Sonntag, August 31, 2025
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Es ist ärgerlich, dass die Mehrheit denkt, dass das Rentensystem nichts taugt. Denn das stimmt nicht

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Ute Klammerer Rente Altersvorsorge Expertin für Einkommensverteilung, Alterssicherung und Wohlfahrtsstaat, Geschäftsführende Direktorin des Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ), Direktorin Deutsches Institut für Interdisziplinäre Sozialpolitikforschung (DIFIS) © Ute Klammer

Rente? Uff. Wer steigt da schon durch? Prof. Dr. Ute Klammer! Sie ist Renten- und Gleichstellungsexpertin.

Ihr Plädoyer für eine nachhaltige Rentenreform lautet vor allem: mehr Solidarität. Das bedeutet auch: mehr Umverteilung und ein Abrücken vom Äquivalenzgedanken, denn wir leben nicht in äquivalenten Umständen. Warum sie dennoch ein Fan der deutschen Rentenversicherung ist, wieviel Eigenverantwortung in der Altersvorsorge steckt und wo sie sich dringend mehr politische Konsequenz wünscht, teilt sie in diesem Interview.

Ute Klammer „Mein Plädoyer für eine nachhaltige Rentenreform ist vor allem: mehr Solidarität.“

herCAREER: Frau Dr. Ute Klammer, seien Sie ehrlich: Ist die Rente sicher?

Prof. Dr. Ute Klammer: Ja, das ist sie. Vielleicht überrascht Sie diese Antwort. Aber eigentlich stellen Sie die falsche Frage, denn sie muss lauten: „Ist die Rente auskömmlich?”

herCAREER: Und – ist sie das?

Prof. Dr. Klammer: Nicht für alle.

herCAREER: Brauchen wir ein neues Rentensystem?

Prof. Dr. Ute Klammer: Wenn wir „Rente” im Sinne dieses Gesprächs als unsere gesetzliche Rente definieren, dann ist die gesetzliche Rentenversicherung ein gutes und ein sicheres System. Es fallen zum Beispiel nur niedrige Verwaltungskosten an und niemand aus der Finanzwirtschaft verdient sich damit eine goldene Nase.

herCAREER: Woher kommen dann der schlechte Ruf und das schwindende Vertrauen in die Rente?

Prof. Dr. Klammer: Medien und Politik haben aus Eigeninteresse zu dieser großen Verunsicherung beigetragen. Ich will auch nicht behaupten, dass das System in allen Punkten gut ist. Für viele Erwerbsbiografien ist die Rente nicht auskömmlich, das ist ein Problem. Die Rentenhöhe für Menschen mit unterbrochenen Erwerbsbiografien, für Teilzeitbeschäftigte oder für diejenigen, die nicht regelmäßig einzahlen, reicht nicht für eine gute Absicherung im Alter.

herCAREER: Das sind zu einem großen Teil Frauen. Was bedeutet das für sie und andere – teils mehrfach diskriminierte – Gruppen?

Prof. Dr. Klammer: Wir brauchen einerseits zusätzliche Säulen der Sicherung und müssen die Menschen andererseits dafür sensibilisieren, dass sie frühzeitig privat für die eigene Altersvorsorge aktiv werden.

herCAREER: Wenn Menschen mit geringem Einkommen oder aus prekären Verhältnissen aber keine Möglichkeit zur privaten Vorsorge haben, während sich wohlhabende Menschen zusätzlich absichern können, vergrößert das doch die Schere, oder nicht?

Prof. Dr. Ute Klammer: Mir geht es nicht nur um das Sparschwein oder ein ETF-Depot, sondern auch darum, sich grundsätzlich mit Alterssicherung zu befassen und das eigene Erwerbsverhalten zu reflektieren. Nur wenige meiner Studierenden können oder wollen sich vorstellen, mehr als 40 Jahre lang zu arbeiten. Das müssen sie auch nicht, solange sie in den Jahren, in denen sie berufstätig sind, entsprechend Kapital aufbauen und so viel arbeiten, dass sie ordentlich Rentenansprüche aufbauen, auch über die Betriebsrente. Das kann auch durch freiwillig höhere Beiträge oder durch die Auswahl eines Arbeitgebers, der eine Betriebsrente anbietet, geschehen.

herCAREER: Rente ist also weniger als retrospektives Ergebnis von geleisteter Erwerbsarbeit zu betrachten, sondern eher als proaktives Ergebnis sorgfältiger, langfristiger Planung?

Prof. Dr. Klammer: Ja. Im Grunde muss ständig etwas für die Absicherung des eigenen Alters getan werden. Und wenn ich nicht selbst ins Rentensystem einzahlen kann, muss gegebenenfalls der oder die Partner:in einspringen. Und in manchen Fällen eben auch der Staat – aber es muss eingezahlt werden! Darum plädiere ich seit vielen Jahren für eine durchgängige Rentenversicherungspflicht. Ohne diesen Druck nehmen Menschen einerseits nicht versicherungspflichtige Jobs an und andererseits entsteht kein Druck auf Arbeitgebende, Menschen so zu bezahlen, dass genug für die Nacherwerbszeit übrigbleibt. Denn Jobs, die nichts für die Altersvorsorge abwerfen, sind nicht nachhaltig.

herCAREER: Aber davon gibt es einige: Viele Menschen in Dienstleistungs- und Handwerksberufen sowie Künstler:innen und Sozialarbeiter:innen können kaum etwas von ihrem Einkommen abzwacken. Und natürlich die Selbstständigen.

Prof. Dr. Ute Klammer: Selbstständige sind besonders gefährdet, im Alter arm zu sein. Viele hängen mit Herzblut an ihrem kleinen Geschäft, aber es wirft nicht genug für eine Altersvorsorge ab. In einem Forschungsprojekt sind wir sogar auf Fälle gestoßen, in denen Selbstständige ihre private Rentenversicherung verkauft und alle Ersparnisse aufgelöst haben, um ihr Geschäft am Laufen zu halten. Diese Leute müssen wir meiner Meinung nach pflichtversichern, damit sie sich gegebenenfalls rechtzeitig umorientieren.

herCAREER: Die Konsequenz aus Pflichtbeiträgen wäre auch, dass Selbstständige höhere Rechnungen für ihre Leistung stellen müssen.

Prof. Dr. Klammer: Genau! Und darum muss das kollektiv und übergreifend geregelt sein, denn sonst könnten Mitbewerber:innen, die nicht freiwillig vorsorgen, ihre Leistungen günstiger anbieten und hätten einen Wettbewerbsvorteil. Dennoch wird gestritten: Soll es eine Versicherungspflicht geben – wobei jede:r entscheiden kann, wo und wie er*sie sich fürs Alter versichert – oder eine Einbeziehung in die gesetzliche Rentenversicherung, also eine Pflichtversicherung? Mein Plädoyer ist schon lange: Zum Schutz der Personen selbst, aber auch der Gemeinschaft muss man sie dort einbeziehen. Ganz anders verhält es sich aber bei den gut gesicherten Selbstständigen: Ärzt:innen, Rechtsanwält:innen und andere Gutverdienende. Die haben sich ihre eigenen Versorgungswerke geschaffen und zahlen keine Beiträge in unser Solidarsystem – haben aber gute eigene Renten. Und da sehe ich auch ein Gerechtigkeitsproblem.

herCAREER: Sie fordern also Solidarität und ein Umdenken der gesamten Gesellschaft?

Prof. Dr. Ute Klammer: Zumindest ein kollektives Bewusstsein. Auch dafür, dass die Probleme, die wir zweifellos bei der Rentensicherung haben, auch aus der erfreulichen Entwicklung einer höheren Lebenserwartung resultieren.

herCAREER: Aber ist die Rentenversicherung adäquat zu dieser und anderen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen gewachsen? Gerade wenn es um Gleichstellungsfragen und die finanzielle Absicherung von Frauen und Müttern geht, scheint das nicht der Fall zu sein.

Prof. Dr. Klammer: Da gebe ich Ihnen recht. Ich war Vorsitzende der ersten Gleichstellungskommission der Bundesregierung und beschäftige mich schon sehr lange mit den verschiedenen Faktoren, die da hineinspielen. Es ist eine Verkettung der Umstände: Firmen lassen Frauen seltener an Karriereprogrammen teilnehmen, weil sie befürchten, sie mit einer Schwangerschaft zu verlieren. Mütter bleiben als Care-Personen zu Hause, weil sie aufgrund des Gender Pay Gaps ohnehin schlechter bezahlt werden. Dort schleicht sich oft die Retraditionalisierung der Rollenverteilung ein. Das liegt unter anderem an der schlechten Infrastruktur und Unzuverlässigkeit in der Kinderbetreuung. Langfristig tragen so die Frauen die Kosten gemeinsamer familiärer Entscheidungen, weil sie in Minijobs und Teilzeit bleiben, statt in ihre Karriere und Zukunft zu investieren. So entsteht Altersarmut.

herCAREER: Vor allem, wenn die Ehe scheitert.

Prof. Dr. Ute Klammer: Für diesen Fall gibt es zwar für die Zeiten der Ehe einen Versorgungsausgleich, bei dem die während der Ehe erworbenen Rentenansprüche zu gleichen Teilen aufgeteilt werden. Doch der hilft Frauen letztlich nicht dabei, wieder in den Beruf zurückzukehren und in der verbleibenden Zeit selbst angemessen in die Rentenversicherung einzuzahlen. Deshalb brauchen wir eine Umverteilung der Arbeitszeit zwischen Frauen und Männern. Das haben wir im Zweiten Gleichstellungsbericht deutlich gemacht. Wir brauchen ein Modell, das Anreize für eine egalitäre Verteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit setzt, sodass nicht der eine Vollzeit plus arbeitet und die andere höchstens einen Minijob hat. Das ist natürlich auch ein Problem der Aushandlung zwischen Partner:innen, aber um hier gerecht verhandeln zu können, brauchen wir einen Ausbau der Betreuungsinfrastruktur, eine Verringerung des Gender Pay Gaps und eine veränderte Besteuerung von Eheleuten. Hinzu kommt, dass wir immer mehr Alleinerziehende haben, meist Frauen mit kleinen Kindern.

herCAREER: Sieht der Staat hier Unterstützung vor?

Prof. Dr. Ute Klammer: Nur zum Teil. Zwar haben wir mit der Hinterbliebenenrente ein gutes Instrument, um verwitwete Mütter abzusichern, aber unverheirateten und getrennten Müttern bringt die nichts. Insofern ist das Rentenrecht nicht mit der Zeit gegangen.

herCAREER: Heißt das, der Generationenvertrag ist gescheitert?

Prof. Dr. Klammer: Das ist eine komplexe Frage. Was bedeutet denn Generationenvertrag? Es ist ja eigentlich ein Drei-Generationen-Vertrag, der nicht nur das Einzahlen der Jüngeren für die Älteren bedingt, sondern auch, dass wir Kinder bekommen, die wiederum für uns einzahlen. Aber – dazu besteht natürlich keine Verpflichtung. Somit ist unser Umlageverfahren anfällig für den demografischen Wandel.

herCAREER: Wie sähe die Alternative aus?

Prof. Dr. Ute Klammer: Ein Kapitaldeckungsverfahren, auf das Länder wie etwa Großbritannien, Schweden oder Norwegen viel stärker setzen als Deutschland, klingt zwar attraktiv, ist aber ebenfalls anfällig. Die Krise am Kapitalmarkt 2008 oder die Verwerfungen, die gerade durch Donald Trumps Wiederwahl entstanden sind, haben beispielsweise die Rentengrundlage für Rentner:innen in England erheblich beeinträchtigt. In vielen Ländern – wie der Schweiz – hat die Suche nach Kapitalanlagemöglichkeiten zudem maßgeblich zur immensen Steigerung der Immobilienpreise beigetragen.

herCAREER: Wie steht die deutsche Rente im internationalen oder europäischen Vergleich da?

Prof. Dr. Klammer: Wir haben vergleichsweise hohe Zuschläge für Erziehungszeiten. Auch bei den Berücksichtigungszeiten für Teilzeitarbeit von Eltern sind wir gut: Bis das jüngste Kind zehn Jahre alt ist, werden die Rentenbeiträge aus Teilzeit bei uns höher bewertet. Aber wir haben auch ein System, das sich besonders stark an der Beitragsäquivalenz orientiert.

herCAREER: Was bedeutet das?

Prof. Dr. Ute Klammer: Das heißt: Wer mehr einzahlt, bekommt auch mehr heraus. Darin unterscheidet sich Deutschland von einigen anderen europäischen Ländern. Ich finde ein echtes Drei-Säulen-System, wie zum Beispiel in den Niederlanden, eigentlich angemessener. Die erste Renten-Säule orientiert sich dort an der Dauer des Wohnbürgerstatus. Das bedeutet, dass Personen, die lange dort gelebt haben und steuerpflichtig waren – selbst wenn sie nur geringe Steuern gezahlt haben –, zumindest Anspruch auf eine Art Grundrente haben. Damit kann man keine großen Sprünge machen, aber man hat eine würdevolle Basis fürs Alter.

Ein weiteres Beispiel ist die Schweiz, die ein System der Teilhabe-Äquivalenz hat und in der ersten Säule stärker umverteilt, zugunsten der Menschen mit geringerem Einkommen. Die Schweizer Lösung kombiniert ein existenzsicherndes Umlageverfahren mit einer kapitalgedeckten Pflichtvorsorge für die breite Bevölkerung. Und trotz einer sehr hohen Teilzeitquote bei Frauen werden die Schweizer:innen im Rentenkontext dafür weniger bestraft. Auch in Österreich stehen Geringverdiener im Alter besser da. Davon können wir lernen.

herCAREER: Welche zentrale Schwäche hat unser System also?

Prof. Dr. Klammer: Wir sind nicht gut im Schutz der Schwächeren, das zeigen auch Vergleiche wie die der OECD immer wieder. Wir müssen vor allem im unteren Einkommensbereich besser umverteilen. Das machen Österreich, die Schweiz oder auch die Niederlande besser.

herCAREER: Im Koalitionsvertrag steht, man wolle eine Stabilisierung des Rentenniveaus vorsehen. Die dadurch entstehenden Mehrausgaben würden von Steuermitteln gedeckt. Wie ist das zu verstehen?

Prof. Dr. Ute Klammer: Das ist sehr komplex. Es geht um diesen Richtwert von 48 % Rentenniveau, der allerdings eine durchgängige Erwerbsbiografie voraussetzt. Das bedeutet, dass jemand, der 45 Jahre lang den Durchschnittslohn verdient und Beiträge gezahlt hat, 48 % des aktuellen Durchschnittsverdienstes aller Versicherten als Rente erhält. Das Rentenniveau ist seit 2001 langsam abgesenkt worden. Das Ziel war, die private Vorsorge parallel aufzubauen, die Riesterrente sollte dabei helfen. Die Riesterrente ist jedoch aus guten Gründen in Misskredit geraten. Jetzt stellt sich die Frage, wie weit das Niveau noch sinken soll oder wo es stabilisiert werden kann. Die genannte Stabilisierung soll verhindern, dass immer mehr Leute in den Grundsicherungsbereich rutschen. Damit sind die grundlegenden Probleme jedoch nicht gelöst.

herCAREER: Wir haben über zu geringe Erwerbstätigkeit und Beiträge seitens der Mütter gesprochen und über fehlende Anreize, auskömmliche Löhne und Honorare zu zahlen. Fließt denn genug Geld in die Rentenkasse?

Prof. Dr. Klammer: Die Rentenversicherung ist finanziell noch in einer stabilen Lage. Aber wir haben einen demografischen Wandel und eine stagnierende Wirtschaft. Und wenn die nicht wieder vernünftig anspringt, wird es zu Engpässen kommen.

herCAREER: Was wären denn weitere verfügbare Stellschrauben?

