Die Welt hat unzählige Helden, aber nur wenige Heldinnen. Warum sind Macht, Einfluss und Stärke immer noch so stark männlich geprägt? Mit dieser Frage setzt sich die Journalistin Eva Thöne in ihrem Buch „Weibliche Macht neu denken” auseinander. Im Interview erklärt sie, warum wir Macht als Zustand und nicht als Besitz betrachten sollten und warum die große Schwester vielleicht die am meisten erstrebenswerte Machtrolle ist, die es gibt.
„Ein Mann wird für seine Inhalte oder Fehler kritisiert. Macht eine Frau in Führungsposition Fehler, steht sie zudem als Person und als Frau an sich in der Kritik.“
herCAREER: Eva, warum brauchen wir einen neuen Machtbegriff?
Eva Thöne: Unser traditioneller und stark individualisierter Machtbegriff neigt dazu, charismatischen und selbstbewussten Persönlichkeitstypen, die über eine große Überzeugungskraft verfügen – meist Männern –, Macht zu verleihen. Im Moment sehen wir, wie sehr sich Menschen nach einer starken Führungspersönlichkeit sehnen und wie leicht sie dadurch manipulierbar und korrumpierbar werden. Betrachtet man Demokratie als Macht der Vielen, dann steht diese personalisierte Form der Macht dem diametral gegenüber.
herCAREER: Der klassische, machiavellistische Machtbegriff betrachtet Macht als Besitz, den es zu erwerben und zu verteidigen gilt. Du schlägst dagegen vor, Macht vielmehr als Zustand zu betrachten. Warum?
Eva Thöne: Weil das eher demokratischen Werten entspricht. Wir wählen für einen bestimmten Zeitraum Menschen, die unsere Interessen vertreten und ihre Macht nutzen, um etwas zu gestalten. Aber nach vier Jahren werden diese Menschen abgelöst. Was in meinen Augen auch sehr entlastend für alle Beteiligten sein kann. Wenn wir Macht individualisieren und an einzelne Persönlichkeiten binden, dann werden diese sehr kränkbar, sobald ihre Macht infrage gestellt wird. Entmachtete Männer sind immer auch entmännlichte Männer. Frauen scheint es leichter zu fallen, Macht abzugeben.
herCAREER: Du beginnst dein Buch mit der Idee des Helden – einer Figur, der traditionell viel Macht zugesprochen wird. Warum gibt es so viele männliche, aber so wenige weibliche Held:innen in unserer Gesellschaft?
Eva Thöne: In der klassischen Heldenfigur steckt immer ein Mann, der aufgrund seines Muts und seiner Tapferkeit handelt. Er gestaltet die Welt im (oft unausgesprochenen) Auftrag aller – das macht ihn verführerisch und manchmal auch gefährlich: Wir dürfen jegliche Verantwortung an ihn abgeben. Solche Helden müssen inhaltlich gar nicht kompetent sein: Ihre Macht liegt oft im Motto „Move fast, break stuff“. Ihr disruptives Verhalten zementiert ihre Macht. Wir sehen das an der Figur Donald Trump, der für seine MAGA-Follower:innen sicherlich ein Held ist.
herCAREER: Was zeichnet dagegen weibliche Heldenfiguren aus?
Eva Thöne: Sie sind häufig moralische Heldinnen, die gegen das Establishment vorgehen. Luisa Neubauer ist das Gesicht der Klimabewegung in Deutschland und Gisèle Pelicot die Speerspitze im Kampf gegen sexualisierte Gewalt gegen Frauen. Heldinnen gestalten selten proaktiv, sondern wollen oft Fehler rückgängig machen und Ungerechtigkeiten bekämpfen. Für einige Frauen ist das eine komfortablere Machtrolle.
herCAREER: Vermeintlich komfortabler. Bekommen diese Frauen nicht auch massiven Gegenwind?
