Sofie Lilli Stoffel ist Expertin für Außen- und Sicherheitspolitik. Sie macht sich Gedanken über Deutschlands Rolle in der Welt und wie wir dafür sorgen können, dass Menschen in Deutschland, Europa und der Welt sicher sind. Ihr besonderer Fokus liegt darauf, wie Neurologie und Psychologie dabei helfen können, Kriege, Konflikte und Politik besser zu verstehen. Ihre aktuelle Studie trägt den Titel „Wenn dein Verbündeter zum Narzissten wird“ und soll Europa als Ratgeber für die Gestaltung transatlantischer Beziehungen dienen.
„Unsere Verteidigung ist für mich auch eine feministische und menschenrechtliche Frage.“
herCAREER: Sofie, wir erleben derzeit mehrere internationale Krisen. Was hat sich deiner Meinung nach geopolitisch verändert?
Sofie Stoffel: Seit Bestehen der Bundesrepublik konnten wir uns immer darauf verlassen, dass die USA uns im Fall eines Konflikts den Rücken stärken und gemeinsam mit uns sicherheitspolitische Maßnahmen durchführen würden. Das ist jetzt nicht mehr so, spätestens seit der zweiten Amtszeit Trumps auch ganz explizit.
Hinzu kam der russische Angriffskrieg auf die Ukraine. Die Annäherung an Europa, die Deutschland sich in den 2000ern und 2010ern von Russland naiverweise erhofft hatte, ließ sich nicht realisieren.
Gleichzeitig sind wir stark von China abhängig, dessen Interessen europäischen und deutschen Interessen in vielerlei Hinsicht entgegenlaufen.
Unsere Studie ist ein Versuch, aus dem Status-Quo-Denken herauszukommen, die Perspektive zu wechseln und über Deutschlands und Europas Rolle in der Welt sowie die internationale Politik nachzudenken. Welche Optionen haben wir? Denn momentan befinden wir uns sprichwörtlich „between a rock and a hard place“ – also in einer echt unangenehmen Lage.
herCAREER: Das Machtgehabe der USA und Russlands könnte man auf Kapitalismus und Patriarchat zurückführen. Deine Studie eröffnet jedoch eine neue Perspektive: Narzissmus. Doch wer ist in diesem Kontext narzisstisch? Sind es die Regierungschefs Trump, Putin und Co., ihre Regierungen oder die Nationen selbst?
Sofie Stoffel: In unserer Studie betrachten wir nicht Individuen, sondern Muster politischer Handlungen. Wir sprechen darin über Regierungen, analysieren also Maßnahmen auf staatlicher Ebene. Natürlich gibt es Wechselwirkungen, denn Regierungen werden auch durch die Person an ihrer Spitze geprägt. Die MAGA-Bewegung zum Beispiel ist aber trotzdem viel mehr als nur Donald Trump und sein engster Kreis. MAGA hat ein politisches Klima geschaffen und ist gleichzeitig ein Produkt dessen. Deswegen kann man die aktuelle US-Außenpolitik nicht rein auf den Präsidenten zurückführen.
herCAREER: In eurer Untersuchung habt ihr sieben Kriterien zur Erkennung narzisstischer Muster in der Außenpolitik definiert.
Sofie Stoffel: Die Art und Weise, wie wir – und noch stärker die USA – unsere demokratischen Systeme aufgebaut haben, befördert narzisstische Tendenzen. Meist wählen wir Personen in Machtpositionen, die auf der narzisstischen Skala weiter oben stehen. Das ist nicht per se schlecht, denn Narzissmus ist zwar negativ konnotiert, auf niedrigeren Levels aber auch mitverantwortlich für Eigenschaften wie Humor, Innovationswille, Durchsetzungsstärke und ein gesundes Selbstbewusstsein. Bei höheren Maßen narzisstischer Eigenschaften wird dies aber problematisch, dann geht es primär um Macht, Ansehen und Status. Es gibt außerdem das sozialpsychologische Phänomen des kollektiven Narzissmus, eine unkritische Überzeugung von der Großartigkeit der eigenen Gruppe oder Nation. Leider ist es kein isoliertes Phänomen, dass in solchen Fällen die Zustimmung zu autoritären und populistischen Politiker:innen und Bewegungen steigt, die sich in Europa und Nordamerika primär am rechten Rand finden.
herCAREER: Ihr habt unter anderem das Streben nach Aufmerksamkeit, einen ausbeuterischen und herabwürdigenden Umgang mit Verbündeten, performative und zwingende Überlegenheit, rachsüchtige Vergeltung sowie einen risikobehafteten, kurzfristigen Fokus als Kriterien für narzisstische Regierungen angesetzt. Anhand dieser Kriterien – wie narzisstisch ist Deutschland?
Sofie Stoffel: In puncto Außen- und Sicherheitspolitik: nicht besonders. Denn Deutschland sucht aktiv den Schulterschluss mit europäischen Partner:innen. Deutschlands Währung auf dem internationalen Parkett ist Verlässlichkeit. Egal, welche Regierung bei uns an der Macht ist, unsere Außenpolitik bleibt in ihren Grundzügen ähnlich. Und das ist das genaue Gegenteil des volatilen Narzissmus. Wir sind auch nicht für Public Stunts bekannt – im Gegenteil: In der Auswertung unserer Studie rufen wir vielmehr dazu auf, mehr Imagepflege zu betreiben, neue Partnerschaften zu bilden und uns gemeinsam mit diesen Ländern etwas mehr zu inszenieren.
herCAREER: Um was zu erreichen?