Prof. Dr. Ute Klammer: Da bleiben zum Beispiel die Einbeziehung neuer Versicherungsgruppen, ein Absenken des Rentenniveaus, was natürlich immer Verunsicherung schafft. Oder eine Erhöhung der Beiträge. Aber auch weniger Frühverrentungen oder eine Erhöhung des Erwerbsvolumens durch mehr Vollzeitarbeit, eine höhere Frauenerwerbstätigkeit oder mehr Zuwanderung.

herCAREER: Die Einbeziehung neuer Versicherungsgruppen – das sind laut Bärbel Bas die Selbstständigen, Beamt:innen und Abgeordneten. Warum zahlt gerade der öffentliche Dienst noch nicht in die gesetzliche Rentenkasse ein?

Prof. Dr. Klammer: Die Pensionen für Beamt:innen haben eine lange Geschichte. Die Argumentation war: Für die Beamt:innen sorgen der Staat oder die Länder in einer Art „aufgeschobenem Erwerbseinkommen“. Das heißt, sie bekommen während ihrer Erwerbstätigkeit weniger, als sie auf dem freien Markt verdienen würden, aber dafür kriegen sie eine auskömmliche Alterssicherung. Heute verdienen Personen im öffentlichen Dienst allerdings oft mehr als Menschen in der Privatwirtschaft.

herCAREER: Zeit, das anzupassen, oder nicht?

Prof. Dr. Ute Klammer: Ja. Die Einbeziehung der Beamt:innen in die gesetzliche Rentenversicherung ist allerdings nicht trivial. Das würde bedeuten, dass für alle neuen Beamt:innen Rentenbeiträge bezahlt und gleichzeitig die Pensionslasten der heutigen Beamt:innen getragen werden müssten. Das wäre für mehrere Jahrzehnte eine erhebliche Mehrbelastung der öffentlichen Haushalte. Aber man kann sich da den österreichischen Fall ansehen – die haben das mit einer Stichtags- und mit langen Übergangsregelungen geschafft.
Was die Abgeordneten angeht: Dass Herr Merz die Abgeordnetengehälter erhöhen möchte und sie zusätzlich Altersentschädigung beziehen … Das wäre ein Schlag ins Gesicht der Leute, die hartnäckig versuchen, sich irgendwie im Alter durchzubringen.

herCAREER: Stichwort Schlag ins Gesicht: Warum hält Deutschland am Ehegattensplitting fest?

Prof. Dr. Ute Klammer: Das Ehegattensplitting ist seit etwa 30 Jahren mein Lieblingsfeind. Es führt zu asymmetrischen Aufteilungen in Erwerbs- und Sorgearbeit in Familien. Die Folge: Frauen stehen in Verbindung mit fehlender Kinderbetreuung und dem Gender Pay Gap signifikant schlechter da. Oft wird dann die Steuerklassenkombination 5 und 3 genutzt und der Effekt verstärkt sich noch. Immer wieder wird auch das obligatorische Splitting von Rentenansprüchen – ähnlich wie in der Schweiz – vorgeschlagen. Vor allem im konservativen Lager gibt es aber Kräfte, die sich vehement dagegen wehren. Wie ich im Laufe der Zeit begriffen habe, sind auch viele Frauen gar nicht an einer Reform interessiert, vor allem diejenigen in eher traditionellen Partnerschaftsarrangements. Sie befürchten kurzfristige persönliche Einbußen und sehen leider nicht die großen Zusammenhänge und die verheerenden langfristigen Folgen. Vielleicht haben die kommenden Generationen mehr Erfolg als wir.

herCAREER: Könnte das bedingungslose Grundeinkommen mehr Rentensicherheit schaffen?

Prof. Dr. Klammer: Ich habe mich intensiv damit beschäftigt, aber es hat mich nie überzeugt. Die Annahme, dass Frauen und Mütter dabei besser wegkämen, ist falsch – dafür müsste man die Care-Arbeit neu bewerten und nicht versuchen, mit einem Pflaster Ausgleich zu schaffen. Außerdem: Dieses Geld fällt ja nicht vom Himmel. Es muss erwirtschaftet werden und das geht nur durch Steuern. Für Deutschland ist das unrealistisch. Hier herrscht der Gedanke vor, dass Leistung sich lohnen muss. Wer wirklich arm ist oder in eine Notlage gerät, der oder dem muss geholfen werden. Dafür muss der Sozialstaat da sein und das findet viel Zustimmung. Allen etwas zu geben, egal ob sie es brauchen oder nicht, das kommt in den Befragungen nicht gut an. Und auch für mich persönlich sieht Fairness anders aus.

herCAREER: Welche Frage wird Ihrer Meinung nach zu selten gestellt, wenn es um Rente geht?

Prof. Dr. Ute Klammer: Ich finde, die wichtigste Frage ist: Wie kann man jüngere Leute mehr für das Thema interessieren? Es ist ärgerlich, dass die Mehrheit denkt, das Rentensystem tauge nichts. Denn das stimmt nicht.

herCAREER: Die Frühstartrente soll hier gegensteuern: Demnach erhält ab 2026 jedes Kind vom sechsten bis 18. Lebensjahr pro Monat zehn Euro vom Staat, um für die private Altersvorsorge zu motivieren und zu sensibilisieren. Wird das greifen?

Prof. Dr. Ute Klammer: Bei zehn Euro im Monat wird diese Anlage allein zu wenig führen. Aber den Ansatz finde ich richtig: als Einstieg und als Anregung, sich dem Thema Rente früh zu widmen, und um das Thema in die Breite zu tragen.

herCAREER: Das bedeutet, wir brauchen finanzielle Bildung für alle, schon im Jugendalter?

Prof. Dr. Klammer: Absolut! Und da gehört vieles dazu! Wie funktioniert Alterssicherung? Wie muss ich meine Erwerbsbiografie gestalten, um später nicht nur über die Runden zu kommen? Zu finanzieller Bildung gehört auch, zu lernen, welche Lebensentscheidungen zu welchen finanziellen Risiken führen. Was bedeutet es für mich, länger aus dem Beruf auszuscheiden, wenn ich ein Kind habe? Was passiert, wenn ich schon als junger Mensch Schulden für Handy und Hypothek anhäufe? Wir leben in einer Zeit und Gesellschaft, in der man sehr viel Eigenverantwortung übernehmen muss. Wir sind schlecht darauf vorbereitet und dass muss sich ändern.

 Das Gespräch führte herCAREER Redakteurin Kristina Appel.

Im Rahmen der herCAREER Expo 2025 beantwortet Prof. Dr. Ute Klammer am 10. Oktober im Podcast-MeetUp mit Kristina Appel brennende Fragen zur Rente, Rentenreform und weiblichen Altersvorsorge.

Bild: Expertin für Einkommensverteilung, Alterssicherung und Wohlfahrtsstaat, Geschäftsführende Direktorin des Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ), Direktorin Deutsches Institut für Interdisziplinäre Sozialpolitikforschung (DIFIS) © Ute Klammer

Quelle messe.rocks GmbH

Wie kann ein digitaler Assistent den Handwerksalltag wirklich leichter machen?

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Ole: Wie ein starkes Team den Alltag im Handwerk verändert gründerteam bild

Ole ist ein KI-gestützter Assistent für Handwerksbetriebe, der Büroarbeit reduziert und Abläufe vereinfacht

Wie entstand die Idee zu Ole und wer sind die Köpfe hinter dem Unternehmen?

Die Idee zu Ole entstand, als wir aus erster Hand gesehen haben, mit welchen Alltagsproblemen Handwerksbetriebe kämpfen: zeitfressende Büro-Routine, Daten-Zettelwirtschaft und der tägliche Spagat zwischen Baustelle und Organisation. Wir, Aljoscha Schlosser und ich, Hendrik Wöhle, haben selbst Erfahrung im Bereich Haustechnik Großhandel und Gründung von Unternehmen bzw. arbeiten eng mit Handwerksbetrieben zusammen – und dabei verstanden, dass viele Unternehmen zwar modernisieren wollen, aber im Tagesgeschäft oft einfach nicht die Kapazitäten und Strukturen haben.

Das war der Moment, in dem wir dachten: Warum nicht einen digitalen Assistenten entwickeln, der spezifisch für das Handwerk entwickelt ist und den Alltag spürbar erleichtert – etwa durch automatisierte Angebotserstellung, effizientes Termin- und Ressourcenmanagement und digitale Wissens- und Dokumentenverwaltung.
Anfang 2023 haben wir mit einem kleinen Team erste Prototypen getestet – in Kooperation mit Handwerksbetrieben aus Bielefeld und Hannover. Die Rückmeldungen waren beeindruckend: weniger Verwaltungsaufwand, mehr Zeit für Kunden und Arbeit anstatt Papierkram. Daraus ist Ole als KI-gestützter Digital-Assistent entstanden – inzwischen arbeiten wir mit Pilotkunden, sammeln datenbasierte Insights zur Optimierung und entwickeln gerade neue Features, die uns helfen, in Zukunft noch stärker in den Alltag der Betriebe integriert zu sein.

Welche Vision verfolgt Ole und welche Schritte unternehmen Sie, um diese zu verwirklichen?

Unsere Vision mit Ole ist es, das Handwerk in Deutschland und darüber hinaus digital auf Augenhöhe mit anderen Branchen zu bringen – ohne die Menschen zu überfordern.
Wir wollen, dass jeder Handwerksbetrieb – egal ob 3 oder 30 Mitarbeitende – Zugriff auf moderne, KI-gestützte Tools hat, die den Arbeitsalltag spürbar vereinfachen, Prozesse automatisieren und Wissen sichern. Dafür entwickeln wir Ole als digitalen Assistenten, der nicht einfach nur eine App ist, sondern mitdenkt, mitlernt und dort hilft, wo echte Entlastung gebraucht wird: im Büro, auf der Baustelle, beim Kundenkontakt.
Um diese Vision zu verwirklichen, gehen wir konsequent praxisnah vor:
Wir entwickeln gemeinsam mit Handwerksbetrieben, statt an ihnen vorbei.
Wir setzen auf Künstliche Intelligenz, die verständlich bleibt – mit einem klaren Fokus auf Nutzbarkeit, Datenschutz und Mehrwert im Alltag.

Wir bauen ein Partnernetzwerk auf – etwa mit Softwareanbietern und Innungen –, um Ole möglichst nahtlos in bestehende Systeme zu integrieren.
Unsere langfristige Vision ist es, dass Ole sich zu einem unverzichtbaren Mitglied jedes Handwerksteams entwickelt – eine Art digitaler Kollege, der Arbeit abnimmt, Wissen bereitstellt und für mehr Freiraum im Alltag sorgt.

Für welche Zielgruppe wurde Ole entwickelt und wie stellen Sie sicher, dass deren Bedürfnisse optimal erfüllt werden?

Ole wurde speziell für kleine und mittelgroße Handwerksbetriebe entwickelt – also für genau die Menschen, die tagtäglich zwischen Baustelle, Büro und Kundenservice jonglieren müssen.
Unsere Zielgruppe sind Handwerker:innen, die ihr Unternehmen am Laufen halten und digitalisieren wollen, ohne dafür erst IT-Expert:innen werden zu müssen. Ob Elektrobetrieb, Malerfirma oder Heizungsbauer – Ole soll dort unterstützen, wo die Zeit am knappsten und der Druck am höchsten ist.

Um die Bedürfnisse dieser Zielgruppe optimal zu treffen, arbeiten wir direkt mit Betrieben aus dem Handwerk zusammen – von Anfang an. Unsere ersten Prototypen haben wir gemeinsam mit Handwerksunternehmen aus Bielefeld und Hannover entwickelt und getestet. Das Feedback daraus fließt direkt in jede Weiterentwicklung ein.
Außerdem führen wir regelmäßig Workshops, Feedback-Runden und Praxistests durch, um neue Funktionen auf echte Alltagstauglichkeit zu prüfen.
Und ganz wichtig: Wir sprechen die Sprache unserer Nutzer – keine Buzzwords, keine komplizierten Menüs, sondern klare, einfache Lösungen für echte Probleme.
Für uns steht fest: Digitalisierung funktioniert im Handwerk nur dann, wenn sie sich an den Menschen orientiert – und nicht umgekehrt. Genau das ist unser Anspruch mit Ole.

Was unterscheidet Ole von anderen Anbietern im Markt?

Der größte Unterschied: Ole ist kein digitales Werkzeugkasten, sondern ein echter Assistent – speziell für das Handwerk.
Während viele Anbieter auf möglichst viele Funktionen und Branchen setzen, konzentrieren wir uns ganz bewusst auf das, was Handwerksbetriebe wirklich brauchen: einfache, verständliche Unterstützung im Alltag – vom Angebot bis zur Ablage. Ole ist zudem kein starres Softwareprodukt, sondern entwickelt sich aktiv mit – durch KI, durch laufendes Nutzerfeedback und durch gezielte Weiterentwicklung im Dialog mit echten Betrieben.
Drei Dinge unterscheiden uns besonders:
Fokus aufs Handwerk – Wir denken nicht allgemein “KMU”, sondern sprechen direkt mit Elektrikern, Malern, Installateuren – und bauen Ole genau für ihren Alltag.
Einfachheit vor Komplexität – Keine Schulungen nötig, keine IT-Abteilung. Ole funktioniert intuitiv und spricht Klartext.
Partnerschaft statt Lizenzmodell – Wir sehen uns nicht als Softwareverkäufer, sondern als Partner auf Augenhöhe.

Wie sieht ein typischer Tag im Unternehmen aus und woran arbeitet Ihr Team aktuell?

Bei uns startet der Tag meistens mit einem kurzen Stand-up – digital oder vor Ort. Unser Team ist interdisziplinär: Entwickler:innen, UX-Designer:innen, Leute mit Handwerksbackground und Kundenbetreuer arbeiten eng zusammen.
Aktuell fokussieren wir uns auf mehrere spannende Themen gleichzeitig:
Die Weiterentwicklung von Oles Spracherkennung – damit Handwerke per Spracheingabe noch schneller arbeiten können, z. B. beim Erfassen von Aufträgen oder Mängeln.
Ein neues Modul zur Angebotserstellung, das in wenigen Klicks oder sogar per Sprachbefehl erstellt werden kann – inklusive rechtssicherem Aufbau.
Und wir testen gerade eine Integration mit bestehenden Branchenlösungen, damit Ole sich noch reibungsloser in den Arbeitsalltag einfügt.

Die Handwerksbranche steht aktuell vor spannenden Herausforderungen und Veränderungen – vor allem durch die zunehmende Digitalisierung und den Fachkräftemangel.
Ein großer Trend ist die verstärkte Nutzung von Künstlicher Intelligenz, um Routineaufgaben zu automatisieren und die Effizienz zu steigern. Auch das Thema digitale Vernetzung wird immer wichtiger: Betriebe wollen ihre Prozesse besser integrieren, von der Baustelle bis zur Buchhaltung. Zugleich wächst die Erwartung an flexible und leicht nutzbare Lösungen, denn einige Handwerke sind keine IT-Profis und brauchen einfache Tools, die sie schnell verstehen und einsetzen können.
Ole reagiert auf diese Trends, indem wir eine KI-gestützte Plattform bieten, die genau diese Bedürfnisse erfüllt:
Wir entwickeln Funktionen, die Routinearbeiten automatisieren und dabei helfen, Zeit zu sparen – etwa durch smarte Terminplanung und automatisierte Dokumentation.
Wir legen großen Wert auf eine intuitive Bedienung, die ohne lange Einarbeitung funktioniert.
Durch Partnerschaften integrieren wir Ole nahtlos in bestehende Systeme und ermöglichen so eine bessere Vernetzung.

Was dürfen Ihre Kunden in den kommenden Monaten von Ole erwarten?

In den nächsten Monaten arbeiten wir intensiv daran, Ole noch smarter und noch einfacher zu machen.
Unsere Nutzer können sich auf neue Features freuen, die ihnen helfen, ihre täglichen Abläufe weiter zu automatisieren – zum Beispiel eine verbesserte Spracherkennung, mit der Handwerker:innen schneller und freihändiger arbeiten können. Parallel dazu bauen wir unsere Integration mit anderen Handwerks-Tools weiter aus, damit Ole noch nahtloser in den Arbeitsalltag passt. Nicht zuletzt setzen wir auf kontinuierliches Nutzerfeedback, um Ole immer noch besser auf die Bedürfnisse unserer Kund:innen abzustimmen.
Kurz gesagt: Wir wollen, dass Ole ein unverzichtbarer Helfer wird – eine digitale Unterstützung, auf die man sich täglich verlassen kann.

