WEYV Technology entwickelt mit neo:sense eine KI für die regelbasierte Prüfung und Korrektur sensibler Dokumente in Unternehmen.
Können Sie WEYV Technology kurz vorstellen und erzählen, wie die Idee für neo:sense entstanden ist?
WEYV Technology haben Daniel Schaffeld und ich im März 2024 in Köln gegründet. Die Idee zu neo:sense kam nicht am Reißbrett, sondern aus der Praxis: Wir entwickelten zunächst eine Vertragsprüfungslösung für das Berliner Legal-Tech-Start-up Neo.Law. Die Wirtschaftskanzlei orka testete sie ausgiebig und genau aus diesem Praxistest entstand im Juli 2025 neo:sense als eigenständiges Produkt.
Wer steht hinter WEYV Technology, und welche Erfahrungen bringen René Tillmann und Daniel Schaffeld in das Unternehmen ein?
Mit künstlicher Intelligenz beschäftigen Daniel und ich uns schon deutlich länger als der aktuelle Hype, seit rund elf Jahren, unter anderem über unsere hijob GmbH im Recruiting-Bereich. Dazu bringe ich über 20 Jahre Erfahrung im Enterprise-IT-Geschäft mit, unter anderem als Key Account Manager für Data-Center-Lösungen bei Comparex und Inforsacom Logicalis, Daniel über 15 Jahre als Geschäftsführer digitaler Unternehmen, darunter mehr als sechs Jahre an der Spitze der fotocommunity GmbH.
Schatten KI wird für Unternehmen zunehmend zum Risiko. Warum greifen Mitarbeitende Ihrer Erfahrung nach trotzdem auf nicht freigegebene KI Tools zurück?
Meine Hypothese: Es geht schlicht um Zeit. Mitarbeitende sehen jeden Tag, was KI-Tools an Arbeit abnehmen können und wollen genau das für sich nutzen. An Datenschutz, Governance oder mögliche Datenprobleme denken sie in diesem Moment am wenigsten. Nicht aus Nachlässigkeit, sondern weil der Zeitdruck im Alltag stärker ist als das abstrakte Risiko.
Welche Vision verfolgen Sie mit WEYV Technology, und wie möchten Sie den sicheren Einsatz von KI in Unternehmen voranbringen?
Heute prüft neo:sense Dokumente, morgen soll es sich an sie erinnern. Wir entwickeln das System gerade vom Prüf- und Korrekturvorgang zu einem echten Gedächtnis für Unternehmen: neo:sense wird sich dann merken, welche Verträge und Unterlagen bereits geprüft wurden, was daran geändert wurde und warum. Ändert sich morgen eine Regel, etwa durch ein neues Gesetz, erkennt das System von selbst, welche Dokumente betroffen sind, und passt sie an. Wir wollen weg von einem Prüf- und Korrekturprozess zu der Instanz, die für Unternehmen jederzeit weiß, wo sie regulatorisch stehen, ohne dass das jemand manuell nachhalten muss.
neo:sense ist bewusst keine eigenständige KI Anwendung. Warum haben Sie sich für die Integration in bestehende Software und Prozesse entschieden?
Weil niemand ein weiteres Tool braucht. Genau das ist ja der Grund, warum Mitarbeitende überhaupt zu ChatGPT und Co. greifen: Sie wollen nicht erst eine neue Anwendung lernen, sondern einfach schneller fertig sein. Also haben wir neo:sense so gebaut, dass es sich in die Programme einfügt, die ohnehin schon genutzt werden, etwa direkt in Word. Je organischer die Integration, desto eher wird sie auch wirklich verwendet und genau darauf kommt es an. Für Unternehmen, die keine passende Umgebung dafür haben, bieten wir neo:sense aber auch als Stand-alone-Lösung an.
Verträge und andere Dokumente werden anhand unternehmensspezifischer Regeln geprüft. Wie funktioniert dieser Ansatz in der Praxis?
In fünf Schritten: Zunächst werden bestehende Verträge, Vorgaben oder Gesetze hochgeladen. Daraus erstellt neo:sense in wenigen Minuten ein sogenanntes Playbook, das Expert:innen bearbeiten und freigeben. Danach kann jede:r im Unternehmen ein Dokument hochladen, ganz ohne Vorkenntnisse. neo:sense prüft es Regel für Regel, begründet jede Änderung, korrigiert regelkonform und kontrolliert am Ende die eigene Arbeit noch einmal nach, inklusive lückenloser Aufstellung aller Änderungen.
Was unterscheidet neo:sense von klassischen KI Lösungen für die Analyse und Bearbeitung von Verträgen?
