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Ghosting ist nicht nur ein Dating-Phänomen. Auch Gründerinnen und Gründer erleben es: bei Kunden, Investoren, Geschäftspartnern und manchmal im engsten persönlichen Umfeld. Was dann hilft, ist keine weitere Nachricht. Sondern Selbstführung.
Es gibt Erfahrungen, auf die dich kein Businessplan vorbereitet.
Du kannst deine Idee bis ins Detail durchdacht haben. Du kannst voller Energie sein, ein Team aufbauen, Kundengespräche führen, Verantwortung tragen. Du kannst überzeugt sein, dass deine Vision einen Unterschied macht.
Und dann verstummt ein wichtiger Mensch.
Keine Erklärung. Keine ehrliche Auseinandersetzung. Und keine klare Aussage. Nachrichten bleiben unbeantwortet, Absprachen verlieren ihre Verbindlichkeit, Nähe wird durch Funkstille ersetzt.
Das nennen wir Ghosting.
Meist verbinden wir es mit Dating. Doch Ghosting findet längst auch im beruflichen Alltag statt: Ein Investor zeigt Interesse und meldet sich nie wieder. Ein potenzieller Kunde verspricht einen Rückruf und verschwindet. Ein Partner spricht über gemeinsame Ziele, zieht sich dann aber zurück, sobald es verbindlich wird.
Besonders schwer wird es, wenn diese Funkstille aus dem engsten Umfeld kommt. Wenn Menschen, die Teil der eigenen Geschichte, Familie oder Zukunft waren, emotional nicht mehr erreichbar sind. Dann trifft es nicht nur den Menschen privat. Es trifft auch die Kraft, mit der er morgens aufsteht und weiterbaut.
Die Stille erzeugt Fragen
Ghosting hinterlässt selten eine sachliche Lücke. Es hinterlässt einen inneren Raum voller Fragen.
Habe ich etwas falsch gemacht?
War ich zu viel? Zu direkt? Zu fordernd?
Hätte ich anders handeln müssen?
Diese Fragen sind verständlich. Doch sie können zerstörerisch werden, wenn wir sie zum Dauerzustand machen.
Denn Schweigen ist nicht automatisch ein Urteil über unseren Wert. Es sagt oft mehr darüber aus, wie der andere Mensch mit Konflikten, Überforderung oder Verantwortung umgeht, als über den Menschen, der zurückbleibt.
Das macht die Erfahrung nicht harmlos. Aber es verändert den Blick darauf.
Wer geghostet wird, hat ein Recht auf Verletzung. Auf Traurigkeit. Auch auf Wut. Was er nicht tun sollte: seinen Selbstwert an eine Antwort koppeln, die vielleicht niemals kommt.

Gründer brauchen eine andere Form von Stärke
Im Start-up-Kontext reden wir häufig über Resilienz. Das Wort ist inzwischen fast ein Pflichtbegriff. Doch echte Resilienz zeigt sich nicht auf einer Bühne und nicht in einem LinkedIn-Post.
Sie zeigt sich an den Tagen, an denen keine Antwort kommt.
Dann, wenn man merkt: Ich kann Kommunikation anbieten, aber nicht erzwingen. Ich kann Klarheit wünschen, aber nicht verlangen. Ich kann andere nicht dazu bringen, die Verantwortung zu übernehmen, die ich mir von ihnen wünschen würde.
Eine meiner wichtigsten geistigen Lehrerinnen, Vera F. Birkenbihl, brachte diese Haltung in einem einfachen Satz auf den Punkt:
„Es ist, wie es ist.“
Das ist keine Kapitulation. Es ist Realitätssinn.
Es ist, wie es ist, ist nicht, wie es fair wäre. Nicht, wie ich es mir vorgestellt habe. Nicht, wie ein erwachsener Mensch möglicherweise handeln sollte.
Akzeptanz bedeutet nicht Zustimmung. Sie bedeutet, aufzuhören, die eigene Energie gegen eine Tatsache einzusetzen, die sich im Moment nicht ändern lässt.
Und genau dort beginnt Selbstführung.
Aus der Funkstille zurück in die Handlung
Wer ein Unternehmen aufbaut, weiß: Energie ist eine begrenzte Ressource. Jede Stunde Grübeln fehlt bei Kunden, Produkt, Team oder Familie. Das bedeutet nicht, Gefühle wegzudrücken. Es bedeutet, ihnen einen Platz zu geben, aber nicht die Führung.
Drei Fragen helfen, aus der Ohnmacht zurück in die Bewegung zu kommen:
- Was liegt wirklich in meiner Verantwortung?
Nicht das Verhalten anderer. Aber die eigene Klarheit, die eigene Haltung und die nächsten Schritte. - Was brauche ich, um handlungsfähig zu bleiben?
Ein Gespräch mit einer Vertrauensperson, Sport, Abstand, professionelle Begleitung oder schlicht eine Nacht Schlaf. Stärke beginnt oft mit Selbstfürsorge. - Welche Kultur will ich selbst vorleben?
Gerade Gründer prägen ihre Unternehmen. Wer Respekt, Verbindlichkeit und klare Kommunikation erwartet, muss sie selbst auch dann praktizieren, wenn Gespräche unbequem werden.
Kommunikation ist Führung
Nicht jede Beziehung muss fortgesetzt werden. Nicht jedes Projekt passt. Und nicht jede Partnerschaft trägt.
Aber Menschen verdienen Klarheit.
Ein „Ich brauche Abstand“ ist besser als eine offene Schleife. Ein „Ich kann das nicht weiterführen“ ist ehrlicher als monatelange Unverbindlichkeit. Ein respektvolles Nein ist reifer als vollständiges Abtauchen.
Das gilt im Privaten genauso wie im Business.
Eine gesunde Gründerkultur entsteht nicht nur durch Vision, Geschwindigkeit und Technologie. Sie entsteht durch die Art, wie wir mit Menschen umgehen, wenn es schwierig wird. Durch die Bereitschaft, Verantwortung nicht einfach im Schweigen verschwinden zu lassen.
Der Phoenix-Moment
Vielleicht besteht der eigentliche Phoenix-Moment nicht darin, niemals zu fallen.
Vielleicht besteht er darin, nach einem emotionalen Rückschlag nicht bitter zu werden.
Nicht jede Antwort wird kommen. Nicht jeder Mensch wird bleiben. Und nicht jede Verbindung lässt sich retten.
Aber die eigene Haltung bleibt eine Entscheidung.
Wer geghostet wird, darf traurig sein. Er darf sich zurückziehen, sortieren, Grenzen ziehen. Und dann darf er weitergehen: klarer, bewusster und mit dem Wissen, dass sein Wert nicht davon abhängt, ob jemand anderes antwortet.
Es ist, wie es ist.
Und von dort aus beginnt die nächste Entscheidung.
Über den Autor
Clemens Ressel schreibt über Selbstführung, mentale Stärke und die menschliche Seite des Unternehmertums. Seine Perspektive verbindet persönliche Erfahrung mit dem Anspruch, auch in Krisen handlungsfähig zu bleiben.
Bildcredits/Fotograf: Fotostudio Wetzikon Yannik Scrugli
Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder















