Mittwoch, April 29, 2026
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Stehen wir kurz davor, komplexe Probleme völlig neu zu lösen?

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Kvantify Qrunch Quantencomputing im Fokus Dr. Jörg Weiser Copyright Kvantify

Kvantify entwickelt mit Qrunch innovative Lösungen im Quantencomputing für komplexe molekulare Berechnungen

Wie ist Kvantify entstanden und welche Erfahrungen oder Hintergründe bringen die Gründer hinter dem Unternehmen mit?

Kvantify ist ein dänisches Softwareunternehmen, das 2022 mit dem Ziel gegründet wurde, die molekulare Forschung durch die Verbindung von Quanten- und klassischen Rechenmethoden zu revolutionieren. Allan Grönlund, Gründer und CTO, ist führender Experte für maschinelles Lernen und angewandte Algorithmen. Allan hat an der Universität Aarhus in Informatik promoviert und verfügt über 15 Jahre Erfahrung in Wissenschaft und Industrie, wobei er Pionierarbeit bei der Anwendung mathematischer Modelle und Algorithmen geleistet hat. Nikolaj Zinner, Gründer und CSO, hat in Physik promoviert und ist Professor für Physik an der Universität Aarhus. Er ist Experte für Quantentechnologie, Quanteninformation und physikalische Modellierung. Er verfügt über umfangreiche Erfahrung in der Leitung groß angelegter Innovationsprojekte und Forschungskonsortien.

Jörg Weiser ist Executive Chairperson bei Kvantify. Er ist promovierter Chemiker und hat über 25 Jahre Erfahrung in der Gründung, dem Aufbau und der Leitung von Unternehmen in Europa und Asien in den Bereichen computergestützte Molekularforschung und Hochleistungsrechnen.

Welche Vision verfolgt Kvantify im Bereich Quantencomputing und welche Rolle soll das Unternehmen künftig in diesem technologischen Ökosystem spielen?

Kvantify konzentriert sich insbesondere auf die Life-Science-Branche, vor allem auf die frühe Arzneimittelforschung. Die Gewährleistung von Gesundheit und Wohlstand durch Technologie ist wichtiger denn je, und ein Schlüsselbereich ist die Suche nach den Molekülen von morgen – für bessere Medikamente und bessere Materialien. Die Quantentechnologie ist eine der besten Möglichkeiten, genau das zu erreichen, d. h. diese neuen Moleküle zu finden. Unsere Software, Qrunch, ist unsere Plattform für innovatives Moleküldesign mit Quantencomputern. Die Quantenchemie ist dabei die Schlüsselkomponente, da es für klassische Computer äußerst schwierig ist, groß angelegte chemische Berechnungen durchzuführen. Der Quantencomputer ist daher die Maschine der Wahl, um zu ermöglichen, was klassische Computer niemals leisten könnten. Qrunch ist die Plattform, die dies für Endnutzer in den Bereichen Biowissenschaften und Chemie zugänglich macht. Man soll und muss kein Quantencomputing Experte sein, um die Software zu nutzen.

Viele verbinden Quantencomputing noch mit Zukunftstechnologie. Wie gelingt es Kvantify, diese Möglichkeiten bereits heute für Forschung und Industrie nutzbar zu machen?

Mit Qrunch müssen Endnutzer chemische Probleme nicht mehr in Programmcode umwandeln, den ein Quantencomputer versteht. Dies ist die Aufgabe eines Quantenalgorithmus; Qrunch basiert auf Kvantifys eigenen Algorithmen, die nicht nur hinsichtlich ihrer Leistung auf der tatsächlichen Hardware branchenführend sind, sondern auch so programmiert sind, dass die Nutzer ihre Zeit damit verbringen können, die für sie interessante Chemie zu spezifizieren, anstatt sich mit den Details der Funktionsweise eines Quantencomputers zu beschäftigen. Quantencomputing wird klassische Computerarchitekturen basierend auf GPUs und CPUs nicht ablösen, im Gegenteil – Ergebnisse aus dem Quantencomputing werden auf klassischer Architektur weiterverarbeitet.

Die Kunst besteht darin, auf jeder Architektur die jeweils optimalen Algorithmen einzusetzen. Unsere Software läuft sowohl auf CPUs, GPUs und Quantencomputern – erst die sinnvolle Kombination und Integration ergibt den Gesamtvorteil. Ein wichtiger Kooperationspartner in diesem Zusammenhang ist für uns NVIDIA, der sich zur Aufgabe gesetzt hat, die eigenen Hochleistungs-GPUs für KI mit Quantencomputing zu integrieren. Im März 2026 haben wir über die erfolgreiche Portierung von Qrunch auf NVIDIA KI GPUs berichtet.

Technologien wie Quantencomputing entwickeln sich rasant, sind aber noch jung. Mit welchen Herausforderungen ist Kvantify derzeit konfrontiert und wie gehen Sie damit um?

Der routinierte Einsatz unserer Software ist erst dann möglich, wenn Hochleistungsrechenzentrumsinfrastruktur standardisiert wird und skaliert werden kann. Für KI passiert das, für Quantencomputing wird das noch erfolgen müssen. Daher arbeiten wir aktuell mit frühen Anwendern und Innovatoren zusammen, die es grandios finden, neue Technologien auszuprobieren. Langfristig kommt ein Technologiegeschäftsmodell aber erst dann zum Tragen, wenn die Mehrheit der pragmatischen Nutzer eine Technologie ohne große Umstände anwenden kann. Um den Übergang von frühen Anwendern zur pragmatischen Mehrheit zu realisieren, beteiligen wir uns aktiv am Aufbau eines Ökosystems in Quantencomputing als Voraussetzung für den Erfolg einer neuen Branche.

Die Simulation von Molekülen und chemischen Prozessen gilt als besonders rechenintensiv. Welche Chancen sehen Sie hier für neue Anwendungen oder wissenschaftliche Durchbrüche?

In 2025 sind wir über 50 Qubits im Bereich Quantenchemie hinausgegangen. In 2026 werden wir auf den neuen Quantencomputerrechnerarchitekturen mit weit über 100 Qubits rechnen. Wir nähern uns dann allmählich dem Bereich, in dem Rechnungen auf Quantencomputern Rechnern auf klassischen Architekturen überlegen sein werden. Das eröffnet die Möglichkeit, chemische Komplexität präzise zu berechnen. Damit werden chemische Simulationen einen zentralen Stellenwert in der Forschung einnehmen und Experimente im Nachgang als Validierung der Simulation erfolgen – nicht aber mehr als primäre Datenquelle dienen. Das verändert auch den Stellenwert von Quantencomputing für KI: die Daten der Simulation werden primär zum Training der KI verwendet, nicht das Experiment.

Was unterscheidet Kvantify von anderen Unternehmen im Bereich Quantum Software und Quantenchemie?

Wir produzieren Software gezielt für den chemischen Anwender um ihn frühzeitig mit Quantencomputing vertraut zu machen – wir versuchen nicht, in allen anderen Industrien mit Quantenalgorithmen dabei zu sein. Qrunch verfügt über Algorithmen, die vergleichbare Ansätze übertreffen, aber deutlich weniger Ressourcen und Rechenzeit benötigen. Das führt zu einer erheblichen Kostenersparnis. Zudem ist Qrunch derzeit die einzige Technologie, die auf molekulare Systemgrößen skalieren kann, die für industrielle Anwendungen relevant sind. Wir sind die ersten, die diese Skalierbarkeit praktisch demonstrieren. Wie bereits erwähnt besteht der Wert von komplexen Rechenoperationen nicht in Orthodoxien, sondern in kluger Integration verschiedener Algorithmen in einem Hochleistungsrechenzentrum mit diverser Computerarchitektur. Und genau diese Optimierungsarbeit ist von Anbeginn Kernansatz der Arbeit von Kvantify.

Wie sieht die strategische Roadmap für Kvantify aus. Welche Entwicklungen oder Meilensteine stehen in den kommenden Jahren im Fokus?

Wir fügen neue Funktionen hinzu, die Nutzern mehr Einblick geben, wie sich Genauigkeit gegen Rechenzeit austauschen lässt – ein entscheidender Zukunftsfaktor. Vor allem aber kooperieren wir mit industriellen Anwendern, um deren konkrete Probleme zu lösen. Unsere Software verbessert sich damit, nicht basierend auf Spekulationen aus dem Elfenbeinturm. Darüber hinaus erweitern wir die Anzahl unserer Hardwarepartner, um sicherzustellen, dass Anwender auf der jeweiligen Plattform ihrer Wahl rechnen können. Derzeit haben wir Quantum Cloud Computing Partnerschaften mit AWS und IQM. Anwender sind grundsätzlich an erstens zuverlässigen Ergebnissen, die zweitens nutzerfreundlich für drittens verschiedene Problemstellungen erzielt werden, interessiert. Unsere Softwareplattform wird in diese drei Richtungen ausgebaut werden. Zur Steigerung der Performance wird unsere Software so integriert werden, dass Rechnungen auf jeweils geeigneter klassischer oder Quanten Architektur laufen. Zur besseren Bedienbarkeit der Plattform wird menschliche Sprache mittels Agentic AI Technologie verwendet werden.

Wenn Sie auf die bisherige Entwicklung von Kvantify blicken. Welche drei Ratschläge würden Sie anderen Gründerinnen und Gründern mit auf den Weg geben?

Erstens: Bestimmen Sie Ihren Schwerpunktbereich sorgfältig. „Alles abdecken“ führt schnell zur Überforderung und wird nicht dazu führen, zunächst in einem Bereich Marktführer zu werden. Zweitens: Sehr gute Ergebnisse sind nur mit einem sehr guten Team möglich. Drittens: Schließen Sie die Lücke zwischen Anwendung und Technologie. Suchen Sie reale Anwendungsfälle und starke Partner, um Ihre Technologie sinnvoll zu entwickeln.

Bild: Bildrechte: © Kvantify

Wir bedanken uns bei Dr. Jörg Weiser für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder

Was braucht es, damit Marken wirklich relevant werden?

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PIERCE Marken Kultur strategische Kollaborationen Verena Sudarić-Hefner und Philipp Zwez Bildcrechte PIERCE

Wie PIERCE Marken über strategische Kollaborationen kulturell anschlussfähig macht

Wie ist PIERCE entstanden und wer sind die Köpfe hinter dem Unternehmen?

Philipp Zwez: PIERCE wurde von Verena Sudarić-Hefner und mir, Philipp Zwez gegründet. Verena und ich haben viele Jahre in leitenden Positionen an der Schnittstelle zwischen Marken, Kultur und Entertainment gearbeitet. Zuletzt gemeinsam bei Universal Music Deutschland, wo ich als Managing Director Universal Music Group For Brands tätig war und Verena als Senior Director Brand Strategy & Creation. Vor ziemlich genau einem Jahr haben wir die Culture Connection Agentur PIERCE gegründet, mit dem Ziel, unsere Expertise für strategische Kollaborationen außerhalb der Konzernstruktur und über die Musik hinaus weiterzuentwickeln.

Welche Vision verfolgt PIERCE im Spannungsfeld von Marken und Popkultur?

Verena Sudarić-Hefner: Unsere Vision ist es, Marken und kulturelle Akteure so zusammenzubringen, dass daraus echter Mehrwert auf beiden Seiten entsteht. Wir glauben, dass die spannendsten Ideen dort entstehen, wo unterschiedliche Perspektiven, Reichweiten und Erzählweisen aufeinandertreffen. Wenn Kollaborationen gut gemacht sind, entsteht nicht nur Aufmerksamkeit, sondern etwas Drittes: neue Relevanz, neue Kontexte und ein kultureller Mehrwert, der über klassische Kommunikation hinausgeht.

Philipp Zwez:: Wir beschäftigen uns sehr intensiv mit nationalen und internationalen kulturellen Dynamiken, Communitys und Codes. Gleichzeitig haben wir durch unser globales Netzwerk und die strategischen Partnerschaften mit Universal Music und Activision Blizzard sehr früh Einblicke in Entwicklungen, kommende Releases oder aufstrebende Artists, die die Menschen bewegen werden. Entscheidend ist dabei auch die Einordnung: Nicht jeder Trend ist relevant für jede Marke.

Welche Zielgruppen stehen bei euren Projekten im Fokus und wie sprecht ihr diese authentisch an?

