Wer kennt es nicht? Der Bauch ist nach dem Essen gebläht, die Verdauung hat sich im Urlaub quasi verabschiedet und 15 Influencer:innen empfehlen dagegen Chiasamen und Verzicht auf Industriezucker. Prof. Dr. med. Julia Seiderer-Nack ist Ärztin für innere Medizin und Gastroenterologie. Sie weiß, dass der weibliche Darm und das weibliche Mikrobiom in vielen Aspekten anders sind als die männlichen. Im Interview mit herCAREER erläutert sie, wann und warum der Verdauungstrakt der Frau besondere Aufmerksamkeit verdient.
„Der Darm ist ein Sensibelchen – und Jetlag, Schichtdienst oder ungewohnte Tagesrhythmen bringen ihn schnell aus dem Takt.“
herCAREER: Ihr Buch heißt “Frauen haben anders Darm”. Was unterscheidet den weiblichen Darm vom männlichen?
Dr. Seiderer-Nack: Eine ganze Menge. Anatomisch und auf den ersten Blick wirken beide erstaunlich ähnlich. Der weibliche Darm ist oft etwas länger und arbeitet langsamer. Das hat evolutionäre Gründe: Der Körper soll möglichst viele Nährstoffe aufnehmen – vor allem in Schwangerschaft und Stillzeit. In Konsequenz haben Frauen öfter Verstopfung oder Völlegefühl. Auch die Verdauungssäfte unterscheiden sich. Frauen produzieren weniger Magensäure als Männer. Das kann sowohl Vorteile als auch Nachteile haben. Ein zentraler Unterschied ist die Funktionsweise des Immunsystems, das zu 70 Prozent im Darm sitzt.
herCAREER: Inwiefern?
Dr. Seiderer-Nack: Frauen sind die besseren Abwehrspieler. Das weibliche Immunsystem schützt effektiver gegen Infektionen als das männliche. Frauen erkranken deshalb aber auch häufiger an Autoimmunkrankheiten und reagieren sensibler auf Allergene oder Infektionen. Nach einem bakteriellen Darminfekt kann diese starke Immunantwort zum Beispiel dazu führen, dass Frauen einen postinfektiösen Reizdarm entwickeln.
herCAREER: Reizdarm – ein Wort, das im Buch ständig fällt. Was steckt dahinter?
Dr. Seiderer-Nack: Ich mag diese Diagnose ehrlich gesagt nicht. Sie ist oft nur ein Sammelbegriff für Beschwerden, bei denen der Darm empfindlich reagiert, wir als Mediziner:innen aber keine klare Ursache finden konnten. Das bedeutet nicht, dass die Symptome nicht ernst zu nehmen sind.
herCAREER: Reizdarm geht mit Verstopfung, Durchfällen, Blähungen und Schmerzen einher. Kommt alles mal vor. Aber wie viel Bauchgrummeln ist “normal” und wann sollte ich meine Symptome medizinisch abklären lassen?
Dr. Seiderer-Nack: Das ist ein wichtiger Punkt. Viele Reaktionen des Darms sind völlig normal. Rund 90 Prozent der Menschen bekommen Blähungen, wenn sie viele Zwiebeln, Knoblauch oder Kohl essen – das ist nicht krankhaft. Wir haben heute extrem hohe Ansprüche an unseren Darm: täglich Stuhlgang, perfekt geformt, keine Beschwerden, kein Grummeln. Und darüber hinaus das Ideal des „flachen Bauchs“. Viele Patientinnen fragen, ob ihr Mikrobiom gestört ist, weil der Bauch nicht ganz flach ist. Das sind Ansprüche an den Körper, die es so vor 20 oder 30 Jahren nicht gab.
Problematisch wird es, wenn die Beschwerden Alltag oder Beruf beeinträchtigen oder wenn Warnsignale hinzukommen: Gewichtsverlust, Blut im Stuhl, anhaltende Durchfälle oder starke Verstopfung. Das sollte man ärztlich abklären.
herCAREER: Das Thema berührt. Das spiegelt sich in der enormen Menge an – teils selbsternannten – Ernährungs- und Stoffwechselcoaches auf Social Media mit ihrem Rat für optimalen Stoffwechsel und gegen Blähbauch. Gefährliches Halbwissen oder endlich offene Gespräche über Stuhlgang?