Wie definieren Sie persönlich unternehmerischen Erfolg?

Für uns ist persönlicher Erfolg eng verbunden mit dem positiven Einfluss, den ich mit Ole auf das Handwerk habe.
Es bedeutet, dass wir mit unserem Team etwas schaffen, das den Alltag von Handwerksbetrieben wirklich erleichtert und ihnen Zeit und Nerven spart. Erfolg heißt für uns auch, ständig dazuzulernen, Herausforderungen zu meistern und als Team zusammenzuwachsen.

Welche drei Ratschläge würden Sie neuen Gründerinnen und Gründern mit auf den Weg geben?

Bleibt nah an euren Kunden. Nur wer die echten Probleme seiner Zielgruppe versteht, kann eine Lösung entwickeln, die wirklich gebraucht wird.
Seid geduldig und resilient. Erfolg stellt sich selten über Nacht ein. Rückschläge sind normal – wichtig ist, daraus zu lernen und dranzubleiben.
Baut ein starkes Team auf. Gründerjahre sind intensiv und fordernd. Ein Team, das zusammenhält und unterschiedliche Stärken vereint, ist der Schlüssel zum Erfolg.

Wie gehen Sie mit Rückschlägen oder schwierigen Phasen um?

Rückschläge gehören für uns genauso dazu wie Erfolge – gerade als Startup lernt man schnell, dass nicht alles auf Anhieb klappt. Wichtig ist, dass wir als Team offen kommunizieren und Probleme früh ansprechen. Wir nehmen uns die Zeit, um zu verstehen, was nicht funktioniert hat, und analysieren gemeinsam, welche Lehren wir daraus ziehen können.
Diese Erfahrungen machen uns letztlich stärker und flexibler – und helfen uns, Ole kontinuierlich besser zu machen. Außerdem ist es für uns essenziell, den Blick nach vorne zu behalten und uns auf unsere Vision zu fokussieren. Das motiviert uns in schwierigen Momenten und gibt uns die Kraft, dranzubleiben.
Und nicht zu vergessen: Wir feiern auch kleine Erfolge, um das Team bei Laune und motiviert zu halten. Insgesamt ist unsere Herangehensweise geprägt von Zusammenhalt, Offenheit und einem klaren Ziel vor Augen.

Titelbild Gründerteam @Ole KG

Wir bedanken uns bei Hendrik Wöhle für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder


Premium Start-up: Ole

Kontakt:

Ole KG
Obernstraße 44
D-33602 Bielefeld

hendrik@ole.de
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Ansprechpartner: Hendrik Wöhle

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Wird diese Plattform den Unterricht für immer verändern?

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paddy.app entlastet Lehrkräfte und erleichtert den Schulalltag Matty Frommann, Tobias Schröder, Lukas Portmann. Bildrechte: © paddy

paddy.app ist eine AI-Plattform, die Lehrkräfte im gesamten Unterrichtsworkflow unterstützt

Können Sie uns paddy.app kurz vorstellen und erzählen, wie die Idee dazu entstanden ist?

paddy ist eine AI-native Plattform, die den Unterrichtsworkflow vereinfacht. Sie unterstützt Lehrkräfte in allen Phasen des Unterrichts, von der Planung über die Materialerstellung bis zur Lernstandsanalyse. Eigene Materialien lassen sich weiterentwickeln, neue Inhalte entstehen in Sekunden. Lehrkräfte sparen Zeit, erhalten Klarheit über den Lernfortschritt ihrer Schüler:innen und können individueller fördern. Zusätzlich schlägt paddy passende digitale Tools vor und unterstützt kollaboratives Arbeiten im Unterricht.
Die Idee entstand aus unserer persönlichen Erfahrung. Wir Gründer kommen zum Teil aus Lehrerfamilien und haben während der Pandemie als Schüler Fortbildungen für Lehrkräfte organisiert. Über 25.000 Lehrkäfte haben daran teilgenommen. Daraus entstand paddy, eine Plattform, die wie ein digitaler Buddy funktioniert. Sie denkt mit, nimmt Arbeit ab und passt sich flexibel dem Alltag im Klassenzimmer an.

Unser Ziel ist klar: Alle Schüler:innen sollen auf die digitale Zukunft bestens vorbereitet werden – dank entlasteter Lehrkräfte, die sich auf das Wesentliche konzentrieren können, und individueller Förderung für jeden einzelnen Schüler.

Wer sind die Köpfe hinter paddy.app und welche persönlichen Erfahrungen haben Sie in die Gründung eingebracht?

Hinter paddy stehen Matty Frommann, Lukas Portmann, Tobias Schröder und Lukas Kaufmann. Zwei von uns sind Lehrerkinder und haben früh miterlebt, wie stark Lehrkräfte im Schulalltag belastet sind. Gleichzeitig haben wir als Schüler erfahren, was es bedeutet, wenn individuelle Förderung nicht möglich ist, nicht aus Desinteresse, sondern weil Zeit, Ressourcen und Strukturen fehlen.
Aus diesem Frust heraus haben wir während der Pandemie begonnen, Lehrerfortbildungen zu organisieren. Daraus ist über die Jahre ein wachsendes Netzwerk entstanden. Bis heute konnten wir über 25.000 Lehrkräfte erreichen, mit ihnen im Austausch stehen und wertvolle Einblicke in ihren Alltag gewinnen. Diese Erfahrungen fließen direkt in die Entwicklung von paddy ein.

Welche Vision verfolgen Sie mit paddy.app und wie möchten Sie den Schulalltag langfristig verändern?

Unsere Vision ist, dass kein Schulabsolvent die Schule verlässt, ohne sich sicher und kompetent auf eine digitale Zukunft vorbereitet zu fühlen. Dafür braucht es ein Bildungssystem, das individuelle Förderung ermöglicht und Lehrkräfte wirksam entlastet.
Mit paddy wollen wir genau das möglich machen. Wir bauen eine Plattform, die den Unterrichtsworkflow so vereinfacht, dass Lehrkräfte ihre Zeit wieder dort einsetzen können, wo sie den größten Unterschied macht, bei ihren Schüler:innen. Statt zwischen Tools, Mappen und Aufgaben zu springen, sollen sie in wenigen Minuten differenzierte Materialien erstellen, den Lernstand analysieren und passende nächste Schritte ableiten können.

Langfristig soll paddy der zentrale digitale Begleiter für den gesamten Unterrichtsalltag werden. Nicht als weiteres Tool, sondern als intelligentes System, das sich in den echten Schulalltag einfügt, mitdenkt und mitwächst. Damit Schule wieder mehr um Lernen geht und weniger um Überforderung.

Wie stellen Sie sicher, dass die Bedürfnisse von Lehrkräften und Schulen optimal in Ihre Produktentwicklung einfließen?

Wir stehen im engen Austausch mit über 25.000 fortgebildeten Lehrkräften und haben bereits mehr als 12.500 aktive Nutzer:innen auf der Plattform. Ihr Feedback fließt kontinuierlich in die Produktentwicklung ein. Außerdem testen wir neue Funktionen regelmäßig direkt an Schulen, um sicherzustellen, dass paddy praxisnah, alltagstauglich und wirklich entlastend ist.

Was unterscheidet paddy.app von anderen digitalen Bildungslösungen auf dem Markt?

paddy ist komplett über einen zentralen „Magic Chat“ steuerbar und passt sich intuitiv an den Alltag von Lehrkräften an. Im Gegensatz zu vielen punktuellen Tools deckt paddy den gesamten Unterrichtsworkflow ab – Vorbereitung, Durchführung, Nachbereitung. Dabei legt paddy höchsten Wert auf eine einfache, klare Nutzerführung. Lehrkräfte benötigen keine Einarbeitung, sondern können direkt starten. So spart paddy Zeit, reduziert Komplexität und schafft Raum für das, was wirklich zählt: individuelle Förderung und gute Lehre.

Welche Herausforderungen begegnen Ihnen aktuell bei der Integration von KI-gestützten Tools in Schulen und wie gehen Sie damit um?

Eine der größten Herausforderungen ist die Unsicherheit vieler Schulen im Umgang mit KI – sei es in Bezug auf Datenschutz, technische Infrastruktur oder fehlende Orientierung im Kollegium. Viele Lehrkräfte sind offen, aber überfordert von der Vielzahl an Tools und Regelungen. Wir setzen deshalb stark auf Aufklärung, einfache Nutzbarkeit und konkrete Mehrwerte im Alltag. paddy funktioniert ohne Schulung, ist DSGVO-konform und lässt sich sofort einsetzen. Gleichzeitig begleiten wir Schulen durch Fortbildungen, um Vorbehalte abzubauen und Vertrauen zu schaffen.

Wie wichtig ist Ihnen der Aspekt der DSGVO-Konformität und Datensicherheit bei der Weiterentwicklung Ihrer Plattform?

Datensicherheit und DSGVO-Konformität stehen bei uns an erster Stelle. paddy wurde von Beginn an datensparsam und sicher entwickelt und erfüllt alle Anforderungen für den schulischen Einsatz in Deutschland.

Welche neuen Funktionen oder Erweiterungen können Nutzerinnen und Nutzer von paddy.app in den kommenden Monaten erwarten?

In den kommenden Monaten entwickeln wir paddy konsequent weiter. Ein zentrales Element ist die paddy Cloud. Lehrkräfte können dort Materialien und Unterrichtsideen speichern, strukturieren und wiederverwenden. Auch der Klassenbereich wird erweitert. Lehrkräfte verwalten dort Schülerzugänge, Aufgaben und Rückmeldungen an einem Ort. Der Magic Chat wird dabei immer intelligenter. Er versteht zunehmend die individuelle Arbeitsweise der Lehrkraft, greift auf alle Informationen der Plattform zu und unterstützt gezielt bei der Planung und Umsetzung von Unterricht. So entsteht ein echtes Assistenzsystem für den Schulalltag.

Was war bisher Ihr größter Meilenstein und wie hat er das Unternehmen vorangebracht?

Unser größter Meilenstein war die abgeschlossene Pre-Seed-Finanzierung in Höhe von einer Million Euro. Sie bestätigt nicht nur das Vertrauen in unser Team und unser Produkt, sondern gibt uns die Möglichkeit, paddy gezielt weiterzuentwickeln. Damit können wir das Wachstum beschleunigen, neue Funktionen umsetzen und noch mehr Lehrkräften im Alltag helfen.

Welchen Einfluss hat das Feedback von Lehrkräften auf die Weiterentwicklung Ihrer Plattform?

Das Feedback von Lehrkräften ist die Grundlage unserer Produktentwicklung. Alle Ideen entstehen aus dem Schulalltag oder werden direkt dort validiert. Wir entwickeln paddy gemeinsam mit Lehrkräften und testen neue Funktionen im echten Unterricht. So entsteht eine Lösung von Lehrkräften für Lehrkräfte, die wirklich entlastet und im Alltag funktioniert.

Welche drei Ratschläge würden Sie anderen Gründerinnen und Gründern im Bildungsbereich mit auf den Weg geben?

Entwickelt euer Produkt immer gemeinsam mit Lehrkräften. Wer den Alltag in der Schule nicht versteht, wird am Bedarf vorbeientwickeln. Haltet die Einstiegshürde so niedrig wie möglich. Im Bildungsbereich zählt jeder gesparte Klick und jede Minute weniger Einarbeitung. Bleibt geduldig. Entscheidungen in Schulen brauchen Zeit, aber wer echten Mehrwert liefert, setzt sich durch.

Wo sehen Sie paddy.app in fünf Jahren und welche Rolle möchten Sie dann im Bildungssektor spielen?

In fünf Jahren soll paddy die zentrale Plattform für Unterrichtsplanung, Materialerstellung und Lernstandsanalyse im deutschsprachigen Raum sein. Wir wollen ganz vielen Lehrkräften im Alltag helfen und noch mehr Schüler:innen erreichen, die von besserer Förderung profitieren. Unsere Aufgabe im Bildungssektor ist es, echte Entlastung zu schaffen und digitales Arbeiten einfach umzusetzen mit einer Technologie, die versteht, wie Schule funktioniert.

Bild: von links nach rechts: Matty Frommann, Tobias Schröder, Lukas Portmann. Bildrechte: © paddy

Wir bedanken uns bei Matty Frommann für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.

Was wäre, wenn der Schlüssel zum Eigenheim ein Los wäre?

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Traumhausverlosung: Mit Loskauf zum Eigenheim Titelbild Luisa Haxel Fotograf: (c) Franz Schepers Photography for ZEAL

Die Traumhausverlosung ist eine gemeinnützige Soziallotterie, bei der luxuriöse Bestandsimmobilien verlost und gleichzeitig soziale Projekte unterstützt werden.

Wie entstand die Idee zur Traumhausverlosung und was war Ihre persönliche Motivation, dieses ungewöhnliche Modell zu realisieren?

Mit der Traumhausverlosung haben wir einen internationalen Trend nach Deutschland gebracht, der in Ländern wie Spanien, Australien und Großbritannien bereits seit Jahren erfolgreich ist. Die international steigende Nachfrage hat uns überzeugt, dass auch der deutsche Markt reif für eine Hausverlosung ist – und wir haben recht behalten! Mittlerweile gibt es die Traumhausverlosung seit einem Jahr. Wir haben bereits drei Häuser verlost und das vierte folgt in Kürze. Wir können es gar nicht erwarten, diese Erfolgsgeschichte weiterzuschreiben.
Ein Haus zu verlosen ist etwas unglaublich Konkretes und Emotionales – es geht um mehr als Geld, es geht um ein Zuhause. Mich hat gereizt, etwas völlig Neues auf den deutschen Markt zu bringen, das es so noch nie gab: Eine regulierte, faire und gemeinnützige Verlosung von Bestandsimmobilien, die Menschen bewegt – nicht nur rational, sondern im Herzen.

Sie haben mit Evernest bereits ein erfolgreiches PropTech-Startup gegründet – was unterscheidet Ihre Arbeit bei der Traumhausverlosung von Ihrem früheren Unternehmertum?

Bei Evernest liegt der Fokus stark auf Technologie und der Optimierung eines klassischen Maklerprozesses. Also den Dienstleistungsprozess als solchen auf ein neues Level zu heben, um Makler durch Makler mit besserer Technik zu ersetzen, ohne die emotionale Komponente zu verlieren.
Die Traumhausverlosung ist ein ganz anderes Geschäftsmodell. Wir sind kein Dienstleister im klassischen Sinne, sondern es geht vielmehr um Emotionen, sozialen Impact und darum, Menschen zum Träumen zu bringen. Wir bieten unseren Kund:innen weitaus mehr als nur vier Wände, nämlich ein Zuhause. Der Kontakt zu unseren Teilnehmer:innen und Gewinner:innen ist etwas ganz Besonderes. Diese Nähe, dieser persönliche Impact ist neu für mich und es motiviert mich auf einer ganz anderen Ebene.

Evernest und die Traumhausverlosung verfolgen beide einen klaren Innovationsanspruch, bewegen sich jedoch in völlig unterschiedlichen Märkten. Das eine im digitalen Maklergeschäft, das andere im Gewinnspielbereich mit Social Impact. Auch die Rahmenbedingungen unterscheiden sich grundlegend: Während Evernest als klassisches VC-finanziertes Startup stark auf schnelles Wachstum ausgerichtet ist, bauen wir die Traumhausverlosung gemeinsam mit dem erfahrenen, strategischen Partner LOTTO24 auf – mit Fokus auf Nachhaltigkeit, regulatorische Sicherheit und langfristige Wirkung.

Welche Herausforderungen gab es beim Aufbau der ersten Plattform für Bestandsimmobilien-Verlosungen in Deutschland – rechtlich, operativ und emotional?

