehrere Versicherungen im Spiel. Schäden am Gebäude, also Wände, Böden und die Trocknung, laufen über die Gebäudeversicherung des Eigentümers. Beschädigte Möbel und Geräte des Mieters ersetzt dessen Hausratversicherung oder der Verursacher. Wichtig zu wissen: Auch wenn der Nachbar den Schaden verursacht hat, bleibt der Vermieter der richtige Ansprechpartner für Minderung und Reparatur. Der Mietvertrag besteht mit ihm. Das Geld holt er sich anschließend beim Verursacher zurück.

Diese Fehler kosten Geld

Der häufigste Fehler ist eine überzogene Quote. Wer über Monate deutlich zu wenig zahlt, riskiert eine Kündigung wegen Zahlungsverzugs. Kritisch wird es ab einem Rückstand von zwei Monatsmieten. Die Zahlung unter Vorbehalt ist deshalb der sichere Weg. Fehler Nummer zwei sind mündliche Absprachen. Was nicht schriftlich festgehalten ist, lässt sich später kaum beweisen. Und schließlich verschenken viele Betroffene schlicht Geld, weil sie ihre Rechte gar nicht erst geltend machen.

Digitale Hilfe für Mieter

Wer sich Formulierungen und Fristen nicht zutraut, muss nicht gleich zum Anwalt. Mieterportale im Netz übernehmen inzwischen viele dieser Schritte. Sie erstellen Mängelanzeigen mit korrekter Fristsetzung, ordnen Fotos des Schadens einer realistischen Minderungsquote zu, erinnern an laufende Fristen und versenden Schreiben direkt an den Vermieter. Auch die spätere Nebenkostenabrechnung lässt sich digital auf unzulässige Posten prüfen. Eine Rechtsberatung im Streitfall ersetzt das nicht. Für die ersten Schritte reicht es aber meistens aus. Wer schnell meldet, sauber dokumentiert und mit Augenmaß mindert, kommt gut durch die nasse Zeit.

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Sechsstelliges Investment: Indoor-Garten-Startup Everleaf expandiert

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Everleaf: Marketing und Produktentwicklung im Fokus Bild: Christophe Vermeersch vor Indoor Garten @ Everleaf

Everleaf holt mittleren sechsstelligen Betrag und bereitet den Schritt über DACH hinaus vor

Das Wiener Indoor-Garten-Startup Everleaf hat eine neue Finanzierungsrunde im mittleren sechsstelligen Bereich abgeschlossen. Zu den neuen Investoren zählt ein Gründer, der bereits im Silicon Valley ein Unternehmen erfolgreich aufgebaut und verkauft hat. Der größte Teil des Kapitals geht in die Vorfinanzierung der Ware, dazu kommen Marketing und Produktentwicklung. Ab dem kommenden Jahr will das Unternehmen erstmals neue Märkte erschließen.

Frisches Gemüse in der eigenen Wohnung ernten, ohne Garten und ohne grünen Daumen: Mit diesem Versprechen ist Everleaf mit der ersten Version seines vertikalen Indoor-Gartens auf den Markt gegangen. Zuletzt hatte sich im Mai 2025 Bestandsinvestor Michael Grabner, der über „2 Minuten 2 Millionen“ eingestiegen war, an einer sechsstelligen Runde beteiligt. Damals lautete das Ziel, den Umsatz im laufenden Jahr zu verzehnfachen. Dieses Ziel hat Everleaf nach eigenen Angaben beinahe erreicht. Im laufenden Jahr wächst das Unternehmen erneut deutlich.

Jetzt folgt die nächste Runde. Everleaf hat frisches Kapital im mittleren sechsstelligen Bereich aufgenommen und mehrere neue Investoren an Bord geholt.

Silicon Valley Erfahrung im Gesellschafterkreis

Die neuen Investoren beteiligen sich als Business Angels und bringen neben Kapital vor allem Netzwerk und operative Erfahrung mit. Einer von ihnen hat im Silicon Valley selbst ein Unternehmen aufgebaut und erfolgreich verkauft. Auf eigenen Wunsch werden die neuen Gesellschafter nicht namentlich genannt.

