OneCircle ist ein Online-Marktplatz, der Händler und Marken vor der Aufnahme ins Sortiment überprüft und damit mehr Transparenz beim Einkaufen schaffen möchte. Gründer Baris Mert Colak erklärt im Interview, wie das Prüfverfahren funktioniert, warum bestimmte Unternehmen ausgeschlossen werden und weshalb zehn Prozent des eigenen Marktplatzanteils in einen Spendenfonds fließen
Baris, stell dich und OneCircle bitte kurz vor. Wie ist die Idee entstanden, einen eigenen Online-Marktplatz aufzubauen?
Ich bin Baris Mert Colak, 26, aus Schwandorf in der Oberpfalz. OneCircle ist ein Online-Marktplatz mit Vollsortiment, von der Bohrmaschine bis zur Zahnbürste. Der Unterschied liegt vor dem Verkauf: Bei uns kommt keine Marke ins Sortiment, ohne dass wir vorher geschaut haben, welche Firmen eigentlich an ihr verdienen.
Die Idee kam aus einer ziemlich simplen Beobachtung. Beim Online-Einkauf weiß man praktisch nie, wem das Geld am Ende zufließt. Man kauft eine Uhr von einer bekannten Marke und denkt, man kauft bei dieser Marke. Tatsächlich steckt oft eine ganz andere Firma dahinter, manchmal in einem anderen Land, manchmal in einem Konzern, von dem man noch nie gehört hat. Wer nur den Markennamen prüft, prüft ein Etikett.
Also habe ich angefangen, es andersherum aufzuziehen. Erst die Prüfung, dann der Shop.
Mit OneCircle möchtet ihr kleinen und mittleren Händlern eine Verkaufsplattform bieten. Welche Probleme wollt ihr für diese Zielgruppe lösen?
Drei Dinge. Erstens die Kosten: Bei den großen Plattformen zahlt man Grundgebühren, bevor man den ersten Euro verdient hat. Bei uns nicht. Zweitens die Austauschbarkeit: Wer auf einem großen Marktplatz ein gutes Produkt hat, steht auf derselben Seite neben zehn billigeren Nachbauten.
Und drittens, das ist für mich der eigentliche Punkt: Händler, die sauber arbeiten, können das nirgends zeigen. Sie stehen zwischen allen anderen, ununterscheidbar. Bei uns ist die Aufnahmeregel selbst das Verkaufsargument. Wer bei uns gelistet ist, ist durch dieselbe Prüfung gegangen wie jeder andere.
Euer Geschäftsmodell verzichtet auf Grundgebühren und setzt auf eine Verkaufsprovision zwischen 10 und 15 Prozent. Warum habt ihr euch für diesen Ansatz entschieden?
Der Gedanke dahinter ist einfach. Eine monatliche Gebühr zahlt man, egal ob man verkauft hat. Für einen Händler, der gerade anfängt oder erst ein paar Artikel bei uns listet, ist das ein Risiko ohne Gegenwert. Bei einer Provision zahlt er nur, wenn etwas passiert ist. Für uns heißt das: Wir verdienen erst, wenn der Händler verdient hat. Das macht unsere Planung unbequemer, aber es ist die ehrlichere Richtung.
Bevor Händler bei OneCircle verkaufen dürfen, überprüft ihr die Unternehmen anhand bestimmter Kriterien. Wie funktioniert dieser Prüfprozess konkret?
Wir prüfen weder das Produkt noch die Marke, sondern jede Firma, die an einer Marke verdient. Bei einer Lizenzmarke sind das mindestens zwei: die Firma, der der Name gehört, und die, die herstellt und vertreibt. Dazu kommen Konzernmütter und Vertriebsgesellschaften.
