Sonntag, Januar 25, 2026
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Wie verändert sich unser Arbeitsalltag, wenn digitale Systeme endlich wirklich für uns arbeiten?

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Ordio Schichtbetriebe Plattform für digitalen Arbeitsalltag ordio manamgent team bild

Ordio digitalisiert den gesamten Arbeitsalltag von Schichtbetrieben und verbindet Planung, Zeiterfassung und Lohnprozesse in einer einzigen intuitiven Plattform.

Wie würden Sie Ordio und das Team dahinter vorstellen, und was war der Auslöser, dieses Unternehmen zu gründen?

Ordio ist aus meinem eigenen Alltag in der Gastronomie entstanden. Über Jahre habe ich selbst erlebt, wie mühsam Schichtplanung, Zeiterfassung und Lohnabrechnung sein können, besonders wenn man, wie wir damals, über 100 Mitarbeiter:innen hat und ständig alles in Bewegung ist. Die meisten bestehenden Tools haben uns eher ausgebremst als unterstützt. Es waren isolierte Insellösungen, die nicht verstanden haben, wie ein Dienstleistungsbetrieb wirklich tickt: spontane Änderungen, Ausfälle, Peaks – all das, was hinter den Kulissen jeden Tag passiert.

Irgendwann war klar: Wenn wir ein Tool wollen, das wirklich hilft, müssen wir es selbst bauen. So ist Ordio entstanden, als modulares System, das Onboarding, Schichtplanung, digitale Zeiterfassung und mit Payroll Plus sogar eine KI-gestützte Nettoabrechnung verbindet.

Und das Team dahinter? Wir sind ein Mix aus Produkt- und Tech-Profis, die ganz nah am Use Case arbeiten. Unsere DNA: schneller Produktfokus, enge Zusammenarbeit mit unseren Kund:innen und der Anspruch, echte Lösungen für den Alltag zu liefern.

Welche Vision verfolgt Ordio für die digitale Zukunft von Schichtbetrieben, und welche konkreten Schritte gehen Sie derzeit auf dieses Ziel zu?

Unsere Vision bei Ordio ist klar: Schichtbetriebe so digitalisieren, dass Chaos, Papierkram und manuelles Nacharbeiten komplett verschwinden. Wir setzen auf einen employee-centric Ansatz: die Mitarbeiter:innen lieben die App, und die Arbeitgeber:innen profitieren von Automatisierung.

Statt fünf verschiedene Tools nebeneinander zu nutzen, bauen wir eine integrierte Plattform. Aktuell konzentrieren wir uns auf unser CORE-System: Performance, UX und Zuverlässigkeit. Gleichzeitig entwickeln wir Payroll AI, verbessern die App-Erfahrung für Nutzer:innen und setzen KI gezielt für Assistenz, Vorschläge und Automationen ein. So bringen wir die digitale Zukunft Schritt für Schritt in den Alltag unserer Kund:innen.

Für welche Zielgruppen ist Ihre Lösung besonders relevant, und wie stellen Sie sicher, dass die Bedürfnisse von Betrieben aus über 70 Branchen wirklich abgedeckt werden?

Ordio ist relevant für alle Schichtbetriebe mit vielen Mitarbeiter:innen: Gastronomie, Hotellerie, Fitness, Pflege, Events oder Logistik. Unser System ist extrem flexibel konfigurierbar: Skills, Rollen, Regeln oder Abfragen lassen sich branchenspezifisch anpassen.

Wir erkennen Muster über Branchen hinweg, ermöglichen aber gleichzeitig die Feinheiten jedes Sektors. Der Schlüssel: ein starkes Feedback-Loop mit tausenden Kund:innen und kontinuierlicher Kontakt mit Nutzer:innen. So stellen wir sicher, dass wir die Bedürfnisse von über 70 Branchen wirklich abdecken.

Was unterscheidet Ordio von klassischen Tools für Schichtplanung und Zeiterfassung, und wo sehen Sie Ihren stärksten Mehrwert für Unternehmen?

Ordio unterscheidet sich vor allem durch den ganzheitlichen Ansatz: Schichtplanung, Zeiterfassung, Aufgaben, Personalakten, Dokumente und Payroll – alles in einem Tool. Wir setzen auf eine mobile Experience, die Mitarbeiter:innen wirklich lieben, kombiniert mit Automationen, Workflows und KI statt starrer Prozesse. Das System ist extrem intuitiv, Schulungen sind kaum nötig, und die Plattform wächst flexibel mit jedem Unternehmen mit.

Welche Herausforderungen begegnen Ihnen im Alltag als Anbieter einer umfassenden Workforce-Management-Software, und wie gehen Sie mit diesen Hürden um?

Als Anbieter eines People Operating System begegnen uns täglich einige Herausforderungen: unterschiedliche gesetzliche Vorgaben in DACH, die Balance zwischen der Komplexität großer Organisationen und der Simplicity für kleinere Betriebe, sowie der hohe Support-Anspruch in 24/7-Schichtbetrieben.

Zudem müssen wir schnelle Releases mit Stabilität verbinden. Unsere Lösung: klare Priorisierung, Quality Gates, ein starkes Produktteam und ein iteratives Vorgehen. So bleiben wir agil, liefern zuverlässig und behalten den Überblick über die vielfältigen Anforderungen unserer Kund:innen.

Wie integrieren Sie neue gesetzliche Anforderungen oder Veränderungen im Arbeitsrecht in Ihre Plattform, ohne dass Unternehmen zusätzlichen Aufwand haben?

Wir beobachten Lohn- und Arbeitsrecht kontinuierlich und arbeiten eng mit Lohnbuchhalter:innen, Steuerberater:innen und eigenen Expert:innen zusammen. Neue gesetzliche Anforderungen integrieren wir automatisch als Updates in die Plattform und unsere Nutzer:innen müssen nichts tun. Das reicht von Dokumentationspflichten über die Arbeitszeiterfassungspflicht bis hin zu Mindestlohnanpassungen. So bleibt Ordio immer rechtssicher und up to date, ohne zusätzlichen Aufwand für die Betriebe.

Welche Rolle spielen Themen wie Benutzerfreundlichkeit und mobile Nutzung bei der Weiterentwicklung Ihrer App und Ihres Web-Tools?

Benutzerfreundlichkeit und mobile Nutzung sind für uns absolut kritisch. Rund 90 % der Mitarbeiter:innen nutzen Ordio auf dem Smartphone. Deshalb hat höchste Priorität: weniger Klicks, klare UI und schnelle Paths. Alles muss in Sekunden funktionieren, denn unsere Nutzer:innen haben eine extrem kurze Aufmerksamkeitsspanne im Arbeitsalltag.

Wie helfen Funktionen wie digitale Personalakten, automatisierte Dokumentenabfragen oder Payroll-Prozesse Ihren Kunden dabei, administrativen Aufwand zu reduzieren?

Digitale Personalakten, automatisierte Dokumentenabfragen und smarte Payroll-Prozesse nehmen unseren Kund:innen enorm viel Nachfassarbeit ab. Statt ständig hinter Unterlagen herzutelefonieren, werden fehlende Dokumente automatisch angefordert und erinnert – komplett papierlos und ohne manuelle Schleifen.

Bei Payroll minimieren wir Fehler, automatisieren Übergaben und sorgen für eine saubere, strukturierte Abrechnungsvorbereitung. Das Ergebnis: weniger Aufwand, mehr Transparenz und Compliance, die ganz nebenbei mitläuft.

Auf welche kommenden Funktionen oder Weiterentwicklungen dürfen Ihre Nutzer gespannt sein, und wohin entwickelt sich Ordio langfristig?

Unsere Nutzer:innen können sich auf eine ganze Reihe starker Weiterentwicklungen freuen. Mit Payroll AI zum Beispiel arbeiten wir an einer weitgehend automatisierten Lohnabrechnung, die direkt auf echten Schicht- und Zeitdaten basiert. Dazu kommen erweiterte Agent-Features, also KI-Assistenz direkt im Tool.

Und natürlich: noch mehr Automationen für Admins, damit der Alltag Schritt für Schritt leichter wird.

Wie stellen Sie sicher, dass Ihre Lösung auch für kleine Unternehmen intuitiv bleibt, gleichzeitig aber große Organisationen mit komplexen Strukturen unterstützt?

Ordio setzt auf dynamische Komplexität: Für kleine Unternehmen bleibt alles einfach und intuitiv, gleichzeitig können große Strukturen problemlos abgebildet werden.

Kleine Teams profitieren von Onboarding-Checklisten und klarer Navigation, während Enterprise-Funktionen wie Audit Logs oder Mehrstandort-Steuerung erst sichtbar werden, wenn sie tatsächlich gebraucht werden. So wächst die Plattform mit dem Unternehmen, ohne die Nutzer:innen zu überfordern.

Was möchten Sie anderen Gründerinnen und Gründern mit auf den Weg geben, die gerade am Anfang ihrer Reise stehen?

Mein Rat an Gründer:innen: Versteht zuerst die echten Probleme, bevor ihr etwas baut. Testet früh, bezieht Nutzer:innen ein und entwickelt nicht im stillen Kämmerchen. Fokus auf Produkt und Qualität ist entscheidend. Marketing kommt danach. Und ganz wichtig: Team und Kultur sind wertvoller als jede Präsentation oder Pitchfolie. Wer hier stark ist, hat schon die halbe Miete.

Welche drei persönlichen Ratschläge würden Sie jungen Unternehmerinnen und Unternehmern geben, um langfristig erfolgreich zu bleiben?

Drei persönliche Ratschläge für langfristigen Erfolg. Erstens, radikale Nähe zu Kund:innen: echte Gespräche, echte Use Cases, kein ‚Abstraktdenken‘. Zweitens, Speed und Fokus: 80/20, schnelle Iterationen, aber trotzdem hohe Qualität liefern. Drittens, persönliches Energie-Management: ausreichend Schlaf, Sport und Balance, damit man langfristig klar denken und handeln kann.

Bild Management Teambild @ Fotograf/ Bildcredits: Daniel Kallhof

Wir bedanken uns bei David Keuenhof für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder

Die Technologie, die das Moleküldesign für immer verändert

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Kvantify Quantenchemie für revolutionäres Moleküldesign Dr. Jörg Weiser Copyright Kvantify

Das dänische Unternehmen Kvantify revolunioniert mit seiner Technik die Life-Science-Branche, insbesondere die frühe Arzneimittelforschung, und trägt darüber hinaus zur digitalen Souveränität Europas im Bereich Quantencomputing bei. Im Interview mit Dr. Jörg Weiser  zeigt sich auch, welche Rolle die von Kvantify entwickelte Quantencomputer-Softeware „Qrunch“ dabei spielt. 

Wie würden Sie Kvantify und die Menschen dahinter Personen vorstellen, die erstmals von Ihrem Unternehmen erfahren?

Kvantify ist ein dänisches Softwareunternehmen, das 2022 mit dem Ziel gegründet wurde, die molekulare Forschung durch die Verbindung von Quanten- und klassischen Rechenmethoden zu revolutionieren. Kvantify konzentriert sich insbesondere auf die Life-Science-Branche, vor allem auf die frühe Arzneimittelforschung.
Die Gewährleistung von Gesundheit und Wohlstand durch Technologie ist wichtiger denn je, und ein Schlüsselbereich ist die Suche nach den Molekülen von morgen – für bessere Medikamente, bessere Materialien und Klimaschutz.
Die Quantentechnologie ist eine der besten Möglichkeiten, genau das zu erreichen, d. h. diese neuen Moleküle zu finden. Die Gründer von Kvantify wollten die frühzeitige Einführung dieser erstaunlichen Technologie vorantreiben und machten sich daher an die schwierige Aufgabe, die Software für eine Hardware zu liefern, die sich noch in der Entwicklung befindet – ein milde ausgedrückt ambitioniertes Vorhaben.

Was war der zentrale Impuls zur Gründung von Kvantify im Jahr 2022 und wie hat sich daraus die Idee für Qrunch entwickelt?

Siehe oben

Welche langfristige Vision verfolgt Kvantify mit Qrunch. Und welche Rolle spielt Quantenchemie dabei?

Qrunch wird die Plattform der Wahl für innovatives Moleküldesign mit Quantencomputern sein. Die Quantenchemie ist dabei die Schlüsselkomponente, da es für klassische Computer äußerst schwierig ist, groß angelegte chemische Berechnungen durchzuführen. Der Quantencomputer ist daher die Maschine der Wahl, um zu ermöglichen, was klassische Computer niemals leisten könnten. Qrunch ist die Plattform, die dies für Endnutzer in den Bereichen Biowissenschaften und Chemie zugänglich macht und nicht nur für Experten, die bereits über Kenntnisse im Bereich Quantencomputing verfügen.
Langfristig arbeitet Kvantify an der Entwicklung einer „Prompt-Type”-Plattform für die frühe Arzneimittelforschung, die Quanten- und klassisches Computing miteinander verbindet, die Benutzererfahrung interaktiv und extrem einfach gestaltet und auf der leistungsstärksten Software im Bereich Quanten- und klassisches Computing aufbaut.

