Dienstag, Mai 5, 2026
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Gehen zu viele Patientinnen und Patienten unvorbereitet in große Operationen?

Prep4Surg ist Finalist für Frankfurt Forward Startup of the Year 2026! Interview – Capreolos GmbH / Prep4Surg

Stellt euch und euer Startup unseren Leserinnen und Lesern kurz vor. Wer und was steckt hinter Prep4Surg?

Hinter Prep4Surg steht die Capreolos GmbH aus Frankfurt am Main – ein Digital-Health-Startup, das 2021 als Spin-off der Goethe-Universität von drei aktiven Klinikärztinnen und -ärzten gegründet wurde. Unser Gründerteam besteht aus Prof. Andreas Schnitzbauer, Dr. Charlotte Detemble, Dr. Dora Zmuc und Mark Siller. Wir sind Mediziner mit chirurgischem Hintergrund und haben das Problem, das wir lösen wollen, tagtäglich am OP-Tisch erlebt.
Heute arbeiten bei Capreolos neben den Gründern unter anderem Qualitätsmanager, Softwareentwickler und ein klinisches Studienteam von 16 Ärztinnen und Ärzten zusammen.
Prep4Surg ist unsere App-basierte Plattform, die Patientinnen und Patienten mit einem individuellen, datenbasierten Trainingsprogramm optimal auf große Operationen vorbereitet – digitale Prähabilitation.

Was hat euch dazu motiviert, ein eigenes Unternehmen zu gründen? Gab es einen besonderen Moment oder Auslöser?

Als Chirurginnen und Chirurgen haben wir immer wieder gesehen, wie unterschiedlich Patienten auf große Eingriffe vorbereitet sind – und wie stark das den Heilungsverlauf beeinflusst. Weltweit werden jährlich über 310 Millionen große Operationen durchgeführt, rund 25 % der Patienten entwickeln Komplikationen, und bei Hochrisikopatienten liegt die Rate schwerer Komplikationen bei über 25 %. Gleichzeitig wussten wir aus der Forschung, dass gezielte Prähabilitation die Morbidität um bis zu 50 % senken und Kosten um bis zu 30 % reduzieren kann.
Das Problem war: Es gab keine skalierbare, evidenzbasierte digitale Lösung dafür. Die Idee, dieses Wissen in eine App zu übersetzen, die Patienten zu Hause nutzen können und die trotzdem ärztlich überwacht wird – das war der Auslöser. Bereits im September 2021 wurden wir dafür mit dem E-Health-Award des Landes Hessen ausgezeichnet.

Welche Vision verfolgt ihr mit Prep4Surg? Was wollt ihr langfristig verändern oder möglich machen?

Unsere Vision ist es, Prep4Surg zum Standard der chirurgischen Vorbereitung zu machen. Wir wollen, dass kein Patient mehr unvorbereitet in eine große Operation geht.
Langfristig entwickeln wir Prep4Surg zu einem KI-gesteuerten Gesundheitsprodukt weiter, das auf einer stetig wachsenden Patientendatenbasis personalisierte Prävention und Risikoanpassung ermöglicht. Dazu gehören erweiterte Anwendungsbereiche über die Chirurgie hinaus – etwa in der Onkologie oder bei chronischen Erkrankungen wie Diabetes. Auch die Entwicklung von Algorithmen für den Einsatz in Consumer-Produkten großer Technologieunternehmen ist ein Ziel.
Letztlich wollen wir die Patientenautonomie stärken: Menschen sollen aktiv an ihrem Genesungsprozess teilhaben können.

Von der Idee bis heute: Was waren bisher eure größten Herausforderungen – und wie habt ihr eure Finanzierung aufgestellt?

Als Medizinprodukt unterliegen wir strengen regulatorischen Anforderungen. Wir haben in den letzten vier Jahren die App komplett entwickelt, ein DIN-ISO-13485-konformes Qualitätsmanagement aufgebaut, die C5-Zertifizierung für sicheres Cloud-Arbeiten erlangt und die Kompatibilität zu allen gängigen FHIR-Schnittstellen hergestellt – das alles als kleines, kosteneffizientes Team.
Die größte Herausforderung war, diese regulatorische Komplexität mit den begrenzten Ressourcen eines Startups in Einklang zu bringen.
Finanziert haben wir uns bisher über Fördermittel, Kooperationsprojekte mit akademischen Partnern und Gesellschafterbeiträge. Mit der neuen Finanzierungsrunde wollen wir den Weg bis zum Cash-Break-even absichern.

Für wen entwickelt ihr eure Lösungen? Wer zählt zu eurer wichtigsten Zielgruppe?

Unsere Lösung richtet sich an drei Zielgruppen gleichzeitig: Patientinnen und Patienten, die sich auf große Operationen vorbereiten; Ärztinnen und Ärzte, die bessere OP-Ergebnisse und weniger Komplikationen erreichen wollen; und Krankenhäuser, die Kosten senken, Liegedauern verkürzen und ihre Versorgungsqualität verbessern möchten.
Unser Vertriebsmodell ist B2B: Krankenhäuser erwerben Lizenzen – eine Lizenz pro Patient. Im erweiterten Ökosystem sind auch Versicherungen und Klinikketten wichtige Partner.