Verena Sudarić-Hefner: Je nach Projekt arbeiten wir mit ganz unterschiedlichen Zielgruppen – von Gen Z bis hin zu älteren, sehr klar interessengeleiteten Communitys. Entscheidend ist für uns, diese nicht nur demografisch zu betrachten, sondern zu verstehen, was sie bewegt, wofür sie stehen und in welchen kulturellen Räumen sie sich verorten. Letztendlich ist jede Zielgruppe auf ihre Weise Fan von etwas.

Was unterscheidet euren Ansatz von klassischen Marketing oder Kreativagenturen?

Verena Sudarić-Hefner: Wir beginnen nicht bei der Werbeidee, sondern stets bei kultureller Anschlussfähigkeit und denken Kollaborationen dabei konsequent als zentrales Prinzip. Gleichzeitig bewegen wir uns bewusst zwischen den Welten: Wir verbinden strategische Tiefe und Konzernverständnis mit kreativer Denke, Agilität und echter Nähe zu kulturellen Räumen.

Wie entwickelt ihr Kampagnen, die nicht wie Werbung wirken, sondern Teil von Kultur werden?

Verena Sudarić-Hefner: Für uns beginnt alles mit der Frage: Warum sollte sich überhaupt jemand dafür interessieren? Wenn wir darauf keine gute Antwort haben, entsteht auch keine relevante Arbeit. Deshalb entwickeln wir Formate nicht aus einer klassischen Werbelogik heraus, sondern aus Communitys, Interessen und kulturellen Kontexten. Im besten Fall entstehen daraus Inhalte, Erlebnisse oder Produkte mit echtem Wert für die Menschen. Wenn sie freiwillig teilnehmen, teilen oder sich damit identifizieren, fühlt es sich nicht wie Werbung an.

Mit welchen Herausforderungen seid ihr in der Zusammenarbeit zwischen Marken und Communities konfrontiert und wie geht ihr damit um?

Verena Sudarić-Hefner: Die größte Herausforderung ist Glaubwürdigkeit. Communitys und Fans merken schnell, wenn etwas aufgesetzt wirkt oder ein Kontext nicht wirklich verstanden wurde. Gleichzeitig bleibt eine Marke in solchen Räumen ohnehin immer nur ein Gast. Entscheidend ist deshalb, Marken so einzubinden, dass sie anschlussfähig sind, ohne sie als etwas auszugeben, das sie nicht sind. Dafür braucht es ein gutes Gespür für Sprache, Timing, Partnerwahl und den Mehrwert, den die Marke in dem Kontext liefern kann.

Welche Rolle spielen Partnerschaften mit Künstlern oder Plattformen in eurer täglichen Arbeit?

Philipp Zwez: Sie spielen eine große Rolle, aber nicht im Sinne von „Access als Selbstzweck“. Künstler:innen, Plattformen oder IPs bringen kulturelle Legitimität und eine Fanbase mit sich. Unser Anspruch ist es, daraus Kollaborationen zu entwickeln, die für alle Beteiligten sinnvoll sind.

Philipp Zwez: Wir hinterfragen sehr bewusst, ob etwas nur kurzfristig Aufmerksamkeit erzeugt oder wirklich anschlussfähig ist. Oft entwickeln wir deshalb Formate oder Plattformen, die über einzelne Kampagnen hinaus funktionieren und sich weiterentwickeln können.

Wohin möchte sich PIERCE in den kommenden Jahren entwickeln?

Philipp Zwez: Wir wollen unsere Position an der Schnittstelle von Marken, Kultur und Entertainment weiter ausbauen und zusätzliche Partnerschaften über Musik und Gaming hinaus schließen. Gleichzeitig geht es uns um nachhaltiges Wachstum unseres Teams und langfristige Zusammenarbeit mit unseren Kund:innen.

Welche Learnings aus eurer bisherigen Arbeit würdet ihr anderen Gründerinnen und Gründern mitgeben?

Philipp Zwez: Co-Gründungen funktionieren besonders gut, wenn man in dieselbe Richtung schaut, aber aus unterschiedlichen Perspektiven. Das bringt Tempo in Prozesse, erweitert den Blick und macht die Zusammenarbeit am Ende oft stärker.

Welche drei konkreten Ratschläge würdet ihr Menschen geben, die heute ein Unternehmen im Bereich Marketing oder Kultur aufbauen möchten?

Verena Sudarić-Hefner: 1. Nicht alles selbst aufbauen, sondern die richtigen Netzwerke bauen. Die Stärke liegt heute oft nicht darin, alles intern abzudecken, sondern darin, die richtigen Menschen, Perspektiven und Partner zusammenzubringen. 2. Man muss nicht von allem Fan sein, aber fanatisch darin, Fans zu verstehen. Wer in Bereich Marketing oder Kultur arbeitet, muss nicht jede Szene selbst leben, sollte aber bereit sein, sich wirklich für Communitys, ihre Codes und das, was sie begeistert, zu interessieren. 3. Baut auf echte menschliche Bedürfnisse. Alles, was echte Bedürfnisse berührt, Menschen verbindet oder ihnen das Herz aufgehen lässt, wird immer relevant bleiben.

Bildcredit PIERCE

Wir bedanken uns bei Verena Sudarić-Hefner und Philipp Zwez für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder

Wie entsteht Innovation in einer der komplexesten Branchen der Welt?

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Versicherungsbranche Startups Innovation InsurTech Estefanía Rodríguez Migliarini: Programme & Startup Relations Manager, Project Manager One Mission

Versicherungsbranche, Startups und Innovation stehen im Fokus des InsurTech Hub Munich und treiben die digitale Transformation der Branche entscheidend voran.

Wie würden Sie den InsurTech Hub Munich unseren Leserinnen und Lesern vorstellen und welche zentrale Rolle nimmt dieser Hub im deutschen Digital Hub Netzwerk sowie im InsurTech-Ökosystem ein?

Dr. Jesper Heide: Der InsurTech Hub Munich ist die zentrale Plattform für Versicherungsinnovationen in Deutschland und Teil der de:hub Initiative des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz. Wir verbinden Startups, etablierte Versicherer, Investoren und Forschungseinrichtungen zu einem lebendigen Ökosystem. Als einer von zwölf Digital Hubs in Deutschland haben wir uns auf die digitale Transformation der Versicherungsbranche spezialisiert. Unsere Mission ist es, Deutschland als führenden Standort für InsurTech-Innovationen zu stärken und den Austausch zwischen allen Akteuren der Branche zu fördern. Wir schaffen die Infrastruktur und das Netzwerk, damit innovative Ideen schnell in marktfähige Lösungen überführt werden können.

Was macht München als Standort für InsurTech-Innovationen besonders attraktiv und welche strukturellen, wirtschaftlichen oder wissenschaftlichen Stärken bringt die Region für die Transformation der Versicherungsbranche mit?

Estefanía Rodríguez Migliarini: München vereint ideale Voraussetzungen für InsurTech-Innovationen. Die Stadt ist Sitz führender Versicherungskonzerne wie Allianz, Generali, MunichRe und anderen Rückversicherern, aber auch vieler regionaler Champions und mittelständischer Unternehmen. Diese Dichte an Branchenexpertise ist weltweit einzigartig. Hinzu kommen exzellente Forschungseinrichtungen wie die TU München und LMU, die Spitzentalente für die Versicherungswirtschaft und technologische Innovationen, insbesondere in KI, ausbilden. Die starke Startup-Szene, verfügbares Venture Capital und eine hohe Lebensqualität machen München zum Magneten für Gründer und Fachkräfte. Die geografische Nähe zwischen Startups und Versicherern ermöglicht kurze Wege und schnelle Kooperationen. Diese Kombination aus Tradition und Innovation schafft ein fruchtbares Umfeld für die digitale Transformation der Versicherungsbranche.

Der InsurTech-Bereich entwickelt sich rasch weiter. Welche aktuellen Herausforderungen der Versicherungswelt adressiert der InsurTech Hub Munich und wie tragen Ihre Aktivitäten dazu bei, diese zu lösen?

Dr. Jesper Heide: Die Versicherungsbranche steht vor fundamentalen Herausforderungen. Kunden erwarten heute digitale, personalisierte Erlebnisse. Gleichzeitig müssen Versicherer ihre Prozesse effizienter gestalten und neue Risiken wie Cyberbedrohungen oder Klimawandel bewältigen. Wir adressieren these Themen durch gezielte Programme und Veranstaltungen. In unseren Formaten bringen wir Startups mit konkreten Lösungen und Versicherer mit spezifischen Problemen zusammen. Wir organisieren Workshops zu Zukunftsthemen, fördern Pilotprojekte und schaffen Räume für Experimente. Durch den Wissensaustausch im de:hub Netzwerk können wir Best Practices teilen und gemeinsam an Standards arbeiten. So beschleunigen wir die Entwicklung von Lösungen, die echten Mehrwert schaffen.

Künstliche Intelligenz, Datenanalytics und Automatisierung sind starke Treiber in der Branche. Wie unterstützt der Hub Startups dabei, diese Technologien in Versicherungsprozesse zu integrieren — etwa in Underwriting, Schadenmanagement oder Kundenkommunikation?

Dr. Jesper Heide: Wir verstehen uns gleichermaßen als Brückenbauer zwischen Technologie und Versicherungspraxis. Startups erhalten bei uns Zugang zu Branchenexperten, die ihnen helfen, ihre Lösungen auf reale Anforderungen zuzuschneiden. In unseren Veranstaltungen zeigen wir konkrete Anwendungsfälle, von KI-gestützter Risikoprüfung bis zur automatisierten Schadensabwicklung. Wir vermitteln Pilotprojekte, in denen Startups ihre Technologien in echten Prozessen testen können. Zudem organisieren wir Tech-Sessions und Hackathons, bei denen gemeinsam an Lösungen gearbeitet wird. Der Austausch mit etablierten Versicherern hilft Startups, die spezifischen Anforderungen an Genauigkeit, Compliance und Integration zu verstehen. So entstehen Lösungen, die nicht nur technologisch überzeugen, sondern auch praktisch umsetzbar sind.

Wie begleitet der InsurTech Hub Munich Gründerinnen und Gründer ganz konkret bei der Produkt- und Geschäftsmodellentwicklung, der Markteinführung und beim Aufbau nachhaltiger Kundenbeziehungen?

Estefanía Rodríguez Migliarini: Wir bieten ein umfassendes Begleitprogramm entlang der gesamten Gründungsreise. Startups erhalten Zugang zu Mentoring durch erfahrene Versicherungsmanager und erfolgreiche Gründer. Wir organisieren Feedback-Sessions, in denen Produkte auf Herz und Nieren geprüft werden. Bei der Markteinführung helfen wir durch Sichtbarkeit auf unseren Events und in unserem Netzwerk. Wir stellen Kontakte zu potenziellen Pilotkunden und Investoren her. Regelmäßige Austauschformate ermöglichen es Gründern, voneinander zu lernen und gemeinsam Herausforderungen zu meistern. Durch die Anbindung an das de:hub Netzwerk können wir auch überregionale Kontakte vermitteln. Unser Fokus liegt darauf, nachhaltige Beziehungen aufzubauen, von denen beide Seiten langfristig profitieren.

In der InsurTech-Szene sind Partnerschaften zwischen Startups und etablierten Versicherern essenziell. Wie fördern Sie solche Kooperationen und welche Formate oder Initiativen haben sich dabei als besonders wirkungsvoll erwiesen?

Estefanía Rodríguez Migliarini: Kooperationen gelingen am besten, wenn beide Seiten einander verstehen. Wir schaffen strukturierte Begegnungsformate, in denen Startups ihre Lösungen präsentieren und Versicherer ihre Herausforderungen teilen. Besonders bewährt haben sich Innovation Challenges, bei denen Versicherer konkrete Problemstellungen ausschreiben. Auch unsere Matchmaking-Events bringen gezielt die richtigen Partner zusammen. Wir moderieren Pilotprojekte und helfen bei der Definition realistischer Ziele. Wichtig ist uns, dass Kooperationen auf Augenhöhe stattfinden. Deshalb sensibilisieren wir beide Seiten für die unterschiedlichen Geschwindigkeiten und Kulturen. Erfolgsgeschichten aus unserem Netzwerk zeigen wir als Best Practices, um andere zu inspirieren. Die persönlichen Beziehungen, die bei uns entstehen, sind oft die Basis für langfristige Partnerschaften.

Welche Bedeutung haben regulatorische Anforderungen und Datenschutz im Kontext von InsurTech-Innovation und wie unterstützen Sie Startups, diese Compliance-Hürden erfolgreich zu meistern?