Für welche Zielgruppen ist Qrunch besonders relevant und welche konkreten Bedürfnisse adressieren Sie in der Pharma und Materialforschung?

Qrunch ist relevant für Organisationen, die sich mit der Entwicklung neuartiger Moleküle, Materialien oder biologischer Systeme befassen und technologisch an der Spitze stehen möchten.
Kurzfristig können Nutzer auf einfache Weise mit einer potenziell disruptiven Technologie beginnen – auf zugängliche, skalierbare und kosteneffiziente Weise.
Langfristig (mit zunehmender Reife der Hardware) bieten wir präzisere molekulare Simulationen – etwas, das klassische Computer allein nicht leisten können.

Wie erleichtert Qrunch komplexe molekulare Simulationen für Nutzer ohne Quantenexpertise?

Mit Qrunch müssen Endnutzer chemische Probleme nicht mehr in Programmcode umwandeln, den ein Quantencomputer versteht. Dies ist die Aufgabe eines Quantenalgorithmus; Qrunch basiert auf Kvantifys eigenen Algorithmen, die nicht nur hinsichtlich ihrer Leistung auf der tatsächlichen Hardware branchenführend sind, sondern auch so programmiert sind, dass die Nutzer ihre Zeit damit verbringen können, die für sie interessante Chemie zu spezifizieren, anstatt sich mit den Details der Funktionsweise eines Quantencomputers zu beschäftigen. Endnutzer möchten Ergebnisse erzielen, und Qrunch liefert genaue Ergebnisse – und das schnell.

Novonesis ist Launch Partner. Welche Erkenntnisse gewinnen Sie aus dieser frühen Zusammenarbeit und wie fließen sie in die Weiterentwicklung ein?

Wir haben viel gelernt, sowohl darüber, was für einen auf Enzyme fokussierten Kunden interessant ist, als auch darüber, wie jemand, der in einem Unternehmen wie Novonesis arbeitet, die Ergebnisse einer Technologie wie Qrunch nutzt, um bessere Entscheidungen zu treffen und auf seiner Seite Mehrwert zu schaffen.
Tatsächlich arbeiten wir bereits an kommenden Releases, die Analysen und Visualisierungen hinzufügen, die im Kontext von Novonesis als wertvoll identifiziert wurden. Auf der technischen Seite fügen wir neue algorithmische Funktionen hinzu, um genaue Ergebnisse zu liefern, die als Leitfaden für das Enzymdesign dienen. All dies ist den hervorragenden Diskussionen aus der frühen Prototypenphase zu verdanken.

Welche besonderen Herausforderungen ergeben sich bei der Entwicklung von Software für Quantencomputer und wie begegnen Sie diesen im Alltag?

Die Fehlerquote von Quantencomputern ist ein gegebenes Problem, mit dem man sich auseinandersetzen muss. Wir müssen Geduld mit den Maschinen haben. Die Wartung der Hardware ist ein eigenes Thema – in den Anfängen der Technologie muss man mit Unterbrechungen rechnen. Auch der Zugang ist ein Problem, denn Quantencomputer sind nach wie vor eine knappe Ressource. Glücklicherweise verfügen wir bereits über starke Hardware-Partnerschaften, die uns helfen, im zunehmenden Wettbewerb die Nase vorn zu behalten. Dies ist ein weiterer Vorteil von Qrunch: Zugang zu Hardware-Partnern.

Was unterscheidet Qrunch von anderen Lösungen auf dem Markt. Und warum ist das Preis-Leistungs-Verhältnis ein entscheidender Faktor?

Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist bei jeder intensiven Rechenaufgabe entscheidend. Quantentechnologie ist relativ teuer – zumindest, wenn man die Hardware nicht optimiert nutzt. Qrunch verfügt über Algorithmen, die vergleichbare Ansätze übertreffen, aber deutlich weniger Ressourcen und Rechenzeit benötigen. Das führt zu einer erheblichen Kostenersparnis.
Zudem ist Qrunch derzeit die einzige Technologie, die auf molekulare Systemgrößen skalieren kann, die für industrielle Use Cases relevant sind. Wir sind die ersten, die diese Skalierbarkeit praktisch demonstrieren.

Wie wichtig ist die Partnerschaft mit IQM Quantum Computers für die technologische Entwicklung und für das europäische Quanten-Ökosystem?

Wie oben erwähnt, sind wir mit der Partnerschaft äußerst zufrieden, da Quantenhardware insgesamt rar ist. Es ist sinnvoll, unseren Kunden die beste Software anzubieten, wenn sie auch auf der besten Hardware läuft.
IQM ist ein weltweit führender Anbieter hochwertiger Quantencomputer. Dass das Unternehmen in Europa sitzt, ist entscheidend – gemeinsam entsteht ein europäischer Champion in Quantentechnologie.
Der regelmäßige Hardware-Zugriff ist für die Entwicklung essenziell. IQM bietet uns einzigartige Maschinen und Roadmaps, die sehr gut auf Qrunchs Fähigkeiten abgestimmt sind.

Inwiefern verändert Qrunch die Möglichkeiten, größere und kommerziell relevante Moleküle zu modellieren. Und welche neuen Forschungswege entstehen dadurch?

Wir haben dies bereits oben beantwortet.
Wir sind die Einzigen, die über 50 Qubits hinausgehen und effizient mit Laptop + Quantencomputer in der Cloud arbeiten können. Das hat die Erwartungen an frühe Quantenchemie-Nutzung komplett verändert.
Qrunch ermöglicht es heute, kommerziell relevante Moleküle auf über 100 Qubits zu simulieren – ein Meilenstein.
Ein spannender Bereich sind kovalent gebundene Medikamente, ein komplexes, aber ideales Anwendungsfeld für Quantencomputer. Hier entsteht ein vollkommen neuer Forschungsraum.

Welche nächsten Schritte planen Sie für Kvantify und welche Entwicklungen dürfen Nutzer von Qrunch in den kommenden Monaten erwarten?

Wir fügen neue Funktionen hinzu, die Nutzern mehr Einblick geben, wie sich Genauigkeit gegen Rechenzeit austauschen lässt – ein entscheidender Zukunftsfaktor.
Zudem entwickeln wir Methoden, um Berechnungen mit über 100 Qubits effizient abzubilden und kombinieren sie mit neuen Nachbearbeitungsalgorithmen auf klassischen Computern.

Welche drei Ratschläge würden Sie Gründerinnen und Gründern geben, die in einem hochkomplexen Technologiefeld starten möchten?

Bestimmen Sie Ihren Schwerpunktbereich sorgfältig – Quantentechnologie ist riesig und in unterschiedlichen Reifegraden. „Alles abdecken“ führt schnell zur Überforderung.
Erstellen Sie einen langfristigen Plan – diese Technologie braucht Geduld, und das gilt auch für Investoren.
Schließen Sie die Lücke zwischen Wirtschaft und Technologie. Suchen Sie reale Anwendungsfälle und starke Partner, um Ihre Technologie sinnvoll zu entwickeln. Finden Sie Mentoren – in einem so jungen Feld müssen Gründer selbst tief eintauchen und die richtigen Experten finden.

Bildcredit Kvantify

Wir bedanken uns bei Dr. Jörg Weiser für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder

Können große Unternehmen von Start-ups schneller lernen, als sie denken?

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REHAU New Ventures Start-ups und Pilotprojekte. Ronja Stoffregen ©Claudia Tot

REHAU New Ventures bringt Start-ups und Industrie zusammen, um innovative Lösungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette praxistauglich zu machen.

Sie haben bei DB Schenker die Venture-Clienting-Unit mit aufgebaut und über 160 Pilotprojekte mit Start-ups umgesetzt. Welche zentralen Erfahrungen aus dieser Zeit prägen heute Ihre Arbeit bei REHAU New Ventures?

Eine der prägendsten Erfahrungen war: Wenn ein Pilot nur ein „nice to have“ bleibt, wird er früher oder später versanden. Sobald Budgets oder Ressourcen neu allokiert werden müssen, priorisieren Fachbereiche verständlicherweise ihr Kerngeschäft – und der Pilot verliert an Relevanz.

Deshalb war für mich der entscheidende Hebel, den Wechsel von Push zu Pull zu schaffen – also von „Wir bringen spannende Lösungen ins Unternehmen“ hin zu „Die Fachbereiche fordern Innovation aktiv ein“. Nur wenn ein Pilot auf einen klaren Pain Point, ein strategisches Ziel und einen nachweisbaren Business Impact einzahlt, wird er automatisch zu einem „must have“.

Bei REHAU New Ventures setzen wir genau dort an: Jeder Pilot startet erst, wenn der Fachbereich den Need bestätigt, KPIs definiert sind und das Projekt nachweislich auf die Ziele der Business Unit einzahlt. Dadurch entsteht von Anfang an Ownership – und Skalierung ist die natürliche Konsequenz, nicht der Zufall.

Venture Clienting gilt als faire und zugleich pragmatische Alternative zu Corporate Venture Capital. Was unterscheidet die beiden Modelle im Kern – und warum ist der Venture-Client-Ansatz gerade in Zeiten knapper Finanzierungsrunden so relevant?

Aus meiner Sicht sollten Unternehmen Corporate Venture Capital, Venture Clienting und Venture Building als komplementäre Instrumente verstehen. Venture Clienting ist dabei der logisch erste Schritt, weil es aufzeigt, wo reale Wertschöpfung entsteht, wo Pain Points liegen und welche Technologien industriell tragfähig sind. Es liefert damit die belastbarste Form der technischen und ökonomischen Due Diligence.

Erst wenn dieser Fit bestätigt ist, kann ein CVC-Investment strategisch sinnvoll sein – vorausgesetzt, das Unternehmen kann dem Startup einen klaren industriellen Vorteil bieten. Für REHAU bedeutet das: Wir investieren nicht breit, sondern dort, wo Lösungen direkt in unsere Wertschöpfungsketten einzahlen.

Fehlt eine passende Marktoption, bildet Venture Building die dritte Option, um identifizierte Lücken gezielt zu adressieren.

Was nicht funktioniert, ist der umgekehrte Weg: zu investieren und anschließend vom Kerngeschäft Adoption zu erwarten. Wir sehen, dass eine sequenzielle Logik – Venture Clienting, CVC, Venture Building – die höchste Erfolgswahrscheinlichkeit für beide Seiten schafft.

Viele Start-ups kämpfen derzeit mit einer schwierigen Kapitalbeschaffung. Wie kann Venture Clienting hier zum entscheidenden Erfolgsfaktor werden – und welchen konkreten Mehrwert bietet dieses Modell für Corporates?

Venture Clienting verschiebt den Fokus zurück auf das, was für Start-ups langfristig entscheidend ist: einen belastbaren Product-Market-Fit. In den vergangenen Jahren war Fundraising häufig der dominante Treiber – mit teils verzerrten Preismodellen und wenig belastbaren Geschäftsannahmen. Durch Venture Clienting generieren Start-ups dagegen echte Umsätze, validieren ihre Technologie in industriellen Umgebungen und können Investoren operation basierte Evidenz liefern.

Für Corporates entsteht parallel ein klarer Mehrwert: Wir pilotieren Lösungen unter realen Bedingungen, messen ihren Beitrag zur operativen Wertschöpfung und reduzieren Innovationsrisiken signifikant. Venture Clienting wird damit zu einer Form der strukturierten Markt- und Technologie-Validierung, die beiden Seiten hilft: Start-ups durch Umsatz und Glaubwürdigkeit, und Corporates durch evidenzbasierte Entscheidungsgrundlagen, die beste Lösung vom Markt einzukaufen.

REHAU ist ein traditionsreiches Familienunternehmen mit langer Innovationsgeschichte. Wie gelingt es, in einem solchen Umfeld die Dynamik und Geschwindigkeit der Start-up-Welt zu integrieren, ohne die Unternehmensidentität zu verlieren?

Die Stärke und Stabilität eines Familienunternehmens bilden den Rahmen – und innerhalb dieses Rahmens integrieren wir agile Arbeitsweisen und schnelle Validierungszyklen aus der Start-up-Welt.

New Ventures agiert dabei bewusst als strategische Schnittstelle: Wir übersetzen zwischen Konzernlogik und Start-up-Logik, schaffen klare Entscheidungsprozesse und sichern gleichzeitig die kulturelle Anschlussfähigkeit. So entsteht Geschwindigkeit, ohne die Identität zu gefährden. Vielmehr wird Innovation in bestehende Strukturen eingebettet und bleibt dadurch nicht ein isoliertes Experiment, sondern ein integrativer Bestandteil der Unternehmensentwicklung.

Sie betonen, dass Venture Clienting eine echte Win-Win-Situation schafft. Wie stellen Sie sicher, dass Pilotprojekte bei REHAU New Ventures sowohl für das Start-up als auch für das Unternehmen wirtschaftlich und strategisch relevant sind?

Wir arbeiten mit einem klar strukturierten Validierungsprozess. Jeder Pilot startet erst, wenn der Fachbereich einen eindeutigen Pain Point benannt hat und wir gemeinsam mit dem Start-up Ziel-KPIs, Annahmen und ein Post-Pilot-Szenario festgelegt haben. Dadurch prüfen wir nicht nur die technische Lösung, sondern vor allem deren wirtschaftlichen und strategischen Beitrag zur Wertschöpfung.

Für das Start-up entsteht Transparenz über Anforderungen, Integrationspfade und mögliche Skalierung. Für uns bedeutet es, dass jeder Pilot auf ein konkretes Ziel einzahlt und kein isoliertes Experiment bleibt. Diese gemeinsame Klarheit ist die Grundlage für eine echte Win-Win-Situation.

Was sind typische Pain Points, die Sie bei REHAU mit Hilfe von Start-ups adressieren – und wie identifizieren Sie die passenden Partner für eine Zusammenarbeit?

Wir konzentrieren uns auf Pain Points, die einen unmittelbaren operativen Nutzen stiften. Dazu gehören beispielsweise die Automatisierung von Rechnungs- und Dokumentenprozessen, präzisere Absatz- und Produktionsprognosen, digitale Wissens- und Trainingslösungen oder KI-gestützte Optimierungen in Qualitätssicherung und Produktion. Diese Themen haben direkten Einfluss auf Effizienz, Durchlaufzeiten und Entscheidungsqualität.

Die passenden Start-ups identifizieren wir über ein strukturiertes Push-und-Pull-Verfahren. Beim Pull-Ansatz formulieren die Fachbereiche ihren Bedarf sehr klar, etwa wenn ein Werk Reporting-Zyklen verkürzen oder das Finance-Team manuelle Tätigkeiten automatisieren möchte. Dann scouten wir gezielt nach Lösungen, die exakt zu diesem Use Case passen. Beim Push-Ansatz entdecken wir vielversprechende Technologien im Markt, evaluieren ihr Potenzial und prüfen anschließend gemeinsam mit den Teilkonzernen, ob ein relevanter Business Case besteht. Dadurch stellen wir sicher, dass wir nur mit Start-ups arbeiten, deren Lösungen konkret in unsere Wertschöpfung einzahlen und intern auch tragfähig skaliert werden können.

Nach über 160 Industriepiloten haben Sie sicher ein feines Gespür dafür entwickelt, was erfolgreiche Kooperationen ausmacht. Welche Faktoren entscheiden Ihrer Erfahrung nach, ob aus einem Pilotprojekt eine langfristige Partnerschaft entsteht?

Aus meiner Erfahrung steht an erster Stelle ein echtes internes Commitment: Der Fachbereich muss den Bedarf klar spüren und die Lösung wirklich wollen. Ohne diese Ownership bleibt jedes Projekt ein isoliertes Technologieexperiment. Zweitens braucht es einen nachweisbaren Business Case, der über den Pilot hinaus Wirkung entfaltet und messbar zur Effizienz, Qualität oder Entscheidungsfähigkeit beiträgt. Und drittens müssen Start-ups verstehen, wie industrielle Umgebungen funktionieren – also Zuverlässigkeit, Skalierbarkeit und Integrationsfähigkeit genauso ernst nehmen wie Innovationsgeschwindigkeit. Wenn diese drei Elemente zusammenkommen, entsteht aus einem Pilot sehr schnell eine nachhaltige Partnerschaft.

Wie läuft der Auswahlprozess ab, wenn ein Start-up bei REHAU anklopft? Was überzeugt Sie in einem kurzen Fünf-Minuten-Pitch wirklich – und was führt dazu, dass Sie ein Projekt eher nicht weiterverfolgen?

„Mich überzeugt, wenn ich in den ersten Minuten verstehe, welches Problem das Startup löst, in welcher Industrie es bereits aktiv ist, welche KPIs es nutzt und wer seine Referenzkunden sind. Wenn jemand dagegen mit Buzzwords arbeitet oder die Wettbewerber nicht kennt, fehlt oft der Realitätsbezug. Dann ist es schwierig, Potenzial und Relevanz einzuschätzen.“

Viele Gründerinnen und Gründer investieren viel Zeit in ihre Pitch-Decks. Warum ist das für Corporates oft wenig aussagekräftig, und worauf sollten Start-ups stattdessen den Fokus legen, um zu überzeugen?

Ich war lange in der Beratung – daher schätze ich gute, klar strukturierte Pitch-Decks durchaus. Sie helfen, ein Thema präzise zu erfassen und zeigen, wie ein Team denkt. Aber für Corporates sind sie nur der Einstieg. Entscheidend ist, wie die Lösung im realen industriellen Umfeld wirkt: Welche konkreten Prozesse verbessert sie, welchen messbaren Beitrag leistet sie, wie belastbar sind die Annahmen und wie schnell lässt sich die Lösung integrieren? Start-ups überzeugen, wenn sie diesen operativen Fit klar belegen können – mit Zahlen, Evidenz und einem Verständnis dafür, wie Industrie wirklich funktioniert. Ein gutes Deck öffnet die Tür, aber die Substanz entscheidet.

Venture Clienting wird häufig mit dem Satz „Revenue statt Equity“ beschrieben. Wie verändert diese Perspektive das Verhältnis zwischen Start-up und Unternehmen – und auch die Erwartungen auf beiden Seiten?

Für uns steht im Zentrum, Kunde zu werden und eine Lösung so einzusetzen, dass sie entlang unserer Wertschöpfungskette skalieren kann. Damit verschiebt sich das Verhältnis zum Start-up: Wir agieren nicht als Investor, sondern als Anwender mit klaren operativen Anforderungen und Qualitätsstandards.

Gleichzeitig gibt es auch im Venture Clienting Risiken, die man aktiv managen muss. Ein Startup kann beispielsweise stark von einzelnen Kunden abhängen, seine Preisstrukturen fast random verändern bei der nächsten Investitionsrunde oder bei begrenzten Ressourcen zu langsam skalieren.

In klassischen Pilotprojekten besteht oft die Gefahr, dass sie nach der Testphase versanden. Wie gelingt es Ihnen, daraus echte Skalierungs- oder Implementierungsprojekte zu entwickeln?

Das Risiko des „Versandens“ entsteht vor allem dann, wenn Pilotprojekte als isolierte Tests angelegt werden. Deshalb definieren wir bereits vor dem Start eines Pilots sehr klar, was im Erfolgsfall passieren soll: relevante KPIs, Verantwortlichkeiten, technische Voraussetzungen und der konkrete Pfad in die Skalierung.

Genauso wichtig ist das interne Commitment. Neben dem Pain-Point-Owner bauen wir bewusst Communities, Ambassador-Formate und Stakeholder-Gruppen auf, die die Lösung im Unternehmen verankern. Jeder Pilot ist immer auch ein Change-Management-Prozess – er verändert Routinen, Rollen und Entscheidungslogiken.

Wenn Nutzen, Ownership und Transformationsbegleitung von Anfang an zusammenkommen, wird ein Pilot nicht zu einem einmaligen Experiment, sondern zu einem strukturierten Implementierungsprozess, der in der Organisation getragen und weitergeführt wird.

Welche Rolle spielt REHAU New Ventures als Schnittstelle zwischen Konzernstrukturen und der agilen Start-up-Welt – und wie sieht diese Brückenfunktion im Alltag konkret aus?

„Wir sind genau diese Schnittstelle: Wir sitzen eingebettet in die REHAU-Gruppe, verstehen die operativen Geschäftsbereiche und gleichzeitig die Start-up-Welt. Im Alltag heißt das: Wir scouten Start-ups, wir schaffen den Zugang zu Teilkonzernen, wir definieren gemeinsam mit Start-ups die Anwendung, wir begleiten Pilotierung und Skalierung. Und wir sorgen dafür, dass operative Geschäftsbereiche im Konzern nicht nur zuschauen, sondern aktiv mitnehmen. So wird Innovation wirklich Teil des Geschäfts, nicht nur ein Projekt am Rande.“

Welche Technologien oder Themenfelder stehen aktuell besonders im Fokus Ihrer Arbeit – und wo sehen Sie die größten Chancen für gemeinsame Innovationen in den nächsten Jahren?

„Aktuell liegt unser Schwerpunkt auf Automatisierung, KI und digitalen Services entlang der Wertschöpfungskette – etwa in der Produktionsplanung, im Marketing oder in der Weiterbildung. Gleichzeitig beschäftigen uns Themen wie Nachhaltigkeit und Circular Economy. Überall dort, wo Technologie operative Prozesse messbar verbessert, sehen wir Chancen für echte Kooperationen.“

Wenn Sie auf Ihre bisherigen Erfahrungen zurückblicken: Was wünschen Sie sich von Start-ups im Umgang mit Corporates – und umgekehrt, was sollten Corporates dringend von Start-ups lernen?

„Von Start-ups wünsche ich mir Klarheit über ihren Use Case, realistische Zeitpläne, Industrieverständnis und die Bereitschaft, den Change-Prozess mitzutragen. Zusammenarbeit in Konzernen braucht Geduld.

Von Corporates erwarte ich Offenheit, Struktur, Entscheidungsfreude und echtes Commitment. Start-ups brauchen klare Ansprechpartner mit Verantwortung, Budget und Vision. Wenn beide Seiten diese Haltung mitbringen, entsteht wirkliche gemeinsame Wirkung.“

Bild: Ronja Stoffregen ©Claudia Tot

Wir bedanken uns bei Ronja Stoffregen für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder

Die Wahrheit über die digitale Zukunft unserer Kliniken

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Avelios Medical treibt Klinikdigitalisierung mit KI voran Christian Albrecht

Avelios Medical zählt zu den Vorreitern der Klinikdigitalisierung und zeigt im Interview, wie moderne Technologien und KI das Gesundheitswesen effizienter, sicherer und zukunftsfähig machen.

Herr Albrecht, Avelios Medical gilt als eines der spannendsten HealthTech-Unternehmen Europas. Was war die ursprüngliche Vision, als Sie 2020 in einem der komplexesten Märkte überhaupt gestartet sind?

Die Idee entstand aus echter Frustration: Die IT in Krankenhäusern ist oft fragmentiert und veraltet. Sie belastet das Personal mehr, als dass sie es unterstützt. Unser Ziel war es, das grundlegend zu ändern. Wir wollten nicht nur bestehende Systeme reparieren, sondern das Betriebssystem des Gesundheitswesens neu denken. Unser Fokus liegt auf strukturierten Daten, durchgängigen Prozessen und einer Plattform, die den medizinischen Alltag wirklich verbessert und KI ermöglicht.

Der Klinikmarkt gilt als besonders verschlossen und reguliert. Wie ist es Avelios gelungen, hier nicht nur Zugang zu finden, sondern sich auch langfristig zu etablieren?

Wir haben gezielt mit innovativen Unikliniken wie der LMU oder der MHH begonnen. Dort haben wir mit ersten Implementierungen echten Mehrwert im Alltag geschaffen. Denn im Gegensatz zu den meisten herkömmlichen Systemen setzen wir nicht bei der Abrechnung, sondern bei den Behandlungsprozessen an. Hinzu kommt unser modularer Ansatz. Mit unseren Lösungen können Krankenhäuser ihre Systeme schrittweise modernisieren. Unsere Kunden müssen also nicht alles auf einmal verändern und behalten die Kontrolle über die Digitalisierung.

Welche Rolle spielte dabei die Verbindung von technologischem Innovationsgeist und medizinischem Verständnis innerhalb Ihres Gründerteams?

Eine zentrale und entscheidende Rolle. Viele im Team kommen aus dem medizinischen Bereich. Wir wissen, wie der Klinikalltag wirklich aussieht. Gleichzeitig haben wir ein starkes Tech-Team, das diesen Alltag in technische Lösungen übersetzt. Das hat es uns ermöglicht, hochmoderne Software zu entwickeln, die auf die echten Bedürfnisse in Kliniken ausgerichtet ist.