Eva Thöne: Ja, die Rolle der Widerstandskämpferin macht Frauen angreifbar. Während Männer als Individuen heldenhaft und schier unverwundbar sind, stehen Frauen in unserer Wahrnehmung kraft ihrer Person für ganze Bewegungen. Hier schwingt oft auch das Klischee mit, dass Frauen das »moralische Geschlecht« sind – und deshalb knallhart an Moral gemessen werden. Wenn eine Klimaschützerin mit einem Wegwerfbecher fotografiert wird, verliert sie schnell an Glaubwürdigkeit und Einfluss. Mit Männern sind wir viel großzügiger.
herCAREER: Ein Phänomen, das auch im Unternehmenskontext oft zu beobachten ist …
Eva Thöne: Ein Mann wird für seine Inhalte oder Fehler kritisiert. Macht eine Frau in Führungsposition Fehler, steht sie zudem als Person und als Frau an sich in der Kritik.
herCAREER: So kommt es auch zum Phänomen der gläsernen Klippe. Sind mehrere Männer an einer Aufgabe gescheitert, schickt man gerne eine Frau los, um die Situation zu retten. Scheitert sie ebenfalls, reißt man ihr schnell den Boden unter den Füßen weg.
Eva Thöne: Das kann man gerade an der Personalie Marie Louise Eta, der ersten Cheftrainerin einer Bundesliga Fußballmannschaft, beobachten. Sie wirkt wie eine Trümmerfrau, die aufräumen soll, was mehreren männlichen Cheftrainern zuvor nicht gelungen ist. Jetzt hat sie fünf Spiele Zeit, um sich zu beweisen, bevor sie mit großer Wahrscheinlichkeit wieder durch einen Mann ersetzt wird. Natürlich liegt darin auch eine Chance. Man kann viel neu aufbauen, wenn alles in Trümmern liegt. Aber man muss dafür auch verdammt gut sein. Und manchmal ist es schlicht nicht möglich – was dann aber oft nicht an der Frau selbst liegt.
herCAREER: Die einzige machtvolle Rolle, die Frauen uneingeschränkt zugestanden wird, ist die der Mutter. Eine Mutter darf Einfluss nehmen, gestalten, sogar wütend werden – solange sie für ihre Kinder eintritt. Warum darf eine Mutter außerhalb der Familie nicht genauso machtvoll agieren?
Eva Thöne: Für einen Großteil der Menschen ist die Mutterrolle das, was Frausein im Kern ausmacht. Das mag reaktionär und biologisch überhöht wirken, dennoch ist diese Vorstellung immer noch stark verankert. Wie paradox, dass wir seit einigen Jahren über Führungswerte sprechen, die als „weibliche“ Eigenschaften bezeichnet werden können: kümmern, fördern, befähigen.
Natürlich gibt es Führungspersönlichkeiten, die das anders handhaben, aber es ist ein schmaler Grat, wenn man als Frau keinen patriarchalen Führungsstil übernehmen möchte. Angela Merkel ist ein Beispiel für eine Frau, die sich trotz der Zuschreibung „Mutti“ nie in diese Rolle hat drängen lassen und sich ebenso wenig mit männlichen Machtposen profiliert hat.
herCAREER: Das vermeintlich Mütterliche, das man an Angela Merkel, aber auch an anderen machtvollen und einflussreichen Frauen wie Beyoncé oder Luisa Neubauer beobachten kann, ist, dass sie sich schützend vor „ihre Leute“ stellen. Sie verstehen, dass es um die Bevölkerung, um Women of Color oder um Klimagerechtigkeit geht – und nicht um ihr Ego. Ist das die neue weibliche Macht, von der du in deinem Buch sprichst?
Eva Thöne: Für mich impliziert der Buchtitel „Weibliche Macht neu denken“, dass wir den Machtbegriff inklusiver gestalten, aber perspektivisch auch über starre Genderrollen hinaus weiter aufbrechen müssen. Ich plädiere für eine bessere Verteilung von Macht, für Macht als vorübergehenden Zustand und für Macht nicht in Form der Übermutter, sondern eher der großen Schwester.
herCAREER: Sisterhood ist ein fundamentales Element des feministischen Gedankens.