Dr. Jesper Heide: Regulierung und Datenschutz sind zentrale Erfolgsfaktoren im Versicherungsbereich. Viele innovative Ideen scheitern nicht an der Technologie, sondern an mangelndem Verständnis für regulatorische Anforderungen. Wir bieten regelmäßig Workshops mit Experten von BaFin, Datenschutzbehörden und Compliance-Spezialisten an. Startups lernen, wie sie DSGVO-konform arbeiten und welche Lizenzanforderungen gelten. Wir vermitteln Rechtsberatung und helfen bei der Navigation durch den Regulierungsdschungel. Besonders wertvoll ist der Austausch mit etablierten Versicherern, die ihre Compliance-Expertise teilen. Durch frühzeitige Berücksichtigung regulatorischer Anforderungen vermeiden Startups teure Umwege. Wir setzen uns zudem für innovationsfreundliche Rahmenbedingungen ein und bringen die Perspektive von Startups in regulatorische Diskussionen ein.

Versicherungsbranche Startups Innovation InsurTech  Dr. Jesper Heide: Director Strategy & Programme
Dr. Jesper Heide: Director Strategy & Programme

Wie fördert der InsurTech Hub Munich den Wissenstransfer zwischen Forschung, etablierten Unternehmen und jungen Innovatoren, um neue Ideen schneller in marktfähige Produkte zu überführen?

Estefanía Rodríguez Migliarini: Wissenstransfer ist das Herzstück unserer Arbeit. Wir organisieren regelmäßig Veranstaltungen, bei denen Forscher ihre neuesten Erkenntnisse vorstellen und mit Praktikern diskutieren. Unsere Community umfasst Universitäten, Forschungsinstitute, Startups und Konzerne. In gemeinsamen Projekten arbeiten diese Akteure Hand in Hand. Wir fördern angewandte Forschung, die auf reale Marktbedürfnisse einzahlt. Studenten und Doktoranden erhalten Einblick in die Praxis und können ihre Abschlussarbeiten an echten Problemstellungen ausrichten. Etablierte Unternehmen profitieren von frischen Perspektiven und wissenschaftlicher Expertise. Startups erhalten Zugang zu Forschungsergebnissen und können auf wissenschaftlichen Grundlagen aufbauen. Diese Vernetzung beschleunigt Innovation erheblich und stärkt den Standort Deutschland im internationalen Wettbewerb.

Dr. Jesper Heide: Wir sehen mehrere Trends, die die Branche fundamental verändern werden. KI-gestützte Risikobewertung ermöglicht präzisere und individuellere Tarife. Predictive Analytics hilft, Schäden zu verhindern, bevor sie entstehen. Dieser Wandel von reaktiver zu präventiver Versicherung ist revolutionär. Einer der größten Hebel ist derzeit die Automatisierung – nicht selten mit Hilfe auch von KI – von Prozessen, die diese deutlich schneller und kundenfreundlicher macht und den Mitarbeitenden Freiräume für die direkte Kundenbetreuung schafft. Agentic AI ist erst in der Entstehung, zeigt aber schon vereinzelt, welches Potenzial in dieser KI-Architektur steckt. Embedded Insurance integriert Versicherungsschutz nahtlos in andere Produkte und Dienstleistungen. Wir beobachten auch das Potenzial von Blockchain für transparente und effiziente Prozesse. Parametrische Versicherungen, die automatisch bei definierten Ereignissen zahlen, gewinnen an Bedeutung. Diese Technologien ermöglichen neue Geschäftsmodelle, von Pay-per-Use, über die Versicherung von bisher nicht versicherbaren Risiken bis zu Ökosystem-Plattformen. Die Versicherer der Zukunft werden stärker als Risikomanagement-Partner und Schadenverhinderer agieren.

Welche strategischen Ziele verfolgt der InsurTech Hub Munich für die kommenden Jahre, und wie möchten Sie den Hub weiterentwickeln, um noch mehr Innovations- und Wachstumspotenzial im InsurTech-Bereich zu entfalten?

Dr. Jesper Heide: Unser Ziel ist es, den InsurTech Hub Munich als Europas führende Plattform für Versicherungsinnovationen zu etablieren. Wir wollen die Versicherer enablen, die üblichen Innovationsbremsen, wie Legacy-Systeme oder fehlende Innovationskultur im Unternehmen, zu überwinden und stattdessen Lust auf und Freude an Veränderung und Verbesserung zu generieren. Wir wollen mehr internationale Startups nach München bringen und deutschen Startups den Weg ins Ausland ebnen. Die Zusammenarbeit innerhalb des de:hub Netzwerks werden wir intensivieren, um Synergien zu heben. Wir planen, unsere Programme stärker auf einen konkreten Outcome auszurichten und mehr Pilotprojekte zu realisieren. Der Ausbau unserer Community und die Vertiefung bestehender Partnerschaften haben Priorität. Zudem wollen wir neue Themen wie EUDI-Wallet und die Steigerung der Vertriebseffizienz durch KI in diesem Jahr stärker adressieren. Durch strategische Partnerschaften und innovative Formate werden wir den Hub kontinuierlich weiterentwickeln. Unsere Vision, unser Ziel ist, dass jeder, der in Europa an Versicherungsinnovation arbeitet, die Nähe zum InsurTech Hub Munich sucht!

Bildrechte: InsurTech Hub Munich

Wir bedanken uns bei Dr. Jesper Heide und Estefanía Rodríguez Migliarini für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder

Die EU Inc. – Der Zaubertrank Europas im Wettbewerb der Rechtsformen

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EU Inc., Rechtsform, Start-ups in Europa Kulenkampff Charlotte Forvis Mazars

Wettbewerb um attraktive Gründungsstandorte

Seitdem Start-ups international zu einem bedeutenden Wirtschafts- und Innovationsfaktor geworden sind, gibt es einen intensiven Wettbewerb um die Attraktivität für Gründung und Finanzierung weltweit. In letzter Zeit kann man feststellen, dass junge Start-ups ihre Gründung immer häufiger außerhalb der EU, vor allem in den USA und in UK, vollziehen. Dies hat unterschiedliche Gründe, aber im Regelfall sind ausschlaggebend der Zugang zu Finanzmitteln von Investoren aus dem jeweiligen Land, die Einfachheit der Steuerung der Gesellschaft und nicht zuletzt auch der Zeit- und Kostenaufwand für Änderungen im Cap Table. Gerade bei Letzterem hat sich Deutschland inzwischen durch die Notwendigkeit der Beglaubigung bzw. Beurkundung für die Durchführung von Finanzierungsrunden oder Anteilsübertragungen international einen zweifelhaften Ruf erworben.

Fragmentierte Rechtslandschaft in Europa

Aber auch im europäischen Vergleich sind die Rechtssysteme mit ca. 60 nationalen Rechtsformen wie GmbH, B.V, S.à.r.l oder S.r.l zersplittert und die Unterschiede zwischen den 27 europäischen Ländern lassen Gründer und Investoren an ihre Grenzen kommen. Die EU wagt nunmehr den Versuch, mit der Rechtsform der EU Inc. eine europäische Rechtsform mit einheitlichem, modernem Regelwerk ins Leben zu rufen, welche die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Unternehmen verbessern soll.

Frühere Ansätze einer europäischen Rechtsform

Ganz neu ist die Idee einer europäischen Privatrechtsform nicht: Mit der Societas Europaea existiert zwar bereits seit 2004 eine europäische Rechtsform, diese ist jedoch für große, bereits international tätige und häufig börsennotierte Unternehmen konzipiert und mit einem erforderlichen Stammkapital von EUR 120.000 für Start-ups weder gedacht noch geeignet. Bereits 2009 gab es daher den Versuch, mit der Europäischen Privatgesellschaft eine auf kleinere Unternehmen zugeschnittene Rechtsform zu etablieren, der jedoch 2013 wegen Streitigkeiten über Arbeitnehmerbeteiligung und Sitzverlegung aufgegeben wurde.

Die EU Inc. als neuer Anlauf der EU

Am 18. März 2026 hat die EU-Kommission einen Vorschlag über die EU Inc. als 28. gesellschaftsrechtliches Regime mit 109 Artikeln vorgelegt mit dem Ziel, bis Ende 2026 zu einer Einigung in Parlament und Rat zu kommen. Ziel der EU Inc. ist es grundsätzlich, Gründungen und Skalierung im Binnenmarkt zu erleichtern und so den zunehmenden Wegzug von innovativen Unternehmen und Start-ups zu verhindern, wobei die Nutzung der EU Inc. für jeden Unternehmer zugänglich ist. Dabei geht die EU tatsächlich einen für ihre Verhältnisse radikalen Weg.

Gründung und Struktur der EU Inc.

Die EU Inc. ist eine Privatgesellschaft mit beschränkter Haftung. Satzungssitz und Hauptgeschäftssitz müssen in der EU liegen. Sie soll innerhalb von 48 Stunden mit Maximalkosten von EUR 100 durch Neugründung oder grenzüberschreitende Umwandlung errichtet werden können und zwar standardisiert, das heißt insbesondere mit einer Mustervorlage für den Gesellschaftsvertrag und vollständig digital. Herzstück der Verwaltung ist das neue EU Inc. Register, welches die Unternehmensinformationen zentral bündeln soll. Die EU Inc. hat kein Mindestkapital. Wenn ein Mindestkapital in bestimmter Höhe gewählt wird, kann dieses durch Bar oder Sacheinlage erbracht werden und unterliegt Kapitalerhaltungsregelungen. Ungewohnt aus deutscher Sicht ist, dass Ausschüttungen einer Nettovermögensprüfung sowie zusätzlich einer Fortbestehensprognose für die nächsten 12 Monate unterliegen.

Digitale Anteile und vereinfachte Übertragungen

Die Anteile an der EU Inc. sind digital verbrieft und werden im digitalen Anteilsregister geführt. In Artikel 59 Abs. 5 der Verordnung hat die EU die Mitgliedstaaten explizit aufgefordert, keine zusätzlichen Formalitäten, insbesondere die einer Beurkundung, für eine wirksame Anteilsübertragung auf nationalem Level zu implementieren.

Organe und Entscheidungsprozesse

Organe der EU Inc. sind die Gesellschafterversammlung und die Geschäftsleitung sowie optional ein Aufsichtsrat bzw. Beirat. Die Willensbildung und Einflussnahme der Gesellschafter hält keine größeren Überraschungen bereit. Gesellschafterversammlungen können vollständig digital oder hybrid durchgeführt werden. Aber auch schriftliche oder digitale Beschlussfassungen sind ohne Weiteres möglich. Je nach Beschlussgegenstand gilt eine einfache oder qualifizierte Mehrheit. Vergleichsweise unerwartet aus deutscher Sicht kommt das Recht eines Gesellschafters, die Einziehung seiner Anteile durch ein Gericht anordnen zu lassen, wenn die Geschäfte der Gesellschaft für ihn belastend geführt worden sein sollen.

Integration moderner Finanzierungsinstrumente

Dass die EU-Verordnung den Zeitgeist aufnimmt, sieht man schon daran, dass sie verschiedene aus dem Venture Capital Bereich bekannte Finanzierungsinstrumente wie SAFE und KISS sowie das in Deutschland immer noch in der Entwicklung befindliche Thema Mitarbeiterbeteiligung ausdrücklich adressiert. Darüber hinaus werden Investorenrechte auch zukünftig in den vertraglichen Beteiligungsvereinbarungen geregelt sein, ohne Vorgabe der EU-Verordnung. Ihre rechtliche Durchsetzbarkeit richtet sich daher nach dem jeweils anwendbaren nationalen Recht.

Offene Fragen und mögliche Herausforderungen

Auch ansonsten sieht die EU-Verordnung die EU Inc. als höchst flexible Rechtsform vor. Mit Spannung erwartet werden darf, wie die europäischen Länder ihr Hoheitsrecht der arbeitsrechtlichen Regelungen, insbesondere zur Mitbestimmung, ausgestalten. Die steuerlichen Regelungen richten sich weiterhin nach nationalem Recht. Der rein digitale Charakter der EU Inc. wird daher zusätzliche steuerliche Abgrenzungsfragen zu Ansässigkeit, Substanz und Besteuerungsrechten aufwerfen, insbesondere in Ländern, in denen es auf physische Präsenz und lokale Leitung ankommt. Aber auch grundlegende Fragen wie die Prüfung von Gründungsvoraussetzungen durch Behörden sowie die Geldwäscheprävention können noch zu Stolpersteinen werden.