Mit Sequoia Capital hat eines der renommiertesten Venture-Capital-Unternehmen der Welt in Avelios investiert. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit und was bedeutet sie für Ihre Wachstumsstrategie?

Der Kontakt kam über den gemeinsamen Partner Revent zustande, dann folgten intensive Gespräche mit Sequoia. Sie waren beeindruckt von der Tiefe unseres Produkts und dem Feedback aus den Kliniken. Für uns ist diese Partnerschaft ein starkes Zeichen und sie ermöglicht es uns, schneller zu skalieren, neue Module zu entwickeln und unsere Expansion voranzutreiben.

Die jüngst angekündigte Partnerschaft mit SAP sorgt in der Branche für Aufsehen. Wie kam es zu dieser Kooperation und welche Ziele verfolgen Sie gemeinsam?

Viele Kliniken suchen aktuell nach einer sicheren Perspektive, wenn IS-H ausläuft. Genau das bieten wir zusammen mit SAP: eine moderne, zukunftsfähige Plattform für die gesamte Patient Journey – von der Aufnahme bis zur Abrechnung ohne Medienbrüche. Wir bringen die klinische Expertise mit, SAP die administrative Stärke. Zudem zeigt die Zusammenarbeit mit dem IT-Riesen SAP, dass wir uns als vertrauensvoller und innovativer Partner im Markt etablieren konnten.

Welche konkreten Vorteile entstehen durch die Zusammenarbeit mit SAP für Kliniken und medizinisches Personal im Alltag?

Die Partnerschaft schafft Klarheit und Perspektive, gerade für Kliniken, die in neue Technologiegenerationen wechseln möchten, ohne den laufenden Betrieb zu gefährden. Gemeinsam mit SAP bieten wir eine moderne, offene Architektur, die auf Flexibilität und Modularität setzt. Parallel schafft die Ende-zu-Ende-Integration von klinischen Prozessen in Avelios und administrativen Prozessen in SAP spürbar effiziente, nahtlose Abläufe im medizinischen Alltag. Unterm Strich entsteht so ein belastbarer, planbarer Weg in die digitale Zukunft mit deutlich weniger Reibungsverlusten im Alltag.

Digitalisierung in der stationären Versorgung gilt als Mammutaufgabe. Wo sehen Sie aktuell die größten Hürden in der Implementierung moderner IT-Systeme im Krankenhaus?

Die größte Herausforderung ist die stark fragmentierte IT-Landschaft. Viele Systeme sind mittlerweile in die Jahre gekommen, nicht interoperabel und nur schwer integrierbar. Aber auch Prozesse sind in Kliniken häufig historisch gewachsen. Wir verstehen Projekte daher nicht als System-Nachfolge, sondern als umfassende Transformation. Unser Ansatz: modulare Einführung, praxiserprobte Prozesse basierend auf Best-Practices und Umsetzung mit erfahrenen Partnern. Denn Digitalisierung muss im Alltag funktionieren.

Viele Unternehmen scheitern daran, Gesundheitssoftware wirklich produktfähig zu machen. Was macht Avelios hier anders?

Wir haben nicht auf Altlasten aufgebaut, sondern alles von Grund auf neu entwickelt. Dadurch sind wir in der Lage, die Prozesse im Krankenhaus von Grund auf neu zu denken und die Systeme so zu gestalten, dass sie echten Mehrwert bieten, ohne zu belasten.

Wie gelingt es Ihnen, bei allen regulatorischen Anforderungen gleichzeitig Agilität und Innovationskraft zu bewahren?

Wir kommen selbst aus der Medizin, daher sind strenge Vorgaben für uns nichts Neues. Deshalb betrachten wir Regulierung nicht als Bremse, sondern als sinnvollen Rahmen für Qualität und Sicherheit. Unsere Entwicklungs- und Betriebsprozesse sind BSI C5 testiert und nach ISO 13485, ISO 27001 und ISO 9001 zertifiziert, was Vertrauen schafft. Durch unseren modularen Aufbau können wir trotzdem schnell auf neue Anforderungen im klinischen Alltag reagieren.

Die Gesundheitsbranche steht vor einer Phase massiver technologischer Umbrüche – Stichwort künstliche Intelligenz. Welche Rolle spielt KI bei Avelios Medical schon heute?

Eine elementare. KI benötigt strukturierte Daten, die wir direkt am Point of Care erfassen – nicht im Nachhinein. Viele glauben, man könne Freitext später einfach strukturieren und hätte denselben Effekt. Das ist jedoch ein Trugschluss. Wer wirklich intelligente und sichere KI im Klinikalltag will, muss die Datenbasis von Anfang an richtig aufbauen. Genau das tun wir. Jede Behandlung in Avelios erzeugt bis zu 2.000 strukturierte und semantisch nutzbare Datenpunkte, die die Grundlage für Funktionen wie sprachbasierte Dokumentation oder automatisierte Workflows bilden. Diese sind bereits heute im Einsatz.

Wie schätzen Sie das Potenzial von KI im Klinikalltag ein – insbesondere im Hinblick auf Entlastung des Personals und Qualitätssteigerung in der Patientenversorgung?

Das Potenzial ist enorm, das steht außer Frage. KI kann dabei helfen, Routineaufgaben zu automatisieren, Entscheidungen zu unterstützen und Abläufe deutlich zu beschleunigen. Wir sind jedoch fest überzeugt: KI wird das Fachpersonal entlasten, aber nicht ersetzen. Und das sollte sie auch nicht. KI ist ein Assistenzsystem, ein Werkzeug für bessere Prozesse, mehr Übersicht und letztlich eine bessere Behandlung. Die Kompetenz, das Urteilsvermögen und die Empathie von Ärzt:innen oder Pflegekräften kann keine Maschine ersetzen.

Mit dem Krankenhauszukunftsgesetz (KHZG) gibt es politische Unterstützung für Digitalisierung. Welche Chancen und Fallstricke sehen Sie in der Umsetzung?

Das KHZG war ein wichtiger Impulsgeber. Aber Fördergelder allein reichen nicht – entscheidend ist die Umsetzung. Es braucht standardisierte, interoperable Lösungen und echte Nutzerzentrierung. Sonst bleiben teure Insellösungen zurück.

Avelios expandiert zunehmend über die deutschen Grenzen hinaus. Welche europäischen Märkte sind für Sie aktuell am spannendsten und warum?

Aktuell liegt unser Fokus klar auf der DACH-Region, wo aufgrund der IS-H-Abkündigung ca. ein Drittel der Kliniken in den nächsten Jahren ein neues System benötigt. Natürlich beobachten wir aber auch andere Märkte sehr aktiv.

Welche langfristige Vision verfolgen Sie für Avelios Medical – wohin soll die Reise in den nächsten fünf bis zehn Jahren gehen?

Unser Ziel ist es, das führende Betriebssystem für die intelligente Patientenversorgung in Europa zu entwickeln. Eine Plattform, die die Versorgung verbessert, Forschung ermöglicht und das Personal entlastet. Unser Ziel ist nicht nur Effizienz, sondern auch messbare Qualität in der Medizin.

Und zuletzt: Wenn Sie auf die bisherigen Jahre zurückblicken – was war der entscheidende Moment, an dem Sie wussten, dass Avelios Medical mehr als nur ein weiteres HealthTech-Start-up ist?

Es war der Moment, als wir uns gegen den einfachen Weg entschieden haben: keine Kompromisse, kein Flickwerk, sondern ein kompletter technologischer Neustart. Das war anspruchsvoll und riskant. Aber genau diese Entscheidung hat den Unterschied gemacht.

Bildcredits: Avelios Medical 

Wir bedanken uns bei Christian Albrecht für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder

Neue Klarheit für schwierige Personalentscheidungen

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TransFair Navigator für faire Personalentscheidungen

TransFair Navigator ist eine neue Plattform, die Unternehmen dabei unterstützt, schwierige Personalentscheidungen strukturiert, fair und rechtssicher zu treffen. Im Gespräch wird schnell deutlich, warum das Gründerteam jahrzehntelange Erfahrung aus HR, Leadership, Recht und Technologie in ein System überführt hat, das Entscheidungen in nur 15 Minuten klarer macht als viele monatelange interne Diskussionen.

Wie würden Sie den TransFair Navigator in wenigen Sätzen vorstellen und wer sind die Menschen, die das Unternehmen gegründet und geprägt haben?

Der TransFair Navigator ist ein System für schwierige Personalentscheidungen – genau in den Momenten, in denen Führungskräfte unsicher werden: wenn Leistung von Mitarbeitenden nicht mehr stimmt, Rollen sich verändern, Verhalten zur Belastung wird, oder Stellen gestrichen werden. Der Navigator führt durch die wesentlichen rechtlichen, wirtschaftlichen und menschlichen Faktoren und macht innerhalb von 15 Minuten sichtbar, welche Option realistisch, fair und verantwortbar ist und hilft HR und Leadern bei der Umsetzung von Entwicklung, Versetzung oder Trennung. Die Grundlage bilden über 50.000 dokumentierte Fälle und aus 20 Jahren Praxiserfahrung. Entwickelt wurde das System von einem Team, das diese Situationen aus eigener Verantwortung kennt.

Mit dabei sind Juristen, u.a. ehemalige Arbeitsrichter für die rechtliche Expertise, Leadership Coaches, Finanzexperten, Tech- und KI-Spezialisten und einige mehr. Ich selbst bringe über 20 Jahre HR- und Führungserfahrung mit – unter anderem als CHRO eines erfolgreichen Mittelständlers mit 250 Mitarbeitenden sowie als Arbeitsdirektor bei Roche Deutschland. Dort trug ich die Verantwortung für 17.000 Mitarbeitende. Davor war ich Global HR Business Partner bei SAP. Uns verbindet die Haltung, dass schwierige Entscheidungen früher, besser und fairer getroffen werden können, wenn man sie strukturiert angeht statt vertagt.

Welche Vision verfolgt TransFair Navigator und welche Schritte sind notwendig, um diese langfristig zu erreichen?

Unsere Vision ist, den Standard für schwierige Personalentscheidungen neu zu setzen. Wir wollen erreichen, dass diese Entscheidungen nicht länger über Monate aufgeschoben werden, sondern systematisch, transparent und verantwortungsvoll getroffen werden – und zwar so, dass sie Menschen wie Organisationen gerecht werden. Bis 2030 möchten wir die führende Plattform für Employee Decision Intelligence in der DACH-Region sein. Der Weg dorthin ist klar strukturiert: Im Dezember 2025 starten wir mit ausgewählten Pilotkunden, ab Q1 2026 erfolgt der vollständige Markteintritt in Deutschland mit erweiterter Funktionalität unter anderem für Restrukturierungen, Ab 2027 erschließen wir internationale Märkte. Das Produkt wächst dabei kontinuierlich weiter, immer entlang der tatsächlichen Bedarfe unserer Nutzerinnen und Nutzer.

Für welche Zielgruppe wurde TransFair Navigator entwickelt und welche konkreten Bedürfnisse möchten Sie erfüllen?

Der Navigator richtet sich an Unternehmen zwischen 200 und 5.000 Mitarbeitenden – unabhängig von Branche oder Tarifbindung. Diese Unternehmen stehen typischerweise vor 10 bis 50 kritischen Personalentscheidungen pro Jahr, haben aber zum Teil nicht die internen Ressourcen, die Erfahrungswerte oder brauchen eine einfache Lösung für eine systematische Bearbeitung. HR, Führungskräfte und Geschäftsführung brauchen in diesen Situationen eine belastbare Entscheidungsgrundlage und klare Strukturen zum weiteren Vorgehen. Mitarbeitende fordern dazu Transparenz und Fairness. Der Navigator adressiert diese Bedarfe, indem er Entscheidungen beschleunigt, Risiken sichtbar macht, Alternativen realistisch bewertet und klare Prozesse aufzeigt. Ein zentrales Ergebnis unserer Datenanalyse: Über 70% Prozent der als problematisch eingestuften Mitarbeitenden sind in anderen Rollen erfolgreich.

Welche Herausforderungen begegnen Ihnen aktuell im Marktalltag? Und wie gehen Sie innerhalb des Teams damit um?

Wir sehen in vielen Unternehmen die gleichen Muster: Führungskräfte zögern notwendige Personalentscheidungen zwischen 6 und 18 Monaten hinaus. Die Dokumentation ist oft nicht sauber oder nicht konsistent, was das rechtliche Risiko erhöht. Führungskräfte wissen nicht, wie sie schwierige Gespräche angehen sollen. HR ist stark ausgelastet und kann Einzelfälle nicht immer in der Tiefe begleiten. Und viele Organisationen scheuen Trennungsentscheidungen aus Angst vor Konflikten oder Kosten – ohne zu realisieren, dass die versteckten Kosten des Nichtstuns typischerweise zwei- bis dreimal höher sind als die jeder anderen Alternative.

