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Der entscheidende Moment im Wachstumsprozess von Unternehmen
Das Team bestand aus zwanzig Leuten, jetzt sind es achtzig, vielleicht sogar schon über hundert. Was früher über den Tisch hinweg geklärt wurde, klärt sich nicht mehr von selbst. Also wird investiert: HR-Software, OKR-Tool, Feedback-Plattform. Sauber ausgewählt, sauber eingeführt.
Ein halbes Jahr später steht dieselbe Frage im Raum wie vorher: Warum kommt Führung und Zusammenarbeit immer noch in Stocken?
Meine Antwort ist unbequem: Weil Führungsverantwortung sich nicht installieren lässt.
Das Werkzeug ist nicht das Problem
Ich habe nichts gegen Tools. Ein Feedbacksystem macht sichtbar, wie Entwicklung stattfinden kann, eine Zielsystematik zeigt, worauf ein Team einzahlt. In der Skalierung braucht man das.
Schwierig wird es erst, wenn das Werkzeug den Dialog und die Entscheidung ersetzen soll.
Ein Performance-System bewertet niemanden. Es dokumentiert eine Bewertung, hinter der ein Entwicklungsimpuls der Führungskraft stehen sollte. Fehlt diese Absicht und der damit verbundene Dialog, hat man am Ende eine im System dokumentierte Unklarheit.
Das erlebe ich in Wachstumsphasen häufig. Das Tool macht ein Versprechen, dass Führung nicht einlöst. Dahinter steht die Annahme: Wenn das Tool erst einmal steht, regelt sich der Rest. Spoiler: Es regelt sich nicht.
HR ist nicht der Architekt
In vielen Unternehmen liegt die Erwartung, HR möge Kultur und Führung gestalten. Ich halte das für einen teuren Denkfehler – gerade in der Wachstumsphase von Unternehmen, wo für beide Themen wichtige Grundlagen gelegt werden.
Architekt von Kultur und Führung ist das Business, im Zweifel die Gründer bzw. die Geschäftsführung. Sie entscheidet, wofür das Unternehmen steht, wie miteinander gearbeitet wird, was toleriert wird und was nicht.
HR ist die Bauleitung. HR sorgt dafür, dass die gewünschte Kultur und Führung durch Systeme, Prozesse und Entscheidungen unterstützt wird und entsprechend des Zielbildes agieren kann. Diese Strukturen brauchen aber einen klaren Rahmen, eine eindeutige Absichtserklärung – sonst laufen sie ins Leere.
Warum das beim Skalieren härter zuschlägt
In der frühen Phase von Unternehmen ist Führung informell. Man sitzt nebeneinander, merkt, wenn etwas klemmt, und korrigiert im Vorbeigehen. Das trägt erstaunlich lange. Es trägt bis zu dem Punkt, an dem die Wege zu lang werden.
Ab da vervielfacht Wachstum jede Unklarheit, die vorher nur lästig war. Wenn niemand entschieden hat, was gute Leistung bedeutet, entstehen zwanzig Antworten darauf. Verantwortlichkeiten, die nie sauber verteilt wurden, wachsen sich zu Schnittstellen aus, die keiner mehr überblickt.
Kultur ist nicht, was ein Unternehmen sagt. Kultur ist, was es toleriert. Toleriert wird, was Führungskräfte im Alltag durchgehen lassen. Kein Tool nimmt ihnen diesen Moment ab.
Wie ernst die Lage insgesamt ist, zeigt der Gallup Engagement Index Deutschland 2025. Nur zehn Prozent der Beschäftigten sind emotional hoch gebunden. 77 Prozent machen Dienst nach Vorschrift. Die Zahlen beziehen sich auf den gesamten Arbeitsmarkt, nicht auf Start-ups. Sie zeigen aber, was passiert, wenn Strukturen laufen und Führung dahinter fehlt.
Was ich Gründerinnen und Gründern rate
Kläre die Frage vor dem Kauf: Welche grundsätzliche Haltung soll dieses Tool bei euch unterstützen? Welches Verhalten wollen wir von Führungskräften und Mitarbeitenden sehen, das dieses Tool unterstützen kann?
Betrachte Führung ganzheitlich: Führung ist mehr als inhaltliches Performance Management. Entwicklungsgespräche, unbequeme Rückmeldungen, Prioritäten-Entscheidungen sind ebenfalls Teil von Führung – und keine HR-Aufgabe.
Baue die Struktur und Tool-Landschaft, die zu der Kultur passt, die du fördern möchtest, und nicht die, die irgendwo als Best Practice steht.
Was das kostet
Zeit. Belastbare Ergebnisse von Kultur- und Führungsentwicklung sieht man nach Jahren, nicht nach einem Quartal. Das will im Wachstum niemand hören, und es stimmt leider trotzdem.
Ein Tool ist in sechs Wochen ausgerollt. Eine Führungsmannschaft, die lebt, was man von ihr erwartet, braucht länger.
Und trotzdem ist es die Investition, die darüber entscheidet, ob das Haus, das da gerade sehr schnell hochgezogen wird, am Ende auch langfristig steht.
Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.
