Wettbewerb innerhalb der EU

Die EU Inc. könnte in der Tat die Wirkung eines Zaubertranks im Wettbewerb der Rechtsformen entfalten. Das wird auch davon abhängen, ob und welche zusätzlichen Beschränkungen und Hürden die Länder in der nationalen Umsetzung vorsehen. Hier muss Deutschland gerade wegen der Arbeitnehmermitbestimmung und zusätzlicher Formalia aufpassen, nicht abgehängt zu werden. Innerhalb der EU ist zu erwarten, dass es ein Race to the Bottom geben wird und Länder, die traditionell sehr freiheitliche gesellschaftsrechtliche Regime haben, an Attraktivität gewinnen werden.

Ausblick für Unternehmer

Insofern ist man als Unternehmer gut beraten, die weitere Entwicklung und die Handlungsoptionen genau zu verfolgen. Gründung und laufender Betrieb einer EU Inc. setzen eine sorgfältige rechtliche und steuerliche Prüfung im Einzelfall voraus. Bis zur tatsächlichen Nutzbarkeit dürfte allerdings noch etwas Zeit vergehen: Die EU-Verordnung tritt 12 Monate nach ihrer Veröffentlichung im Amtsblatt der Europäischen Union in Kraft.

EU Inc., Rechtsform, Start-ups in Europa Philipp Wüllrich Forvis Mazars
Dr. Philipp Wüllrich Fotograf Forvis Mazars

Charlotte Kulenkampff, LL.M. (Auckland), ist Rechtsanwältin und Partnerin bei der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Forvis Mazars am Standort Hamburg und leitet die Praxisgruppe Corporate der Rechtsberatung in Deutschland. Sie berät umfassend in allen Fragen des Gesellschaftsrechts, mit besonderem Schwerpunkt auf die Gründung und rechtliche Strukturierung von Unternehmen, Kapitalmaßnahmen sowie Corporate Governance-Themen und Transaktionen.

Dr. Philipp Wüllrich, LL.M. (Edinburgh), ist Rechtsanwalt und Partner bei der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Forvis Mazars am Standort Köln und leitet die Praxisgruppe M&A der Rechtsberatung in Deutschland. Er ist spezialisiert auf die Beratung von Gründern, Start-ups und Venture Capital-Investoren insbesondere bei rechtlichen Strukturierungsfragen, Expansionsvorhaben sowie Technologietransaktionen.

Titelbild Charlotte Kulenkampff Fotograf Forvis Mazars

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder

Warum fällt es so schwer, sich wirklich sichtbar zu machen?

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Dein Webherz Website Mamas sichtbar werden Vanessa Lagnach

Dein Webherz unterstützt Mamas dabei, ihre Website klar, authentisch und ohne Überforderung umzusetzen

Wie ist Dein Webherz entstanden und wer sind die Menschen, die hinter dem Unternehmen stehen?

Dein Webherz ist ganz leise entstanden. Ohne großen Plan, eher aus dem Moment heraus. Jemand hat mich gefragt, ob ich bei einer Website helfen kann – und ich habe gemerkt: Das fühlt sich richtig an.

Ich komme aus dem Marketing, habe viele Jahre in Agenturen gearbeitet und später ein Team geleitet. Aber erst durch meine Zeit als Mama hat sich mein Blick auf Arbeit komplett verändert.

Hinter Dein Webherz stehe ich – Vanessa. Mit meiner Erfahrung aus dem Marketing, aber auch mit dem echten Leben zwischen Kindern, Alltag und dem Wunsch, etwas Eigenes aufzubauen.

Welche persönliche Erfahrung oder Beobachtung hat Sie dazu motiviert, Dein Webherz zu gründen?

Ich habe schnell gemerkt, dass es bei Websites nie nur um Technik geht.

Es geht um Zweifel. Um die Frage: Darf ich mich wirklich zeigen? Und bin ich gut genug dafür? Gerade bei Mamas habe ich gesehen, wie viel da ist – und wie viel gleichzeitig zurückgehalten wird.

Und ich kannte das Gefühl selbst sehr gut. Genau deshalb wollte ich einen Raum schaffen, in dem beides Platz hat: das Können und die Unsicherheit.

Welche Vision verfolgen Sie mit Dein Webherz und welche Rolle soll das Unternehmen langfristig spielen?

Ich wünsche mir, dass selbstständige Mamas sich nicht mehr verbiegen müssen, um sichtbar zu sein. Dass eine Website sich nicht nach Druck anfühlt und schon gar nicht nach einem Technik-Projekt das nur glanzvollen Online-Agenturen vorbehalten ist.

Langfristig soll Dein Webherz ein Ort sein, an dem Frauen ihren eigenen Weg gehen dürfen – ohne sich ständig zu fragen, ob sie es „richtig“ machen.

An welche Zielgruppe richtet sich Dein Webherz besonders und welche Herausforderungen haben diese Menschen?

Ich arbeite vor allem mit selbstständigen Mamas, die gerade ihr Business aufbauen oder sich neu sortieren.
Viele wissen, dass sie sichtbar werden wollen, aber sie fühlen sich schnell überfordert. Im Mama-Alltag bleibt meistens auch gar kein Platz für noch ein „Projekt“.
Sie wissen oft nicht, wo sie bei einer Website anfangen sollen und verzetteln sich dann mit Canva, ChatGPT und anderen Details. Sie haben Angst, sich falsch zu zeigen. Und wenn man eine offizielle Website hat, heißt das ja auch, dass man es wirklich ernst meint mit seinem Unternehmen. Und das Gefühl überrennt viele.
Ganz oft fehlt einfach die Zeit, sich in alles alleine einzuarbeiten.

Wie unterstützt Dein Webherz dabei, den Website-Prozess verständlich zu machen?

Ich mache das Ganze erstmal langsamer.
Wir starten nicht mit Technik, sondern mit Klarheit. Was willst du wirklich zeigen? Wofür gehst du los? Für wen bietest du welche Lösung an?
Dann gehen wir Schritt für Schritt. So, dass meine Kundinnen verstehen, was wir tun – und sich nicht überrollt fühlen.
Mir ist wichtig, dass sie sich am Ende sicher fühlen. Nicht nur mit der Website, sondern auch mit sich selbst. Und so, dass es zeitlich zwischen Brotdosen packen, Wäsche waschen und Kinder abholen passt.

Was unterscheidet Dein Webherz von klassischen Webdesign-Agenturen?

Ich baue keine Website „einfach nur fertig“. Wir kreieren die Website gemeinsam.

Bei mir geht es darum, dass sich jemand wirklich darin wiederfindet. Und, dass meine Kundinnen diesen Weg ganz bewusst selbst gestalten. Ich bin dabei keine Website-Designerin sondern Website-Mentorin.
Ich arbeite viel mit Gefühl, mit Gesprächen, mit Zwischentönen. Gerade bei Mamas, die oft sehr viel gleichzeitig tragen.
Und ich verbinde meine eigene Erfahrungen als Mama mit meiner Marketing-Expertise. Diese Mischung macht den Unterschied.

Welche Fehler beobachten Sie häufig bei der ersten Website?

Viele starten zu früh. Sie bauen eine Website, bevor sie wirklich klar sind. Und dann fühlt sich am Ende alles irgendwie unfertig an.
Ein anderer Punkt ist, dass sie versuchen, es allen recht zu machen. Dadurch wird die Website oft sehr allgemein. Und ganz oft sehe ich, dass sie sich verstecken. Hinter perfekten Formulierungen oder hübschen Canva-Templates, statt sich wirklich zu zeigen.

Mit welchen Herausforderungen waren Sie selbst konfrontiert?

Die größte Herausforderung war für mich, mich selbst ernst zu nehmen. Zu sagen: Ich mache das jetzt wirklich. Ich habe viele Entscheidungen lange vor mir hergeschoben und viel gezweifelt. Was ich gelernt habe: Klarheit kommt nicht durch Nachdenken. Sie kommt, wenn man losgeht.

Welche Entwicklungsschritte planen Sie für Dein Webherz?

Zukünftig möchte ich eine Kombination aus Kursen und gemeinschaftlicher Begleitung aufbauen. Mamas bekommen nicht nur das Wissen an die Hand, sondern auch einen Raum, in dem sie gemeinsam umsetzen, sich austauschen und motivieren können.
Ich sehe mich dabei als Begleiterin, die Struktur gibt und den Rahmen hält.

Wie sehen Sie die Bedeutung von Websites in Zukunft?

Ich glaube, sie werden immer wichtiger. Gerade weil Social Media so schnelllebig ist. Die eigene Website ist der Ort, der wirklich dir gehört. Und der bleibt. Für mich ist Social Media wie ein Appetizer und die eigene Website der Hauptgang. Und genau dort entsteht Vertrauen.

Welche drei Ratschläge geben Sie anderen Gründerinnen?

Warte nicht darauf, dass du dich bereit fühlst. Dieses Gefühl kommt meistens erst später.
Mach es dir nicht unnötig schwer. Du musst nicht alles alleine schaffen.
Und vor allem: Nimm dich selbst ernst. Deine Idee ist nicht zufällig da.

Bildcredits @Michaela Schäfer Fotografie

Wir bedanken uns bei Vanessa Lagnach für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder


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Küferstraße 6/1
72649 Wolfschlugen

www.dein-webherz.de
hallo@dein-webherz.de

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Sitzt die Zukunft des Grillens direkt am Tisch?

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FESTÁVOLO Grilltisch Gartentisch Gasgrill Höhle der Löwen Nils Dethloff Gründer FESTÁVOLO Bildcredits/ Fotograf: RTL / Bernd-Michael Maurer

FESTÁVOLO entwickelt innovative Grilltisch Konzepte als Gartentisch mit integriertem Gasgrill und wird am 13. April in der Sendung Höhle der Löwen pitchen

Wie ist FESTÁVOLO entstanden und welche Personen stehen dahinter?

Die Idee des Grilltisches bestand schon einige Jahre bevor wir ihn verwirklicht haben. Ich habe einen ähnlichen Tisch in Kalifornien entdeckt, dessen technische Umsetzung und Bauweise mir allerdings minderwertig erschienen. Schon damals dachte ich: „Coole Idee, das kannst Du aber besser machen“. Ich war schon damals Unternehmer und betrieb ein Holzverarbeitungswerk in Russland mit einem verkaufsbüro in Deutschland. Als dann meine Firma wegen der EU-Sanktionen gegen Russland plötzlich vor dem Aus stand, musste ich blitzschnell entscheiden, wie es weitergeht. Da ich die Idee und die ersten Zeichnungen bzgl. des Grilltisches bereits in der Schublade hatte, war schnell klar, in welche Richtung wir uns nun bewegen würden.

Hinter der Firma FESTÁVOLO stehe ich gemeinsam mit meiner Frau Zhanna. Bei diesem neuen Projekt war ihre Hilfe in allen Ebenen (Design, Produktentwicklung, Marketing, Social Media und auch im Bereich Finanzen) von unschätzbarem Wert. Wir haben inzwischen ein super Team im Vertrieb und Produktion aufgebaut, das es uns erlaubt in anderen Größenordnungen zu denken.

In welcher Branche ist FESTÁVOLO tätig und was zeichnet das Geschäftsmodell aus?

Unser Kernprodukt ist ein Gartentisch mit integriertem Gasgrill. Es handelt sich also um eine Mischung zweier Branchen, Gartenmöbel und Gasgrill. Gerade diese Kombination aus zwei Bereichen ist absolut neu und zeichnet uns aus. Zum Grilltisch fertigen wir passende Outdoor-Möbel, wie Stühle, Regale und Pflanzkästen, wie auch Grillzubehör, wie Pizzaöfen, Planchas und passende Grillzangen.

Welche Idee oder welches Problem stand am Anfang der Gründung? Gab es eine Marktlücke oder eine besondere Inspiration?

Die Grundidee war die Inspiration aus Kalifornien, aber zunächst nicht als Geschäftsidee, sondern für den eigenen Gebrauch. Mir hat das Konzept, am Grill zu stehen und für andere Steaks und Würstchen zuzubereiten, nie gefallen. Man selbst bekommt erst als letzter etwas zu essen, wenn der Salat meist schon weg ist. Dabei ist man verantwortlich für alle individuellen Wünsche. An den Gesprächen die währenddessen laufen, kann man auch nicht teilnehmen. Der Grilltisch war meine perfekte Lösung!

Was macht das Konzept oder die Technologie besonders? Welche innovativen Ansätze kommen zum Einsatz?