Eine Plattform für Bestandsimmobilien-Verlosungen in Deutschland aufzubauen, bedeutet in vielerlei Hinsicht Pionierarbeit – rechtlich, operativ und kommunikativ.
Da es sich bei der Traumhausverlosung um eine Soziallotterie handelt, unterliegt sie den strengen Vorgaben der Gemeinsamen Glücksspielbehörde der Länder (GGL). Der Genehmigungsprozess ist umfangreich und stellt hohe Anforderungen an Transparenz, Gemeinwohlorientierung und Struktur. Eine zentrale Voraussetzung ist, dass die Lotterie von einer gemeinnützigen Organisation durchgeführt wird. Deshalb haben wir die Dreamify gGmbH gegründet, die offiziell als Veranstalterin auftritt und deren Geschäftsführung ich übernommen habe.

Darüber hinaus müssen wir selbstverständlich jede Immobilie, die wir zur Verlosung anbieten, gründlich und bis ins kleinste Detail prüfen. Wir tragen eine große Verantwortung gegenüber den Gewinner:innen, und daher ist es essenziell, dass alle Unterlagen, Eigentumsverhältnisse und Verträge absolut wasserdicht sind. Das macht den Prozess aufwendig, aber es ist die Grundlage für ein sicheres, faires und vertrauenswürdiges Modell.

Parallel dazu ist es eine Herausforderung, eine komplett neue Marke mit einem so ungewöhnlichen Produkt zu etablieren. Gerade am Anfang begegneten wir viel Skepsis. Ist das wirklich seriös? Kann man da tatsächlich ein Haus gewinnen? Diese Zweifel auszuräumen und Vertrauen aufzubauen, ist nicht nur eine kommunikative Aufgabe, sondern auch eine emotionale. Denn hinter jeder Teilnahme steht ein echter Mensch mit einer echten Hoffnung. Das spürt man.

Wie funktioniert die Traumhausverlosung konkret: von der Auswahl der Immobilien über das Losverfahren bis hin zur Übergabe an die Gewinner:innen?

Zunächst wählen wir luxuriöse Bestandsimmobilien mit besonderem Charakter aus – Häuser mit dem besonderen Etwas, die emotional ansprechen und sich in attraktiven Lagen befinden. Die Immobiliensuche übernimmt unser großartiges Team übrigens komplett selbst. Nachdem eine passende Immobilie mit Traumhaus-Faktor gefunden wurde, kaufen wir sie und bereiten sie für die Verlosung vor. Dieser Prozess ist für uns jedes Mal besonders spannend, denn in diesem Stadium verwandeln wir eine Immobilie in ein Traumhaus. Wir richten jeden einzelnen Raum mit viel Liebe zum Detail und hochwertigen Möbeln und Accessoires ein. In dieser Phase unterstützen uns auch geschätzte Partner wie beispielsweise SCHÖNER WOHNEN Kollektion.

Sobald das Traumhaus fertiggestellt ist, kann der Verlosungsprozess beginnen. Jede:r kann mitmachen, Lospakete gibt es ab zehn Euro. Für uns dabei besonders wichtig: Mindestens 20 Prozent des Lospreises gehen an den guten Zweck.
Nach Ablauf des Verlosungszeitraums wird die Gewinnerin oder der Gewinner unter notarieller Aufsicht ermittelt. Der gesamte Vorgang wird dokumentiert und streng nach den Auflagen der Glücksspielbehörde durchgeführt. Direkt im Anschluss treffen wir unsere:n frischgebackene:n Hausgewinner:in zur Schlüsselübergabe und stoßen parallel den notariell beglaubigten Eigentumsübergang an. Es ist uns wichtig, unsere Gewinner den gesamten Prozess bis zum Notartermin zu begleiten – transparent, persönlich und mit echter Freude.

Wohneigentum gilt zunehmend als Luxusgut – wie trägt Ihr Modell dazu bei, das Thema Eigentum zugänglicher zu machen?

Wohneigentum ist für viele Menschen heute kaum noch realistisch, selbst mit stabilem Einkommen. Die Preise sind massiv gestiegen, Finanzierungsanforderungen verschärft, und der Immobilienmarkt wirkt für viele intransparent und unzugänglich.
Genau hier setzt unser Modell an: Mit der Traumhausverlosung schaffen wir eine niedrigschwellige und faire Möglichkeit, Eigentum zu gewinnen.
Die Traumhausverlosung öffnet Türen, die sonst verschlossen bleiben. Sie gibt Menschen eine reale Chance auf ein eigenes Zuhause, unabhängig von Vermögen oder Bonität. Gleichzeitig fließen mindestens 20 Prozent des Lospreises in soziale Projekte, wodurch wir nicht nur Eigentum ermöglichen, sondern auch gesellschaftliche Verantwortung übernehmen.
Natürlich können wir mit einer Verlosung keine Wohnungspolitik ersetzen. Aber wir können zeigen, dass es kreative, solidarische Wege gibt, um Bewegung in ein festgefahrenes System zu bringen. Unser Ziel ist es, Barrieren abzubauen, Hoffnung zu schaffen und das Thema Eigentum ein Stück weit neu zu denken.

Mit jedem Los unterstützen Sie soziale Projekte. Welche konkreten Initiativen wurden bereits gefördert – und nach welchen Kriterien wählen Sie die Partnerorganisationen aus?

Wir unterstützen für jedes zur Verlosung stehende Haus einen wechselnden Haupt-Charity-Partner und vier permanente Charity-Partner. Unsere bisherigen Haupt-Charity-Partner waren die DKMS, Herzenswünsche e.V. und Viva con Agua. Haupt-Charity-Partner unserer aktuellen Verlosung ist die „Stiftung RTL – Wir helfen Kindern e.V.“. Darüber hinaus unterstützen wir mit jedem verkauften Los auch vier permanente Charity-Partner: SOS Kinderdörfer Weltweit, die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung (DKJS), die Kata Agorein Stiftung und den Stifterverband.
Seit dem Start der Traumhausverlosung haben wir bereits mehr als 3.750.000 Euro an unsere Haupt-Charity-Partner gespendet.
Für die Auswahl unserer Charity-Partner haben wir einen umfangreichen Auswahlprozess, der verschiedene Kriterien umfasst. Zum einen müssen alle glücksspielrechtlichen Anforderungen erfüllt sein. Dann wird überprüft, ob die soziale Organisation a) alle Vorgaben hinsichtlich der gesetzlichen Gemeinnützigkeit erfüllt und b) ihr Zweck mit denen der Traumhausverlosung übereinstimmen (so unterstützen wir nur bestimmte soziale Zwecke). Dann wird geprüft, ob die Organisation zur Marke der Traumhausverlosung passt.

Die Dreamify gGmbH verfolgt einen gemeinnützigen Ansatz. Wie lassen sich wirtschaftlicher Erfolg und gesellschaftlicher Impact nachhaltig vereinen?

Für uns schließen sich wirtschaftlicher Erfolg und gesellschaftlicher Impact nicht aus. Im Gegenteil: Sie bedingen sich.
Mit der Dreamify gGmbH verfolgen wir das Ziel, Menschen eine faire Chance auf Wohneigentum zu geben und gleichzeitig soziale Projekte zu fördern. Jeder Loskauf finanziert beides: Zum einen die Möglichkeit, ein Haus zu gewinnen, zum anderen konkrete gemeinnützige Initiativen, die wir transparent unterstützen. So entsteht ein Modell, bei dem wirtschaftliche Stabilität und gesellschaftlicher Mehrwert Hand in Hand gehen.
Nachhaltig ist das nur, wenn wir professionell und transparent arbeiten – mit klaren Strukturen, verantwortungsvollem Mitteleinsatz und dem Anspruch, langfristig zu bestehen. Unser Erfolg bemisst sich daher nicht nur an Teilnehmerzahlen, sondern vor allem an Vertrauen, Wirkung und Transparenz.
Wir glauben: Wirtschaft darf gesellschaftliche Verantwortung nicht als „Extra“ sehen. Bei uns ist sie der Kern des Geschäftsmodells.

Wie reagieren Käufer:innen, die eigentlich „nur“ ein Haus gewinnen wollen, auf die soziale Dimension Ihres Geschäftsmodells?

Die meisten unserer Kund:innen kommen wegen der Chance auf ein Haus. Das ist klar. Aber viele bleiben, weil sie merken, dass unser Modell mehr ist als ein Gewinnspiel.
Was uns immer wieder überrascht, ist die hohe Bereitschaft, die soziale Dimension mitzutragen. Viele Teilnehmer:innen schreiben uns, dass sie es schön finden, mit ihrem Loskauf gleichzeitig etwas Gutes zu tun – selbst, wenn sie nicht gewinnen.
Dieses Gefühl, Teil von etwas Sinnvollem zu sein, schafft Vertrauen und eine besondere Verbindung zur Marke.
Natürlich gibt es auch Skepsis, gerade am Anfang. Aber da wir stets transparent machen, wohin die Mittel fließen und welche Projekte wir unterstützen, kippt das glücklicherweise meist in echte Begeisterung. Am Ende zählt für viele nicht nur die Gewinnchance, sondern auch die Idee, mit kleinen Beiträgen Großes zu ermöglichen.

Vom Corporate-Umfeld zur Gründerin und zurück in die Organisationsentwicklung: Welche persönlichen Learnings nehmen Sie aus diesen verschiedenen Rollen mit?

Jede dieser Rollen hat mich auf ihre eigene Weise geprägt und vor allem gelehrt, wie vielfältig Verantwortung sein kann.
Im Corporate-Umfeld habe ich Struktur, strategisches Denken und politische Prozesse kennengelernt. Als Gründerin kam eine neue Dimension hinzu: Tempo, Mut zur Lücke und die Fähigkeit, mit Unsicherheit produktiv umzugehen. Du stehst als Person im Mittelpunkt, trägst die volle Verantwortung und hast oft keine zweite Chance.
Ein entscheidender Unterschied liegt im Umgang mit Zeit: In einem Startup arbeitet man häufig gegen die Uhr, weil die Mittel endlich sind. Entscheidungen müssen schneller getroffen werden, oft mit weniger Daten, weniger Absicherung und ohne Plan B. Das erhöht das Risiko, aber auch die Schlagkraft. Im Konzern dagegen dauern Prozesse länger, bieten aber mehr Raum für Absicherung und Konsens.

Jetzt, im Aufbau von Dreamify und der Traumhausverlosung, kann ich beides verbinden: Die strategische Klarheit und das Industriewissen aus dem Corporate-Kontext – gepaart mit der unternehmerischen Energie und Hands-on-Mentalität eines Startups. Wir haben als Team ein Umfeld geschaffen, das Expertise mit Geschwindigkeit verbindet – und genau das macht uns stark.
Mein wichtigstes Learning? Titel sind irrelevant, wenn es um echte Wirksamkeit geht. Entscheidend ist, ob Menschen Verantwortung übernehmen dürfen und ob sie darin ernst genommen werden.

Inwiefern war Ihre Zeit als Leiterin der digitalen Strategie bei Engel & Völkers prägend für Ihre jetzige Mission?

Meine Zeit bei Engel & Völkers war in vielerlei Hinsicht prägend. Ich hatte die Chance, tief in die Strukturen eines etablierten Immobilienunternehmens einzutauchen und gleichzeitig den Auftrag, diese Strukturen digital weiterzuentwickeln. Dabei habe ich nicht nur die Trägheit klassischer Märkte erlebt, sondern auch erkannt, welches Potenzial darin liegt, wenn man bereit ist, neue Wege zu gehen.
Engel & Völkers hat in mir die Leidenschaft für Immobilien geweckt und mir vorgelebt, wie unternehmerischer Ehrgeiz mit Stil und Substanz kombiniert werden kann. Dafür bin ich bis heute dankbar. Ohne diese Erfahrung hätte ich Evernest wahrscheinlich nicht gegründet – und ohne Evernest wäre ich heute nicht bei der Traumhausverlosung.
Diese Stationen haben mir gezeigt: Wer wirklich etwas verändern will, darf sich nicht mit Optimierung zufriedengeben. Man muss bereit sein, Systeme neu zu denken. Genau das treibt mich heute an.

Viele Gründer:innen tun sich schwer mit dem Rückzug aus dem eigenen Startup. Wie haben Sie diesen Prozess bei Evernest erlebt – und was raten Sie anderen?

Der Rückzug aus einem eigenen Startup ist nie leicht – emotional, strategisch und persönlich. Evernest habe ich mit unglaublich viel Herzblut aufgebaut, also war die Entscheidung, loszulassen, alles andere als einfach. Aber sie war richtig.
Ich habe früh verstanden, dass ein Unternehmen in unterschiedlichen Phasen unterschiedliche Stärken braucht. In der frühen Aufbauphase geht es vor allem um Tempo, Innovationskraft und die Bereitschaft, Risiken einzugehen. Genau das liegt mir. Es begeistert mich, mit einem Team etwas von Grund auf zu entwickeln und in die Skalierung zu bringen. Aber ich bin auch der Überzeugung: Wenn man merkt, dass man beginnt, sich an wiederkehrenden Herausforderungen aufzureiben, ist es Zeit, Raum für frische Impulse zu schaffen – für sich selbst und für das Unternehmen.

Ich wollte nie der Typ Gründerin sein, die ihr Leben lang an einer Firma festhält, nur weil sie sie einmal ins Leben gerufen hat. Für mich war klar: Es braucht den Mut, loszulassen – und zwar nicht erst, wenn es nicht mehr läuft, sondern dann, wenn es am schönsten ist. Genau das war der richtige Moment für meinen Ausstieg bei Evernest.
Mein Rat an andere Gründer:innen: Seht den Rückzug nicht als Scheitern, sondern als Teil des natürlichen Zyklus eines Unternehmens. Es braucht Klarheit über die eigene Rolle, Mut zur Veränderung und Vertrauen ins Team. Man muss nicht immer bis zum Schluss bleiben, um etwas Wertvolles hinterlassen zu haben.

Immobilienmarkt, Digitalisierung, soziale Innovation – an welchen Schnittstellen sehen Sie derzeit das größte ungenutzte Potenzial?

 Luisa Haxel Fotograf: (c) Franz Schepers Photography for ZEAL

Das größte ungenutzte Potenzial liegt für mich an der Schnittstelle von Digitalisierung und sozialer Innovation im Immobilienbereich.
Der Markt ist technisch oft noch veraltet, intransparent und stark auf Kapital fokussiert. Gleichzeitig gibt es durch digitale Tools längst die Möglichkeit, Teilhabe anders zu organisieren, sei es durch gemeinschaftliches Investieren, transparente Plattformmodelle oder neue Formen des Eigentums wie Verlosungen oder Genossenschaften.
Was bisher fehlt, ist der Mut, diese Technologien nicht nur zur Effizienzsteigerung, sondern zur sozialen Öffnung des Marktes zu nutzen. Genau hier sehe ich die Chance: Digitalisierung als Hebel für faire Zugänge, niedrigere Einstiegshürden und mehr Menschlichkeit in einem Markt, der oft als kalt und exklusiv wahrgenommen wird.
Das Potenzial ist da, es braucht nur mehr Akteur:innen, die sich trauen, es wirklich zu aktivieren.

Welche Rolle spielt Vertrauen in einem Geschäftsmodell wie Ihrem, das stark auf Emotion, Gewinnspielmechanik und soziale Verantwortung setzt?

Vertrauen ist das Fundament unseres gesamten Modells. Ohne Vertrauen funktioniert bei uns gar nichts.
Wir bewegen uns in einem sensiblen Spannungsfeld: Emotionen, Gewinnspielmechanik und Gemeinnützigkeit. Das weckt Hoffnung, aber auch Skepsis. Deshalb müssen wir extrem transparent, rechtssicher und nachvollziehbar arbeiten, vom Losverkauf bis hin zur Ermittlung unserer Gewinner:innen.
Die Menschen geben uns nicht nur Geld, sondern auch ihre Geschichten, ihre Erwartungen, manchmal sogar ihre Träume. Das verpflichtet. Wir müssen zeigen: Das ist kein Trick, kein leeres Versprechen, sondern ein echtes, reguliertes und fair organisiertes Modell.
Glaubwürdigkeit entsteht nicht durch Marketing, sondern durch Haltung, Offenheit und Konsequenz. Je emotionaler das Produkt, desto rationaler muss die Vertrauensbasis sein. Und genau daran arbeiten wir jeden Tag.