Was unterscheidet TransFair Navigator von anderen Lösungsansätzen im Bereich Fairness, Transparenz oder Orientierung?

Wir digitalisieren nicht einfach Prozessabläufe, sondern helfen HR und Leader mit intelligenten und praxis-tauglichen Lösungen in den schwierigsten Themen im Unternehmensalltag wenn Kultur, Risiko und Wirtschaftlichkeit zusammenkommen. Das System bewertet parallel verschiedene Optionen: Entwicklung, Versetzung und Trennung – jeweils mit Kosten, Risiken und Erfolgswahrscheinlichkeiten und empfiehlt die passende Vorgehensweise für jede Option. Der Navigator verbindet arbeitsrechtliche Logik, Kostenmodelle, Erfolgswahrscheinlichkeiten, Wissens- und Teamfaktoren in einem System. Die Grundlage ist eine Datenbasis aus über 50.000 realen Fällen, angereichert mit IAB-Betriebspanel, Kienbaum-Vergütungsstudien und Fraunhofer-Produktivitätsforschung. Und im Gegensatz zu klassischen Tools begleitet der Navigator den gesamten Prozess end-to-end – von der Analyse über die Zielklärung bis zur Umsetzung mit Dokumenten, Gesprächsleitfäden, Betriebsratslogik und Abfindungsoptimierung.

Welche Rolle spielt Technologie bei TransFair Navigator? Und wo sehen Sie Potenziale zur Weiterentwicklung?

Technologie ist eine zentrale Grundlage, aber niemals Selbstzweck. Wir setzen KI nur punktuell dort ein, wo sie echten Mehrwert schafft – beim Verstehen von Dokumenten und dem Erkennen von Mustern. In der Risiko- und Kostenlogik oder bei Prognosen zu Erfolgswahrscheinlichkeiten setzen wir auf Algorithmen, die wir aus den Jahrzehnten unserer Erfahrung und über 50.000 dokumentierten Fällen abgeleitet haben. So bewerten wir Optionen, die selbst erfahrenen HR-Experten manchmal entgehen. Gleichzeitig bleibt der Navigator in der Bedienung bewusst einfach, damit Komplexität beim System bleibt und nicht bei den Nutzerinnen und Nutzern. In den kommenden Monaten bauen wir die technologische Basis weiter aus: Q1 2026 bringt die vollständige Steueroptimierung bei Trennungsfällen, ein Betriebsrats-Interface und Mobile App. Danach folgen API-Integrationen für gängige HR-Systeme, ein KI-Assistent für proaktive Empfehlungen. Der Grundgedanke bleibt: Technologie soll das ermöglichen, was heute im Alltag fehlt – klare und gut begründete Entscheidungen, die wirksam und fair umgesetzt werden.

Wie stellen Sie sicher, dass Ihre Lösung verständlich, zugänglich und wirklich hilfreich bleibt?

Wir folgen einem Prinzip: Komplexität abfangen, nicht weitergeben. Das bedeutet, dass der Navigator Schritt für Schritt durch die Analyse führt, in einer Sprache, die verständlich bleibt, aber den fachlichen Anspruch nicht verliert. Der Nutzer muss kein Arbeitsrechtsexperte sein. Der Navigator führt durch alle relevanten Fragen. Wir testen jede neue Funktion mit realen Fällen und integrieren Kundenfeedback systematisch in die Weiterentwicklung. Die bisherige Marktvalidierung bestätigt den Ansatz: Unsere Pilotunternehmen bewerten die Lösung als sehr gut und starten noch in diesem Jahr mit ersten Testfällen.

Welche Entwicklungen sind für die nächsten Monate geplant und in welche Richtung soll TransFair Navigator wachsen?

Wir arbeiten aktuell an mehreren Erweiterungen, die Unternehmen in besonders heiklen Situationen unterstützen: eine Coaching Engine für anspruchsvolle Gespräche, erweiterte Transfer- und Skill-Matching-Funktionen, eine Live-Nettoberechnung für Abfindungen und eine Lösung für Restrukturierungen. Besonders wichtig ist die Integration unserer Steueroptimierung. Sie ermöglicht bei Trennungen eine Netto-Ersparnis von 10.000 bis 30.000 Euro für Mitarbeitende – ohne Mehrkosten für das Unternehmen. Das schafft Spielraum für faire Einigungen, die sonst an Kosten scheitern würden. Langfristig entwickelt sich der Navigator vom Einzelfall-Experten zum strategischen Partner für alle Personalentscheidungen.

Wie gehen Sie mit Feedback von Nutzern oder Partnern um und wie fließt dieses in Ihre Produktentwicklung ein?

Feedback ist ein zentraler Bestandteil unserer Produktentwicklung. Jeder Kunde wird eng begleitet – vom Onboarding über 30- und 90-Tage-Reviews bis zu gemeinsamen Fall-Reflexionen. Ab Tag 1 haben alle Kunden einen dedizierten Success Manager, der nicht nur beim Start unterstützt, sondern durch regelmäßige Feedback-Sessions die Weiterentwicklung aktiv mitgestaltet. Viele Funktionen entstanden direkt aus Kundenbedarfen, weil wir das Produkt nicht für die Organisationen bauen, sondern gemeinsam mit ihnen. Jeder abgeschlossene Fall wird analysiert: Was hat funktioniert? Wo können wir besser werden? Diese Learnings fließen direkt in unsere Algorithmen und Prozesse ein. So wird das System mit jedem Anwendungsfall intelligenter.

Gab es seit der Gründung einen besonders prägenden Moment?

Ja, ein frühes Pilotprojekt hat uns sehr eindrücklich gezeigt, wie groß der Hebel ist. Wir haben gemeinsam mit einem Kunden einen vergangenen Fall rekonstruiert – mit allen Auswirkungen auf Team, Kosten, Kultur und Zeit. Es wurde sofort sichtbar, wie viel früher und klarer die Entscheidung hätte getroffen werden können, wenn Struktur vorhanden gewesen wäre. Aber der eigentlich prägende Moment war ein anderer: Die systematische Analyse hatte nicht nur dem Unternehmen geholfen, sondern auch dem betroffenen Mitarbeiter eine faire Perspektive eröffnet. Er ist heute in einer anderen Abteilung erfolgreich – eine Trennung wäre für alle Beteiligten die schlechtere Lösung gewesen. Das war der Moment, in dem allen Beteiligten klar wurde, dass der Navigator nicht nett zu haben ist, sondern ein strukturelles Problem löst, das Unternehmen jedes Jahr viel Geld und viel Kultur kostet.

Welche persönlichen Eigenschaften haben Ihnen auf dem Weg als Gründer besonders geholfen – und warum?

Ich glaube, dass mir vor allem meine langjährige HR-Erfahrung geholfen hat – über 20 Jahre, davon elf Jahre bei Roche, zuletzt als Arbeitsdirektor mit Verantwortung für 17.000 Mitarbeitende. Davor war ich acht Jahre bei SAP, unter anderem als Global HR Business Partner im Silicon Valley. Und nicht zuletzt meine Zeit als CHRO bei NanoTemper Technologies, einem dynamischen Unternehmen mit 250 Mitarbeitenden. Diese Erfahrungen haben mich gelehrt, in komplexen Situationen Ruhe zu bewahren, Muster schnell zu erkennen und Entscheidungen nicht zu scheuen. Dazu kommt ein großes, verlässliches Netzwerk. Als Co-Vorsitzender des Arbeitgeberverbands Chemie in BaWü und Mitinitiator der Allianz der Chancen – das sind 34 Unternehmen mit über zwei Millionen Beschäftigten – hatte ich Zugang zu Menschen, die an dieselbe Vision glauben. Und die Überzeugung, dass Systeme stärker wirken als individuelle Heldentaten. Wenn man gute Systeme baut, profitieren Organisationen dauerhaft – gerade in schwierigen Momenten.

Welche drei Ratschläge möchten Sie anderen Gründerinnen und Gründern mitgeben, die gerade am Anfang stehen?

Erstens: Nutzt Daten, aber entscheidet menschlich. Daten schaffen Klarheit, aber Entscheidungen brauchen Haltung. Algorithmen können Muster erkennen und Wahrscheinlichkeiten berechnen – aber am Ende geht es um Menschen. Die beste Technologie ersetzt kein Urteilsvermögen und keine Empathie. Zweitens: Baut Systeme, nicht Heldentum. Skalierung entsteht nur dort, wo Prozesse stabil sind. Wir hätten den Navigator auch für Großunternehmen oder für andere HR-Prozesse entwickeln können. Aber wir haben uns bewusst auf den Mittelstand und auf den kritischsten Moment konzentriert. Diese Fokussierung hat uns differenziert. Drittens: Führt ehrliche Gespräche über die echten Probleme eurer Kunden. Gute Produkte entstehen selten im stillen Kämmerlein, sondern im offenen Dialog mit der Realität. Wir haben nicht mit einer Technologie-Idee angefangen, sondern mit einem Problem, das ich über Jahrzehnte beobachtet habe.

Bildcredits TransFair Navigator

Wir bedanken uns bei Andreas Schmitz für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder

Wie verändert KI unseren Arbeitsalltag, ohne dass wir es überhaupt bemerken?

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Attention Engineering KI und KI Assistent im Fokus Julian Windeck

Attention Engineering entwickelt einen KI-Assistenten, der Nutzer bei ihrer digitalen Arbeit begleitet, aus ihrem Verhalten lernt und monotone Aufgaben eigenständig übernimmt

Wie entstand die Idee zu Attention Engineering und welcher Moment hat für dich den Ausschlag gegeben, den Schritt in die Gründung zu wagen?

Innerhalb meiner Freundesgruppe waren wir schon früh von personalisierten AI Tools begeistert, die eine personalisierte Erfahrung geboten haben. Wir wollten herausfinden, wie man so etwas aufs nächste Level bringen kann: nicht nur beobachten, sondern handeln. Wir wollten Nutzern bei ihrer Computerarbeit helfen. Unsere Idee ist AI, die den Nutzer bei jeglicher Arbeit begleitet und dabei konstant von dessen Domänenwissen lernt, um ihm dann repetitive, langweilige Aufgaben abzunehmen.

Der entscheidende Impuls zur Gründung kam während meines Forschungsaufenthalts am MIT. Neben meiner Arbeit im Bereich der Bildverarbeitung war ich Teil eines Startup-Inkubators, in dem viele meiner Mitstreiter sehr erfolgreich eigene Unternehmen aufgebaut haben. Teilnehmer des vorherigen Jahrgangs wurden erst kürzlich mit 22 Jahren zu den jüngsten Self-Made-Milliardären der Welt. (https://www.forbes.com/sites/richardnieva/2025/10/30/mercor-youngest-self-made-billionaires/). Durch die Teilnahme wurde mir klar: Warten bringt nichts. In Deutschland neigen wir dazu, zu lange zu planen. Unternehmertum lernt man nicht im Hörsaal, sondern indem man ins kalte Wasser springt.

Was genau macht euer KI-Assistent anders als herkömmliche Automatisierungstools, die es heute schon auf dem Markt gibt?

Der entscheidende Unterschied liegt im Kontext, den man der KI zur Verfügung stellt. Die Menge und Qualität der Informationen, die ein Modell als Grundlage für seine Entscheidungen erhält, bestimmen, wie intelligent es tatsächlich agieren kann. Wir glauben, dass ein AI-Assistent genau wie ein Mensch den Bildschirm sehen und sich an frühere Bildschirminhalte erinnern können muss. Nur so versteht er den Verlauf von Aufgaben und Interaktionen wirklich. Unsere zentrale These lautet: Gedächtnis ist die Schlüsselkomponente für einen universellen KI-Assistenten.

Wie würdest du die Mission von Attention Engineering in einem Satz beschreiben. Geht es eher um Effizienz oder um den Menschen hinter dem Bildschirm?

KI sollte als Verstärker für den Menschen wirken und ihm möglichst viel monotone Arbeit abnehmen, um mehr Raum für Kreativität und Experimentierfreude zu lassen. Ich glaube, dass Effizienz und der Mensch hinter dem Bildschirm nicht im Zielkonflikt stehen. Im Gegenteil: Indem KI uns entlastet, gibt sie uns die Freiheit, unseren echten Interessen nachzugehen.

Euer Ansatz, dass die KI den Nutzer beobachtet und daraus eigenständig lernt, ist technisch anspruchsvoll. Wie stellt ihr sicher, dass Datenschutz und Vertrauen dabei gewahrt bleiben?