Wie funktioniert Prep4Surg ganz konkret? Und welche Vorteile bietet euer Ansatz im Vergleich zu bestehenden Lösungen?

Prep4Surg besteht aus zwei Komponenten: einer Arzt-App und einer Patienten-App. Beim Erstbesuch erfasst der Arzt über die Arzt-App die individuellen Risikodaten des Patienten mit wissenschaftlich fundierten Instrumenten. Daraus wird automatisch ein personalisiertes aerobes Intervalltraining berechnet.
Die Patienten-App setzt dann über drei bis sechs Wochen ein Trainingsprogramm um – mit einer bereitgestellten Smartwatch, Ernährungsunterstützung und Erfassung des mentalen Befindens. Die Patienten trainieren zu Hause, bleiben aber über die Plattform mit ihrem Behandlungsteam verbunden und erhalten Echtzeit-Feedback zur Einhaltung ihrer Therapieziele.
Im Vergleich zu bestehenden Lösungen ist Prep4Surg die erste digitale All-in-One-Lösung für individualisierte, datenbasierte Prähabilitation, die als Medizinprodukt nach MDR zugelassen wird. Anders als analoge Physiotherapie ist unser Ansatz skalierbar; anders als Fitness-Apps ist er evidenzbasiert und individualisiert; und anders als klinikeigene Insellösungen ist er standardisiert und übertragbar.
Wir bieten Echtzeit-Datentracking, präinterventionelle Risikobewertung und decken diverse Krankheitsbilder und OP-Typen ab – das kann keiner unserer Wettbewerber in dieser Kombination.

Ihr seid Finalist für das „Frankfurt Forward Startup of the Year 2026“. Was bedeutet das für euch – und wie geht es jetzt weiter?

Die Nominierung ist eine große Bestätigung für unser Team und unsere Arbeit. Als Spin-Off der Goethe-Universität sind wir tief mit dem Standort Frankfurt verwurzelt, und die Anerkennung durch Frankfurt Forward zeigt, dass unser Ansatz auch über die Medizin hinaus wahrgenommen wird.
Jetzt stehen entscheidende Meilensteine an: Wir schließen gerade unsere LUMOS-Zulassungsstudie ab, die an sieben deutschen Zentren rekrutiert. Die CE-Zertifizierung nach MDR planen wir für Q4 2026. Parallel bauen wir mit unser erstes klinisches Ökosystem auf und beginnen die Markterschließung.
Ab 2027 wollen wir mit einem wachsenden Team von bis zu 19 Mitarbeitern den Vertrieb an Krankenhäuser skalieren.

Wo soll die Reise hingehen? Wo seht ihr euch und Prep4Surg in fünf Jahren?

In fünf Jahren soll Prep4Surg als digitaler Standard in der chirurgischen Vorbereitung etabliert sein – zunächst in Deutschland, dann europaweit.
Wir planen, von aktuell 16 Zentren auf ein breites Kundennetzwerk zu wachsen und dabei von unseren Studienzentren und dem Knappschaft-Piloten aus zu skalieren. Bis 2029 wollen wir 30.000 Lizenzen pro Jahr verkaufen.
Inhaltlich werden wir die Plattform um weitere chirurgische Fachrichtungen und chronische Erkrankungen erweitern und KI-basierte Funktionen wie prädiktive Risikoanpassung und automatisierte Trainingsoptimierung einsetzen. Auch eine internationale Expansion mit Anpassung an unterschiedliche Gesundheitssysteme steht auf der Agenda.
Langfristig streben wir einen strategischen Partnering- oder Exit-Prozess an.

Zum Abschluss: Welche drei Tipps würdet ihr anderen Gründerinnen und Gründern mit auf den Weg geben?

Erstens: Gründet aus echtem Domänenwissen heraus. Wir haben Prep4Surg nicht am Schreibtisch erfunden, sondern aus jahrelanger klinischer Erfahrung entwickelt. Wer sein Problem wirklich versteht, baut die bessere Lösung.
Zweitens: Unterschätzt die Regulatorik nicht – aber lasst euch auch nicht von ihr lähmen. Gerade im Digital-Health-Bereich sind Zertifizierungen wie ISO 13485, C5 oder die MDR-Zulassung kein Hindernis, sondern ein echter Wettbewerbsvorteil, wenn man sie früh und konsequent angeht.
Drittens: Baut euer Netzwerk auf, bevor ihr es braucht. Unser hoher Vernetzungsgrad im komplexen Gesundheitsmarkt – von Universitätskliniken über Versicherungen bis zur Deutschen Gesellschaft für Chirurgie – ist ein Standalone-Vorteil, der sich nicht über Nacht aufbauen lässt.

Bild: Gründerfoto ©Capreolos GmbH

Wir bedanken uns bei den Gründern für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.

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