Eva Thöne: Und dennoch wird diese große Forderung des Feminismus ständig durch patriarchale Strukturen unterlaufen, da wir uns in bestehenden Machtgefügen bewegen müssen, um überhaupt Einfluss zu nehmen. Die große Schwester ist eine Person, die Verantwortung übernimmt. Im Gegensatz zu Führung ist Verantwortung ein Machtwert, den ich für zukunftsfähig halte.
herCAREER: Inwiefern?
Eva Thöne: Die große Schwester übernimmt Verantwortung, allerdings nicht für das buchstäbliche Überleben ihrer kleinen Geschwister, sondern für Gespräche, Unterstützung und Erfahrungsaustausch. Die Rolle der großen Schwester ist freiwillig, nicht ständig gefragt und weniger belastend als die der Mutter. Außerdem kann man mehrere große Schwestern haben, aber immer nur eine Mutter. Darum finde ich diese Idee im politischen und unternehmerischen Führungskontext sehr passend.
herCAREER: Es gibt eine neue Währung, die Macht und Einfluss garantiert: die digitale Reichweite. Wie beurteilst du diese Entwicklung?
Eva Thöne: Ich bin der Meinung, dass wir als Gesellschaft den Fehler gemacht haben, Sichtbarkeit mit Macht gleichzusetzen. Denn digitale Reichweite ist vor allem ein Selbstzweck, sie bedeutet nicht automatisch echte Gestaltungsmacht. Dafür muss man sich außerhalb der sozialen Medien zusammenschließen, sich in zivilgesellschaftliche Organisationen einbringen und Lobbyarbeit leisten. Darum plädiere ich dafür, unsere Energie und unsere Leidenschaft umzulenken – weg von individuellen Personen hin zu Inhalten, die wir wirklich verändern und beeinflussen wollen.
herCAREER: Aber wie lenken wir den Fokus auf die Inhalte?
Eva Thöne: Vielleicht müssen wir bei uns selbst beginnen und besser reflektieren: Warum fahre ich eigentlich so auf Robert Habeck oder Heidi Reichinnek ab? Ein Stück zurücktreten und uns fragen, ob wir wirklich eine Leidenschaft für ihre Inhalte haben oder vor allem für ihren Sympathiefaktor und ihr heldenhaftes Image.
herCAREER: Es beginnt also mit dem Bewusstsein, dass wir ein neues Machtverständnis auch aktiv mitgestalten können und müssen?
Eva Thöne: Zum Ende des Buches zitiere ich die Philosophin Bini Adamczak. Sie sagt, dass wir beim Gedanken an Veränderung oft an einem „Revolutions Umsturzfetisch“ festhalten, der ebenfalls patriarchal geprägt ist. Wir werden aber nicht plötzlich nach einem Umsturz in der Utopie einer gleichberechtigten Welt leben. Eine Revolution findet nicht zu einem konkreten Zeitpunkt statt, sondern ist etwas, das wir jeden Tag ein wenig umsetzen. Vielleicht ist es revolutionär, wenn eine Führungskraft den Geburtstagstisch einer Praktikantin dekoriert. Vielleicht ist es revolutionär, wenn ein Mann eine Beförderung verweigert und sagt: „Ich kümmere mich um die Kinder, meine Frau macht jetzt ihren nächsten Karriereschritt.“ Oder es ist machtvoll, zu sagen: „Nein, ich muss nicht alle fremden Erwartungen an mich erfüllen.“
herCAREER: Die Macht liegt also vor allem im „Nein“?
Eva Thöne: Ja! Nein Sagen kann sehr empowern. Gerade dann, wenn Frauen ihrem Umfeld, das sie für ständig verfügbar hält, Grenzen aufzeigen.
Das Interview führte herCAREER Redakteurin Kristina Appel.
Bild: Eva Thöne Autorin Leitet das Kulturressort von DER SPIEGEL © Asja Caspari
Quelle messe.rocks GmbH

