Der Ablauf hat vier Schritte. Zuerst ermitteln wir zu jeder Marke alle beteiligten Firmen. Dann laufen zwei voneinander unabhängige Recherchen: eine freie Suche nach dokumentierten Vorwürfen und ein Abgleich gegen unseren eigenen Quellen-Index, der jede Nacht neu aus öffentlichen Listen aufgebaut wird, zuletzt 35.465 Einträge. Darin stecken unter anderem die Sanktionslisten der EU und der USA, die Liste des US-Arbeitsministeriums zu Waren aus Kinder- und Zwangsarbeit, die SIPRI-Rüstungsliste, OECD Watch und der ITUC Global Rights Index. Stimmen beide Wege überein, bestätigen sie sich gegenseitig. Weichen sie ab, ist genau das der Hinweis, genauer hinzusehen.
Daraus entsteht ein Vorschlag, der noch gar nichts bewirkt. Erst ein Mensch entscheidet: grün, gelb oder rot. Jede Sperre braucht ein zweites Augenpaar und eine Quelle mit Titel, Fundstelle und Jahr.
Und eine Regel, die oft überrascht: Die schlechteste Bewertung gewinnt. Hängt eine Marke an fünf Firmen und eine davon ist gesperrt, ist die Marke gesperrt. Das Geld fließt ja trotzdem dorthin.
Ausbeutung, Kinderarbeit, Kriegsfinanzierung und Unterdrückung sind für euch klare Ausschlussgründe. Wie geht ihr mit Fällen um, in denen öffentliche Informationen fehlen oder widersprüchlich sind?
Das ist der ehrlichste Teil unserer Arbeit, weil es der häufigste Fall ist.
Wir unterscheiden streng zwischen drei Stufen. Ein Beleg heißt: Die Firma steht namentlich in einer belastbaren Quelle, also in einem Urteil, einer Behördenentscheidung, einer Sanktionsliste oder einer nachlesbaren Recherche. Das führt zur Sperre. Ein Signal heißt: Die Firma wird nur mittelbar genannt, etwa über die Konzernmutter. Das führt zu einer Prüfung von Hand, nicht zu einer Sperre. Ein Risiko heißt: Es gibt keinen Eintrag, aber Branche oder Lieferkette sind auffällig. Das wird vermerkt, mehr nicht.
Ein Boykottaufruf allein ist für uns kein Nachweis. Er ist eine Meinung, und Meinungen sind kein Beleg.
Und wenn wir nichts finden, schreiben wir nicht „sauber“, sondern: Gegen diese Firma ist nichts dokumentiert. Das ist ein Unterschied. Kleine Firmen stehen oft in keiner Quelle, einfach weil sie niemand beobachtet. Das ist eine Datenlücke, keine Entwarnung.
Ihr habt bereits 1.782 Firmen in eurem Prüfsystem erfasst. Wie stellt ihr sicher, dass die Bewertungen aktuell und nachvollziehbar bleiben?
Über drei Mechanismen.
Ohne Quelle keine Bewertung. Gelb und Rot lassen sich im System gar nicht erst speichern, wenn Titel, Fundstelle und Jahr fehlen. Das ist keine Frage der Disziplin, das Feld lässt sich sonst nicht abschicken.
Jede Bewertung bekommt ein Datum zur Wiedervorlage. Bewertungen veralten, Firmen ändern sich, Verfahren enden.
Und: einmal bewertet, überall gültig. Wir bewerten lieferantenübergreifend. Wer gesperrt ist, bleibt gesperrt, egal über welchen Lieferanten seine Ware bei uns ankäme.
Ein Teil eurer Einnahmen fließt in einen Spendenfonds. Welche Ziele verfolgt ihr damit und nach welchen Kriterien wählt ihr gemeinnützige Organisationen aus?
Das Ziel ist, dass ganz normales Einkaufen automatisch etwas abwirft, ohne dass jemand extra dafür bezahlt oder sich extra darum kümmern muss. Kein Aufrunden an der Kasse, kein Häkchen beim Checkout, kein Aufpreis. Du kaufst eine Pfanne, und ein Teil dessen, was dabei bei uns hängen bleibt, ist schon weg, bevor wir überhaupt an uns denken.
