Gründer:innen, Investoren und Unternehmen stehen im Mittelpunkt, wenn es um nachhaltigen Aufbau und langfristigen Erfolg im Venture Capital geht.
Du bist Principal bei KOMPAS VC in Berlin und beschäftigst dich intensiv mit Early-Stage-Startups in verschiedenen Regionen. Woran erkennst du Gründer:innen und Unternehmen mit echtem langfristigem Impact – und nicht nur kurzfristigem Erfolg?
Langfristiger Impact zeigt sich oft ziemlich früh – und zwar darin, wie jemand über ein Problem denkt, nicht nur über die Lösung. Ich achte besonders auf Gründer:innen, die verstehen, warum sich ein Markt bisher nicht verändert hat, und trotzdem die Geduld und Überzeugung mitbringen, genau das zu ändern. Klar, Zahlen sind wichtig. Aber die Denkweise dahinter ist für mich entscheidender. Und ich schaue genau hin, wie jemand mit kritischen Fragen umgeht, daran erkennt man viel über Resilienz und intellektuelle Ehrlichkeit.
Du investierst in der DACH-Region, in Mittel- und Osteuropa, Teilen Südeuropas und den USA. Welche Unterschiede siehst du zwischen den Ökosystemen – und wo liegt aktuell das größte Potenzial?
Jedes Ökosystem hat seine eigene Dynamik. In den USA geht vieles schneller, Mut wird stark belohnt, manchmal auch auf Kosten der Substanz. In Mittel- und Osteuropa gibt es extrem starke technische Gründer:innen, die oft unterschätzt und damit auch unterbewertet sind. Südeuropa entwickelt sich gerade richtig gut, mit viel Talent, aber noch weniger Kapital. Am spannendsten finde ich aktuell die Schnittstelle zwischen Deep Tech und dem deutschen Mittelstand. Da steckt unglaublich viel industrielles Know-how drin – und wer das mit moderner Technologie verbindet, baut wirklich nachhaltige Wettbewerbsvorteile auf.
Due Diligence ist oft eine Mischung aus Analyse und Bauchgefühl. Welche qualitativen Faktoren sind für dich bei Gründerteams entscheidend – jenseits von Zahlen und Pitch Decks?
Für mich sind drei Dinge zentral: fachliche Tiefe, Selbstreflexion und die Dynamik im Team – vor allem unter Druck. Fachliche Tiefe zeigt, ob jemand wirklich das Recht hat, in diesem Bereich erfolgreich zu sein. Selbstreflexion zeigt, ob jemand weiß, was er oder sie noch nicht weiß. Und wie Co-Founder miteinander umgehen, gerade wenn es schwierig wird, sagt viel darüber aus, ob das Team langfristig zusammenhält. Denn schwierig wird es immer.
Du arbeitest auch nach dem Investment eng mit Gründer:innen zusammen. Wie verstehst du deine Rolle beim Skalieren – gerade wenn es darum geht, Kultur und Vision zu erhalten?
Das verändert sich je nach Phase, aber im Kern bin ich ein Sparringspartner. Beim Skalieren passiert es schnell, dass operative Themen alles dominieren und die strategische Klarheit verloren geht. Ich versuche, genau dafür Raum zu schaffen, indem ich Fragen stelle, die man im Alltag gerne verdrängt. Kultur liegt aus meiner Sicht komplett in der Verantwortung der Gründer:innen. Ich kann nur früh darauf hinweisen, wenn sich Dinge entwickeln, die später problematisch werden könnten.
KOMPAS VC fokussiert sich auf industrielle Technologien und nachhaltige Innovationen. Was unterscheidet Gründer:innen, die komplexe Technologien wirklich in skalierbare Geschäftsmodelle übersetzen können?
Geduld – aber ohne träge zu werden. In Deep Tech und industriellen Bereichen laufen Dinge oft in längeren Zyklen, die nicht zum klassischen VC-Modell passen. Die besten Gründer:innen wissen, wie sie Meilensteine so setzen, dass alle an Bord bleiben, ohne die langfristige Vision zu verwässern. Und sie können Komplexität verständlich machen – für Kunden, Regulatoren und das eigene Team. Das wird oft unterschätzt, ist aber extrem wichtig.
Du sprichst davon, dass dich außergewöhnliche Visionen antreiben. Wie unterscheidest du zwischen echter Vision und unrealistischem Größenwahn?
Visionäre können zeigen, wie man realistisch vom Heute ins Morgen kommt. Sie haben vielleicht nicht alle Antworten, aber sie haben ihre Annahmen wirklich durchdacht. Unrealistische Ambition basiert oft auf einer Kette von Best-Case-Szenarien – ohne ehrlich zu reflektieren, was alles schiefgehen kann. Der Unterschied zeigt sich meistens bei der ersten harten Frage: Visionäre gehen rein, andere weichen aus.
Netzwerke und Beziehungen spielen eine große Rolle in deinem Ansatz. Wie wichtig ist Vertrauen im Venture Capital – und wie können Investoren zu einem besseren Ökosystem beitragen?
Vertrauen ist die Basis von allem. Kapital ist austauschbar, Beziehungen nicht. Investoren können viel beitragen, indem sie ehrlich sind – auch wenn es unangenehm ist –, Kontakte vermitteln, ohne direkt etwas zurückzuerwarten, und Gründer:innen auch in schwierigen Phasen sichtbar unterstützen. Gerade in Europa profitieren alle davon, wenn mehr zusammengearbeitet wird statt nur um Deals zu konkurrieren.
Viele Gründer:innen stehen heute vor sehr komplexen Herausforderungen. Welche Muster siehst du immer wieder – und wie kannst du konkret helfen?
Das größte Thema ist Priorisierung unter Unsicherheit – also zu entscheiden, was man bewusst nicht macht, obwohl alles wichtig erscheint. Danach kommt Hiring: Wie teuer eine falsche Einstellung ist, wird oft unterschätzt. Mein Mehrwert liegt vor allem darin, Muster zu erkennen. Ich habe ähnliche Situationen schon oft gesehen und kann besser einschätzen, was strukturell ist und was nur kurzfristiges Rauschen. Und manchmal hilft einfach eine ehrliche Außenperspektive.
Die VC-Welt wird immer kompetitiver. Wie verändert sich dadurch deine Rolle – gerade im Verhältnis zu Gründer:innen?
Gründer:innen haben heute mehr Auswahl und mehr Informationen – und das ist gut. Dadurch müssen Investoren wirklich zeigen, welchen Mehrwert sie bringen. Ich glaube, die Rolle wird spezialisierter: weniger Zugang zu Kapital, mehr Qualität in der Zusammenarbeit. Gründer:innen entscheiden sich immer stärker bewusst für die Personen hinter dem Geld, nicht nur für den Namen.
Wenn du nach vorne blickst: Welche Unternehmen und welche Art von Führung werden die nächste Generation prägen?
Die spannendsten Unternehmen verbinden zwei Welten: tiefes wissenschaftliches oder industrielles Know-how und die Fähigkeit, skalierbare, nutzerzentrierte Produkte zu bauen. Europa hat dafür richtig gute Voraussetzungen – vor allem in Climate Tech, Advanced Manufacturing und Enterprise-Software für komplexe Industrien. Die Gründer:innen, die diese Bereiche prägen werden, sind analytisch, denken global und bleiben gleichzeitig bodenständig genug, um langfristig Unternehmen aufzubauen.
Bildrechte: KOMPAS VC
Wir bedanken uns bei Ilena Mece für das Interview
Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder


