„Geld allein löst in unserer Phase wenig. Was uns wirklich weiterbringt, sind Leute, die den Weg vom Startup zum großen Unternehmen schon einmal gegangen sind und wissen, wo es dabei knirscht“, sagt Gründer Christophe Vermeersch.

Stärkung des Working Capital

Ein Großteil der neuen Mittel fließt nicht in Marketing, sondern in die Ware selbst. Für Everleaf ist das die zentrale Herausforderung im Consumer Hardware Geschäft: Produktion und Einkauf müssen Monate vorfinanziert werden, lange bevor ein einziger Garten verkauft ist. Je stärker das Unternehmen wächst, desto größer wird der Kapitalbedarf, der in Lager und Vorproduktion gebunden ist.

Klassische Einkaufsfinanzierungen von Banken greifen in dieser Größenordnung noch nicht. Genau hier setzt die neue Runde an: Sie stärkt das Working Capital und schafft damit die Basis für das geplante Wachstum. Everleaf hält sich außerdem die Option offen, künftig ein weiteres Double Equity zu beantragen, um diesen Bereich dauerhaft abzusichern.

„Bei Hardware entscheidet nicht nur, wie gut du verkaufst, sondern ob du die Ware überhaupt durchgehend vorfinanzieren kannst, ohne dabei Out of Stock zu sein. Diese Hürde wird mit jedem Wachstumsschritt größer“, so Vermeersch.

Creative Diversity: Everleaf sucht Verstärkung im Marketing

Als DTC Marke wächst Everleaf vor allem über Online Marketing. Umsatzwachstum entsteht dort allerdings nicht dadurch, dass man den Geldhahn bei Meta weiter aufdreht. Entscheidend sind Menge und Qualität der Werbemittel, im Fachjargon Creative Diversity. Bisher hat Vermeersch diesen Bereich selbst verantwortet. Für die nächste Skalierungsstufe reicht das nicht mehr.

Everleaf sucht daher ab sofort eine Growth & Marketing Manager mit Erfahrung im E-Commerce oder DTC Umfeld. Die Position ist in Wien angesiedelt.

Produktentwicklung mit 3D-Druckern statt langer Roadmaps

Seit Everleaf die Produktentwicklung vollständig In-house geholt und vor einem Jahr einen eigenen Produktentwickler eingestellt hat, kommen deutlich mehr Produkte auf den Markt, vor allem Zubehör für den Everleaf Garden. Noch in diesem Jahr folgen zwei weitere Produkte, die das Gartenerlebnis erweitern.

Der Ansatz dahinter ist bewusst schlank. In der hauseigenen Werkstatt stehen mehrere 3D-Drucker. Aus einer Idee kann innerhalb einer Woche ein Produkt im Shop werden, das im echten Markt getestet wird. Erst wenn Kundinnen und Kunden es kaufen und mit Qualität und Funktion zufrieden sind, investiert das Team in skalierbare Fertigungsverfahren wie Spritzguss, die immer mit hohen Werkzeugkosten verbunden sind.

Genauso ist Everleaf schon beim Garten selbst vorgegangen. Die erste Version war alles andere als perfekt, kam dafür aber früh auf den Markt und lieferte echtes Feedback. Heute ist das Produkt weitgehend ausentwickelt. Das Team soll auch künftig bewusst klein bleiben, Prozesse werden so weit wie möglich mit KI aufgesetzt.

Vier Jahre Everleaf und der Blick über DACH hinaus

Im August 2022 begann Christophe Vermeersch mit der Konzeptentwicklung von Everleaf, im März 2023 folgte die Gründung der GmbH. Vier Jahre nach der ersten Idee ist der Antrieb derselbe geblieben: die Lebensmittelproduktion wieder näher an die Endverbraucher bringen, mit kurzen Wegen, frischerem Gemüse und ohne Belastung durch Pestizide.

Mit dem neuen Kapital will Everleaf ab dem kommenden Jahr erstmals über den deutschsprachigen Raum hinausgehen.

„Uns war immer wichtig, erst zu zeigen, dass unser Produkt und unser Ansatz in DACH funktioniert, bevor wir in neue Märkte gehen“, sagt Vermeersch. „Inzwischen haben wir ein System gefunden, das funktioniert. Genau das wollen wir jetzt auf weitere Länder übertragen.“

Bild: Christophe Vermeersch vor Indoor Garten @ Everleaf

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