Ganz klar die Kombination aus Tisch und hochwertigem Gasgrill. Dazu kommt die technische Umsetzung, die es erlaubt, alle schmutzigen Edelstahlteile ohne Werkzeug zu entnehmen und im Geschirrspüler zu reinigen. Wird gerade nicht gegrillt, können die Grillflächen abgedeckt werden. Die Abdeckplatten sind dabei bündig mit der Tischplatte und man hat einen vollwertigen Gartentisch. Der nicht eingeweihte Besucher erkennt oft nicht, dass er an einem Grill sitzt.

Welche konkreten Vorteile bietet das Produkt den Nutzerinnen und Nutzern? Was hebt es im Alltag vom Wettbewerb ab?

Grillen wird bequemer, geselliger und noch einfacher. Der abseitsstehende Grill, der zusätzlichen Platz benötigt, wird überflüssig. Vorbei auch die Zeit, in der der Grillmeister alle bedient und selbst nicht am Geschehen teilnehmen kann. Nun sitzen alle am Tisch, jeder grillt selbst und es entsteht wie von selbst eine aktive und familiäre Atmosphäre. Darüber hinaus ist FESTÁVOLO ein Konzept. Die gesamte Terrassengestaltung wird einheitlich gestaltet, mit dem Grilltisch als Zentrum.

Wie wurde das Produkt entwickelt und getestet? Gab es besonderes Feedback aus ersten Anwendungen oder Testphasen?

Inzwischen wurden bereits hunderte Tische verkauft. Von jeder Serie haben wir zunächst fast 20 Prototypen bauen müssen, bis wir zufrieden waren mit dem Gesamtergebnis. Gerade in die Entwicklung der neuesten Serie FORTE sind viele Wünsche und Resonanzen von Kunden eingeflossen, wie z.B. das bündige Schließen der Tischplatte, extrem resistentes Plattenmaterial und eine vollständige Montage im Werk, sodass der Kunde lediglich noch die Beine anschrauben muss.

Welche Vision verfolgt FESTÁVOLO? Welche Meilensteine sollen in den nächsten Jahren erreicht werden?

Wir sind davon überzeugt, ein Produkt erschaffen zu haben, dass sich langfristig einen zweistelligen Anteil im Grillsortiment sichern kann. Wir merken allerdings auch, wie zurückhaltend der deutschsprachige Markt ist. Deshalb ist unser nächster großer Schritt der Einstieg in den US-Markt noch in diesem Jahr. Über unser Social Media Marketing haben wir bereits sehr viele Anfragen von Privatkunden, Händlern und Designern bekommen, die darauf drängen, dass wir den Grilltisch dort anbieten.

Warum fiel die Entscheidung, sich bei Höhle der Löwen zu präsentieren? Welche Aspekte stehen dabei im Vordergrund?

Durch das plötzliche Aus des bisherigen Kerngeschäftes, war die finanzielle Lage angespannt. Mit dem Grilltisch betreten wir einen bisher unbekannten Markt mit einer komplett neuen Produktgattung. Diese muss dem Markt und der breiten Öffentlichkeit erst noch vorgestellt werden. Dafür benötigten wir starke Partner und sahen diese bei den Investoren der „Höhle der Löwen“.

Welche Erfahrungen und Erkenntnisse haben sich auf dem bisherigen Weg als besonders wertvoll erwiesen?

Man muss erst mal einige hundert Tische ausgeliefert haben und die Kundenreaktionen abwarten, um wirklich sicher sein zu können, dass man auf dem richtigen Weg ist oder ggf. anpassen muss. Der dauerhafte Einsatz und das Feedback von Kunden und Händlern bringt wertvolle Rückmeldungen. Diese führen zu ständigen Verbesserungen und bringen das Produkt wirklich voran.

Welche Ratschläge lassen sich aus diesen Erfahrungen ableiten, die für andere Gründerinnen und Gründer hilfreich sein könnten?

Es ist unfassbar schwer, ein neuartiges Produkt auf den Markt zu bringen. Selbst wenn man von allen Seiten nur positive Reaktionen bekommt, ist das noch kein finanzieller Erfolg. Gerade in heutigen, wirtschaftlich sehr schwachen Zeiten ist es nochmals schwieriger. Man muss daher 100% vom Produkt überzeugt sein und eine starke Familie als Rückhalt haben. Ansonsten würde ich die Finger davonlassen.

Sehen Sie FESTÁVOLO am 13. April 2026 um 20:15 in der Höhle der Löwen

Bild: Nils Dethloff Gründer FESTÁVOLO Bildcredits/ Fotograf: RTL / Bernd-Michael Maurer

Wir bedanken uns bei Nils Dethloff für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder

Wieso bleibt so viel Potenzial im Schulalltag ungenutzt?

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paddy Lehrkräfte Unterricht KI Höhle der Löwen Lukas, Tobias und Matty bei der TV Sendung "Die Höhle der Löwen" Bildcredits/Fotograf: VOX, Foto: RTL / Stefan Gregorowius
Lukas, Tobias und Matty bei der TV Sendung "Die Höhle der Löwen" Bildcredits/Fotograf: VOX, Foto: RTL / Stefan Gregorowius

paddy entwickelt eine KI Plattform für Lehrkräfte im Unterricht und wird am 13. April in der Sendung Die Höhle der Löwen pitchen.
Das Unternehmen bringt künstliche Intelligenz in den Schulalltag und unterstützt Lehrkräfte dabei, ihren Unterricht effizienter, individueller und zeitgemäßer zu gestalten.

Wie ist das Startup entstanden und welche Personen stehen dahinter?

Die Idee zu paddy ist sehr direkt aus der Praxis entstanden. Gegründet wurde paddy von Lukas Portmann, Tobias Schröder und Matty Frommann.
Wir sind selbst Lehrerkinder und haben schon früh gesehen, wie überfordert viele Lehrkräfte im Alltag sind, gerade wenn es um Digitalisierung geht.
Während der Corona-Zeit haben wir dann angefangen, Schulen zu unterstützen und Fortbildungen für Lehrkräfte zu geben. Damals noch als Schüler. Wir hatten die Idee und haben einfach gemacht.
Wir standen mit 17 mit unseren Eltern im Amtsgericht und haben die erste Firma gegründet. Über die Zeit haben wir tausende Lehrkräfte begleitet und extrem viel Feedback gesammelt.
2024 ist daraus dann die Idee für paddy entstanden, eine KI-Plattform, die genau die Probleme löst, die wir in hunderten Fortbildungen immer wieder gesehen haben.

In welcher Branche ist paddy tätig und was zeichnet das Geschäftsmodell aus?

paddy ist im Bereich EdTech tätig und ermöglicht das volle Potenzial von KI im Bildungsbereich. Das Geschäftsmodell basiert darauf, Lehrkräfte, Schulen und Schulträger mit einer skalierbaren Plattform auszustatten, die den gesamten Unterrichtsworkflow unterstützt.
Dabei kombinieren wir Software, Inhalte und KI zu einer All-in-One-Lösung für den Schulalltag.

Welche Idee oder welches Problem stand am Anfang der Gründung von paddy? Gab es eine Marktlücke oder eine besondere Inspiration?

Wir haben in über 500 Fortbildungen den Bedarf direkt gesehen und live miterlebt, wie überlastet Lehrkräfte im Alltag sind und wie wenig Potenzial von KI tatsächlich genutzt wird.
Gleichzeitig gibt es viele Tools, die entweder nicht datenschutzkonform sind, nicht auf Schule zugeschnitten oder schlicht zu teuer.
Die Inspiration kam direkt aus dem Lehrerzimmer. Genau hier setzen wir an und bringen ein Tool, das leistungsstark, datenschutzkonform und wirklich auf den Schulalltag abgestimmt ist.

Was macht das Konzept oder die Technologie besonders? Welche innovativen Ansätze kommen zum Einsatz?

Das Besondere an paddy ist, dass alles in einem einzigen Chat passiert.
Lehrkräfte können einfach schreiben oder per Sprachnachricht mit paddy interagieren und bekommen direkt passende Ergebnisse.
Im Hintergrund arbeitet ein KI-Agent, der speziell für den Schulkontext entwickelt wurde und verschiedene Inhalte und Formate intelligent kombiniert.

Welche konkreten Vorteile bietet das Produkt den Nutzerinnen und Nutzern? Was hebt es im Alltag vom Wettbewerb ab?

Die Herausforderungen werden immer größer: Lehrkräfte können nicht mehr unterrichten wie vor 10 Jahren. Differenzieren, individueller unterrichten und zeitgemäße Materialien erstellen – all das wird erwartet. Mit paddy geht das schnell und einfach, in einem einzigen Chat. Statt mehrere Tools zu nutzen, läuft alles über einen einzigen Zugang.

Der größte Unterschied ist die Einfachheit und der direkte Mehrwert im Alltag. Lehrkräfte bekommen sofort Ergebnisse, die sie wirklich nutzen können.

Wie wurde das Produkt entwickelt und getestet? Gab es besonderes Feedback aus ersten Anwendungen oder Testphasen?

Das Produkt wurde sehr eng mit Lehrkräften entwickelt. Wir bilden jede Woche über 100 Lehrkräfte weiter und bekommen dadurch kontinuierlich direktes, ungefiltertes Feedback aus der Praxis. Unsere Entwickler sind regelmäßig selbst in diesen Fortbildungen dabei, sprechen mit Lehrkräften vor Ort und erleben die Herausforderungen live. Diese Nähe zur Zielgruppe ist in dieser Form einzigartig.

So konnten wir paddy kontinuierlich weiterentwickeln und sicherstellen, dass jede Funktion wirklich aus dem Schulalltag heraus entsteht.

Welche Vision verfolgt paddy? Welche Meilensteine sollen in den nächsten Jahren erreicht werden?

Die Vision ist klar: paddy soll das Standard-Tool für Lehrkräfte werden.Dabei soll paddy nicht nur in der Unterrichtsvorbereitung unterstützen, sondern ein fester Bestandteil des gesamten Unterrichts werden, von der Planung über die Durchführung bis hin zur Auswertung.

Gerade Themen wie Differenzierung, individuelle Förderung und datenbasierte Lernstandsanalyse werden immer wichtiger. Genau hier setzt paddy an und integriert sich tiefer in den Unterrichtsalltag.

Ein zentraler Fokus liegt zudem auf der Zusammenarbeit mit Schulträgern, um einheitliche Lösungen für mehrere Schulen zu schaffen und paddy systematisch in die Fläche zu bringen.

Warum fiel die Entscheidung, sich bei Höhle der Löwen zu präsentieren? Welche Aspekte stehen dabei im Vordergrund?

Die Teilnahme ist für uns eine große Chance, das Thema KI im Schulalltag in die breite Öffentlichkeit zu bringen. Viele sprechen über KI – aber nur wenige verstehen, was das konkret für Lehrkräfte bedeutet. Genau das wollen wir zeigen. Gleichzeitig geht es uns darum, die richtigen Partner zu finden, um paddy schneller in die Schulen zu bringen.

Welche Form der Unterstützung wird durch die Teilnahme an Höhle der Löwen angestrebt? Wie soll eine mögliche Investition oder Zusammenarbeit genutzt werden?

Neben Kapital geht es vor allem um Reichweite und strategische Unterstützung. Die Löwen haben einige spannenden Investments in andere Bildungsunternehmen. Daraus können wertvolle Synergien entstehen.

Eine Zusammenarbeit kann helfen, schneller zu wachsen und paddy in mehr Schulen zu bringen.

Welche nächsten Schritte sind nach Höhle der Löwen geplant? Gibt es konkrete Pläne für Wachstum, Skalierung oder neue Entwicklungen?

Unser Ziel ist es, paddy nicht nur als Tool zu etablieren, sondern als festen Bestandteil des modernen Unterrichts. Paddy soll an möglichst vielen Schulen etabliert werden. Der nächste Schritt ist die Zusammenarbeit mit Schulträgern, um die Plattform systematisch auszurollen.

Parallel wird der Bildungscontent erweitert, um die Qualität weiter zu steigern.

Welche Erfahrungen und Erkenntnisse haben sich auf dem bisherigen Weg als besonders wertvoll erwiesen?

Das wichtigste Learning war, einfach zu starten.

Wir haben am Anfang einfach gemacht, manchmal vielleicht auch etwas naiv. Als ChatGPT rauskam, haben wir uns sofort reingefuchst und innerhalb kürzester Zeit erste Schulungen dazu angeboten. Da war bei weitem nicht alles perfekt, aber genau dadurch haben wir extrem schnell gelernt.