Sofie Stoffel: Damit wir neben den USA und anderen narzisstischen Playern nicht unnötig vulnerabel wirken. Es geht in solchen Dynamiken oft sehr explizit um Wahrnehmung und Zurschaustellung.
herCAREER: Welche Fehler macht Deutschland derzeit?
Sofie Stoffel: Wir befinden uns noch immer in vielen Situationen in einer reaktiven Haltung, einen Schritt zu langsam, einen Schritt hinterher. Was liegt in unserem Interesse – in Europas Interesse? Welche Rolle wollen wir unter veränderten geopolitischen Umständen haben? Um diesen Effekt zu durchbrechen, ist der Narzissmus-Begriff meiner Meinung nach sehr hilfreich, er macht es einfacher, eine neue Perspektive einzunehmen und die Muster zu betrachten, anstatt von Krise zu Krise zu denken.
herCAREER: Welche Aufgaben ergeben sich daraus für Europa und Deutschland?
Sofie Stoffel: Deutschland und Europa bauen derzeit ihre Verteidigungsfähigkeiten stark aus. Das wird aber dauern, denn wir haben viel zu spät damit angefangen. Dementsprechend müssen wir in der Zwischenzeit einen guten Weg finden, mit den USA und ihrer aktuellen Außenpolitik umzugehen.
Unsere Verteidigung ist für mich übrigens auch eine feministische und menschenrechtliche Frage. Wenn uns jemand angreift, annektieren will oder Abhängigkeiten zur politischen Dominanz ausnutzt, werden dies aller Annahme nach Akteure sein, die antidemokratisch und antifeministisch sind, wie Russland. Wenn wir ein solches Leben nicht führen möchten, müssen wir uns verteidigen – und zwar auf einer Ebene, die auch international respektiert wird. Dafür brauchen wir unbedingt neue Partner.
herCAREER: Wer kommt da infrage?
Sofie Stoffel: Primär brauchen wir natürlich ein starkes und möglichst vereintes Europa. Ich habe die Hoffnung, dass die europäische Kooperation ohne Orbán auch noch besser wird.
Außerdem brauchen wir Partner, die in ähnlichen Situationen sind, die sogenannten „Mittelmächte“. Viele davon sind Länder aus dem Globalen Süden, der Global Majority, wie es jetzt oft heißt. Die haben jedoch nicht unbedingt Lust, mit uns zusammenzuarbeiten, solange wir uns ihnen gegenüber nicht demütig zeigen und klar machen, was Deutschland und Europa zu attraktiven Partnern macht.
herCAREER: Das wird interessant. Von wem könnten wir uns in dieser Hinsicht etwas abschauen?
Sofie Stoffel: Ein gutes Vorbild sind Mexiko und seine Präsidentin Claudia Sheinbaum. Konflikte zwischen den USA und Mexiko sind derzeit kaum Thema. Das liegt nicht daran, dass es keine Provokationen mehr gibt, sondern daran, dass Mexiko nicht mehr auf die Trump-Regierung eingeht. Zugegeben, Venezuela ist mit seinen Öl-Ressourcen gerade interessanter für die USA. Doch Mexiko macht das hervorragend. Wir müssen von und mit solchen Ländern lernen – und das geht nur, wenn wir es schaffen, ein zuverlässiger und ehrlicher Partner zu sein.
herCAREER: Die Studie nennt sich auch ein „Self-Help Manual for Europe“. Was sind eure Handlungsempfehlungen?
Sofie Stoffel: Partner:innen finden haben wir schon erwähnt. Wenn wir Bündnisse und interessenbasierte Kooperationen eingehen, bilden die ein Gegengewicht zur narzisstischen Politik und erschweren es den narzisstischen Playern, uns zu spalten und gegeneinander auszuspielen. Überhaupt sollte sich niemand von etwas mitreißen lassen, das auf Truth Social oder Fox News verbreitet wird.
Dann: Nicht nachgeben! Jedes Mal, wenn man narzisstischen Manipulationen nachgibt, hängt der Reifen, durch den man springen soll, ein wenig höher und weiter rechts. Wir denken, wir können so möglichen Vergeltungsaktionen vorbeugen. Das ist ein Trugschluss! Irgendwann hängt der Reifen so hoch, dass man ihn unmöglich überwinden kann – und dann trifft die folgende Vergeltung gleich dreimal so stark.
Zuletzt, und auch das habe ich schon angedeutet: Es hilft uns nicht, uns als kleines, abhängiges Europa zu positionieren. Wir brauchen mehr Kühnheit, denn narzisstische Akteure respektieren starke Partner. Wir sollten uns also ein wenig mehr aufplustern, auch wenn uns gewisse Kapazitäten noch fehlen.
Das Interview führte herCAREER-Redakteurin Kristina Appel.
Sofie Lilli Stoffel wird am Freitag, den 23. Oktober 2026, beim Podcast-MeetUp auf der herCAREER Expo über ihre Studie und Lehren aus der Psychologie im Kontext globaler Sicherheitspolitik sprechen.
Bild Sofie Lilli Stoffel Head of Foreign and Security Policy Heinrich-Böll-Stiftung © GPPi
Quelle messe.rocks GmbH
