Wie begegnen Sie Kritik oder rechtlichen Graubereichen im Zusammenhang mit Verlosungsmodellen?

Kritik und rechtliche Graubereiche nehmen wir sehr ernst, gerade weil unser Modell das erste am deutschen Markt war und allein aus diesem Grund logischerweise schon viele Fragen aufwirft. Uns war von Anfang an klar: Wenn wir Vertrauen aufbauen wollen, müssen wir maximal transparent und rechtlich unangreifbar arbeiten.
Deshalb haben wir uns bewusst dafür entschieden, den Weg über eine genehmigte Soziallotterie zu gehen, mit allen regulatorischen Anforderungen der Gemeinsamen Glücksspielbehörde der Länder (GGL). Das ist kein einfacher oder schneller Prozess, aber er schafft Klarheit und Sicherheit, für uns und für die Teilnehmer:innen.
Kritik begegnen wir offen. Unser Ansatz ist: zuhören, erklären, sauber dokumentieren. Wir wollen zeigen, dass innovative Modelle auch regelkonform, fair und gemeinwohlorientiert funktionieren können, wenn man bereit ist, den aufwändigeren Weg zu gehen.

Was können klassische Immobilienunternehmen von der Traumhausverlosung lernen – und umgekehrt?

Klassische Immobilienunternehmen können von der Traumhausverlosung lernen, wie wichtig emotionale Zugänge, soziale Verantwortung und innovative Geschäftsmodelle heute sind. Der Markt verändert sich, Käufer:innen denken nicht mehr nur rational in Quadratmetern, sondern auch in Werten: Wer steht hinter dem Angebot? Wofür steht das Unternehmen? Wie inklusiv ist der Zugang?
Unser Modell zeigt, dass man auch in einem etablierten, oft schwer zugänglichen Markt neue Zielgruppen erreichen kann, mit Kreativität, Transparenz und einem echten gesellschaftlichen Mehrwert.
Umgekehrt lernen wir viel von der Immobilienbranche, was Prozesse, Substanzprüfung, rechtliche Sicherheit und Marktmechanismen betrifft. Wir arbeiten nicht gegen den Markt, sondern mit seinem Know-how – aber wir denken ihn anders.
Die größte Chance liegt aus meiner Sicht in der Kombination beider Welten: wirtschaftliche Professionalität gepaart mit sozialer Innovation und einem echten Fokus auf die Menschen.

Welche Zukunftsvision haben Sie für die Traumhausverlosung und Dreamify? Sind auch internationale Märkte oder weitere soziale Projekte geplant?

Unsere Vision mit der Traumhausverlosung und Dreamify ist klar: Wir wollen den Traum vom Eigenheim ermöglichen und beweisen, dass soziale Wirkung und wirtschaftliches Denken sich nicht ausschließen.
Kurzfristig wollen wir das Modell in Deutschland weiter etablieren und möglichst vielen Kund:innen den Traum vom eigenen Zuhause erfüllen. Ob eine internationale Strategie für uns umsetzbar ist, müssen wir eruieren. Am Ende geht es uns um eines: Möglichkeitsräume schaffen – für Menschen, für Ideen, für eine solidarischere Zukunft.

Sie gelten als Vorbild für weibliches Unternehmertum – was motiviert Sie persönlich, andere Gründerinnen zu fördern?

Mich motiviert vor allem der Rückblick auf meine eigene Historie als Gründerin: Die Erfahrung, wie viel schwieriger der Weg für viele Gründerinnen oft sein kann, nicht aufgrund fehlender Kompetenz, sondern wegen fehlender Sichtbarkeit, Netzwerke oder struktureller Barrieren.
Ich hatte das Glück, auf meinem Weg Menschen zu treffen, die an mich geglaubt und mich unterstützt haben. Das will ich weitergeben. Denn ich glaube fest daran: Vielfalt macht Unternehmertum besser. Unterschiedliche Perspektiven führen zu besseren Ideen, empathischeren Produkten und resilienteren Teams.

Es geht nicht darum, Gründerinnen nur deshalb zu fördern, weil sie Frauen sind. Es geht darum, gleiche Chancen herzustellen und das fängt bei Vorbildern, Zugängen und aktivem Support an. Wenn ich mit meiner Geschichte oder Plattform anderen Gründerinnen Mut machen kann, ist das nicht nur schön, sondern notwendig.
Fördern heißt für mich: Türen öffnen, ehrlich teilen, weitergeben, was geholfen hat und manchmal auch einfach nur sagen: Du bist nicht allein auf diesem Weg.
Denn am Ende sieht man von außen nur den Erfolg, aber wie viel Arbeit, wie viele Rückschläge und ernsthafte Zweifel an einem selbst und an der Unternehmung gekostet hat, ist für Außenstehende oftmals nicht ersichtlich.

Titelbild Luisa Haxel Fotograf: (c) Franz Schepers Photography for ZEAL

Wir bedanken uns bei Luisa Haxel für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder


Premium Start-up: Traumhausverlosung

traumhausverlosung logo

Kontakt:

Dreamify gGmbH
Kristin Splieth
Straßenbahnring 11
D-20251 Hamburg

https://www.dreamify.charity/
https://www.traumhausverlosung.de/
Kristin.Splieth@zealnetwork.de

Ansprechpartner: Kristin Splieth

Social Media:
Instagram
Facebook
Tiktok
YouTube
LinkedIn

Vom Facebook für Business zu Business Value

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LinkedIn-Strategie für Gründer: So nutzt du Personal Branding Simone Brett Murati by Alexander Mertsch portrait

Lohnt sich LinkedIn für KMU?

Der Social Media Unternehmer Gary Vee bezeichnete LinkedIn einmal als „Facebook für Business“ – als eine Plattform für Selbstdarsteller ohne echten Nutzen. Doch diese Wahrnehmung täuscht gewaltig. Für Gründer, Selbstständige und Startups ist LinkedIn der kostengünstigste Weg, direkte Kontakte zu neuen Geschäftskunden aufzubauen – ohne einen einzigen Cent in Anzeigenkampagnen oder klassische Kaltakquise investieren zu müssen. Wo viele KMU heute immer noch für fünfstellige Budgets Adressen einkaufen und kalt abtelefonieren, bietet LinkedIn mit über 25Mio. Usern in DACH die größte aktuelle Datenbank an Entscheidern in allen Branchen. 

Menschen folgen Menschen, nicht Unternehmen

Gerade Gründer sind von Beginn an auf persönliche Kundenkontakte angewiesen, um Verkaufsstrukturen aufzubauen, Produkte zu testen und Feedback einzuholen. 

Ein entscheidender Erfolgsfaktor liegt in einem simplen Prinzip: Menschen folgen Menschen. Normale LinkedIn-Mitglieder haben im Schnitt zehn Mal mehr Kontakte als Unternehmensseiten Follower haben. Noch wichtiger: Inhalte von Personen werden doppelt so häufig angeklickt wie Unternehmensposts.

Ein sehr gutes Erfolgsbeispiel, wie Gründer LinkedIn erfolgreich für den Aufbau von sowohl B2B-Geschäftsbeziehungen als auch B2C-Markenbekanntheit nutzen, ist das vegane Eis-Startup Nomoo. Durch Content, der einerseits die Geschäftsentwicklung des jungen Unternehmens und andererseits die persönliche Entwicklung der Gründer und Teams dokumentiert, ist es Co-Gründerin und Geschäftsführerin Rebekka Göckel gelungen, mehr als 14.000 Follower aufzubauen. Die LinkedIn Unternehmensseite verzeichnet über 5.000 Follower. 

Die Reichweite der Marke beschränkt sich aber nicht nur auf LinkedIn. Durch die Beiträge sind auch etablierte Medien, speziell Lokalmedien in Nordrhein-Westfalen, wie der WDR und Kölner Tageszeitungen auf die Unternehmerin aufmerksam geworden und berichten über das Startup. 

LinkedIn wird damit zum Beschleuniger und Verstärker von Unternehmensbotschaften. Der Medienäquivalenzwert der organischen Reichweite dürfte pro Jahr im mittleren sechsstelligen Bereich oder mehr liegen. Das bedeutet, um diese Reichweite und Markenbekanntheit hinzubekommen, müssten Unternehmen normalerweise hunderttausende Euro in Anzeigen und TV-Spots investieren. 

Mit einer durchdachten LinkedIn Strategie und eigener Kompetenz im Umgang mit Social Media lassen sich diese Kosten einsparen, wie das Beispiel Nomoo zeigt. 

Personal Branding ist der Weg zur Premium-Marke

Eine Personal Brand entsteht, wenn der eigene Name branchen- und nischenübergreifend ein Begriff ist und auch Menschen außerhalb des direkten Netzwerks den Namen kennen und referenzieren können. LinkedIn reicht dann als Kanal nicht mehr aus. Wie im obigen Beispiel gezeigt, sind Unternehmer und Unternehmerinnen in vielen medialen Formaten und in unterschiedlichen Kanälen präsent. Nicht nur sie selbst veröffentlichen auf LinkedIn, auch Dritte berichten, z.B. in Tages- und Wirtschaftsmedien. Wo was wann etwas veröffentlicht wird, lässt sich an dieser Stelle kaum mehr kontrollieren. Die Personal Brand gewinnt an Eigendynamik. Das macht strategische Planung im Vorfeld und bewusstes Reputationsmanagement so wichtig.    

Erste Schritte im Personal Branding für Gründer

LinkedIn bietet Gründern eine kosteneffiziente Alternative zu teuren Messeauftritten oder Werbekampagnen. Die Plattform ermöglicht es, direkte Touchpoints zur Zielgruppe aufzubauen und Vertriebsprozesse zu beschleunigen. Der Schlüssel liegt darin, authentisch die Vision zu kommunizieren, die der Gründung zugrunde liegt. 

Entscheidend ist, nicht nur über Produkte zu posten, sondern der persönlichen Perspektive Raum zu geben. 

Zwei Themenbereiche haben sich als besonders erfolgreich erwiesen:

Führungsthemen: LinkedIn ist zu 50% Job-Plattform, zu 50% Akquise-Netzwerk. Ein Großteil der erfolgreichsten Posts auf LinkedIn dreht sich um klassische Führungsaufgaben – Konflikte lösen, Teams motivieren oder ein Unternehmen aufbauen als eine introvertierte, zurückhaltende Persönlichkeit. Für Gründer sind diese Aufgaben meistens besonders herausfordernd und emotional. Meilensteine und, mit etwas zeitlichem Abstand, persönliche Learnings stoßen auf große Resonanz, weil sie ehrlich und authentisch sind. 

Produktinnovation und verkaufsfördernde Beiträge:
Um Aufträge über LinkedIn zu akquirieren, ist es essentiell, dass die Zielgruppe das Angebot kennt und versteht. Verkaufsfördernde Beiträge sind deshalb nicht mehr so verpönt, wie noch vor einigen Jahren – doch sie sollten so gemacht sein, dass der Kundennutzen im Vordergrund steht. Anders als in anderen sozialen Netzwerken gibt es auf LinkedIn eine Reihe an Formatmöglichkeiten, um direkte Interaktion und hohes Engagement mit Zielgruppen zu fördern. Dazu zählen zum Beispiel Umfragen und Slideshows. Auf diese Art und Weise ist es einfach, sowohl qualifiziertes Markt-Feedback als auch direkte Kontaktmöglichkeiten zu Zielkunden zu erhalten. 

Akquise und Vertrieb für KMU auf LinkedIn

Im B2B läuft die Kontaktanbahnung über das persönliche Netzwerk, Messen, Call Center oder Vertriebspartner. Die Akquise ist sehr kosten- und zeitintensiv und Ergebnisse sind wenig planbar. Social Selling auf LinkedIn heißt nicht, Content zu posten und zu warten, bis nach sechs Monaten eine Anfrage im Postfach landet. Der LinkedIn Algorithmus spielt Beiträge nicht sofort an alle Follower gleichzeitig aus. Durch die direkte Ansprache potentieller Zielkunden wird im Social Selling sichergestellt, dass die Zielgruppe das Angebot kennt und sofort darauf reagieren kann.  

Die wichtigsten KPIs für Vertrieb und Akquise auf LinkedIn sind:  

  • Vernetzungsquote  (wie viele Kontaktanfragen angenommen werden)
  • Responserate (wie viele Antworten man auf Nachrichten erhält)
  • Response to Interest Rate (mit wie vielen von denen, die antworten, ein Gespräch zustande kommt)

Damit diese KPIs zustande kommen, braucht es sehr gutes und aktuelles Wissen über die Zielgruppe sowie eine inhaltlich nachvollziehbare, authentische LinkedIn Strategie. 

Wie kommen Gründer und KMU zu einer passenden LinkedIn Strategie? 

Gründer und kleine Unternehmen stehen oft vor der Frage, wie sie eine wirkungsvolle LinkedIn-Strategie aufbauen – gerade dann, wenn interne Ressourcen fehlen.

Punktuelle Workshops greifen in der Regel zu kurz: Sie bieten zu wenig Tiefe, um ein Verständnis zu erlangen, wie Zielgruppen über LinkedIn angesprochen werden und um eine tragfähige Strategie zu entwickeln. 

Der nachhaltigste Weg führt über ein individuelles Training für Gründer und ihr Team, idealerweise über einen Zeitraum von vier bis sechs Monaten. Im Fokus steht dabei das Unternehmen selbst – seine Positionierung, seine Botschaft, seine Menschen. Offene Gruppentrainings können diesen Anspruch nicht erfüllen, da sie keinen Raum für individuelle Beratung lassen und ausschließlich auf die Eigeninitiative der Teilnehmenden setzen. Um das LinkedIn Profil einer Gründerpersönlichkeit professionell aufzusetzen und eine aufmerksamkeitsstarke Content-Strategie zu entwickeln, braucht es strategische PR-Expertise. Eine LinkedIn-CEO-Beratung bringt genau das mit. Das Ergebnis: Wirkung statt Werbung durch aktive Follower anstelle anonymer Anzeigen. 

Fazit: LinkedIn ist längst kein „Facebook für Business“ mehr – sondern ein mächtiges Werkzeug, das echten Business Value erzeugt. Die Frage ist nicht, ob sich LinkedIn für KMU lohnt, sondern wie schnell inhabergeführte Unternehmen anfangen, sich LinkedIn-Know-how anzueignen und umzusetzen. 

Foto @ Alexander Mertsch

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder

Wie ein digitales Schloss den Strandkorb revolutioniert

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strandbutler strandkorb team bild am strand im strandkorb


Das Hamburger Start-up Strandbutler digitalisiert die Vermietung von Strandkörben. Im Interview erklärt Bernhard Sourdeau, Co-Founder und Mitinhaber, wie das System funktioniert, was Kunden und Betreiber am meisten an der Lösung schätzen – und wie wichtig Vertrauen bei der Einführung digitaler Lösungen ist

Wie ist die Idee zu Strandbutler entstanden und wer sind die Köpfe hinter dem Unternehmen?

Bernhard Sourdeau: Die Idee zu Strandbutler entstand direkt am Meer. An einem lauen Sommerabend hatten wir keine Möglichkeit, einen freien, aber verschlossenen Strandkorb für ein paar Stunden zu mieten. Wir haben dann gesehen, wie viel Potenzial in einer modernen, digitalen Lösung für die Strandkorbvermietung steckt – und wie viel Reibung es im bisherigen System gab: lange Warteschlangen, keine Übersicht über freie Körbe, keine Flexibilität bei der Buchung.
Zu Strandbutler: Wir sind mehrere Gründer und Gesellschafter und kommen aus verschiedenen Bereichen – Softwareentwicklung, Ingenieurwesen und Betriebswirtschaft. Wir bringen unsere Kompetenzen gezielt zusammen, um die Digitalisierung an der Küste voranzutreiben.