Durch dieses Vorgehen haben wir kontinuierlich wertvolles Feedback bekommen und ein viel besseres Verständnis für die echten Probleme entwickelt. Natürlich bekommt man dabei auch mal auf die Nase, es läuft nicht immer alles glatt und es geht ständig auf und ab.

Aber genau das gehört dazu. Perfektion ist am Anfang weniger wichtig als Geschwindigkeit, Nähe zum Nutzer und die Bereitschaft, Dinge einfach umzusetzen und daraus zu lernen.

Welche Ratschläge lassen sich aus diesen Erfahrungen ableiten, die für andere Gründerinnen und Gründer hilfreich sein könnten?

Wartet nicht auf den perfekten Moment.

Geht früh zu euren Nutzern und versteht ihre Probleme wirklich.

Und baut ein Team, das für die Sache brennt, denn ein Startup ist immer ein Auf und Ab.

Sehen Sie paddy am 13. April 2026 um 20:15 in der Höhle der Löwen

Bild: Lukas Portmann, Tobias Schröder und Matty Frommann bei der TV Sendung „Die Höhle der Löwen“ Bildcredits/Fotograf: VOX, Foto: RTL / Stefan Gregorowius

Wir bedanken uns bei Matty FrommannLukas Portmann und Tobias Schröder  für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder

Der Longevity Loop für Start-ups 

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Altern Longevity Sense-Omics Gesundheit Forschung. Bild: Ernennung der Botschafter:in der Oberpfalz 2023 Oberpfalz Marketing e. V. Regierung der Oberpfalz Emmeramsplatz Bildcredtis/Fotograf: altrofoto.de

Wie wir durch Sense-Omics den Code des Alterns neu programmieren

Ein Paradigmenwechsel in der Medizin: Altern ist kein Verschleiß, sondern ein Verlust biologischer Information – und damit grundsätzlich beeinflussbar. Für Start-ups, Gründer und Entrepreneure eröffnet sich hier sowohl ein Wachstumsmarkt als auch ein gesellschaftlich und persönlich relevantes Feld.

Wir stehen an der Schwelle zu einer neuen Ära der Gesundheit. Die klassische Sichtweise behandelte den Körper wie eine Maschine: Wenn ein Teil kaputtgeht, wird es repariert oder ersetzt. Diese reaktive Medizin hat zwar die Lebenszeit verlängert, aber häufig um den Preis chronischer Erkrankungen im Alter. Die moderne Longevity-Forschung denkt anders. Unser Körper ist kein Auto, das verschleißt. Er ist ein kybernetisches System, das auf Signale reagiert.

Das Modell des „Longevity Loop“ verbindet Chronobiologie, Molekularbiologie und Umweltpsychologie zu einem zyklischen Ansatz. Im Zentrum steht das Konzept der „Sense-Omics“: sensorische Reize wie Licht, Temperatur, Nahrung oder Klang wirken als epigenetische Befehle, die unsere Zellgesundheit steuern.

Der Systemfehler: Warum die Verschleiß-Theorie nicht ausreicht

Stellen wir uns das Jahr 2040 vor: 78 Jahre chronologisches Alter, aber ein biologisches Alter von 42 – gemessen an Mitochondrienfunktion, Telomerlänge und Gefäßelastizität. Was heute visionär klingt, ist das erklärte Ziel der Rejuvenation-Forschung.

Physikalisch betrachtet ist Altern Entropie: Ordnung zerfällt ohne Energiezufuhr. Biologisch ist es jedoch vor allem Informationsverlust. In jeder Zelle liegt derselbe DNA-Bauplan. Dass eine Hautzelle Haut bleibt, entscheidet die Epigenetik – chemische Markierungen, die Gene regulieren.

Der Harvard-Genetiker David Sinclair vergleicht diesen Prozess mit einer zerkratzten CD: Die Musik – unser genetischer Code – ist noch vorhanden, aber das Abspielen wird durch „epigenetisches Rauschen“ gestört. Zellen verlieren ihre Identität, werden seneszent oder arbeiten fehlerhaft. Ziel des Longevity Loop ist es, dieses Signal wieder zu klären.

Die Biologie der Zeit: Die vier Kräfte des Verfalls

Die sogenannten „Hallmarks of Aging“ lassen sich in vier fundamentale Wirkkräfte bündeln. Bauplan (Instabilität): Genomische Instabilität, Telomerverkürzung und epigenetische Veränderungen schwächen die zelluläre Identität. Antrieb (Energieverlust): Mitochondriale Dysfunktion reduziert die ATP-Produktion und erhöht oxidativen Stress. Reinigung (Müll & Stagnation): Verlust der Proteostase, verlangsamte Autophagie und seneszente „Zombie-Zellen“ führen zu Entzündungsprozessen. Netzwerk (Kommunikationsausfall): Chronisches Inflammaging, Dysbiose des Mikrobioms und eine versteifende extrazelluläre Matrix beeinträchtigen die Systemkommunikation.

Die entscheidende Erkenntnis: Der Körper verfügt über Reparaturmechanismen für all diese Prozesse. Doch in einer Welt permanenter Komfortzonen werden sie zu selten aktiviert. Doch wie wecken wir diese Reparaturmechanismen? Nicht durch Zufall, sondern durch Rhythmus.

Das Betriebssystem: Der Longevity Loop

Das Leben ist oszillierend. Herzschlag, Atmung, Schlaf-Wach-Rhythmus – alles verläuft in Wellen. Wer in der Mitte starr verharrt (Stagnation), stirbt biologisch. Der Longevity Loop basiert auf dem Wechsel zwischen zwei funktionalen Zuständen, die wir täglich durchlaufen müssen:

Phase A (Aktivierung/Tag/Katabolismus) ist die Phase der Leistung und des Energieverbrauchs. Dominante Hormone sind Cortisol, Dopamin und Adrenalin. Ziel ist die Hormesis (Widerstandskraft durch Stress), d. h. wir setzen uns Reizen aus, die dem Körper signalisieren: „Werde stärker.“ Hier darf und soll Verschleiß stattfinden (Mikrotraumata beim Sport, oxidative Last durch Stoffwechsel).

Phase B (Regeneration/Nacht/Anabolismus) ist die Phase der Reparatur und des Aufbaus. Dominante Hormone sind Melatonin, Wachstumshormon (HGH) und GABA. Ziel ist die Wiederherstellung der Homöostase durch den Prozess der Autophagie, DNA-Reparatur und glymphatischen Reinigung. Hier werden die Schäden des Tages behoben.

Das Problem der Moderne ist, dass wir diese Phasen vermischen. Wir haben abends Stress (Cortisol statt Melatonin) und sitzen tagsüber (keine Hormesis). Der Loop stockt. Wir müssen ihn wieder ins Schwingen bringen. Und wie signalisieren wir dem Körper, welche Phase aktiv ist? Über unsere Sinne. Sense-Omics beschreibt die Übersetzung physikalischer Reize in biochemische Prozesse.

Sense-Omics: Die Tastatur unserer Biologie

Licht steuert unseren zirkadianen Rhythmus über melanopsin-sensitive Zellen. Temperaturreize aktivieren Mitochondrien und braunes Fettgewebe. Nahrung und Fasten beeinflussen Sirtuine und andere Langlebigkeits-Gene. Wir sind also keine Opfer unserer Gene. Wir sind Dirigenten, die über Lebensstil entscheiden, welche genetischen Programme aktiv sind.

Daten, Mindset und Sinn

Die Vermessung des Selbst – biologisches Alter, Herzfrequenzvariabilität oder Glukoseverläufe – ermöglicht eine präzisere Steuerung des eigenen Systems. Doch Biologie ist nicht nur Biochemie. Die Nobelpreisträgerin Elizabeth Blackburn zeigt in ihrer Forschung zum Telomer-Effekt, wie stark psychologische Faktoren die chromosomale Gesundheit beeinflussen. Auch Studien von Alia Crum belegen, dass Erwartungshaltungen den Stoffwechsel messbar verändern.

Sinn, Resilienz und soziale Verbundenheit sind keine weichen Faktoren, sondern biologische Einflussgrößen. Einsamkeit erhöht Entzündungsmarker signifikant – Gemeinschaft und Oxytocin wirken dagegen regulierend. Gerade für Entrepreneure, die häufig unter chronischem Stress stehen, wird klar: Mentale Haltung und soziales Umfeld sind Teil jeder Longevity-Strategie.

Fazit: Homo Regenerativus

Der Longevity Loop ist kein starres Regelwerk, er ist eine Anleitung zur Selbstermächtigung. Wer Aktivierung und Regeneration bewusst taktet und Umweltreize gezielt einsetzt, wird vom passiven Patienten zum aktiven Gestalter des biologischen Systems. Altern ist kein unabwendbares Schicksal, sondern zunehmend eine gestaltbare Variable. Für Start-ups und Gründer liegt darin nicht nur persönliches Potenzial, sondern auch ein Zukunftsmarkt mit enormer Relevanz.

Bild: Ernennung der Botschafter:in der Oberpfalz 2023 Oberpfalz Marketing e. V. Regierung der Oberpfalz Emmeramsplatz Bildcredtis/Fotograf: altrofoto.de

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.

Wer entscheidet morgen, welche Innovationen wirklich gewinnen?

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GHARAGE Ventures Start-ups Venture Capital Lennard Niemann von GHARAGE Ventures

Im Interview mit Lennard Niemann von GHARAGE Ventures dreht sich alles um Start-ups, Venture Capital und die Dynamik im Travel Retail Markt

Wie hat dein Weg von der ersten Begeisterung für Start-ups bis zur Rolle als Managing Partner bei GHARAGE Ventures konkret ausgesehen – und welche Entscheidungen waren dabei wirklich richtungsweisend?

Lennard Niemann: Ich komme aus dem Venture Building und habe bereits während meines ersten Studiums erste Performance-Equity-Deals mit Start-ups umgesetzt. Damals ging es vor allem um Branding, Strategie und ein wenig Business Modelling. Nach einigen Jahren in der Agentur- und Beratungswelt sowie diversen internationalen Projekten und Stationen habe ich anschließend den GHARAGE Vision Hub für Gebr. Heinemann aufgebaut: ein Venture-Building- und Venture-Capital-Vehikel im Bereich Travel Retail. Venture Capital und die Zusammenarbeit mit Kunden waren in diesem Kontext sehr erfolgreich, sodass Partnerunternehmen von Gebr. Heinemann angefragt haben, ob sie sich beteiligen könnten. Das war der initiale Impuls, einen Multi-LP-Fonds aufzusetzen. Kurz gesagt: Das eine hat zum anderen geführt.

Du warst zuvor in der Strategie bei Gebr. Heinemann tätig – also in einem sehr etablierten Konzernumfeld. Wie schwierig war es für dich persönlich, diese „Sicherheit“ gegen das Risiko eines eigenen, unabhängigen Fonds einzutauschen?

Lennard Niemann: Das ist nur halb richtig. Ich war nie direkt im Konzern tätig, allerdings in einem Tochterunternehmen, das ich selbst konzipiert habe. Mein Team und ich hatten in dieser Subsidiary wirklich viele Freiheiten und haben enorm viele spannende Dinge gebaut und getestet. Gleichzeitig haben wir den Mutterkonzern auch bei maßgeblichen strategischen Fragestellungen unterstützt. Trotz aller Freiheit war es natürlich ein anderes Maß an Sicherheit, aber so habe ich es nie gesehen. Ich habe schon immer so gearbeitet, als wäre es mein eigenes Business, egal ob als Junior-Stratege oder als Managing Director verschiedener Tochterunternehmen.

Als Berater hast du lange für die großen Automobilunternehmen gearbeitet, was hat dich an dem Travel Retail kosmos gereizt?

Lennard Niemann: Als Berater habe ich mich auf die Automobilbranche konzentriert, weil diese damals die größten Etats hatte. Mit den größten Etats misst man sich automatisch mit den Besten der Welt. Dieses Kompetitive, das Pitchen und das Gewinnen, hat mir in gewisser Weise Spaß gemacht. Aus einer Innovations- und Venture-Capital-Perspektive ist die kleinere und tendenziell geschlossene Industrie des Travel Retail jedoch deutlich spannender. Es gibt hier viele Möglichkeiten, Dinge neu zu denken, und gleichzeitig klare regulatorische und operative Rahmenbedingungen, in denen man sich perfektionieren kann. Für uns als Fonds ist der Zugang zu dieser Industrie ein starker Mehrwert, denn er bietet Start-ups Zugang zu einem Markt, der ohne uns nur sehr schwer erschließbar ist.