Vertrauen und Sicherheit haben für uns oberste Priorität. Deshalb orientieren wir uns an den höchsten Standards: Um einen vollumfänglichen Datenschutz sicherzustellen, setzen wir auf möglichst viele Open-Source-Modelle, starke Verschlüsselung und, wo immer möglich, Verarbeitung direkt auf dem Gerät. Uns ist wichtig, dass Vertrauen nicht auf Blindheit beruht: Nutzer sollen nachvollziehen und überprüfen können, wie wir ihre Daten schützen. Dafür wollen wir uns von unabhängigen Drittparteien nach anerkannten Datenschutz- und Sicherheitsstandards zertifizieren lassen.

Welche Zielgruppe möchtet ihr mit Attention Engineering zuerst erreichen – eher Unternehmen oder Einzelpersonen, die ihren digitalen Alltag effizienter gestalten wollen?

Wir gehen ganz bewusst in den Consumer-Markt. Ich habe in der Vergangenheit als AI Consultant mit mehreren großen Unternehmen gearbeitet. Dort dauern Veränderungen oft ewig, und auf operativer Ebene stößt man nicht selten auf Widerstand. Konsumenten, vor allem jüngere, sind im Vergleich viel offener, experimentierfreudiger und begeisterungsfähiger. Für sie echten Mehrwert zu schaffen, macht einfach mehr Spaß.

Wie habt ihr es geschafft, schon wenige Monate nach Gründung über eine Million Dollar Kapital einzuwerben. Was hat Investoren besonders überzeugt?

Ein entscheidender Faktor war sicher das Team. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben ihr Studium in Informatik und Machine Learning an Universitäten wie Stanford, Cambridge und der ETH Zürich mit Auszeichnung abgeschlossen. Ich selbst habe in Berkeley und am MIT zu Bildverarbeitung und agentic AI geforscht. Das passt perfekt zu dem Ziel, das wir verfolgen. Gleichzeitig spielt im Startup-Umfeld Momentum eine große Rolle. Wir konnten schnell Fortschritt aufweisen – und das hat überzeugt.

Ihr sitzt im Herzen des Silicon Valley. Inwiefern beeinflusst dieser Standort euer Denken, euer Tempo und euren Zugang zu Talenten?

Von Apple über Google und Instagram hin zu OpenAI: alle Größen der digitalen Welt befinden sich hier physisch auf engstem Raum. Dadurch entsteht ein extrem dichtes Netzwerk, in dem sich neue Ideen und Trends im AI-Bereich in rasantem Tempo verbreiten. Es fühlt sich manchmal ein bisschen so an, als würde man von einem Feuerwehrschlauch trinken. Gleichzeitig wird hier einfach größer gedacht: Moonshot Projekte sind nicht die Ausnahme, sondern der Standard. Durch die enge Konzentration an spannenden Unternehmen und Ideen macht das Valley seit jeher zum Mekka für Informatiktalent. An keinem anderen Ort gibt es in diesem Bereich mehr Möglichkeiten und von genau diesem Umfeld profitiert auch Attention Engineering.

Was waren bisher die größten Herausforderungen beim Aufbau von Attention Engineering – technisch, organisatorisch oder auch persönlich?

Hiring ist eine der meist unterschätzten Aufgaben im Aufbau eines Tech-Startups. Wir wollen die besten AI Talente, doch die sind hart umkämpft. Unter Mark Zuckerberg wurden jüngst Millionengehälter an unter 25-Jährige ausgezahlt. Da muss man sich ganz aktiv mit einer anderen Unternehmenskultur von den Tech Giganten abgrenzen. Mir hilft dabei mein Hintergrund: Durch mein Studium in Deutschland und an der University of Cambridge habe ich einen sehr guten Überblick über die europäische Tech-Szene und Zugang zu jungen Absolventen. In den USA vergisst man gerne einmal, dass wir auch in der EU und in Großbritannien Weltklasse Talent im AI Bereich haben. Das ist für uns ein großer Vorteil.

Euer Team vereint Absolventen von Universitäten wie Cambridge, Stanford und ETH Zürich. Welche Kultur prägt eure Zusammenarbeit?

Jede Person bei Attention ist Gründer im Kleinen. Das bedeutet: viel Eigenverantwortung, gegenseitiges Vertrauen und eine tiefe Neugier, Dinge wirklich zu verstehen und zu verbessern. Besonders an der Situation als Startup Gründer ist zudem auch, das man sich ein Team ganz bewusst von Hand zusammenstellt. So entsteht eine Gruppe, die nicht nur fachlich, sondern auch menschlich zusammenpasst. Dementsprechend ist es eher wie ein enger Freundeskreis, in dem man sich auf Augenhöhe begegnet und für das gleiche Ziel brennt.

Wie sieht für dich die Zukunft von Attention Engineering aus. Welche Entwicklung oder Funktion steht als Nächstes auf der Roadmap?

Weiterwachsen! Das Ziel für Attention Engineering ist, das Team weiter auszubauen und den Launch des Produkts vorzubereiten.

Viele junge Gründer träumen von einer Karriere im Silicon Valley. Welche Erfahrungen hast du gemacht, die du anderen mitgeben würdest?

Proaktiv sein und nicht aufgeben! Natürlich hat jede Person unterschiedliche Ausgangsbedingungen, aber am Spruch ‚Jeder ist seines Glückes Schmied‘ ist mehr dran, als man denkt. Gerade im Valley wird große Ambition, gepaart mit Ausdauer und Neugier, oft mit überraschender Großzügigkeit belohnt. Die Kultur und das rasante Wachstum in der Tech-Szene führen dazu, dass man sich gerne gegenseitig unterstützt.

Wenn du drei Ratschläge an andere Gründerinnen und Gründer richten könntest, die mit einer KI-Idee starten wollen – welche wären das?

Erstens: Lass dich nicht von der Geschwindigkeit der Entwicklung im AI-Bereich einschüchtern. Jeden Monat erscheinen momentan neue Modelle und Forschungsergebnisse. Es ist gut, auf dem aktuellen Stand zu sein, entscheidend ist aber auch weiterhin, eine solide technische Basis zu haben. Damit hebt man sich von der Masse jener ab, die nur an der Oberfläche bleiben und alles von ChatGPT machen lassen.
Zweitens: Such dir früh einen Mitgründer. In einem Startup verbringt man unzählige Stunden miteinander. Kompetenz allein reicht hier nicht aus, auch die Chemie muss stimmen, um auf Dauer erfolgreich zusammenzuarbeiten. Diese Kombination ist selten und es braucht Zeit, um sie zu finden.

Und drittens: Finde deine Edge. Überleg dir, in welchem Bereich deines Lebens du etwas besser verstehst als andere. Das kann ein Hobby sein, ein Berufsfeld oder einfach ein Thema, das dich schon lange beschäftigt. Wenn du daraus ein echtes Problem ableitest, das dich persönlich berührt, hast du die beste Grundlage für Ausdauer und Motivation auch in den schwierigen Phasen eines Startups.

Bild Julian Windeck @ privat

Wir bedanken uns bei Julian Windeck für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder


Premium Start-up: Attention Engineering

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Attention Engineering

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Ansprechpartner: Julian Windeck

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Alexandros Shomper über Produktfokus, Nutzerzentrierung und Wachstum

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Alexandros Shomper über den Pioneers Club und Startups

Als Mentor beim Pioneers Club begleitet Alexandros Shomper Startups dabei, aus Ideen echte Wachstumsprodukte zu formen – im Interview spricht er darüber, warum Nutzerzentrierung, klare Positionierung und konsequentes Lernen heute wichtiger sind als jede Featureliste

Bitte stellen Sie sich und Ihren beruflichen Hintergrund kurz vor.

Ich heiße Alexandros Shomper und helfe Startups, ihr Produkt selbst für Wachstum zu optimieren. Product-Led-Growth (PLG).

Was hat Sie motiviert, als Mentor beim Pioneers Club mitzuwirken, und welche Werte oder Erfahrungen möchten Sie in dieser Rolle besonders weitergeben?

Alexandros Shomper: PioneersClub ist eine etwas andere Idee, um Startups zu mentoren. Viel mehr Hands-on und ein klares Ziel, Early-Stage-Startups zu fördern und schnell zur Finanzierung zu führen. Dieser Fokus auf Early-Stage-Startups und ihnen zu Wachstum und Finanzierung zu verhelfen, ist das, was mich mit PioneersClub verbindet und begeistert. Solch eine Plattform brauchen wir in Deutschland. Denn die deutsche Startup-Welt ist sehr spannend mit klugen, ambitionierten Foundern und tollen Produkten.

Ich sehe bei Early-Stage-Startups oft, auch in normalen Produktteams, dass es einen zu starken Fokus auf Features gibt, was oft zum Scheitern führt, weil das Produkt dann Nutzer nicht überzeugt. Product-Market-Fit ist für mich eine Gleichung; man muss das Produkt und den Markt gleichermaßen entwickeln. Das bedeutet Customer Development, UX und PLG.

Wie definieren Sie echten Fortschritt bei Early-Stage-Startups, insbesondere wenn es darum geht, aus Produktideen nutzerzentrierte und marktfähige Lösungen zu formen?

Alexandros Shomper: Fortschritt bei Early-Stage Startups sehe ich, wenn es viel Kundenkontakt gibt. Das führt immer zu augenöffnenden Erkenntnissen und oft zu erfolgreichen Pivots. Danach kommt direkt klare KPI zu haben, und Nutzerverhalten zu tracken und zu analysieren. Ohne Insights fährt man blind, und als Early-Stage-Startup kann man sich nicht viele Sackgassen leisten.

Welche Erfahrungen aus Ihrer langjährigen Tätigkeit in UX, Produktentwicklung und Growth sind für Sie heute besonders wertvoll, wenn Sie junge Teams begleiten?

Alexandros Shomper: Mit der Zeit lernt man, dass Fokus wichtig ist. Gerade wenn man eine Vision und viele gute Ideen hat, kann man schnell an vielen Dingen arbeiten, ohne wirklich Fortschritte zu machen.

Viele Startups haben ein gutes technisches oder Design-Fundament, aber tun sich schwer mit Nutzeraktivierung, Onboarding oder nachhaltigem Wachstum. Wie unterstützen Sie Teams konkret dabei, diese Hürden zu überwinden?

Alexandros Shomper: Zuallererst geht es darum zu verstehen, dass nur aktive, regelmäßige Nutzer für ein Startup zählen. So wie eine Gastronomie von Stammkunden lebt, lebt ein Startup von aktiven, regelmäßigen Nutzern. Das verbessert den Customer-Lifetime-Value, aber auch die Customer-Acquisition-Costs; damit wird man kompetitiver. Nur damit wächst ein Startup und man darf das nicht dem Zufall überlassen. Daher ist das Nutzer-Onboarding unglaublich wichtig. Das fängt mit einer klaren Positionierung auf der Website an und geht dann über das Signup bis hin zur First-Experience.

Neue Nutzer müssen am besten an Tag 1 schon den Mehrwert des Produktes erfahren und verstanden haben; der Aha Moment. Oft ist das ein Kern-Feature, das leider sehr versteckt oder umständlich zu erreichen ist. Das Zeitfenster, neue Nutzer zu überzeugen, ist heute sehr klein, und der Alltag oder Ablenkung ist nur noch einen Swipe entfernt. Wichtig ist dabei, klare KPI für wichtige Meilensteine zu tracken, um dann aus den Nutzerverhalten und Segmenten Korrelationen ableiten zu können und Experimente für weitere Optimierungen definieren zu können. Das ist das, womit ich Startups helfe, eine klare Positionierung definieren, den Pfad zum Aha-Moment kurz und einfach gestalten, und die Metriken definieren, um weitere Opportunities zu finden.

Wie wichtig sind aus Ihrer Sicht Daten- und Nutzungsmetriken in der frühen Phase eines Produkts — und wann kann zu viel Fokus auf Daten Ihrer Meinung nach hinderlich sein?

Alexandros Shomper: Sobald man mit echten Nutzern auf dem Produkt rechnet, sollte man Product Analytics mit klaren Nutzer Metriken implementieren und das Nutzerverhalten analysieren und verstehen wollen. Ansonsten fährt man wie gesagt im Dunkeln herum.

Wie helfen Sie Gründerinnen und Gründern dabei, Produkt-Vision und Marktanforderungen zu verbinden — also einerseits Nutzerzentrierung, andererseits Skalierbarkeit und Wachstum im Blick zu behalten?

Alexandros Shomper: Für mich ist Nutzerzentrierung und Wachstum kein Gegensatz, im Gegenteil. Man kann nur mit Nutzern wachsen. Und Nutzer wollen eine Lösung zu ihrem Problem. Das bedingt Nutzerzentrierung.