Dr. Seiderer-Nack: Es ist ein zweischneidiges Schwert. Ich finde es positiv, dass Ernährung heute mehr Aufmerksamkeit bekommt. Es ist gut, wenn das Thema Verdauung aus der Tabuzone kommt und Menschen beginnen, darüber zu sprechen. Die Medizin hat Aufklärung zu Mikrobiom und Stoffwechsel (neben Magen- und Darmspiegelung) lange vernachlässigt. Aber natürlich kursiert viel Halbwissen – kombiniert mit einem weiblichen Hang zum Perfektionismus. Wir sehen viele gerade jüngere Patientinnen, die große Angst haben, „falsch” zu essen, und einen Zwang entwickeln, sich „richtig“ zu ernähren. Inzwischen ist das ein eigenes Krankheitsbild: Orthorexie. Clean Eating, kein Gluten, keine Fructose, etc. Dabei darf man nicht vergessen: Nicht jede Ernährungsform passt zu jeder Person.
herCAREER: Ich habe als Kind und junge Frau alles gut vertragen. Warum habe ich heute, mit Mitte 40, ständig Beschwerden?
Dr. Seiderer-Nack: Es ist gut möglich, dass Sie einen Reizdarm haben – aus ganz unterschiedlichen Gründen: Vielleicht haben Sie in ihrem Leben oft Medikamente bekommen; vielen Frauen werden etwa Antibiotika bei Harnwegsinfekten verschrieben. Auch Schmerzmittel wirken sich negativ auf die Schleimhaut und Darmbarriere aus. Vielleicht hatten Sie Phasen, in denen Ernährung oder Lebensstil ungünstig waren, Sie stehen unter starkem Stress oder haben sich öfter eine Magen-Darm-Infektion eingefangen. So ein Magen-Darm-Infekt kann den Darm monatelang aus dem Gleichgewicht bringen.
herCAREER: Im Gespräch mit Dr. Judith Bildau haben wir gelernt, dass Hormone Einfluss auf den gesamten Organismus haben. Wie beeinflusst etwa der Zyklus den weiblichen Darm?
Dr. Seiderer-Nack: Unsere Sexualhormone wirken nicht nur in den Geschlechtsorganen, sondern auch im Darm. Das heißt: In Pubertät, Schwangerschaft, Zyklus und Wechseljahren unterliegt der Darm hormonellen Schwankungen. Warum bekommen Frauen in der Schwangerschaft manchmal Reflux (Rückfluss von Mageninhalt in die Speiseröhre) und Verstopfung? Das liegt am Anstieg des Progesterons. Mit jeder hormonellen Umstellung wird das Immunsystem der Frau aktiver, darum treten auch Autoimmunerkrankungen wie Multiple Sklerose, Hashimoto oder Zöliakie oft nicht schon im Kindesalter, sondern im Laufe des Lebens auf.
herCAREER: Viele Frauen haben während ihrer Menstruation auch stark mit ihrem Darm zu tun. Können Sie näher erklären, was da vor sich geht?
Dr. Seiderer-Nack: Hier spielen vor allem die Hormone Progesteron und Östrogen eine Rolle. Progesteron – das sogenannte Wohlfühlhormon – wirkt beruhigend auf die Darmmuskulatur und verlangsamt die Darmbewegung. Dadurch wird der Nahrungsbrei langsamer transportiert, was Völlegefühl, Verstopfung oder Blähungen verstärken kann. Östrogen wiederum beeinflusst die Schmerzwahrnehmung. In Abhängigkeit vom Östrogenspiegel reagieren wir empfindlicher auf Schmerzen. Frauen haben eine höhere Schmerzwahrnehmung. Das spielt nicht nur bei Erkrankungen wie Endometriose, sondern auch beim Reizdarmsyndrom eine Rolle. Oft bedeutet das, dass der Dehnungsreiz, der entsteht, wenn sich Nahrung durch den Dünndarm bewegt, nicht als solcher wahrgenommen wird, sondern als Schmerzreiz. Dazu kommt: Darm, Gebärmutter und Eierstöcke liegen direkt nebeneinander. Wenn die Gebärmutter anschwillt und krampft, hat das direkte Auswirkungen auf den Darm. Dazu kommen Prostaglandine, die Gewebshormone, die für das Ablösen der Gebärmutterschleimhaut zuständig sind und somit krampffördernd wirken. Sie arbeiten auch in der Darmwand und können Krämpfe und Durchfall während der Periode verursachen.
herCAREER: Kann Hormonersatztherapie hier helfen? Oder: Wird das alles nach den Wechseljahren besser?