Zwei Dinge: Erstens arbeiten wir nicht mit offenem Prompting, sondern mit einem festen Regelwerk. Das heißt, niemand muss eine neue „Sprache“ lernen, um damit umzugehen und dasselbe Dokument liefert immer dasselbe Ergebnis, ohne Halluzinationsrisiko. Egal, wer es nutzt. Zweitens bleibt klassische Prüfsoftware zumeist bei reiner Fehlermarkierung stehen, während neo:sense Verstöße auch direkt regelkonform korrigiert, als nachverfolgbares Redlining direkt in Word. Man kann sich das ein bisschen wie einen TÜV für Verträge vorstellen: feste, bekannte Prüfkriterien statt einer Einzelmeinung, die morgen schon wieder anders ausfallen könnte.
Nachvollziehbarkeit und Reproduzierbarkeit stehen bei Ihnen im Mittelpunkt. Warum sind diese Eigenschaften bei sensiblen Dokumenten so entscheidend?
Eine Antwort, die man nicht erklären kann, ist bei Verträgen gefährlich: Jede Änderung muss lückenlos nachvollziehbar sein, sonst ist es nur schneller geraten statt schneller geprüft. Gerade in regulierten Bereichen verlangen Vorgaben wie der EU AI Act oder DORA ohnehin eine belegbare Prüfung. Das können generische KI-Assistenten schlicht nicht liefern.
Wie kann WEYV dazu beitragen, Expertenwissen nicht nur bei einzelnen Mitarbeitern zu belassen, sondern im Unternehmen skalierbar zu machen?
Indem Expert:innen ihr Wissen einmal als Playbook festhalten. Danach steht es der gesamten Organisation in gleicher Qualität zur Verfügung, egal ob das jemand im Einkauf, in der Rechtsabteilung oder im Vertrieb braucht, statt an einzelnen Personen zu hängen und mit ihnen das Unternehmen wieder zu verlassen. Neue Mitarbeitende müssen sich dieses Wissen dann nicht erst mühsam aneignen, sie arbeiten vom ersten Tag an mit demselben Qualitätsstandard wie die erfahrensten Kolleg:innen im Haus. Wichtig ist dabei trotzdem: Die Endverantwortung für das Ergebnis liegt weiterhin beim Menschen. neo:sense skaliert das Wissen, nicht die Verantwortung dafür.
Viele Unternehmen versuchen Schatten KI durch Verbote zu verhindern. Warum reicht dieser Ansatz aus Ihrer Sicht nicht aus?
Ein Verbot lässt das eigentliche Bedürfnis nicht verschwinden, es verschiebt es nur ins Verborgene. Der Zeitdruck, der Mitarbeitende zu privaten KI-Tools treibt, ist am nächsten Tag noch genauso da, nur wird jetzt heimlich statt offen mit privaten Tools gearbeitet. Die IT-Abteilung verliert also nicht nur die Kontrolle, sondern auch die Sichtbarkeit über das Problem. Wirksam wird Governance erst, wenn die sichere Variante mindestens so schnell ist wie die unsichere Abkürzung.
Welche Branchen und Anwendungsfälle stehen für WEYV Technology künftig besonders im Fokus, und wie soll sich neo:sense weiterentwickeln?
Am stärksten wirkt neo:sense schon heute in regulierten Bereichen, überall dort, wo Dokumente festen Regeln folgen, von Verträgen über Datenschutz-Unterlagen bis zu Förderanträgen und Ausschreibungen. Besonders im Fokus stehen für uns Legal, IT-Dienstleister und Behörden, aber wir bleiben aktuell bewusst offen: Auch Banken oder die Pharmabranche haben genau diese Kombination aus strengen Regeln und hohem Dokumentenaufkommen und wir können uns den Einsatz dort sehr gut vorstellen. Wie sich neo:sense dafür weiterentwickeln soll, habe ich ja bereits mit dem Blick auf das Gedächtnis schon beschrieben. Das bleibt unser roter Faden, unabhängig von der Branche.
Welche drei Ratschläge würden Sie anderen Gründerinnen und Gründern geben, die ein KI Unternehmen für regulierte oder besonders sensible Bereiche aufbauen möchten?
Erstens: Baut nicht für den Prompt, baut für den Prozess. In sensiblen Bereichen zählt nicht die beeindruckendste Antwort, sondern die nachvollziehbarste. Zweitens: Sucht euch früh einen kritischen Praxispartner, der euer Produkt wirklich auf die Probe stellt. Bei uns war das orka, und genau dieser Realitätscheck hat neo:sense zu dem gemacht, was es heute ist. Drittens: Unterschätzt nie, wie viel Vertrauen ihr am Anfang verspielt, wenn ihr Genauigkeit gegen Geschwindigkeit eintauscht. In sensiblen Bereichen holt man verlorenes Vertrauen kaum zurück.
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Wir bedanken uns bei René Tillmann für das Interview
Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.

