Was war für euch ausschlaggebend, die Strandkorbvermietung zu digitalisieren?

Ausschlaggebend war für uns der Wunsch, Urlaubern ein zeitgemäßes, komfortables Buchungserlebnis zu bieten – und gleichzeitig den Vermietern die Arbeit zu erleichtern. Viele Prozesse waren noch papierbasiert und sehr personalintensiv. Mit Strandbutler wollten wir einen einfachen, verlässlichen und skalierbaren Weg schaffen, Strandkörbe effizient zu vermieten.

Welche Vision verfolgt Strandbutler und wie soll sie in den kommenden Jahren Realität werden?

Unsere Vision ist es, den Strandurlaub smarter zu machen – für alle Beteiligten. Wir wollen, dass jeder Gast spontan und bequem seinen Lieblingsplatz am Meer findet und bucht – per App oder Web. Derzeit kommt unsere Lösung bereits an mehr als 70 Standorten zwischen Cuxhaven und Warnemünde mit insgesamt etwa 10.000 Strandkörben zum Einsatz. In den nächsten Jahren wollen wir weitere Küstenorte anbinden, die Funktionalitäten der Plattform ausbauen und die Integration mit lokalen Touristik-Systemen vertiefen. Unser Ziel: Die intelligente Infrastruktur für den digitalen Strand der Zukunft.

Was unterscheidet eure Lösung konkret von klassischen Vermietungsmodellen am Strand?

Strandbutler ist vollständig digital: Vom Check-in bis zur Bezahlung läuft alles mobil oder online. Gäste sehen in Echtzeit, welche Körbe frei sind, können Wunschplätze auswählen und zahlen kontaktlos. Für Vermieter bedeutet das: weniger Aufwand, weniger Fehler, mehr Zeit für Service. Und das alles ohne aufwändige Technik vor Ort – unser System funktioniert mit QR-Codes und digitalen, aber mit jedem Strandkorb kompatiblen Schlössern.

Wie reagiert ihr auf technische Herausforderungen wie Netzabdeckung oder Nutzerfreundlichkeit?

Die Nutzeroberfläche ist bewusst einfach und intuitiv gestaltet – sowohl für Gäste als auch für Vermieter. Das Öffnen der digitalen Schlösser findet komplett ohne Internetverbindung statt und für Lösungen rund um die Infrastruktur haben wir zudem die Telekom als starken Partner an der Seite. Zudem steht unser Support-Team bereit, wenn mal etwas hakt – und wir verbessern die Plattform laufend mit echtem Nutzerfeedback.

Wie profitieren die Zielgruppen konkret von der Lösung?

Urlauber profitieren von Komfort, Transparenz und Flexibilität. Vermieter wiederum erhalten ein starkes Werkzeug, um ihre Strandkörbe effizient zu verwalten, Umsätze zu steigern und ihre Kundschaft besser kennenzulernen. Letztlich schaffen wir eine Win-win-Situation für alle Seiten – und auch die Kurverwaltungen profitieren von einem moderneren, digitalisierten Tourismusangebot.

Wie sieht die Zusammenarbeit mit lokalen Strandkorbvermietern aus?

Die Zusammenarbeit ist partnerschaftlich und individuell. Wir verstehen die Besonderheiten jedes Strandes und passen unsere Lösung entsprechend an. Vermieter behalten jederzeit die volle Kontrolle über ihre Preise, Standorte und Buchungskapazitäten. Zudem unterstützen wir sie bei der Einführung, Schulung und im laufenden Betrieb. Uns ist wichtig, dass sich niemand „überrollt“ fühlt. Wir setzen auf Dialog statt auf Druck.

Gab es Widerstände bei der Einführung eurer Technologie vor Ort – und wenn ja, wie seid ihr damit umgegangen?

Natürlich gab es anfangs auch Skepsis – vor allem gegenüber der Technik oder der Angst vor Veränderungen. Unser Ansatz war: zuhören, erklären, gemeinsam Lösungen finden. Wir haben gezeigt, dass unsere Technologie kein Ersatz für lokale Akteure ist, sondern ein Werkzeug, das ihre Arbeit erleichtert und die Kundenzufriedenheit steigert. Oft waren es die positiven Rückmeldungen der Gäste, die dann auch die letzten Zweifler überzeugt haben.

Welche Funktionen der App kommen bei den Nutzern besonders gut an?

Die Live-Karten mit den verfügbaren Körben sind besonders beliebt – niemand möchte im Urlaub lange suchen. Auch die Möglichkeit, direkt am Strand spontan per Smartphone zu buchen, kommt sehr gut an. Wiederkehrende Gäste schätzen zudem die einfache Wiederbuchung ihres Lieblingskorbs. Und Familien mögen es, dass man mehrere Körbe auf einmal organisieren kann.

Welche Entwicklungen oder neuen Features plant ihr für die nächste Saison?

Wir arbeiten an einer besseren Integration mit regionalen Kurkarten-Systemen und werden das digitale Schloss noch stärker in den Buchungsprozess integrieren. Zudem gibt es auch erste Anwendungsfälle außerhalb der Strandkorbvermietung, denn das digitale Schloss kann durch seine Robustheit auch in vielen weiteren Bereichen verwendet werden. Zukünftige Chipgenerationen ermöglichen zum Beispiel die Integration von Satellitenverbindungen und damit den Einsatz auf hoher See, etwa auf Kreuzfahrtschiffen.

Was war bisher euer größter unternehmerischer Lernmoment mit Strandbutler?

Dass Digitalisierung im Tourismus viel mit Vertrauen zu tun hat. Technik allein reicht nicht – man muss die Menschen mitnehmen, ihnen zuhören, Lösungen gemeinsam entwickeln. Es ist ein Prozess, kein Sprint. Aber wenn man diesen Weg konsequent geht, ist der Rückhalt enorm.

Welche drei Tipps würdet ihr anderen Gründern mit auf den Weg geben?

  1. Testet früh – und verbessert stetig. Nutzerfeedback ist wertvoller als jede PowerPoint-Präsentation.
  2. Habt Geduld und bleibt dran. Besonders im öffentlichen Raum braucht Veränderung Zeit – aber sie ist möglich.
  3. Denkt vom Problem her, nicht von der Technik. Die beste Lösung für euer Problem ist nicht unbedingt immer auch die technisch bestmögliche.

Wie kam es zur Partnerschaft mit der Telekom – und was war euch dabei besonders wichtig?

Die Zusammenarbeit mit der Telekom entstand aus einer Anfrage bezüglich der Konnektivität unserer Schlösser. Was als Anfrage eines Start-ups an einen großen Konzern gestartet ist, hat sich zu einer umfangreichen Zusammenarbeit bei der Entwicklung unseres Schlosses entwickelt. Wichtig war uns, dass wir das Produkt nach unseren eigenen Anforderungen und Ideen entwickeln konnten und die Produkte der Telekom sich darin integrieren lassen. Das konnten wir dank der nuSIM, einer digitalen integrierten SIM für IoT-Geräte, perfekt umsetzen.

Was hat euch an der IoT-Lösung der Telekom besonders überzeugt – zum Beispiel im Vergleich zu anderen Anbietern?

Die IoT-Lösung der Telekom hat uns vor allem durch ihre Stabilität und Energieeffizienz überzeugt. Die verwendete Narrowband-IoT-Technologie (NB-IoT) ermöglicht es uns, unsere digitalen Strandkorbmodule mit minimalem Energieverbrauch über Monate hinweg zu betreiben – ohne Stromanschluss am Strand. Gleichzeitig bietet die Telekom ein deutschlandweites, gut ausgebautes Netz, was für unsere Skalierungspläne entlang der Küsten essenziell ist. Im Vergleich zu anderen Anbietern stach hier insbesondere die Flexibilität und Anpassungsfähigkeit der Telekom hervor.

Gab es bei der Umsetzung mit Telekom IoT einen besonderen Aha-Moment oder eine Herausforderung, die ihr gemeinsam gelöst habt?

Da die Technologie zu Beginn unserer Zusammenarbeit noch nicht in Serienproduktion war, mussten wir gemeinsam einige Lösungen für unvorhergesehene Probleme finden. Die Kommunikation mit der Telekom und ihren Partnern war hier aber sehr unkompliziert, sodass wir diese Herausforderungen gemeinsam meistern konnten.

Bild: Gründerteambild ©Synthflow AI

Wir bedanken uns bei Bernhard Sourdeau für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.

Wie kann Technologie unsere Gebäude intelligenter und effizienter machen?

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Bisly: Gebäudeautomation effizient gestalten und Kosten senken Bild: Teambild © Bisly

Bisly entwickelt intelligente Gebäudeautomationslösungen, die Kosten senken, Energie sparen und den Einsatz von Automatisierung massentauglich machen

Welche Idee und welches Ziel waren der Ausgangspunkt von Bisly, und wie hat sich das Unternehmen seitdem entwickelt?

Die Gründung des Unternehmens basiert auf den praktischen Erfahrungen von Ants Vill, einem der Mitgründer und CEOs, aus seiner Tätigkeit in der Gebäudeautomationsbranche. In seinem ersten Unternehmen Delta E lag der Schwerpunkt auf der Gebäudeautomationsintegration auf Basis der Hardware etablierter Anbieter. Irgendwann erkannte man, dass die Kosten in fast jedem Projekt zu 20 % aus der Hardware und zu 80 % aus den Gemeinkosten bestehen. Diese reichen vom technischen Vertrieb und der Projekterstellung über die Hardwarekonfiguration und -installation bis hin zur Programmierung des Gebäudebetriebssystems sowie der Einrichtung von Gebäudeleitsystemen und Benutzeranwendungen.

Aus den 80 % der nicht wertschöpfenden, aber notwendigen Kosten für Altsysteme entstand die Idee von Bisly. Bisly integriert seine Hardware nahtlos in Geräte und Anlagen von Drittanbietern, verfolgt aber zunächst einen deutlich anderen Ansatz. Im ersten Schritt wird der digitale Zwilling des Gebäudes auf der Bisly-Plattform erstellt. Dadurch kann praktisch jeder mit minimalen Kenntnissen in der Gebäudeautomation mit dem Zwilling interagieren und ihn kompilieren. Darauf aufbauend wird ein Verkaufsangebot erstellt, das nach Erhalt als Grundlage für die programmgesteuerte Erstellung eines standardisierten Gebäudebetriebssystems dient. Die Installation erfolgt schnell und einfach mit der Installationsanwendung.

QR-Codes werden zum Scannen und Verbinden von Geräten mit dem System verwendet.

Nach dem Einschalten „sehen“ BMS und Benutzeranwendung das nun automatisierte Gebäude und geben den Nutzern die Kontrolle über ihre spezifischen Bedürfnisse. Da unsere Systeme lokal betrieben, aber mit der Cloud verbunden sind, können wir 99 % der Probleme (falls vorhanden) per Fernzugriff aktualisieren, warten und beheben und gleichzeitig sicherstellen, dass alle Integrationen mit Geräten von Drittanbietern auf dem neuesten Stand sind. Durch unser einzigartiges und patentiertes Modell senken wir die Kosten und erhöhen die Zuverlässigkeit – zwei Hauptprobleme, mit denen der Markt bei Altsystemen konfrontiert ist und die die breite Einführung von Automatisierung behindern.

Bisly-Automatisierungssysteme sind im Vergleich zu anderen 30–50 % günstiger, da wir die nicht wertschöpfenden, aber notwendigen Aktivitäten zur Einrichtung der Gebäudeautomation reduziert und automatisiert haben. Für die Einrichtung von Bisly ist weder Programmierung noch Code erforderlich.

Inzwischen sind wir Marktführer in Estland und haben unsere Position auf das Baltikum ausgeweitet. Im vergangenen Jahr sind wir in den deutschen und britischen Markt eingestiegen und eröffnen nun unsere Niederlassungen in Polen. Darüber hinaus entwickeln wir unser Hard- und Software-Portfolio kontinuierlich weiter, um KI-basierte Automatisierungen und damit Energieeinsparungen zu ermöglichen.

Wer steckt hinter Bisly und welche Erfahrungen bringen sie in das Unternehmen ein?

Wir haben vier Mitgründer: Mihkel, Siim, Jaanus und mich selbst. Meine Erfahrungen mit Bisly wurden oben bereits beschrieben. Nach DeltaE und vor der Mitgründung von Bisly war ich einer der ersten bei Skeleton Technologies (Skalierung von Energiespeichern). Dort habe ich als Geschäftsführer (COO und später CCO) die Betriebs- und Entwicklungsteams aufgebaut und geleitet. Später habe ich mich auf die Markteinführung konzentriert. Mihkel verfügt über umfassende Erfahrung im Bereich Hardwareprodukte und war der wichtigste Ansprechpartner für Kunden, der uns bei der Entwicklung unserer Hardware unterstützt hat.

Siim gründete das an der Nasdaq notierte Unternehmen Modera, das sich auf die Modernisierung und Optimierung des Pkw-Vertriebs konzentriert und mit großen Namen wie Nissan, Renault und anderen zusammenarbeitet. Seine Idee war die Entwicklung eines Gebäudekonfigurators auf Basis digitaler Zwillinge, eine Idee, die aus der Automobilindustrie und der Standardisierung stammt. Jaanus ist unser technischer Mitgründer, der in der Seed-Phase fast allein für die Entwicklung wesentlicher Teile des Produkts verantwortlich war. Ein hervorragender Programmierer.

Wie sieht Bislys Vision für die Zukunft der Gebäudeautomation aus, und welche Schritte führen dorthin?

Gebäudeautomation spart nachweislich Energie. Tatsächlich ist es fünf- bis sechsmal günstiger, mit Bisly-Gebäudeautomation eine Tonne CO2 einzusparen, als beispielsweise die Elektrifizierung des Verkehrssektors. Kunden und Investoren suchen heute nach Produkten, die den Klimawandel bekämpfen und bereits heute Wirkung zeigen. Der Grund, warum Gebäudeautomation in 95 % der Gebäude nicht zum Einsatz kommt, sind die hohen Kosten und die geringe Zuverlässigkeit. Ähnlich wie Bolt, der zwar nicht den Taxiservice erfunden, aber durch Technologie die Qualität und Verfügbarkeit durch Kostensenkung gesteigert hat, hat Bisly die Gebäudeautomation zwar nicht erfunden, aber unsere Plattform macht sie erschwinglich, zuverlässig und damit massentauglich. Die Entwicklung ist eng mit Innovationen aus der Entwicklung KI- und ML-basierter Modelle verknüpft. Genau darauf konzentrieren wir uns bei Bisly, da dies weitere Einsparungen und eine höhere Benutzerfreundlichkeit ermöglicht.

Welche konkrete Rolle spielt die KI-basierte Technologie von Bisly beim Energiesparen?

KI (oder ML) spielt in Gebäudeautomationssystemen zwei Hauptrollen. Erstens: Die auf dem Markt erhältlichen Gebäudeautomationssysteme sind recht schwierig zu bedienen: Die Fülle an Menüs, Einstellungen und Parametern kann schnell sehr komplex werden. KI-Tools (wie sie Bisly mit dem neuen Kapital entwickeln möchte) dienen als Schnittstelle zu den Nutzern und ermöglichen es, das Gebäudemanagementsystem (GLT) mit einem bestimmten Problem, Auftrag oder einer Frage zu kontaktieren, die der KI-Agent innerhalb der systemweit zulässigen Parameter lösen kann.

KI/ML kann in Gebäuden auch dazu eingesetzt werden, Abhängigkeiten innerhalb des GLT zu erkennen, zu finden und zu visualisieren oder sogar selbstständig Entscheidungen basierend auf prognostizierten Energiepreisen, Belegung, Wetter usw. zu treffen, um Energie zu sparen. Im Wesentlichen ermöglicht KI den Übergang von einem statischen Gebäudemanagement (mit linearen Regeln, die sich ändernde externe oder interne Faktoren nicht berücksichtigen) zu einem dynamischen.

Wie gelingt es, technische Innovation mit Benutzerfreundlichkeit in Einklang zu bringen?