Der zweite Teil des Ziels ist eine Selbstbindung. Fast jede Firma spendet irgendwann etwas, meistens dann, wenn ein gutes Jahr hinter ihr liegt. Wir wollten eine Regel, die auch in schlechten Monaten gilt. Deshalb geht der Anteil weg, bevor wir unsere eigenen Kosten abziehen. Von dem, was nach Auszahlung der Händler bei uns bleibt, gehen zehn Prozent in den Fonds. Wenn für uns am Ende nichts übrig bleibt, hat der Fonds trotzdem etwas bekommen.
Im August waren das 5,66 Euro, bei einem Marktplatzanteil von 56,60 Euro. Überwiesen am 9. September an Ärzte ohne Grenzen. Ja, das ist wenig. Wir hätten warten können, bis eine Zahl dasteht, die sich besser anfühlt. Aber eine Regel, die erst ab einem angenehmen Betrag gilt, ist keine Regel. Jeden Monat kommt eine neue Zeile dazu, auch eine kleine.
Bei der Auswahl halten wir es offen: Unsere Kundinnen und Kunden können Organisationen vorschlagen, die Entscheidung treffen wir. Jede Auszahlung steht mit Betrag, Empfänger, Datum und Beleg im Shop. Wer nachrechnen will, kann das.
Der Onlinehandel wird von großen Plattformen dominiert. Was unterscheidet OneCircle von etablierten Marktplätzen und warum sollten Händler und Kunden zu euch wechseln?
Technisch ist der Unterschied die Richtung. Die großen Plattformen arbeiten mit Einschluss: Ein Produkt muss ein Merkmal erfüllen, dann darf es rein. Wir arbeiten mit Ausschluss: Eine Firma darf keine unserer vier Linien überschreiten, sonst kommt sie nicht rein. Keine Ausbeutung, keine Kinderarbeit, keine Kriegsfinanzierung, keine Unterdrückung. Und bei uns entscheidet kein Siegel, sondern ein Mensch, der schriftlich begründet, warum.
Für Händler heißt das: Wer sauber arbeitet, hat bei uns zum ersten Mal einen Ort, an dem das sichtbar ist. Auf den großen Plattformen steht er neben allem anderen, nicht unterscheidbar.
Für Kunden ist es etwas anderes, und ich glaube, das ist der eigentliche Punkt. Die meisten Menschen, die ich kenne, haben sich das beim Online-Einkauf irgendwann abgewöhnt, überhaupt nachzudenken. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil es nicht machbar ist. Du willst eine Pfanne kaufen und sitzt plötzlich zwanzig Minuten vor einer Firmenstruktur mit vier Tochtergesellschaften, verstehst sie nicht und bestellst am Ende doch das Billigste. Dieses Gefühl kennt jeder, und es ist zermürbend.
Was wir anbieten, ist, dass diese Arbeit vorher schon gemacht wurde. Nicht perfekt, das behaupten wir nicht, aber nachvollziehbar und mit Quellen, die du nachlesen kannst. Du musst uns nicht glauben, du kannst nachsehen. Und wenn wir etwas nicht wissen, schreiben wir das hin, statt es zu überspielen.
Ehrlich gesagt gewinnen wir beim Preis und bei der Lieferzeit gegen die Großen nicht. Wer in zwei Stunden ein Ladekabel braucht, ist bei uns falsch. Aber wer beim Einkaufen schon mal dieses leise Unbehagen hatte und keine Lust hat, es jedes Mal wegzuklicken: Genau dafür bauen wir das hier.
Seit August 2026 ist OneCircle online. Welche Erfahrungen habt ihr mit euren ersten Händlern, Lieferanten und Bestellungen gesammelt?
Stand Oktober 2026 sind es neun Bestellungen, drei aktive Händler und ein vierter, der gerade zugesagt hat, dazu vier Lieferanten im Eigenhandel. Im Shop stehen 120.062 Artikel, weitere 19.258 halten wir zurück, weil die Bewertung aussteht oder Herstellerangaben fehlen.