Welche häufigen Fehler oder Fehlannahmen beobachten Sie bei jungen Startups im Bereich Produkt-Markt-Fit, User Experience oder Growth — und wie raten Sie ihnen, damit umzugehen?

Alexandros Shomper: Die häufigste Fehlannahme ist für mich, dass man nur ein „gutes“ Produkt bauen muss, dann kommen die Nutzer. Es gibt sehr viele gute Produkte auf dem Markt. Die Frage ist erst, wie man sich gegenüber dem Markt differenziert. Und dann, wie man den Markt überzeugt. Viele große Tech Startups waren nicht die ersten in ihrer Kategorie. Aber sie haben meist sehr viel Wert auf eine gute User Experience und auf PLG Strategien gelegt.

Wie schätzen Sie den Mehrwert von Mentoring und externer Begleitung im Vergleich zu „learning by doing“ oder klassischem Selbststudium ein — gerade in der frühen Startup-Phase?

Alexandros Shomper: Es ist immer gut, einen Blick und Ideen von außen zu bekommen. Gerade als kleines Founder Team fehlt einem oft ein Sparringspartner. Was man aus dem Mentoring mitnimmt, ist natürlich jedem überlassen, und das ist auch gut so.

Wie kann ein transparent dokumentiertes Leistungs- und Fortschrittsprofil, wie im Pioneers Club angedacht, Startups helfen — sowohl intern im Team als auch extern gegenüber Investoren und Unternehmen?

Alexandros Shomper: Zum einen setzt es einen Anreiz, regelmäßig für Fortschritt zu sorgen und an wichtigen Meilensteinen dran zu bleiben. Dann gibt es natürlich auch einen guten, öffentlichen Einblick in die Traktion des Startups und die Einstellung des Teams. Das ist ja oft nicht so einfach.

Welche Chancen sehen Sie für Gründer:innen, deren Startup vielleicht nicht durchstartet — aber deren dokumentierte Erfahrungen und Skills im Pioneers Club sichtbar sind — etwa für Jobs, Corporate-Ventures oder neue Projekte?

Alexandros Shomper: Ob ein Early-Stage-Startup durchstartet oder nicht, ist meiner Meinung nach nicht so wichtig, gerade bei Teams aus dem Studium. Die Erfahrung ist wichtig, auch für Investoren oder HR. PioneersClub bietet somit eine Art öffentlichen Founder CV.

Wie hat sich Ihrer Meinung nach das Mindset in der Tech- und Startup-Welt verändert in Bezug auf Nutzerzentrierung, Wachstum und Produktqualität — und worauf sollten Gründer:innen heute besonders achten?

Alexandros Shomper: Es ist schwer, dabei nicht an AI zu denken. Ich denke, wichtig ist zu verstehen, dass AI kein Alleinstellungsmerkmal ist. Jeder verwendet es irgendwie. AI ist für mich eine Technologie, die am besten dafür verwendet werden sollte, ein bestehendes Alleinstellungsmerkmal zu erweitern und ein Problem noch besser zu lösen. Die Lösung sollte dabei immer über AI hinaus gedacht werden.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Startup- und Tech-Szene im deutschsprachigen Raum — und welche Rolle kann der Pioneers Club dabei spielen?

Alexandros Shomper: Ich denke, wir haben im deutschsprachigen Raum schon ein sehr gutes Setting. Ich wünsche mir nur eine Verbesserung im Risiko-Kapital, denn am Ende ist das der Schlüssel für Skalierung; und da stehen wir weltweit in großem Wettbewerb.

Wir bedanken uns bei Alexandros Shomper für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder

Kann eine einfache Idee den Stress in Restaurants spürbar reduzieren?

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Yumzi Menü und Karte effizient digital verwalten yumzi teambild mit produkt

Yumzi bietet eine digitale Menüplattform, die Speisekarten für Gastronomiebetriebe einfacher, schneller und professioneller gestaltet

Wie würden Sie Yumzi und das Team dahinter in wenigen Sätzen vorstellen, und was hat Sie persönlich motiviert, dieses digitale Menütool zu entwickeln?

Yumzi ist eine All-in-One Menü-Plattform aus Wien, die digitale und physische Speisekarten intelligent verbindet. Unser Ziel war es, den Prozess der Menüerstellung so einfach zu machen wie ein Gespräch. Mich hat persönlich motiviert, dass Gastronomen oft an Design-Tools verzweifeln – wir wollen diese Angst vor dem leeren Blatt nehmen und professionelles Design für jeden zugänglich machen.

Welche Vision verfolgt Yumzi für die Gastronomie der Zukunft und welche Schritte sind notwendig, um diese Vision Realität werden zu lassen?

Wir sehen eine Gastronomie, in der Design und Verwaltung keine Zeitfresser mehr sind. Unsere Vision ist radikale Einfachheit durch KI. Der nächste Schritt ist die tiefe Integration von Sprachmodellen, damit die Karte sich quasi von selbst schreibt und aktualisiert.

Welche konkreten Bedürfnisse moderner Gastronomiebetriebe adressiert Yumzi und wie stellen Sie sicher, dass Ihre Lösung im Alltag der Restaurants wirklich entlastet?

Wir adressieren den Mangel an Zeit und Design-Skills. Yumzi spart Kosten für externe Grafiker, da Änderungen in Echtzeit für Web und Print übernommen werden. Wir entlasten, indem wir doppelte Arbeit für Layout und Druckvorstufe komplett eliminieren.

Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz in der täglichen Nutzung von Yumzi und wo sehen Sie ihre größten Vorteile für Gastronomen?

KI ist unser Kern. Sie ermöglicht es, Menüs einfach per Chat-Befehl zu erstellen oder zu ändern. Ein riesiger Vorteil ist zudem der Upload alter PDF-Karten, aus denen die KI automatisch alle Gerichte und Preise erkennt und digitalisiert.

Vor welche Herausforderungen stellt Sie die Zusammenarbeit mit sehr unterschiedlichen gastronomischen Betrieben und wie gehen Sie damit um?

Vom kleinen Café bis zur Restaurantkette sind die Bedürfnisse verschieden. Wir lösen das durch flexible Vorlagen und eine skalierbare Struktur. Für Ketten bieten wir zentrale Steuerung, für den Einzelkämpfer schnelle Ergebnisse ohne technische Hürden.

Was macht Yumzi im Vergleich zu klassischen digitalen Speisekarten zu einer besonderen Lösung?

Die meisten Lösungen sind rein digital. Yumzi verknüpft die digitale Welt mit der physischen Karte. Eine Änderung im System aktualisiert den QR-Code, die Website und erstellt sofort eine neue, druckfertige Datei für den Tisch.

Wie wichtig ist die mehrsprachige Menüfunktion für Ihre Zielgruppe und welche Resonanz erhalten Sie aus dem internationalen Umfeld?

Extrem wichtig für den Tourismus. Wir bieten Übersetzungen in über 30 Sprachen. Dabei geht es uns nicht nur um Wörter, sondern um kulturelle Adaption, damit sich jeder Gast willkommen fühlt.

Welche technischen oder organisatorischen Hürden mussten Sie während der Entwicklung von Yumzi überwinden. Und was haben Sie daraus gelernt?

Die größte Hürde war, eine Layout-Engine zu bauen, die Print-Qualität im Browser liefert. Wir haben gelernt: Visuelle Ergebnisse überzeugen schneller als jeder Text. Die Technik muss im Hintergrund bleiben, für den User muss es einfach wirken.

Welche Weiterentwicklungen oder neuen Features planen Sie, um Yumzi langfristig als führende Lösung im digitalen Menübereich zu etablieren?

Wir wollen uns zur zentralen All-in-One Menü-Plattform entwickeln, auf der Gastronomen einsteigen und alles rund um ihr Lokal koordinieren, strukturieren und aufbauen können. Unser Ziel ist es, dass Betriebe nicht mehr verschiedene Anbieter oder Designer benötigen, sondern ihre gesamte Menü-Verwaltung effizient an einem Ort bündeln.

Wohin soll sich Yumzi in den kommenden Jahren entwickeln? Und welche Rolle spielt dabei das Thema Datenanalyse für Gastronomen?

Yumzi soll das Betriebssystem für Menü-Management werden. Datenanalysen helfen Gastronomen dabei, Bestseller zu erkennen und gezieltes Upselling zu betreiben, um den Durchschnittsumsatz zu steigern.

Welche Veränderungen beobachten Sie aktuell im Gastgewerbe und wie möchte Yumzi Betriebe darin unterstützen, wettbewerbsfähig zu bleiben?

Der Kostendruck und Personalmangel zwingen zur Effizienz. Wir unterstützen Betriebe, indem wir administrative Hürden abbauen, damit sie sich wieder voll auf das Gasterlebnis konzentrieren können.

Welche drei Ratschläge würden Sie heute anderen Gründerinnen und Gründern geben, die ein digitales Produkt für eine traditionelle Branche entwickeln möchten?

Erstens: Löst ein echtes Problem, keine Spielerei. Zweitens: Die 5-Sekunden-Regel – der Nutzer muss den Wert sofort verstehen. Drittens: Sprecht die Sprache eurer Kunden, vermeidet Tech-Jargon.

Bild Teambild Fotocredit Alex Kardos

Wir bedanken uns bei Lukas Ogoralek für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder

Die innere Identität als Entscheidungskraft im Unternehmertum

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Entscheidungen Identität und der Jahreswechsel Manuela Vollmer Fotograf Leo Beisswenger

Im Gespräch mit Manuela Vollmer, Mentorin für unternehmerische Identität und Entscheidungspsychologie, wird deutlich, wie stark Jahreswechsel, innere Muster und ein klar definiertes Selbstbild das Handeln von Unternehmerinnen prägen – und warum echte Entwicklung weit über Vorsätze hinausgeht.

Wie beeinflusst der Jahreswechsel die Fähigkeit von Unternehmerinnen, klare Entscheidungen zu treffen?

Manuela Vollmer: Der Jahreswechsel wirkt wie ein psychologischer Verstärker. Viele wollen neu starten, rutschen aber sofort in ihre alten Muster. In dieser Phase zeigt sich, ob Entscheidungen aus der eigenen Identität entstehen oder aus innerem oder äußerem Erwartungsdruck. Dadurch wird sichtbar, warum manche klar handeln und durchziehen können und andere ins Zögern fallen und schwer in die Umsetzung kommen.

Welche Rolle spielt die eigene Identität dabei, unternehmerisches Verhalten langfristig zu prägen?

Manuela Vollmer: Die eigene Identität entscheidet, wie jemand Situationen bewertet, welche Optionen überhaupt wahrgenommen werden und welche Entscheidungen sich stimmig anfühlen. Sie legt fest, ob jemand eher reagiert oder gestaltet, ob Veränderungen als Chance oder als Risiko gesehen werden und wie konsequent jemand mit sich selbst umgeht. Unternehmerisches Verhalten entsteht nicht aus Methoden oder Vorsätzen, sondern aus diesem inneren Selbstbild. Wenn die Identität klar ist, werden Entscheidungen leichter und Beständigkeit möglich. Wenn sie unscharf ist, entstehen Muster wie Zögern, Perfektionismus oder das berühmte Hin-und-Her im Kopf.

Warum werden die psychologischen Effekte des Jahreswechsels auf Veränderungsprozesse häufig unterschätzt?

Manuela Vollmer: Weil der Fokus oft auf Zielen und Vorsätzen liegt und nicht auf den inneren Prozessen, die Veränderungen möglich machen. Der Jahreswechsel löst Erwartungen, Druck und Vergleiche aus, aber diese Ebene bleibt meist unbewusst. Viele glauben, dass ein neues Datum automatisch neue Verhaltensweisen erzeugen kann. Dabei verstärkt der Jahreswechsel nur das, was bereits da ist: Muster, Unsicherheiten und Routinen. Genau deshalb wird der psychologische Anteil unterschätzt – er zeigt sich, bevor irgendetwas geplant oder umgesetzt wird.

Was unterscheidet echte persönliche und unternehmerische Entwicklung von klassischen Vorsätzen?

Manuela Vollmer: Vorsätze entstehen aus einem Wunsch, etwas zu verändern, aber sie greifen die inneren Muster nicht an, die das Verhalten steuern. Entwicklung beginnt dort, wo jemand versteht, warum er bisher so gehandelt hat und daraus andere Entscheidungen möglich werden. Entwicklung, egal ob persönlich oder unternehmerisch, basiert auf Identität, nicht auf Willenskraft. Deshalb hält ein Vorsatz selten, eine innere Verschiebung dagegen verändert langfristig das Verhalten.