Gab es eine Person, ein Projekt oder auch ein Scheitern, das dein Verständnis von Venture Capital nachhaltig geprägt hat?

Lennard Niemann: Es war nicht der eine Moment oder das eine Projekt, sondern viele kleine entlang des Weges. Wobei man sagen kann, dass der Prozess von einem CVC zu einem Multi-LP-Fonds deutlich herausfordernder war als ursprünglich erwartet. Ähnlich verhält es sich mit Menschen. Ich werde täglich von meinem Team geprägt, von jedem Einzelnen. Alle bringen unterschiedliche Skills mit, und im Zusammenspiel werden wir mit jedem Tag, gewissermaßen mit jedem Training, ein Stück besser. Wir wachsen aneinander und prägen uns gegenseitig.

Wenn du heute zurückblickst: Was würdest du deinem jüngeren Ich zu Beginn deiner Karriere im Start-up-Umfeld raten?

Lennard Niemann: Setze Ideen (noch) schneller um.

GHARAGE ist ursprünglich als Vision-Hub von Gebr. Heinemann gestartet und tritt heute mit einem eigenen 40-Millionen-Euro-Fonds deutlich unabhängiger auf. Wie hat sich eure Rolle in dieser Transformation verändert?

Lennard Niemann: Mit Fonds I haben wir den Schritt von einem innovationsgetriebenen Setup hin zu einer unabhängigen Venture-Capital-Plattform vollzogen. Gleichzeitig öffnen wir uns gezielt für weitere strategische Investoren aus den Bereichen Travel und Retail und bauen GHARAGE als globale Plattform weiter aus.

Wie würdest du GHARAGE Ventures heute in drei prägnanten Sätzen beschreiben – und warum habt ihr euch bewusst auf die Schnittstelle von Travel und Retail fokussiert?

Lennard Niemann: GHARAGE Ventures ist eine unabhängige VC-Plattform für Early-Stage-Start-ups im globalen Reise- und Handelsökosystem. Wir investieren in Technologien, die Effizienz, digitale Infrastruktur und Traveller-Experience neu definieren. Unser Fokus liegt auf einer Branche, die stark wächst – und gleichzeitig noch massiv unterdigitalisiert ist.

Ihr positioniert euch als Brücke zwischen Konzernen und Start-ups. Viele Corporate-Programme scheitern genau daran und landen im „Innovation Theater“. Was macht ihr konkret anders?

Lennard Niemann: Wir entkoppeln Innovation und Investment von Beginn an. Investments sollen die fonds-typische Profitabilität liefern, während die technologische Resilienz unserer LPs aus dem Dealflow entsteht und nicht aus den Investments selbst. Man kann sich das wie folgt vorstellen: Angenommen, wir sehen 1.000 Start-ups pro Jahr. Davon sind nur etwa 1 % für ein Investment geeignet, während rund 20 bis 25 % spannend für eine Zusammenarbeit mit unseren LPs sind.

Was ist für euch ein klares Signal, dass ein Start-up perfekt zu GHARAGE Ventures passt – gibt es so etwas wie einen typischen „GHARAGE-Moment“?

Lennard Niemann: Wir suchen Start-ups, die konkrete Innovationen im Reise- und Handelsökosystem vorantreiben – insbesondere in Bereichen wie Automatisierung, KI-gestützten Workflows, Dateninfrastruktur oder Logistik. Entscheidend ist, dass die Lösungen reale Effizienz- und Skalierungspotenziale schaffen. Ein Beispiel dafür ist file.ai, eines der wenigen Unternehmen, in die wir investiert sind und das mit unserem Anchor-LP Heinemann im Bereich Sales beziehungsweise Supply-Chain-Reconciliation zusammenarbeitet.

Was sind die häufigsten Missverständnisse, die Start-ups über Corporate VCs haben – speziell bei euch?

Lennard Niemann: Dass sie versuchen, strategischen Einfluss zu nehmen, was wahrscheinlich nicht einmal ein Missverständnis ist, sondern in vielen Fällen tatsächlich so zutrifft.

Ihr habt kürzlich einen 40-Millionen-Euro-Fonds gestartet. Wie sieht eure konkrete Investmentstrategie aus – insbesondere in Bezug auf Phasen (Pre-Seed, Seed, Series A)?

Lennard Niemann: Unser Fonds hat ein Volumen von 40 Millionen Euro und fokussiert sich auf Early-Stage-Investments von Seed bis Series A. Insgesamt planen wir rund 30 Beteiligungen entlang der Wertschöpfungskette im Reise- und Handelsumfeld.

Seht ihr euch eher als Investor mit strategischem Mehrwert oder als strategischer Partner mit Kapital – und wie lebt ihr diese Rolle konkret im Alltag?

Lennard Niemann: Corporate Venture Capital ist für unsere LPs eine Art Absicherung, denn seien wir ehrlich: Forschung und Entwicklung ist in der Regel zu langsam, und M&A ist zu teuer. Während Konzerne Technologien in einem logarithmischen Tempo adaptieren, bewegen sich Start-ups exponentiell. Genau hier entfaltet Corporate Venture Capital seine Stärke.

Lennard Niemann: Das knüpft gut an die vorherige Frage an. VC fungiert als strategisches Radar: eine Möglichkeit, neue Verhaltensweisen früh zu erkennen, Zugang zu Technologien zu erhalten, bevor sie den Mainstream erreichen, und mit Agilität sowie minimalem Risiko zu testen und zu lernen. In diesem Kontext, insbesondere im Bereich Handel, sind derzeit KI sowie Automatisierungs- und Robotics-Ansätze die dominierenden Themen.

Gibt es ein Thema, bei dem ihr sagt: Das wird aktuell im VC-Markt überschätzt?

Lennard Niemann: Ich glaube, dass nahezu jedes Thema hier und da vom VC-Markt überschätzt wird, und das ist gut so, denn so gewinnen diese Themen an Geschwindigkeit.

Viele SaaS-Gründer denken bei Travel vor allem an Plattformen wie Booking oder Airlines. Wie erklärst du ihnen das Potenzial von Ökosystemen wie Airports, Duty-Free oder Kreuzfahrten?

Lennard Niemann: Im Jahr 2025 gab es rund 5 Milliarden Flugreisende weltweit. Für das Jahr 2040 prognostizieren konservative Schätzungen etwa 8 Milliarden. In meinen Augen sprechen diese Zahlen für sich.

Welches Geschäftsmodell oder welche Produktidee wird in eurem Segment aktuell unterschätzt – obwohl dort enormes Potenzial liegt?

Lennard Niemann: Leider ein sehr klassisches Thema: Retail Media ist nach wie vor ein gutes Beispiel für einen unterschätzten Revenue-Stream an Flughäfen und entlang der gesamten Traveller Journey.

Airports, Kreuzfahrtschiffe und Duty-Free-Flächen sind stark kontrollierte, geschlossene Ökosysteme. Wie müssen Start-ups ihr Geschäftsmodell konkret anpassen, um in diesen „Closed Environments“ überhaupt skalieren zu können?

Lennard Niemann: Das ist einer der Gründe, warum wir glauben, dass wir als Multi-LP-Fonds noch stärkere Synergien heben können, denn so können sich mehrere Marktteilnehmer auf eine Lösung konzentrieren. Mein Ziel ist es, neue Standards zu schaffen.

Hyper-Personalisierung gilt als einer der größten Hebel im Travel-Bereich – gleichzeitig liegt die Datenhoheit oft bei wenigen großen Playern. Wie können Start-ups in diesem Umfeld überhaupt relevante Datenzugänge aufbauen, ohne abhängig zu werden?

Lennard Niemann: Hyperpersonalisierung ist ohne Frage einer der größten Hebel im Travel-Bereich, aber die eigentliche Frage ist weniger, wer die Daten besitzt, sondern wer den Zugang zum Kunden orchestriert. Genau hier verschiebt sich gerade die Macht. Wir sehen aktuell, dass sich Discovery und zunehmend auch Transaktionen in Richtung LLM-Interfaces verlagern. Das bedeutet, dass Plattformen wie OpenAI, Google oder andere zur neuen Schnittstelle zwischen Nutzer und Angebot werden. Retailer und Marken werden dadurch nicht ersetzt, aber sie werden zunehmend ausgewählt. Und genau diese Logik lässt sich auch auf Travel übertragen. Damit verschiebt sich die Abhängigkeit, weg von klassischen Plattformen hin zu neuen Gatekeepern. Genau dort können sich Start-ups strategisch positionieren.

Wenn du in fünf Jahren auf GHARAGE Ventures zurückblickst: Woran würdest du konkret messen, dass euer Ansatz wirklich funktioniert hat?

Lennard Niemann: Dass wir als profitabler Fonds neue Technologiestandards in der Industrie gesetzt haben.

Welche Rolle spielen Corporate VCs wie GHARAGE künftig im europäischen Start-up-Ökosystem – Ergänzung zu klassischen VCs oder echte Konkurrenz?

Lennard Niemann: VCs mit Corporate LPs bieten deutlich mehr als nur Kapital, nämlich Zugang zur Industrie und in unserem Fall sogar Synergien über mehrere Marktteilnehmer hinweg.

Bildcredit Gharage Ventures

Wir bedanken uns bei Lennard Niemann für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder

Wie entstehen neue Technologien genau dort, wo Forschung auf Praxis trifft?

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Photonik Startups Digitalisierung Innovation Technologie Bild von links nach rechts: Dr. Robert Kammel (Fraunhofer IOF), Christian Grötsch (Vorstand Jena Digital), Nora Kirsten (OptoNet e. V.), Viktoriya Demchyk (Jena Digital e. V.), Domenique Dölz (Jena Digital e. V.), Anke Siegmund (OptoNet e. V.), Dr. Sebastian Händschke (Fraunhofer IOF), Hans Elstner (Vorstand Jena Digital) Credits: de:Hub Jena

Photonik, Startups und Digitalisierung stehen im Zentrum des dehub Jena und treiben die Entwicklung neuer Technologien und Geschäftsmodelle voran.

Wie würden Sie den de:hub Jena unseren Leserinnen und Lesern vorstellen und welche zentrale Funktion nimmt der Hub im digitalen Innovationsnetzwerk Deutschlands ein?

Der de:hub Jena – Photonics & Digital Experience Platforms – verbindet zwei Stärken, die in Thüringen besonders ausgeprägt sind: weltweit führende Photonik-Forschung und eine wachsende Digitalwirtschaft. Diese beiden Stärken bringen wir in das de:hub-Netzwerk ein. Daneben stärken wir die Schnittstelle im Sinne von “Photonics Enabling Digital Experience Platforms (PDXP)”. Das bedeutet: Technologien aus Optik und Photonik werden gezielt mit digitalen Plattformtechnologien, Künstlicher Intelligenz oder Extended Reality-Ansätzen kombiniert, um neue Produkte und Geschäftsmodelle zu entwickeln.

Der Hub wird gemeinsam von Jena Digital e. V., dem Photonik-Cluster OptoNet e. V. und dem Fraunhofer-Institut für Angewandte Optik und Feinmechanik IOF mit dem Digital Innovation Hub Photonics (DIHP) getragen. Zusammen repräsentieren diese Netzwerke rund 200 Unternehmen, Startups und Forschungseinrichtungen. Damit ist der de:hub Jena ein zentraler Knotenpunkt im deutschen Digital-Hub-Netzwerk für Deep-Tech-Innovation an der Schnittstelle von Photonik und digitalen Plattformen.

Jena ist bekannt für eine starke Verknüpfung von Forschung, Wissenschaft und Wirtschaft. Was macht die Region als Standort für einen Digital Hub besonders vielversprechend und welche Alleinstellungsmerkmale zeichnet das lokale Ökosystem aus?

Jena ist seit mehr als 150 Jahren ein High-Tech-Standort. Unternehmen wie ZEISS, SCHOTT oder Jenoptik sind hier entstanden und prägen bis heute die globale Photonik-Industrie. Gleichzeitig hat sich rund um diese Industrien ein außergewöhnlich dichtes Forschungs- und Innovationsökosystem entwickelt.