Die wichtigste Erfahrung: Die Prüfung kostet uns Umsatz, und zwar sichtbar. Seit dem 10. September kommt neue Ware grundsätzlich als nicht verkäuflicher Entwurf herein und wird erst freigeschaltet, wenn alles stimmt. Das heißt, gut verkäufliche Artikel liegen manchmal wochenlang still. Das auszuhalten ist schwerer, als es sich vorher angehört hat.
Die zweite Erfahrung war eine positive Überraschung. Händler, die selbst sauber arbeiten, finden eine strenge Aufnahmeregel gut, weil sie sie von anderen unterscheidet. Ich hatte mit mehr Widerstand gerechnet.
Ihr arbeitet zu viert, ohne eigenes Büro und mit Kapital aus eurem privaten Umfeld. Welche Herausforderungen bringt dieser schlanke Unternehmensaufbau mit sich?
Der größte Vorteil ist Geschwindigkeit. Wir brauchen für keine Entscheidung ein Meeting. Wenn etwas kaputt ist, wird es am selben Tag repariert, ohne Abstimmungsrunde.
Der Preis dafür ist, dass nichts doppelt besetzt ist. Die gesamte technische Infrastruktur habe ich selbst gebaut. Vier Dienste laufen im Betrieb: die Lieferantenanbindung, eine eigene Suche, ein eigener Zahlungsablauf und die Sortimentsprüfung. Wenn ich zwei Wochen ausfalle, steht ein Teil davon still. Deshalb gibt es zu jedem System ein Handbuch, das so geschrieben ist, dass auch jemand ohne Technikkenntnisse damit arbeiten kann.
Und ganz praktisch: Ohne Budget muss jede Entscheidung vorher richtig sein. Wir können uns keinen teuren Irrtum leisten, also wird vorher gerechnet statt hinterher repariert.
Wie wollt ihr OneCircle in den kommenden Jahren weiterentwickeln und welche nächsten Schritte sind für das Wachstum entscheidend?
Vier Dinge stehen an.
Das Prüfregister öffnen. Heute dokumentieren wir intern. Ziel ist, dass jeder zu jeder Marke sehen kann, wann wir sie geprüft haben und worauf wir uns stützen.
Die offene Sichtung abarbeiten. Einige Rechercheergebnisse warten auf die Entscheidung durch einen Menschen.
Die Händlerbasis ausbauen, vor allem dort, wo es noch dünn ist, etwa Drogerie und Körperpflege.
Und die Prüfung tiefer in die Lieferkette ziehen. Ab Dezember 2027 verbietet die EU Produkte aus Zwangsarbeit. Was wir heute freiwillig machen, wird dann für viele Pflicht, und darauf bauen wir jetzt schon auf.
Entscheidend für das Wachstum ist im Moment allerdings nichts davon, sondern Bekanntheit. Technik und Sortiment stehen. Es wissen nur zu wenige, dass es uns gibt.
Welche drei Ratschläge würdest du anderen Gründern geben, die mit begrenzten finanziellen Mitteln einen eigenen Online-Marktplatz aufbauen möchten?
Erstens: Bau zuerst das, was dich von allen anderen unterscheidet, und kauf den Rest ein. Unser Shop läuft auf Standardsoftware. Selbst gebaut habe ich die Prüfung, weil es die so nicht zu kaufen gab. Wer alles selbst baut, verbringt ein Jahr mit Dingen, die es längst gibt.
Zweitens: Schreib auf, was du nicht kannst. In unseren Unterlagen gibt es eine Seite mit der Überschrift „Was unsere Prüfung nicht kann“. Das war eine der besten Entscheidungen überhaupt. Es nimmt den Druck, perfekt wirken zu müssen, und es kommt bei Leuten besser an als jedes Versprechen.
Drittens: Fang mit der kleinen Zahl an. Unsere erste Spende waren 5,66 Euro, und genau so steht sie auf unserer Seite, mit Beleg. Wer wartet, bis die Zahlen gut aussehen, fängt nie an. Und wer bei den kleinen Zahlen ehrlich war, dem glaubt man später die großen.
Bildcredits Privat
Wir bedanken uns bei Baris Mert Colak für das Interview
Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.
















