Warum tun sich deutsche Start-ups bei der Finanzierung und beim Börsengang schwerer als ihre amerikanischen Konkurrenten? Raimund Brichta, langjähriger ntv-Finanzjournalist und Kenner der Kapitalmärkte, sieht das Problem vor allem beim Zugang zu Risikokapital. Im Interview erklärt er, warum Geld darüber entscheidet, welche Unternehmen wachsen können, woran sich tragfähige Geschäftsmodelle hinter dem KI-Hype erkennen lassen und weshalb hohe Bewertungen allein wenig über die Zukunft eines Start-ups aussagen.
Außerdem spricht Raimund Brichta über die Bedeutung von Risiko und unternehmerischem Zweifel, die Faszination spekulativer Investments und die Frage, was Gründer mitbringen müssen, damit aus einer guten Idee ein dauerhaft erfolgreiches Unternehmen wird.
Sie beschäftigen sich beruflich seit vielen Jahren intensiv mit den Finanzmärkten. Gleichzeitig hört man, dass Sie selbst keine Aktien halten. Was ist der Grund dafür und welche Rolle spielt dabei Ihre persönliche Einstellung zum Thema Geldanlage?
Raimund Brichta: Meine Zurückhaltung bei Einzelaktien hat ausschließlich einen Grund: Ich möchte jeden Anschein von Interessenkonflikten vermeiden. Wenn man eine Aktie besitzt und gleichzeitig darüber berichtet, kommt schnell der Verdacht auf, dass man nicht völlig objektiv ist – selbst wenn dieser Verdacht unbegründet ist. Am Aktienmarkt investiert bin ich natürlich trotzdem, vor allem über ETFs.
Wenn heute jemand mit 20 oder 25 Jahren zu Ihnen käme und sagen würde: „Ich möchte anfangen, mich mit meinen Finanzen und der Börse zu beschäftigen, weiß aber überhaupt nicht, wo ich anfangen soll“ was würden Sie dieser Person konkret empfehlen?
Erst einmal informieren – bei ntv, in guten Büchern, Blogs und Podcasts. Meine eigenen Veröffentlichungen und unseren Podcast „Brichta & Bell“ zähle ich dazu. Aber das Wichtigste ist: anfangen. Nicht darauf warten, bis man glaubt, alles verstanden zu haben. Das wird an der Börse ohnehin nie passieren.
Was fasziniert Sie heute noch an der Börse?
Raimund Brichta: An der Börse spiegelt sich wie kaum irgendwo sonst das wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Geschehen wider. Dazu kommt eine gehörige Portion Psychologie – und fertig ist ein Gemisch, das eigentlich nie langweilig wird.
Was war die wichtigste Lektion, die Sie in Ihrer Karriere über Geld und Erfolg gelernt haben?
Demut. Gerade wenn es gut läuft, darf man nicht übermütig werden. An der Börse gilt das ganz besonders: Wer glaubt, er habe sie endgültig verstanden, bekommt meistens ziemlich schnell eine Lektion erteilt.
Gab es einen Moment in Ihrer journalistischen Laufbahn, bei dem Sie Ihre Sicht auf Wirtschaft oder Börse grundlegend geändert haben?
Raimund Brichta: Den einen Moment gab es nicht. Aber im Laufe der Jahre ist mir immer klarer geworden, wie entscheidend das Geld für die Börse ist. Am Ende können noch so viele gute Geschichten erzählt werden: Aktienkurse brauchen Geld, das sie antreibt. Das ist für mich der wichtigste Faktor überhaupt.
Warum tun sich deutsche Startups beim Thema Finanzierung und Börsengang häufig schwerer als amerikanische Unternehmen?
Weil der amerikanische Kapitalmarkt alles überschattet. Dort gibt es viel mehr Kapital, das bereit ist, ins Risiko zu gehen. Für ein wachsendes Unternehmen ist es deshalb in den USA wesentlich leichter, an frisches Geldes zu kommen als in Deutschland.
Ist Deutschland aus Ihrer Sicht zu risikoavers, wenn es um Gründungen und Investments geht?
Das wird mir zu schnell behauptet. Das Hauptproblem sind aus meiner Sicht die Finanzierungsmöglichkeiten. Wo weniger Risikokapital zur Verfügung steht, können zwangsläufig auch weniger Unternehmen groß werden. Das ist nicht nur eine Frage der Mentalität, sondern vor allem eine Frage des Geldes.
Viele KI-Startups bekommen enorme Bewertungen. Woran erkennt man, ob dahinter ein echtes Geschäftsmodell oder nur Euphorie steckt?
Raimund Brichta: Das erkennt man leider nicht an ein paar Kennzahlen. Man muss die Materie verstehen und tief in das Unternehmen eintauchen: Was kann das Produkt wirklich? Wer braucht es? Lässt sich damit dauerhaft Geld verdienen? Und vor allem: Ist die Bewertung durch das Geschäft gerechtfertigt – oder nur durch die Hoffnung darauf?
Bitcoin, KI-Aktien, Startups, warum zieht gerade das Spekulative junge Anleger so stark an?
Weil die Lust am Glücksspiel enorm zugenommen hat. Und weil heute alles jederzeit verfügbar ist: ein paar Klicks auf dem Smartphone – und man ist dabei. Dazu kommen soziale Medien, in denen vor allem die spektakulären Gewinne herumgereicht werden. Wer langsam reich wird, geht eben selten viral.
Welche Frage wird Ihnen nach all den Jahren immer noch zu selten gestellt?
Raimund Brichta: Wo kommt unser Geld eigentlich her – und wie wird es gemacht? Erstaunlich viele Menschen beschäftigen sich ihr ganzes Leben mit Geld, ohne sich jemals diese Frage zu stellen.
Was haben Sie über Geld gelernt, das man in keinem Wirtschaftsstudium lernt?
Dass Geld und Schulden zwei Seiten derselben Medaille sind. Vereinfacht gesagt: Ohne Schulden gäbe es fast kein Geld. Würden auf einen Schlag alle Schulden zurückgezahlt, würde die Wirtschaft an Geldmangel zu Grunde gehen gehen. Das klingt verrückt – ist aber so.
Was würden Sie Ihrem 25-jährigen Ich heute über Karriere und Geld sagen?
Raimund Brichta: Mach dein Hobby zum Beruf! Wenn du morgens gerne anfängst und abends nicht ständig auf die Uhr schaust, hast du ziemlich viel richtig gemacht. Das Geld kommt dann oft zwangsläufig hinterher.
Wenn Sie einem Gründer nur einen einzigen Rat geben dürften, welcher wäre es?
Raimund Brichta: Verliebe dich in deine Idee – aber nicht so sehr, dass du ihre Schwächen nicht mehr siehst. Begeisterung brauchst du, um etwas aufzubauen. Zweifel brauchst du, damit es überlebt.
Bildcredits/Fotograf: Philip Madl
Wir bedanken uns bei Raimund Brichta für das Interview
Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.