Mit Einrichtungen wie der Friedrich-Schiller-Universität Jena, der Ernst-Abbe-Hochschule Jena, dem Fraunhofer IOF, dem Leibniz-IPHT, mehreren Max-Planck-Instituten, dem Helmholtz-Institut Jena und dem DLR-Institut für Datenwissenschaften verfügt die Region über eine der höchsten Dichten an wissenschaftlichen Einrichtungen in Deutschland. Verbunden mit der geographischen Tallage und den kurzen Wegen im Thüringer Innovationsraum entsteht hier so der typische Valley-Charakter. Diese Innovationsleistung zeigt sich u. a. in den Patentanmeldungen: Im Jahr 2022 kamen in Jena rund 261 Patentanmeldungen auf 100.000 Einwohner – deutlich mehr als der deutsche Durchschnitt von etwa 45.

Der de:hub Jena adressiert spezifische Technologiefelder und gesellschaftliche Herausforderungen. Auf welche Themen oder Branchen legen Sie den Fokus und wie spiegeln diese den Charakter des Standorts wider?

Der Hub konzentriert sich auf Technologien, die besonders stark aus der regionalen Forschungs- und Industrielandschaft hervorgehen. Dazu gehört vor allem Photonik – also Technologien rund um Licht, optische Systeme, Sensorik oder Laser.
Diese Technologien sind zentrale Enabler für viele Zukunftsfelder, etwa Mikroelektronik, Medizintechnik, Raumfahrt, Quantenkommunikation oder autonome Systeme. Gleichzeitig werden sie zunehmend mit digitalen Technologien kombiniert. Deshalb spielen im Hub auch Künstliche Intelligenz, datengetriebene Plattformen, Machine Vision, IoT oder XR-Technologien eine wichtige Rolle.

Gerade diese Verbindung von Deep Tech und digitaler Kompetenz spiegelt die Stärke des Standorts Jena wider. Sie baut auf einer starken technologischen „Heritage“ auf – also auf über 150 Jahre gewachsenem Wissen und industrieller Erfahrung insbesondere in Optik, Photonik und auch im Bereich digitaler Geschäftsmodelle, etwa im E-Commerce. Hier entstehen Innovationen, bei denen hochpräzise photonische Systeme mit Software, Datenanalyse und KI zusammenarbeiten.
Gleichzeitig verstehen wir Photonik und Digital Experience Platforms bewusst als Querschnittstechnologien und Enabler für viele traditionelle Branchen. Unternehmen aus Bereichen wie Maschinenbau, Automotive, Energie, Landwirtschaft, Logistik, Raumfahrt oder Defense nutzen zunehmend Lösungen aus Photonik, Datenplattformen und KI, um ihre Produkte und Prozesse zu digitalisieren. Der de:hub Jena versteht sich daher nicht nur als Plattform für neue Startups, sondern auch als Impulsgeber für die digitale Transformation etablierter Industrien.

In welcher Form begleitet der de:hub Jena Startups bei der Entwicklung ihrer Ideen – von der ersten Validierung bis hin zur Markteinführung und späteren Skalierung?

Ein zentrales Instrument ist der Digital Innovation Hub Photonics (DIHP). Über dieses Programm können Startups direkt mit führenden Forschungseinrichtungen aus der Photonik zusammenarbeiten. Besonders wichtig sind dabei die sogenannten DIHP-Pitches. Hier erhalten ausgewählte Teams Forschungsbudgets in Form mehrerer Personenmonate an den beteiligten Instituten. Dadurch können Startups ihre Ideen gemeinsam mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern weiterentwickeln. Diese Zusammenarbeit ermöglicht Startups Zugang zu einzigartiger Forschungsinfrastruktur und hochspezialisiertem Know-how.
Ergänzend profitieren Startups vom Netzwerk der Industriepartner, etwa aus der Photonik-Industrie, der Digitalwirtschaft oder der Medizintechnik. Dadurch entstehen Pilotprojekte, erste Kundenbeziehungen und Möglichkeiten zur Skalierung.

Welche Rolle spielen anwendungsnahe Kooperationen innerhalb des Hubs – etwa mit Forschungseinrichtungen, mittelständischen Unternehmen oder Technologieführern?

Anwendungsnahe Kooperationen sind das Herzstück unseres Innovationsmodells. Deep-Tech-Innovationen entstehen selten isoliert in einem Startup oder einem Institut. Sie entstehen an der Schnittstelle von Forschung, Industrie und Unternehmertum.
Im Thüringer Ökosystem ist diese Zusammenarbeit besonders eng. Forschungseinrichtungen, mittelständische Hidden Champions und internationale Technologiekonzerne arbeiten regelmäßig gemeinsam an Projekten. Der Hub unterstützt diese Kooperationen aktiv, zum Beispiel durch Matching-Formate oder gemeinsame Innovationsprojekte.
Gerade für Startups ist diese Struktur ein großer Vorteil. Sie können ihre Technologien früh mit Industriepartnern testen und schneller in marktfähige Anwendungen überführen.

Welche Initiativen, Formate oder Programme bieten Sie an, um Gründerinnen und Gründern konkrete Impulse zu geben, Netzwerke aufzubauen oder Partner für gemeinsame Projekte zu finden?

Neben dem DIHP gibt es im Thüringer Ökosystem eine Reihe von Formaten, die gezielt auf Startups ausgerichtet sind. Dazu gehört insbesondere der iHUB am Leistungszentrum für Intelligente Signalanalyse und Assistenzsystem (InSignA) in Ilmenau. Der iHUB ist das Schwesterprogramm des DIHP, nur dass der iHUB hauptsächlich Sensorikthemen adressiert. Zudem gibt es das Programm “getstarted2gether” der wirtschaftsnahen Forschungsinstitute in Thüringen. Alle werden vom Freistaat Thüringen finanziert. Zusätzlich gibt es die Investor Days Thüringen oder das Thüringer Regionale Innovationsprogramm für Start-ups (TRIP) der Stiftung für Innovation, Forschung und Technologie (STIFT).

Darüber hinaus organisiert der Hub regelmäßig Hackathons, Meetups, Fachveranstaltungen sowie Mitteldeutschlands erstes KI-Barcamp. In unseren Fachgruppen sowie Meetups bringen wir regelmäßig Entwicklerinnen, Forschende und Gründer zusammen.
Auch internationale Programme spielen eine Rolle. Über Initiativen wie den DIHP, der auch offen ist für internationale Bewerbungen, den International Startup Campus oder internationale Photonik-Netzwerke entstehen Kontakte zu internationalen Gründerteams, Investoren und Technologiepartnern.

Jena ist geprägt von Branchen wie Optik, Photonik, Medizintechnik und Life Sciences. Welche Chancen sehen Sie in der Verbindung dieser klassischen Industriesektoren mit digitalen Geschäftsmodellen und wie unterstützt der Hub dabei?

Photonik ist eine der zentralen Schlüsseltechnologien der digitalen Transformation. Ohne optische Technologien gäbe es viele digitale Anwendungen nicht – von der Halbleiterfertigung bis zur Glasfaserkommunikation.
Wenn diese Technologien mit KI, Softwareplattformen oder Datenanalyse kombiniert werden, entstehen völlig neue Geschäftsmodelle. Beispiele sind KI-gestützte Bildgebung in der Medizintechnik, intelligente Sensorsysteme für Industrieanlagen oder datenbasierte Plattformen für industrielle Anwendungen.
Der Hub unterstützt diese Entwicklung, indem er gezielt Kooperationen zwischen Deep-Tech-Industrien, digitalen Startups und traditionellen Branchen fördert. Ziel ist es, photonische Technologien, KI und Plattformlösungen als Enabler für industrielle Innovation nutzbar zu machen. So entstehen Lösungen für intelligente Produktion im Maschinenbau, datenbasierte Systeme im Energiesektor, autonome Logistikprozesse oder neue Anwendungen in Raumfahrt und Defense. Dadurch entstehen Innovationen, die sowohl technologische Tiefe als auch digitale Skalierbarkeit besitzen und gleichzeitig zur Digitalisierung der Wirtschaft beitragen.

Wie messen Sie den Einfluss und Erfolg Ihrer Aktivitäten – sowohl mit Blick auf die Startups, die Sie begleiten, als auch auf die Entwicklung des regionalen Innovationsstandorts insgesamt?

Der Erfolg eines Innovationsökosystems lässt sich nicht nur an einer Kennzahl messen. Wir betrachten mehrere Faktoren. Dazu gehören die Anzahl neuer Ausgründungen aus Forschungseinrichtungen, Investitionen in Startups oder erfolgreiche Kooperationen zwischen Startups und Industrie.
Auch internationale Förderprogramme sind ein wichtiger Indikator. Startups aus dem Umfeld des Hubs konnten beispielsweise Förderungen aus Programmen wie dem EIC Accelerator oder SPRIND gewinnen.
Darüber hinaus beobachten wir langfristige Effekte: neue Arbeitsplätze im High-Tech-Sektor, internationale Partnerschaften oder erfolgreiche Scale-ups aus der Region.

Digitale Innovation funktioniert zunehmend über Grenzen hinweg. Wie profitieren Startups im de:hub Jena vom Austausch mit anderen de:hub Standorten sowie internationalen Netzwerken und Clustern?

Als Teil der deutschen de:hub Initiative ist Jena mit mehr als 20 Innovationsstandorten in Deutschland verbunden. Dadurch können Startups aus Thüringen sehr schnell Kontakte zu Unternehmen, Investoren oder Forschungseinrichtungen in anderen Technologieregionen knüpfen.
Ein Beispiel sind Kooperationen mit anderen Hubs, etwa in Hamburg. Hier entstehen gemeinsame Innovationsprojekte oder Pilotanwendungen mit großen Industriepartnern, die uns hier in Thüringen zum Teil fehlen.
Darüber hinaus ist der Standort über Netzwerke wie die Global Photonics Alliance international vernetzt. Diese Partnerschaften eröffnen Startups Zugang zu internationalen Märkten, Forschungskooperationen und Investoren.

In welche Richtung soll sich der de:hub Jena mittelfristig weiterentwickeln und welche strategischen Ziele haben Sie für die kommenden Jahre – insbesondere, um die Innovationskraft der Region noch stärker zu entfalten?

Der de:hub Jena nutzt die besondere Kompetenz und technologische „Heritage“ des Standorts in Photonik und Digitalisierung, um daraus neue Deep-Tech-Startups und Innovationen für Deutschland und Europa zu entwickeln. Unser Ziel ist es, Jena als europäischen Deep-Tech-Innovationsraum an der Schnittstelle von Photonik und digitalen Technologien zu positionieren.

Dafür setzen wir auf drei Kernpunkte. Erstens stärken wir gezielt die Verbindung von Photonik und digitalen Technologien. Photonik ist eine Schlüsseltechnologie für Zukunftsfelder wie KI-gestützte Produktion, Medizintechnik, Quantentechnologien oder Raumfahrt. Wenn diese Technologien mit Software, Daten, Künstlicher Intelligenz und Plattformökonomien zusammenkommen, entstehen völlig neue Anwendungen und Geschäftsmodelle.

Zweitens arbeiten wir am Standort an der Stärkung von Gründungs- und Skalierungsstrukturen.

Jena verfügt über exzellente Forschung und starke Industriepartner. Entscheidend wird sein, diese Kompetenz noch stärker zu Ausgründungen zu führen und daraus international erfolgreiche Startups zu entwickeln. Dazu benötigen wir mehr Strukturen an der Schnittstelle von Wirtschaft, Wissenschaft und Gründungen – etwa besseren Zugang zu Kapital, Pilotkunden und internationalen Märkten sowie gemeinsam mit der Wirtschaft entwickelte, hochspezialisierte Begleitprogramme für Startups.
Drittens wollen wir die internationale Sichtbarkeit des Standorts weiter ausbauen. Jena hat weltweit anerkannte Photonik- und Digital-Kompetenz. Der de:hub kann dazu beitragen, diese Stärke international sichtbarer zu machen und neue Partnerschaften mit Innovationshubs, Technologieclustern und globalen Industriepartnern aufzubauen.
Unser Ziel ist klar: Aus der starken Forschungs- und Industriekompetenz des Standorts sollen mehr international erfolgreiche Digital- und Deep-Tech-Startups entstehen.

Bild von links nach rechts: Dr. Robert Kammel (Fraunhofer IOF), Christian Grötsch (Vorstand Jena Digital), Nora Kirsten (OptoNet e. V.), Viktoriya Demchyk (Jena Digital e. V.), Domenique Dölz (Jena Digital e. V.), Anke Siegmund (OptoNet e. V.), Dr. Sebastian Händschke (Fraunhofer IOF), Hans Elstner (Vorstand Jena Digital) Credits: de:Hub Jena

Wir bedanken uns für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder

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