Technische Innovation muss Energieeinsparungen ermöglichen, doch die meisten haben nicht erkannt, dass Benutzerfreundlichkeit genauso wichtig ist. Man kann ein hochmodernes Gebäudemanagementsystem (GAS) eines etablierten Konkurrenten haben, aber ohne Kenntnisse seiner Bedienung lässt sich das volle Potenzial der Automatisierung nicht ausschöpfen. Aus diesem Grund konzentrieren wir uns auch auf die KI-basierte Anbindung der Gebäudeautomation, um sicherzustellen, dass die Nutzer die Systeme optimal steuern können.

Welche Herausforderungen mussten Sie bisher bei der Expansion in die DACH-Region meistern?

Da viele unserer Teammitglieder, darunter auch unser deutsches Team, Erfahrung in der DACH-Region haben, sehen wir keine großen Hürden, da wir den Markt gut kennen. Deutschland ist zudem einer der etabliertesten Automatisierungsmärkte mit einem beträchtlichen Gesamtmarkt. Nachdem ich früher einige Fabriken in Deutschland aufgebaut und viele Jahre dort gelebt habe, fühle ich mich sowohl in Deutschland als auch in der DACH-Region sehr wohl. Darüber hinaus haben uns unsere Investoren von Aconterra beim strategischen Brückenbau unterstützt, um die richtigen Kontakte zu finden.

Was unterscheidet die Lösungen von Bisly von anderen Anbietern auf dem Markt?

Siehe Frage 1. Im Wesentlichen ermöglicht unsere Plattform, dass unsere Automatisierung 30–50 % günstiger ist als die der Konkurrenz und gleichzeitig vollwertige BMS-Funktionalität und hohe Zuverlässigkeit bietet.

Wie reagieren Investoren und Partner auf Ihr Konzept für die nachhaltige Transformation des Gebäudesektors?

Ich würde sagen, dass die Anforderungen auf EU-Ebene definiert wurden (Gebäude mit einer installierten HLK-Leistung von >290 kW benötigen Automatisierung und Gebäudeleittechnik). Da Automatisierung bis zu 40 % Energieeinsparungen ermöglicht, wird sie sehr gut angenommen. Unsere Systemkosten für neu gebaute Mehrfamilienhäuser entsprechen denen für eigenständige Steuerungssysteme (Thermostate, Fernbedienungen, Zugangssysteme, Sensoren). Daher können wir unseren Kunden in neu gebauten Wohngebäuden versprechen, dass sie, wenn sie die alten Steuerungen weglassen und stattdessen Bisly installieren, keine Kosten verursachen und gleichzeitig alle Vorteile eines vollautomatischen Systems nutzen können.

Auf welche Märkte oder Kundensegmente möchten Sie sich in den kommenden Jahren besonders konzentrieren?

Wir sind mit dem anspruchsvollsten Segment, den neu gebauten Wohngebäuden, gestartet. Die Herausforderung besteht darin, dass jeder Wohnungsbewohner Bisly direkt nutzt – wir haben also pro Gebäude eine ganze Reihe von Nutzern. Zweitens sind die Menschen in der Regel strenger, was das Geschehen in ihren Häusern angeht, während sie im gewerblichen Bereich nachsichtiger sind. Die Entwicklung und Markteinführung dieses Produkts hat unser hohes Qualitätsniveau sichergestellt. Nun planen wir, uns auf den gewerblichen und den allgemeinen Nicht-Wohnbereich zu konzentrieren.

Was Kunden betrifft, konzentrierten wir uns bisher auf den Direktvertrieb an Bauträger und Bauunternehmen. Im letzten Jahr haben wir jedoch eine radikale Neuausrichtung unseres Marktmodells vollzogen und konzentrieren uns nun auf Partner, um das Geschäft zu skalieren. Daher haben wir unser Partnernetzwerk (IoT-Unternehmen, Automatisierungsintegratoren, Elektroinstallationsunternehmen) aufgebaut und werden dies auch weiterhin tun, um zertifiziert, geschult und befähigt zu werden, unsere Produkte in den Zielmärkten zu verkaufen. Zu unseren Partnern zählen bereits größere Unternehmen wie ATEA, Hansab und Onninen – und wir haben eine Vielzahl weiterer.

Welche weiteren Entwicklungen oder Produktinnovationen können wir in naher Zukunft erwarten?

Wir verstärken die KI-/ML-gestützten Verbesserungen unseres Portfolios und unserer Plattform und entwickeln gleichzeitig eine zuverlässige, in unsere bestehenden Produkte integrierte Wireless-Produktlinie, um den vielfältigen Anforderungen unterschiedlicher Gebäude noch besser gerecht zu werden.

Welche drei Ratschläge würden Sie jungen Gründern geben, die mit nachhaltigen Technologien beginnen möchten?

Lieber ein kleineres Team aus Spitzenkräften als ein großes Team mit durchschnittlichen Talenten.
Konzentrieren Sie sich auf Produkte, die ein echtes und konkretes Problem lösen (nicht rein regulatorisch bedingt oder „nice to have“) – typischerweise ausgerichtet auf Megatrends der Zukunft (wie man die Welt ernährt, wie man die Welt mit Energie versorgt, wie man sie verteidigt usw.).
Umgeben Sie sich beim Aufbau eines Unternehmens mit einem Team, das die gleiche Unternehmenskultur teilt, und Sie werden schneller vorankommen.

Was motiviert Sie persönlich, trotz wirtschaftlicher und geopolitischer Herausforderungen an Ihrer Vision festzuhalten?

Auch in wirtschaftliche und politisch turbulenten Zeiten erwärmt sich das Klima unaufhörlich, und wir müssen etwas tun! Das vergangene Jahr war erneut das heißeste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Echte Lösungen für aktuelle Probleme im Bereich Greentech werden dazu beitragen, sowohl die Energiekosten als auch den Energiebedarf zu senken und den Klimawandel zu bekämpfen. Diese Ressourcen können dann zur Finanzierung von Technologien genutzt werden, die Lösungen für geopolitische Herausforderungen bieten oder für den Betrieb von KI-Rechenzentren benötigt werden. Es handelt sich also um ein Ökosystem, in dem jeder seinen Beitrag leisten muss, um Synergien zu schaffen.

Bild: Teambild © Bisly

Wir bedanken uns bei Ants Vill für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.

Facebooks Professional Mode: Monetarisierung mit angezogener Handbremse

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Mit dem Facebook Professional Mode können Creator Reichweite in Einnahmen verwandeln – durch Reels, Abos, Werbung und digitale Geschenke. Anett Sass Professionistas

Mit dem Professional Mode will Facebook persönliche Profile zur Einnahmequelle machen – doch Zugang, Reichweite und Sichtbarkeit bleiben schwer kalkulierbar

Facebook hat mit dem Professional Mode eine Monetarisierungsfunktion eingeführt, die klassische Profile in Creator-Accounts verwandelt. Reels-Boni, Werbung, Abonnements und virtuelle Geschenke sollen neue Anreize schaffen – insbesondere für Einzelpersonen, die Inhalte professionell erstellen und diese wirtschaftlich nutzen wollen.

Während der Modus in den USA bereits breitflächig mit großem Erfolg eingesetzt wird, ist er in Deutschland kaum präsent – weder bei den Creators noch in Agenturen oder Marketingstrategien. Es geht dabei längst nicht mehr nur um reine technische Funktionen, sondern entscheidend ist eine andere Frage: Was darf auf der Plattform sichtbar sein und was nicht?

Dieser Artikel zeigt, warum Facebooks Professional Mode bislang unterschätzt wird und wie Unternehmen, Creators und Content-Anbieter mit der Kombination aus Plattformlogik und Monetarisierungsfunktionen ungenutzte Potenziale ausschöpfen können.

Von der Plattform zur Einnahmequelle: Facebooks neues Selbstverständnis

Plattformen wie TikTok, YouTube und Instagram haben gezeigt, dass man nicht nur Inhalte, sondern auch die Infrastruktur dahinter zum Geschäftsmodell entwickeln kann. Wer Reichweite aufbaut, kann daraus direkt Einnahmen generieren, sei es über Werbung, Kooperationen oder eigene Angebote. Die so genannte Creator Economy basiert auf genau dieser Logik, dass sich Reichweite in Einnahmen umwandeln lässt.

Facebooks „Professional Mode“, eingeführt 2021, ist daher ein Versuch, in diesen Markt einzusteigen – zwar spät, aber strategisch. Das Ziel besteht darin, private Profile in professionell nutzbare Accounts zu überführen und damit neue Monetarisierungsmodelle zu erschließen.

Facebooks Monetarisierungsmodelle: Ein Mix aus bewährten Strategien

Mit dem „Professional Mode“ bündelt Meta verschiedene Monetarisierungsansätze, die sich auf anderen Plattformen bereits bewährt haben: Bonuszahlungen für Reels nach TikTok-Vorbild, In-Stream-Werbung ähnlich wie bei YouTube, Bezahlabos wie bei Patreon und digitale Geschenke („Stars“), bekannt von Twitch.

Das klingt nach einem flexiblen Ertragsmodell – nicht nur für klassische Influencer, sondern auch für Coaches, Selbstständige oder Kreative, die bereits eine Community aufgebaut haben. Entscheidend ist allerdings, ob der Zugang zu den Funktionen freigeschaltet ist und ob sie strategisch sinnvoll eingesetzt werden. Oder wie Creator-Strategin Joëlle Fröhlich es treffend formuliert: „Die Creator Economy ist ein Business-Modell – kein kreativer Freiraum. Wer erfolgreich sein will, muss Plattformlogiken verstehen und bedienen.“

Einblicke in die Praxis: So wird aus einem Profil ein Creator-Tool

Der Professional Mode wandelt ein privates Facebook-Profil in ein Creator-Profil mit einer erweiterten Analyse- und Monetarisierungsfunktionen um. Internationale Beispiele wie Drex Lee oder LadBaby zeigen, dass sich über Reels, Livestreams und Bonusprogramme relevante Reichweiten und Einnahmen erzielen lassen. Meta selbst nennt im Zusammenhang mit dem Reels Play Bonus Program potenzielle Einnahmen von bis zu 35.000 US-Dollar monatlich.

Diese Beträge gelten allerdings nur für eine klar begrenzte, vorab ausgewählte Creator-Gruppe. Realistische Erfahrungswerte – aus der Praxis und von Creator-Plattformen – sprechen von 1.000 bis 1.200 US-Dollar monatlich bei regelmäßigem Content und hoher Aktivität. Zusätzliche Einnahmen stammen aus digitalen „Stars“ (1 Cent pro Star), Abonnements im Bereich von 4,99 bis 19,99 US-Dollar sowie Werbeerträgen, die stark von Reichweite und Zielgruppeninteraktion abhängig sind.

Hohes Potenzial, aber auch hohe Intransparenz

Trotz der angebotenen Funktionen bleibt die Monetarisierung auf Facebook schwer durchschaubar. Einige Tools, wie etwa Bonusprogramme, stehen lediglich in ausgewählten Regionen zur Verfügung oder lassen sich nur auf Einladung von Facebook freigeschalten. Selbst Creators mit hoher Reichweite oder starkem Community-Engagement berichten immer wieder, dass ihnen der Zugang verwehrt bleibt. In Reddit-Beiträgen wird regelmäßig deutlich: Wer den Professional Mode aktiv nutzen will, stößt schnell an Grenzen – wann und warum bestimmte Funktionen aktiviert werden, bleibt den Usern unklar.

Meta verrät weder, nach welchen Kriterien der Zugang vergeben wird, noch wann oder wie man ihn bekommt. Für professionell arbeitende Creators stellt das ein strukturelles Problem dar, denn strategische Planung wird dadurch erschwert oder schier unmöglich. Für Agenturen oder Marken, die Creator-Kampagnen langfristig aufsetzen wollen, fehlen zentrale Planungsgrundlagen.

Dieses Spannungsverhältnis zwischen technischer Monetarisierung und inhaltlicher Einschränkung zieht sich durch alle Erfahrungsberichte, insbesondere bei Inhalten, die emotional, körpernah oder visuell stark inszeniert sind.

Zwischen Nähe und Regelwerk: Eine Plattform mit Widersprüchen

Facebook setzt in seinen Community Standards klare Grenzen: Inhalte sollen markensicher bleiben. Nacktheit, körperbetonte Darstellungen sowie sexuelle Anspielungen sind mit Blick auf Werbekunden und die öffentliche Wahrnehmung streng reguliert. Zugleich zielt der Professional Mode jedoch genau auf jene Mechanismen, die Nähe, Persönlichkeit und Community-Bindung fördern.

In der Umsetzung zeigt sich ein deutliches Ungleichgewicht. Inhalte, die Nähe herstellen – beispielsweise durch persönliche Geschichten, körperbetonte Inszenierungen oder bestimmte ästhetische Codes – verlieren plötzlich an Sichtbarkeit, obwohl sie nicht gegen die offiziellen Richtlinien verstoßen. Creator berichten von deaktivierten Funktionen, zurückgestuften Beiträgen oder unerklärlichem Reichweitenverlust. Hiervon betroffen sind nicht nur sexualisierte Inhalte, sondern auch bestimmte Hashtags, Bildsprachen oder Formulierungen, die vom System offenbar als „sensibel“ bewertet werden, ohne dass die Kriterien nachvollziehbar sind.

In den USA hat sich daraus ein pragmatischer Umgang entwickelt. Der Professional Mode dient dort seltener der Monetarisierung auf Facebook selbst, sondern wird gezielt als Reichweiteninstrument innerhalb einer plattformübergreifenden Strategie eingesetzt mit dem Ziel, Nutzer:innen auf externe Angebote wie Patreon oder OnlyFans zu lenken.

Was dabei jedoch auffällig ist, ist die Tatsache, dass die Plattform mit ähnlichen Inhalten nicht immer gleich umgeht.

Es gibt Profile, die stark mit erotischer Selbstinszenierung arbeiten – teils sogar mit KI-generierten Bildern – und trotzdem hohe Reichweiten erzielen. Solange die Interaktionen stimmen, scheint dies toleriert zu werden. Andere, kleinere Accounts mit ähnlichem Content wiederum, die weniger Sichtbarkeit aufweisen, berichten hingegen von Sperrungen oder Einschränkungen. Die Performance scheint mehr zu zählen als die Einhaltung der Regeln.

In einschlägigen Creator-Foren ist genau das ein wiederkehrendes Thema. Ein Nutzer bringt es auf Reddit so auf den Punkt: „Facebook is still one of the best traffic sources for adult creators – if you know how to play it safe.“

Für Creator und Marken entsteht dadurch ein Umfeld, das schwer einzuschätzen ist. Es gibt zwar Regeln, ihre Anwendung ist jedoch unklar. Sichtbarkeit ist möglich, aber nicht planbar. Monetarisierung wird angeboten, aber nicht verlässlich für alle gleichermaßen umgesetzt. Diese Unsicherheiten machen strategische Entscheidungen unnötig kompliziert.

Ein unterschätztes Spielfeld für beratende Formate

In Deutschland wird das Potenzial des Professional Mode bisher kaum ausgeschöpft. Mit rund 46,6 Millionen monatlich aktiven Nutzer:innen – das entspricht etwa 57 % der Gesamtbevölkerung – ist Facebook nach wie vor eine der reichweitenstärksten Plattformen in Deutschland. Rund 36 % dieser Nutzer:innen sind über 35 Jahre alt, also genau jene Zielgruppe, für die beratungsnahe Formate besonders relevant sind.

Aktuellen Erhebungen zufolge nutzen über 70 % der über 35-Jährigen Facebook regelmäßig – das macht den Professional Mode gerade für erklärungsintensive Inhalte besonders interessant. Ein Blick auf die Profile deutscher Coaches zeigt: Viele nutzen noch Privatprofile oder Business Pages, aber kaum jemand den Professional Mode. Dabei bleibt Facebook – trotz rückläufiger Nutzung in jungen Zielgruppen – für Menschen ab 35+ relevant. Genau in dieser Altersgruppe liegt jedoch das Potenzial für beratende Inhalte, komplexe Erklärformate oder die Verbindung aus Expertise und Community.