Dr. Seiderer-Nack: Kann sein – muss aber nicht. Das hängt davon ab, ob eine Östrogendominanz besteht oder eher ein hoher Progesteronspiegel. Hormonelle Umstellungen verlaufen nicht linear, sondern mit starken Schwankungen. Es ist sehr individuell.
herCAREER: Und was ist diese leidige Sache mit dem Reisen? Warum bekommen Frauen oft Verstopfung?
Dr. Seiderer-Nack: Das liegt an der sogenannten Darm-Hirn-Achse. Unser Gehirn ist eng mit dem Nervensystem des Darms verbunden. Wenn wir aufgeregt sind, hohe Erwartungen haben oder uns vor fremden Toiletten ekeln, wirkt sich das direkt auf den Darm aus. Der Darm ist ein Sensibelchen – und Jetlag, Schichtdienst oder ungewohnte Tagesrhythmen bringen ihn schnell aus dem Takt.
herCAREER: Ich hatte PCOS (polyzystisches Ovarsyndrom), lebe mit Endometriose, chronischen Kopfschmerzen und habe ADHS – alles Krankheitsbilder, bei denen Ernährung eine Rolle spielen kann. Ist mein Darm hier der gemeinsame Faktor?
Dr. Seiderer-Nack: Das muss man individuell abklären. Frauen mit Endometriose oder PCOS entwickeln zwei- bis dreimal häufiger Reizdarm als andere. Bei PCOS wissen wir, dass viele Betroffene eine durchlässigere Darmbarriere haben – auch das erhöht das Risiko für Reizdarm. Die ständige Entzündungsaktivität im Bauchraum verstärkt das Schmerzempfinden der betroffenen Frauen. Migräne ist ein interessanter Komplex, Menschen mit Migräne verarbeiten Schmerzreize anders. Viele Kinder mit Migräne leiden zunächst unter Bauch-, nicht unter Kopfschmerzen.
herCAREER: Kann, aber muss nicht …
Dr. Seiderer-Nack: Bei Migräne und PCOS müssen wir wieder über die Darmbarriere sprechen. Ist die durchlässig, erleben Patient:innen eine Reizung des Nervensystems oder ihres Immunsystems. Man könnte also sagen: Sie haben die Bauchschmerzen, weil sie die Kopfschmerzpatient:innen sind. Weil sie unter Stress stehen oder Kopfschmerztabletten nehmen und damit die Schleimhaut reizen. Oder sie haben wirklich eine entzündliche Darmerkrankung. Als Ärztin oder Arzt muss man solche Zusammenhänge ernst nehmen, seine Hausaufgaben machen und sorgfältig diagnostizieren.
herCAREER: Muss sich die medizinische Aus- und Weiterbildung also auch beim Thema Darm und Mikrobiom verändern?
Dr. Seiderer-Nack: Unbedingt. Ich wünsche mir, dass die Gendermedizin zum Standard wird und stärker berücksichtigt wird, dass Frauen und Männer nicht gleich sind. In der Kardiologie setzt sich dieses Denken langsam durch, in der Gastroenterologie hinken wir hinterher. Ärzt:innen müssen über den Tellerrand schauen. Niemand besteht nur aus Darm, Kopf und Gebärmutter – man muss das ganze System sehen.
herCAREER: Sagen wir, eine Frau hat zunehmend Beschwerden – Blähungen, Krämpfe, Schmerzen. Nach welchen Tests sollte sie fragen, wenn die Hausärzt:in oder Fachärzt:in sie nicht von selbst vorschlägt?
Dr. Seiderer-Nack: Eine Stuhlprobe ist ein guter Anfang. Sie zeigt, ob eine Entzündung vorliegt. Bei Durchfällen sollten auch Viren und Bakterien getestet werden – das kann heute jede Hausarztpraxis. Ein Ultraschall gehört ebenfalls dazu, um Leber, Gallenblase und Bauchspeicheldrüse zu überprüfen. Bei Frauen ab 50 ist außerdem die Darmspiegelung wichtig – schon zur Vorsorge.