Wie hat die Krise zu Beginn Ihrer Selbstständigkeit Ihre Sicht auf Entscheidungen und Anpassungsfähigkeit verändert?

Manuela Vollmer: Ich dachte damals, die größte Entscheidung läge hinter mir: die Gründung. Ich hatte monatelang geplant, dokumentiert und alles darauf ausgerichtet, Stabilität zu schaffen. Als der Lockdown kam und mein Businessplan von einem Tag auf den anderen wertlos wurde, hatte ich zwei Möglichkeiten: warten oder handeln. Ich habe mich entschieden, die Situation zu nehmen, wie sie war, und ohne lange Planung ins Tun zu gehen. Erst viel später habe ich verstanden, dass genau dieses Verhalten meiner natürlichen Verhaltens-DNA entspricht. Ich war vorher zu sehr auf Sicherheit fixiert, weil es von außen so erwartet wurde. Heute entscheide ich anders: Ich schaue zuerst darauf, was in mir stimmig ist, was sich verändern darf und welche Unterstützung ich brauche. Diese Haltung prägt bis heute meine unternehmerischen Entscheidungen.

Welche inneren Mechanismen wirken, wenn Unternehmerinnen unter Druck plötzlich völlig neue Wege einschlagen müssen?

Manuela Vollmer: Unter Druck reagiert niemand rational. Da greifen automatische Programme der Urzeit: Kampf, Flucht oder Erstarren. Deshalb entstehen in solchen Momenten oft Entscheidungen, die mehr mit Entlastung als mit echter Entwicklung zu tun haben. Wenn jemand jedoch versteht, wie sie in Stresssituationen tickt, wird sichtbar, ob eine Bewegung aus Angst entsteht oder aus Identität. Genau dort liegt der Unterschied zwischen hektischem Umsteuern und einem Schritt, der langfristig Substanz hat.

Welche langfristigen Vorteile können aus radikalen Umbrüchen wie Ihrem Lockdown-Neustart entstehen?

Manuela Vollmer: Solche Brüche holen einen aus jedem theoretischen Denken heraus. Man erkennt sehr schnell, was funktioniert und was nur gut geplant war. Dadurch entsteht eine unternehmerische Klarheit, die man nicht aus Büchern bekommt. Mein Neustart hat mir gezeigt, wie ich wirklich entscheide, wie anpassungsfähig ich bin und wie viel stärker diese innere Logik ist als jede Strategie. Aus dieser Zeit sind Entscheidungen entstanden, die mein heutiges Business erst möglich gemacht haben – auch die Freiheit, einen Teil des Jahres in Sirmione am Gardasee zu arbeiten.

Inwiefern beeinflusst der Arbeitsort – zum Beispiel Ihre Zeit am Gardasee – die Qualität unternehmerischer Entscheidungen?

Manuela Vollmer: Ein anderer Ort verändert den inneren Zustand. Sobald ich aus meinen gewohnten Abläufen rauskomme, denke ich klarer und freier. Das gilt überall – ob es ein kleiner Ort in Deutschland ist oder ein Platz, an dem andere Urlaub machen. Kulturen, Menschen und Energie sind anders, und das öffnet automatisch den Blick. Am Gardasee bin ich näher bei mir, ich fühle mehr Leichtigkeit im Alltag und erinnere mich daran, dass mein heutiges Arbeitsumfeld eine bewusste Entscheidung war. Aus diesem Zustand heraus treffe ich Entscheidungen schneller und eindeutiger.

Was können selbstständige Frauen konkret tun, um ihre Identität so zu stärken, dass sie bessere Entscheidungen treffen?

Manuela Vollmer: Viele selbstständige Frauen glauben, dass sie ihre Themen allein lösen müssen – aus Verantwortungsbewusstsein, aus Stärke oder weil sie es gewohnt sind, sich durchzubeißen. Im Inneren führt diese Haltung jedoch oft dazu, dass sie nur im eigenen Denken kreisen. Identität braucht eine Außenperspektive, um sichtbar zu werden: Wo handle ich aus Überzeugung und wo aus Gewohnheit? Wo wähle ich mich – und wo funktioniere ich? Wenn diese Muster gespiegelt werden, entsteht etwas, das im Alleingang kaum möglich ist: eine klare innere Orientierung. Ab dann wirken kleine, konsequente Entscheidungen stärker als jede große Veränderungsabsicht. Identität stabilisiert sich nicht durch Vorsätze, sondern durch tägliche Selbstbeobachtung, ehrliche Reflexion und den Mut, sich an den eigenen Maßstab zu binden. So entstehen Entscheidungen, die wirklich zu einem passen und nicht nur zu den Erwartungen anderer.

Welche typischen Denkfehler begegnen Ihnen in Bezug auf Vorsätze, Veränderung und unternehmerischen Erfolg?

Manuela Vollmer: Viele glauben, dass sie nur mehr oder anders tun müssen, vergessen dabei aber, dass nicht die Aktivität im Außen der eigentliche Treiber ist, sondern die Identität, aus der jemand handelt. Unternehmerischer Erfolg wird oft daran gemessen, wie voll ein Kalender oder Bankkonto ist – dabei wird Wirkung viel zu häufig mit Beschäftigung verwechselt. Unterm Strich: Die Person, die ich glaube zu sein, bestimmt, wie gut ich meine Ziele erreiche. Wenn Identität und Verhalten übereinstimmen, entsteht Leichtigkeit. Wenn sie auseinanderlaufen, wird alles mühsam, weil Erwartungen erfüllt werden sollen, die nicht zur eigenen Verhaltens-DNA passen.

Fotograf Leo Beisswenger

Wir bedanken uns bei Manuela Vollmer für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder

Verkaufstexte: Warum weniger Werblichkeit oft mehr Umsatz bringt

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Verkaufstext der Entscheidungen prägt und Vertrauen schafft Simone Heinrich

Verkaufstexte sollen Umsatz bringen

Das ist ihr Job. Doch viele Startups stehen vor einem Dilemma: Wie werblich darf ein Text sein, ohne die Zielgruppe zu verschrecken? Die Antwort darauf entscheidet über Klickrate, Conversion und letztlich über den Erfolg der gesamten Kommunikationsstrategie.

Die gängige Vorstellung lautet: Ein guter Werbetext muss emotional aktivieren, klar zur Handlung auffordern und verkaufspsychologische Trigger nutzen. Doch genau daran scheitern viele Startups und KMU. Nicht, weil diese Prinzipien falsch wären, sondern weil sie heute oft anders wirken als beabsichtigt.

Der Irrtum Gute Werbetexte müssen laut sein

Viele Unternehmen glauben, dass Verkaufstexte nach bewährten Marketing-Formeln funktionieren müssen. AIDA, PAISA, Power-Words, fette Call-to-Actions. Das Problem: Was im Lehrbuch steht, passt nicht automatisch zur eigenen Zielgruppe.

Ein Beispiel: Ein junger IT-Dienstleister verschickt einen Newsletter, der nach klassischem Copywriting-Muster aufgebaut ist. Emotional aufgeladen, dringlichkeitsbetont, mit direktem Kaufappell. Die Öffnungsrate ist solide, die Klickrate enttäuschend. Warum? Weil die Zielgruppe genau spürt, dass hier verkauft werden soll und innerlich auf Durchzug schaltet.

Gerade im B2B-Bereich und bei erklärungsbedürftigen Dienstleistungen reagieren Leser sensibel auf zu offensive Verkaufssprache. Ein Text, der zu laut wirbt, verliert Glaubwürdigkeit, unabhängig davon, wie gut er formuliert ist.

Eine wirksame Verkaufsbotschaft lebt nicht davon, wie laut sie ruft, sondern davon, wie präzise sie trifft.

Die unterschätzte Macht dezenter Verkaufssprache

Was Unternehmen oft nicht sehen: Auch informative Texte verkaufen. Sie tun es nur anders.

Ein sachlicher Blogbeitrag positioniert als kompetenten Anbieter.
Ein ehrlicher Erfahrungsbericht schafft mehr Vertrauen als zehn Produktlobpreisungen.
Ein Text, der neugierig macht statt zu drängen, erzeugt nachhaltiges Interesse.

Im modernen Content-Marketing verschwimmt die Grenze zwischen Information und Verkauf bewusst, weil Kunden heute selbstbestimmt entscheiden möchten. Wer zu früh verkauft, verliert den Kontakt. Wer zu vorsichtig formuliert, wird übersehen.

Die Kunst liegt in der Balance. Ein gut geschriebener Text informiert, ohne zu langweilen. Er überzeugt, ohne zu manipulieren. Und er führt zur Handlung, ohne dass es sich nach Druck anfühlt.

Warum Formeln funktionieren aber nicht immer

Verkaufspsychologische Formeln wie AIDA oder PAISA haben ihre Berechtigung. Sie strukturieren Texte logisch und führen Leser gezielt durch einen Entscheidungsprozess. Doch sie sind kein Automatismus.

Das eigentliche Problem entsteht, wenn Formeln mechanisch angewendet werden, ohne die Zielgruppe mitzudenken. Ein Online-Shop für hochpreisige Produkte braucht andere Texte als ein regionaler Einzelhändler. Ein Newsletter für Bestandskunden funktioniert anders als eine Landingpage für Neukunden.

Die Frage im Briefing sollte deshalb lauten: „Was braucht unsere Zielgruppe, um zu vertrauen und zu handeln?“

Manche Branchen vertragen direktes Copywriting. Andere profitieren von subtilerer Kommunikation. Entscheidend ist nicht, was im Lehrbuch steht, sondern was in der Praxis messbare Ergebnisse liefert.

Zielgruppen im Reizüberflutungsmodus

Ein weiterer oft übersehener Punkt: Menschen sind täglich hunderten Werbebotschaften ausgesetzt. Newsletter, Social-Media-Ads, Bannerwerbung, Produktplatzierungen. Das Gehirn schaltet auf Autopilot.

Wie reagiert eine müde Zielgruppe auf aggressive Verkaufssprache?
Wie wirken übertriebene Versprechen in einem übersättigten Markt?
Welche Tonalität durchdringt den Lärm, ohne selbst Teil des Lärms zu werden?

Die Antwort zeigt sich in den Zahlen. Klickraten, Conversion-Rates und Verweildauer geben präzise Auskunft darüber, welcher Ansatz funktioniert. Und immer öfter zeigt sich: Texte, die nicht wie klassische Werbung klingen, performen besser.

Ein Erfahrungsbericht statt Produktbeschreibung. Ein informativer Ratgeber statt Kaufappell. Ein authentischer Einblick statt geschönter Hochglanzsprache. Diese Formate erzeugen keine sofortige Conversion, aber sie bauen Vertrauen auf, das später kaufentscheidend wird.

Drei Faktoren für wirksame Verkaufstexte

Erfolgreiche Verkaufstexte entstehen nicht durch Lautstärke, sondern durch strategisches Feingefühl. Drei Faktoren sind dabei zentral:

Klarheit über das Ziel: Geht es um direkte Conversion oder um langfristigen Vertrauensaufbau? Beides gleichzeitig funktioniert selten. Wer weiß, was der Text leisten soll, kann gezielt formulieren.

Kenntnis der Zielgruppe: Wie kaufaffin ist die Leserschaft? Wie werbeerfahren? Wie skeptisch gegenüber Verkaufssprache? Die Antworten darauf bestimmen die Dosierung.

Messbarkeit und Anpassung: Verkaufstexte sind Werkzeuge. Sie müssen funktionieren. Klickrate, Rücklauf und Feedback zeigen, ob die Strategie stimmt oder korrigiert werden muss.

Wer diese drei Faktoren systematisch berücksichtigt, vermeidet den häufigsten Fehler: nach Schema F zu texten und sich dann zu wundern, warum die Ergebnisse ausbleiben.

Fazit Verkaufen durch Vertrauen statt Überredung

Copywriting ist heute keine Frage von lauter oder leiser, sondern von passend oder unpassend. Verkaufstexte müssen verkaufen, aber sie müssen es auf eine Weise tun, die zur Marke, zur Zielgruppe und zum Kontext passt.

Entscheidend sind:

eine klare Vorstellung vom Textziel
Sensibilität für die Erwartungen und Widerstände der Zielgruppe
die Bereitschaft, Strategien zu hinterfragen und anzupassen
und ein Verständnis dafür, dass Verkaufen durch Vertrauen heute wirksamer ist als durch Überredung

Genau hier liegt der Unterschied zwischen Startups, die mit Texten Aufmerksamkeit erkämpfen, und solchen, die mit Worten Nachfrage erzeugen, selbst in umkämpften Märkten.

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder

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