TikTok fokussiert Trends, Reaktion und Unterhaltung, wohingegen sich LinkedIn auf Positionierung, Networking und berufliche Sichtbarkeit spezialisiert. Facebook könnte sich als eine Plattform für Formate dazwischen positionieren: informativ, zugänglich, mit dauerhaftem Interesse statt kurzfristigem Hype (s. Tabelle). Das setzt allerdings voraus, dass auch beratende Inhalte unterstützt werden, sowohl algorithmisch als auch funktional. Bislang fehlt es hier jedoch an gezielter Ansprache durch Meta sowie an der Integration in Weiterbildungs- oder Medienstrategien von Kommunikationsverantwortlichen.

Vergleich zentraler Plattformstrategien in der Creator Economy

Zwischen TikTok und LinkedIn ist noch Platz – und Facebook könnte ihn füllen

Facebook stellt mit dem Professional Mode verschiedene Monetarisierungsfunktionen bereit, angefangen von Bonuszahlungen über Abonnements bis hin zu einem eigenen Analyse-Dashboard. Auf dem Papier lassen sich damit Community-Aufbau, Sichtbarkeit und Einnahmen miteinander verknüpfen. In der Umsetzung bleibt aber vieles unklar. Wer den Modus nutzen darf, nach welchen Kriterien der Zugang vergeben wird und welche Zielgruppen damit eigentlich angesprochen werden sollen, ist nicht transparent.

Auch in der Kommunikationsbranche wird das Thema bislang kaum aufgegriffen. Dabei steckt genau hier Potenzial – sowohl für Creator, die Facebook gezielt in ihre Plattformstrategie integrieren möchten, als auch für Marken, die langfristig auf Communitybindung statt kurzfristiger Reichweite setzen.

Was Marketer über den Facebook Professional Mode wissen sollten:

Fotografin Andrea Heinsohn

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.

Kultur, die mitwächst – Warum Startups ihre Wertearbeit nicht aufschieben dürfen

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Kultur als Erfolgsfaktor: Wie Startups gesund wachsen marie stravs autorin

Von der Vision zur Wirklichkeit – mit Kultur als Kompass

Was erfolgreiche Startups auszeichnet, ist nicht nur eine brillante Idee oder disruptive Technologie. Es ist vor allem die Kraft, ein Team auf eine gemeinsame Mission einzuschwören. Doch diese Kraft ist kein Selbstläufer: Sie lebt von Kultur. Kultur ist das unsichtbare Betriebssystem jedes Startups – sie entscheidet darüber, wie wir Entscheidungen treffen, Konflikte lösen, Neues wagen oder mit Druck umgehen.
Startups sind per Definition in Bewegung. Doch genau deshalb brauchen sie Klarheit über das, was sie zusammenhält. Und: Sie brauchen Werkzeuge, um diese Kultur bewusst weiterzuentwickeln, wenn sich das Unternehmen wandelt. Hier kommen die 9 Levels of Value Systems ins Spiel.

Studienlage: Warum Kultur für Startups über Erfolg oder Scheitern entscheidet

Laut der Gallup Studie Deutschland 2024 scheitern viele junge Unternehmen nicht an mangelnder Finanzierung, sondern an internen Spannungen, fehlendem Commitment und unklaren kulturellen Regeln. Nur 9% der Mitarbeitenden in Deutschland fühlen sich emotional an ihren Arbeitgeber gebunden. Gerade in Startups mit hoher Unsicherheit ist kulturelle Bindung ein Wettbewerbsvorteil.
Die Studie der Frankfurt School & DLR (2023) zeigt: Wer erfolgreich skalieren will, braucht eine Kultur, die Lernbereitschaft, Beteiligung und Feedback fördert. Gerade Startups, die sich schnell verändern, müssen kulturell adaptiv bleiben, sonst erstarren sie im eigenen Wachstum.
Eine BMAS-Studie zur Arbeitsqualität und Kultur (2022) belegt: Besonders junge Teams profitieren von klaren Wertehaltungen und partizipativen Strukturen. Diese steigern Innovationskraft, Resilienz und reduzieren Fluktuation deutlich.
ManagerSeminare (2023) bringt es auf den Punkt: Kultur ist nur wirksam, wenn sie nicht nur von Gründer:innen vorgelebt, sondern von allen mitgetragen wird. Kulturelles Alignment ist besonders in Wachstumsphasen entscheidend, wenn neue Mitarbeitende hinzukommen.

Die Herausforderung für Startups: Kulturphasen und Skalierungsfallen

Kultur ist nicht statisch. Was in der Gründungsphase hilfreich ist, kann in der Skalierung zum Problem werden. Viele Startups starten mit einem „Wir gegen den Rest der Welt“-Gefühl, leben flache Hierarchien, informelle Kommunikation und hohe Selbstverantwortung. Doch mit dem Wachstum steigen die Komplexität und die Anforderungen an Struktur, Klarheit und Rollen.
Ohne bewusste Kulturarbeit droht dann der Übergang zur sogenannten „verlorenen Mitte“ – zu viel Chaos für professionelle Abläufe, zu viel Kontrolle für Innovationsgeist. Die Folge: kulturelle Reibung, Identitätsverlust, hohe Fluktuation. Auch bei Wachstumsphasen ist oft das Einführen von Regeln und Prozessen elementar wichtig – wird aber oft als Spaßbremse oder als spießig angesehen.

Die 9 Levels of Value Systems: Kulturentwicklung entlang der Startup-Phasen

Das Modell der 9 Levels of Value Systems erlaubt es, diese Entwicklungen strukturiert zu erfassen und zu gestalten. Jeder Wertestufe beschreibt eine bestimmte Denk- und Handlungslogik, die auch typischerweise mit den Phasen eines Startups korrespondiert:

In der Gründungsphase dominieren Vision, Rebellion und Purpose – Werte, die den Ebenen Purpur und Rotzugeordnet sind. Es geht um emotionale Bindung, Mut und Pioniergeist.

Beim Markteintritt rücken Wettbewerb und Tempo in den Fokus. Neben der Tatkraft von Level Rot braucht es nun auch die strukturierende Kraft von Level Blau.

Mit dem Wachstum werden Prozesse, Rollen und Standards wichtiger. Level Blau sorgt für Ordnung, Level Orange bringt Leistungsorientierung und Innovationsdrang ins Spiel.

In der Skalierung wird Effizienz zentral – doch ohne Kulturpflege droht Entfremdung. Hier wirken Orange (Ergebnisse, Struktur) und Grün (Team, Vertrauen) gemeinsam stärkend.

Bei der Professionalisierung rücken Sinn, Nachhaltigkeit und Agilität in den Mittelpunkt. Level Grün fördert Zusammenhalt, Level Gelb bringt systemisches Denken und Flexibilität.

Mithilfe der 9-Levels-Darstellung können Startups ihre kulturelle Entwicklung bewusst begleiten. So wird klar, welche Werte gerade stärkend wirken – und welche eventuell im Weg stehen. Ein Beispiel: Wer in der Skalierung auf Level Rot -Logiken (Kontrolle, Macht) setzt, riskiert Demotivation und Fluktuation. Hier braucht es schlanke Prozesse und regeln, um das Wachstum zielgerichtet zu steuern.

Die 9 Levels of Value Systems: Kulturentwicklung entlang der Startup-Phasen grafik

Fazit: Kultur ist kein Projekt, sondern die Grundlage eures Wachstums

Startups wachsen nicht gegen ihre Kultur, sondern mit ihr. Wer Kultur von Anfang an reflektiert und weiterentwickelt, schafft nicht nur ein starkes Team, sondern legt den Grundstein für skalierbaren Erfolg.
Die 9 Levels of Value Systems helfen euch, eure Kultur sichtbar, evaluierbar und entwickelbar zu machen – über alle Phasen hinweg. Dabei geht es nicht um Schablonen, sondern um passende Werte zur richtigen Zeit.
„Kultur ist nicht das, was an der Wand hängt. Sie ist das, was in der Krise bleibt.“

Quellen:
Gallup Engagement Index Deutschland, 2024
Frankfurt School & DLR Studie: „Kultur als Erfolgsfaktor der Digitalisierung“, 2023
BMAS-Studie: „Unternehmenskultur, Arbeitsqualität und Mitarbeiterengagement“, 2022
ManagerSeminare: „Oben hui, unten pfui“, 2023
Wittig, S. & Krumm, R.: Organisationskultur. Gabal Verlag, 2023

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.

Wie viel Zeit kostet dich das Telefon?

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synthflow ai founding team

Synthflow AI entwickelt eine No-Code-Plattform für KI-gestützte Sprachassistenten, die Telefongespräche in Unternehmen automatisiert und rund um die Uhr verfügbar macht

Wie kam es zur Gründung von Synthflow AI und wer steckt hinter dem Unternehmen?

Mein Bruder Albert (CPO), Sassun Mirzakhan-Saky (CTO) und ich haben Synthflow AI gegründet. Wir haben vorher unterschiedliche Erfahrungen beim Aufbau von Start-Ups, als Unternehmensberater, aber auch bei KI-Projekten gemacht. Dabei haben wir beobachtet, wie schwer es Unternehmen fiel, KI einzuführen und zu nutzen.

Was war der ursprüngliche Impuls, sich auf KI-gestützte Sprachassistenten für Telefongespräche zu spezialisieren?

Das wollten wir ändern. Von Anfang an verfolgen wir ein klares Ziel: technische Hürden abbauen und es Teams jeder Größe ermöglichen, fortschrittliche KI-Sprachagenten ohne externe Hilfe einzusetzen. Deswegen haben wir eine No-Code-Plattform entwickelt, die diesen Prozess radikal vereinfacht.

Welche Vision verfolgt Synthflow im Bereich der Sprachautomatisierung?

Wir wollen Sprachkommunikation in etwas verwandeln, das intelligent, mehrsprachig und immer verfügbar ist. Synthflow AI hilft Unternehmen dabei, natürliche Gespräche jederzeit zu führen – ohne menschliche Agenten zu ersetzen, sondern indem wir alles automatisieren, was keinen Menschen braucht. Wir möchten, dass sich jedes Unternehmen auf ein KI-natives Sprachteam stützen kann, das schnell und zuverlässig ist und sich ständig verbessert.

Welche konkreten Probleme löst Synthflow AI für kleine und mittlere Unternehmen?

Wir arbeiten mit großen Unternehmen und KMU. Für KMU bringt Synthflow AI direkten Nutzen: geringere Kosten, ständige Verfügbarkeit und schnelle Bereitstellung – ganz ohne IT-Personal. Im Enterprise-Bereich ermöglicht es unser White-Label-Angebot „Voice AI OS“, die Einführung zu skalieren, Sprachagenten individuell anzupassen und die Kontrolle über eigene Marken, Sprachkommunikation und Infrastruktur zu sichern. So bleiben unsere Kunden der KI stets einen Schritt voraus.

Was unterscheidet eure KI-Sprachassistenten von anderen Lösungen auf dem Markt?

Synthflow AI ist KI-nativ – kein Add-on oder Wrapper für alte Systeme. Wir nutzen die neuesten OpenAI-Modelle und integrieren Updates oft schon, bevor sie veröffentlicht werden. Unsere No-Code-Oberfläche ermöglicht Teams volle Kontrolle, ohne eigene Entwicklungsarbeit. Wir decken regionale Sprachvarianten, Compliance-Anforderungen im Unternehmensbereich und flexible APIs ab, um sowohl Startups als auch globale BPOs optimal zu unterstützen.

Wie schafft es Synthflow AI, trotz komplexer Technologie eine No-Code-Plattform anzubieten?

Mit Synthflow AI bieten wir Unternehmensanwendern ohne technische Vorkenntnisse eine leistungsstarke Sprach-KI. Im Hintergrund verbinden wir nahtlos die Umwandlung von gesprochenem Wort in Text, große Sprachmodelle und Echtzeit-Telefonie – unbemerkt von den Nutzern. Sie gestalten ohne Programmierkenntnisse Agenten mit einem intuitiven Editor, prüfen die Antworten sofort und können in wenigen Tagen starten. Das Frontend bleibt benutzerfreundlich, während wir im Hintergrund für eine schnelle, robuste und verlässliche Infrastruktur sorgen. Dabei bleibt die Kontrolle über die Prozesse beim Anwender.

Mit welchen Herausforderungen hattet ihr beim Markteintritt zu kämpfen und wie habt ihr diese gelöst?

Es galt, den schnelllebigen LLM-Updates immer einen Schritt voraus zu sein, Echtzeit-Integrationen aufzubauen und globale Compliance-Vorgaben zu erfüllen. Das waren allesamt große Herausforderungen. Doch unsere KI-native Ausrichtung hat uns geholfen, flexibel zu bleiben. Mit der Erfahrung unseres Gründerteams, das bereits erfolgreich Startups aufgebaut hat, wussten wir, wie man eine flexible und sichere Infrastruktur schafft. So haben wir Herausforderungen in Stärken verwandelt.

Wie stellt ihr sicher, dass Datenschutz und DSGVO-Vorgaben bei Synthflow AI eingehalten werden?

Datenschutz ist unabdingbar. Wir halten uns strikt an DSGVO, HIPAA und SOC2. Unsere Daten liegen in der EU, wir erleichtern die interne Datenverwaltung und prüfen unsere Systeme regelmäßig auf Sicherheit. Vertrauen entsteht, weil wir Datenschutz und Regelkonformität von Anfang an in die Plattform integrieren – statt nachträglich darüber nachzudenken.

Was habt ihr beim bisherigen Wachstum gelernt, das ihr anderen Gründerinnen und Gründern mitgeben würdet?

Ich habe drei Tipps für Gründerinnen und Gründer. Entwickle KI von Grund auf und integriere sie von Anfang an. Gestalte dein Produkt benutzerfreundlich und leicht zu integrieren – technische Hürden schrecken ab. Schaffe frühzeitig Vertrauen – setze auf Datenschutz, Transparenz und Compliance, denn sie sind wichtiger denn je.

Wie geht ihr bei Synthflow AI mit der schnellen Entwicklung von KI-Sprachmodellen um?

Die KI entwickelt sich rasant weiter – wir bei Synthflow sind ebenso rasant dabei. Wir binden die neuesten Modelle, etwa GPT-4o, binnen weniger Tage nach ihrer Veröffentlichung ein. Zuvor prüfen wir sie gründlich auf Latenz, Kosten und Qualität. Unsere Plattform vereint die fortschrittlichsten LLMs mit regelbasierter Logik, Fallback-Systemen und Sicherheitsmechanismen, um Stabilität zu sichern. So profitieren unsere Kunden von modernster Technologie, ohne Ausfälle oder Abweichungen fürchten zu müssen.

Welche Weiterentwicklungen plant ihr in den kommenden Monaten?

In den nächsten Monaten verfolgen wir zwei Hauptziele: Wir erweitern unsere Unternehmensfunktionen, um komplexere und umfangreichere Anwendungsfälle zu meistern, und treiben unser Wachstum auf dem US-Markt voran. Dort steigt die Nachfrage nach Sprachautomatisierung rasant, und wir gewinnen in verschiedenen Branchen bereits deutlich an Boden.

Worauf seid ihr als Gründerteam besonders stolz?

Wir sind stolz darauf, eine große Herausforderung gemeistert und eine schnelle, erschwingliche und benutzerfreundliche Sprach-KI geschaffen zu haben, die noch dazu in wenigen Tagen einsatzbereit ist. Von Beginn an war unser Ziel, KI nicht nur beeindruckend, sondern vor allem praktisch zu machen. Heute unterstützt Synthflow AI zahlreiche Prozesse – von der Terminplanung im Gesundheitswesen bis zum globalen Kundensupport mit über 5 Millionen Anrufen pro Monat. Diese greifbaren Ergebnisse motivieren uns jeden Tag aufs Neue.

Bild: Gründerteambild ©Synthflow AI

Wir bedanken uns bei Hakob Astabatsyan für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.


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