Hilfreich ist ein Ernährungstagebuch. Gerade bei Blähungen lässt sich so oft erkennen, wann und nach welchen Lebensmitteln Beschwerden auftreten: Laktose, Fruchtzucker, Zuckerersatzstoffe oder Gluten. Auch die Verbindung mit dem Zyklus kann dabei aufschlussreich sein.
herCAREER: Wie lange sollte man seine Gewohnheiten protokollieren?
Dr. Seiderer-Nack: Oft reichen schon vier Wochen, um Muster zu erkennen. Dann kann man mit Blut- oder Atemtests gezielt nach Intoleranzen suchen. Wovon ich aber dringend abrate, sind Allergietests aus dem Internet – davon sollte man die Finger lassen.
herCAREER: Der Markt für Nahrungsergänzungsmittel boomt – Probiotika, Präbiotika, Bitterstoffe, Pulver, Tees. Was hilft wirklich, was ist Marketing?
Dr. Seiderer-Nack: Ein schwieriges Thema. Als erstes möchte ich sagen: Sie dürfen ihrem Darm ruhig etwas zutrauen. Ein gesunder Darm kann sich aus einer abwechslungsreichen Ernährung alle nötigen Nährstoffe holen. Mit Ausnahme von Vitamin D haben wir in Deutschland sehr wenige Mangelzustände. Das gilt nicht für Veganer – die brauchen zusätzlich Eisen und Vitamin B12. Natürlich können Nahrungsergänzungsmittel sinnvoll sein, aber nur mit klarer Diagnose. Sie müssen zunächst verstehen, was fehlt und warum, bevor Sie etwas einnehmen.
herCAREER: Das heißt, vorbeugend etwas einzuwerfen, ist keine gute Idee?
Dr. Seiderer-Nack: Genau. Die Einnahme sollte gezielt erfolgen, nicht einfach auf Verdacht.
herCAREER: Wie finde ich denn nun die richtige Ernährungsform für mich? Antientzündlich, histaminarm, glutenfrei, fruktosearm, low-FODMAP – überall kursieren Tabellen. Tofu ist zum Beispiel histaminhaltig, gilt aber als low-FODMAP …
Dr. Seiderer-Nack: Da machen Sie schon den entscheidenden Fehler! Sie richten sich nach Tabellen und blenden Ihr Bauchgefühl aus. Wenn Sie fühlen können, was Sie gut und was Sie schlecht vertragen, tun Sie sich den größeren Gefallen.
Und Vorsicht mit FODMAP – diese Ernährungsform war nie für die Dauer gedacht. Sie wurde als zeitlich begrenzte therapeutische Diät entwickelt. Langfristig kann sie zu Mangelzuständen führen.
herCAREER: Also bestimmt am Ende mein Bauchgefühl, was die beste Ernährung für mich ist?
Dr. Seiderer-Nack: Vertrauen Sie Ihrem Körper mehr als einer Liste aus dem Internet. Natürlich ist eine antientzündliche Ernährung sinnvoll. Und natürlich ist eine pflanzenbasierte Ernährung gesund. Aber das bedeutet nicht automatisch, dass sie auch darmfreundlich ist. Das darf man nicht verwechseln. Wenn jemand vegan lebt und viele Hülsenfrüchte, Lauchgewächse, Wirsing und Rohkost isst, kann der Darm schlicht überfordert sein. Die Beschwerden liegen dann nicht an der „falschen“ Ernährung, sondern daran, dass der Darm große Mengen an Rohkost oder Ballaststoffen nicht gut verdaut. Hier hilft das Ernährungstagebuch. Lassen Sie sich von eine:m Expert:in Feedback geben. Ihre optimale Ernährung muss für Sie individuell gestaltet sein. Vertrauen Sie auf Ihr Bauchgefühl!
Das Interview führte herCAREER-Redakteurin Kristina Appel.
Im Rahmen der herCAREER Expo am 22. und 23. Oktober 2026 stellt Prof. Dr. Seiderer-Nack beim Authors-MeetUp ihr Buch „Frauen haben anders Darm“ vor und beantwortet Fragen zu den Themen Darmgesundheit und Mikrobiom.
Bild Prof. Dr. med. Julia Seiderer-Nack Fachärztin für Innere Medizin und Expertin rund um das Thema Darmgesundheit, Mikrobiom und Ernährungsmedizin und Autorin © Ina Zabel
Quelle messe.rocks GmbH


























