Leon und Henrik, könnt ihr euch und traraa! kurz vorstellen und erzählen, wie die Idee entstanden ist, persönliche Geschenke in eine digitale Geschenkbox zu verwandeln?
Wir sind Leon Wienekamp und Henrik Hartwich aus Südbrookmerland in Ostfriesland. Mit unserer ByteGleam GbR haben wir traraa! gegründet: eine digitale Geschenkbox, in die man eine persönliche Nachricht, Fotos und eine Sprachnachricht legt und die man als Link verschickt, zum Beispiel per WhatsApp. Wer sie bekommt, zieht an einer Schleife und die Box geht auf.
Wir kommen beide aus der Webentwicklung, der Grafik und der Mediengestaltung. Statt uns eine kleine Nische zu suchen, wollten wir etwas bauen, das wirklich jeder nutzen kann und über das sich jeder freut, egal wie alt oder wie technikaffin. Glückwünsche verschickt fast jeder, aber meistens nur als schnelle Nachricht im Chat. Als wir uns den Markt angesehen haben, fanden wir kaum Angebote, die daraus ein echtes Geschenkerlebnis machen, und die wenigen kamen vor allem aus den USA. Also haben wir es selbst gebaut: aus Deutschland, auf Deutsch und mit Servern in Deutschland.
Geschenke und Glückwünsche werden heute häufig über Messenger oder soziale Netzwerke verschickt. Welche Möglichkeiten haben euch dabei gefehlt und was möchtet ihr mit traraa! anders machen?
Messenger sind schnell, aber jede Nachricht sieht gleich aus. Ein „Alles Gute“ steht direkt neben der Einkaufsliste und dem Foto vom Mittagessen. Fotos und Sprachnachrichten gehen im Verlauf unter, und ein Gutschein kommt meistens als PDF im Chat an.
Uns hat der Moment gefehlt: das kurze Innehalten, bevor man etwas öffnet. traraa! bündelt alles, was zu einem Gruß gehört, an einem Ort und macht daraus etwas, das man bewusst aufmacht. Verschickt wird trotzdem ganz einfach über den Messenger, den man ohnehin nutzt.
Bei traraa! öffnen die Beschenkten eine virtuelle Geschenkbox, indem sie an einer Schleife ziehen. Wie funktioniert dieses digitale Geschenkerlebnis und warum war es euch wichtig, das Auspacken eines echten Geschenks auch online erlebbar zu machen?
Der Link öffnet sich direkt im Browser, ohne App und ohne Konto. Zuerst sieht man nur die geschlossene Box mit dem eigenen Namen. Man zieht an der Schleife oder tippt dreimal auf die Box, der Deckel fliegt auf, es gibt Konfetti und auf Wunsch ein kleines Geräusch. Danach faltet sich der Brief auf, die Fotos liegen da wie Abzüge, die Sprachnachricht wartet, und ein Gutschein oder eine Geschenkankündigung kann unter einem Rubbelfeld versteckt sein.
Uns war das wichtig, weil die Freude bei einem Geschenk schon vor dem Inhalt beginnt: in den Sekunden, in denen man auspackt. Genau diese Vorfreude geht bei einer normalen Nachricht verloren.
Eure Geschenkboxen können persönliche Nachrichten, Fotos und Sprachnachrichten enthalten. Welche Bedeutung haben diese unterschiedlichen Inhalte für euer Konzept und wie möchtet ihr erreichen, dass digitale Geschenke genauso persönlich wirken wie klassische Präsente?
Jeder Inhalt erfüllt eine eigene Aufgabe. Die Nachricht sind die eigenen Worte. Die Fotos sind gemeinsame Erinnerungen. Und die Sprachnachricht ist oft der berührendste Teil, weil man die Stimme eines Menschen hört, der vielleicht weit weg ist.
Persönlich wird ein Geschenk durch die Mühe, die man sich macht, nicht durch Papier. Deshalb gibt es bei traraa! keine vorgefertigten Sprüche, die man nur anklickt. Man schreibt selbst, wählt eigene Fotos aus und kann sogar einen Tag festlegen, an dem sich die Box erst öffnen lässt, zum Beispiel den Geburtstag.
Neben individuellen Geschenkboxen bietet ihr die Möglichkeit, gemeinsam an einem Geschenk zu arbeiten. Wie funktioniert dieses Gemeinschaftsgeschenk und für welche Anlässe oder Zielgruppen ist die Funktion besonders interessant?
Eine Person gestaltet die Box und teilt einen Einladungslink, etwa im Gruppenchat. Alle anderen schreiben über diesen Link ein paar Zeilen und legen auf Wunsch ein Foto oder eine Sprachnachricht dazu, ohne Konto. Bis zu 80 Menschen können mitschreiben. Wer das Geschenk angelegt hat, entscheidet, wann es verschickt wird, und die beschenkte Person öffnet am Ende eine Box mit allen Grüßen.
Besonders passend ist das für Abschiede im Job, Geburtstage im Team, Hochzeiten oder das Weihnachtsgeschenk der ganzen Klasse für die Lehrerin. Also überall dort, wo sonst eine Karte herumgereicht wird, die nie bei allen ankommt.
Mit einem digitalen Adventskalender erweitert ihr euer Angebot um ein saisonales Produkt. Wie ist die Idee dazu entstanden und welche Möglichkeiten bietet der Kalender, um persönliche Überraschungen über mehrere Tage hinweg zu gestalten?
Eine Geschenkbox ist ein einzelner Moment. Beim Adventskalender wollten wir Vorfreude über 24 Tage schaffen, gerade für Menschen, die nicht in der Nähe wohnen: die Partnerin in einer Fernbeziehung, die Großeltern oder Freunde im Ausland.
Hinter jede Tür legt man einen Gruß, ein Foto, eine Sprachnachricht oder eine kleine Überraschung. Ab dem gewählten Starttag, meistens dem 1. Dezember, öffnet sich jeden Tag eine Tür, und hinter der 24 kann das eigentliche Geschenk warten. Man braucht weder Bastelmaterial noch Versand, und der Kalender kommt garantiert pünktlich an.
Ihr habt traraa! vollständig selbst entwickelt und dabei auf externe Investoren verzichtet. Welche technischen und unternehmerischen Herausforderungen musstet ihr bewältigen und wie habt ihr die Entwicklung bisher finanziert?
Technisch war die größte Aufgabe, dass sich das Auspacken auf jedem Handy gut anfühlt, auch auf älteren Geräten und im Browser, der sich direkt in WhatsApp öffnet. Dazu kommen Fotos, Sprachaufnahmen und eine Bezahlung, die einfach und sicher sein muss.
Unternehmerisch haben uns vor allem die Dinge Zeit gekostet, die man von außen nicht sieht: Rechtstexte, Widerrufsrecht für digitale Leistungen, Datenschutz und Steuern. Finanziert haben wir alles selbst, aus eigener Tasche. Wir stecken gerade viel Zeit und auch eigenes Geld in traraa!, weil wir an die Idee glauben. Das hat einen großen Vorteil: Wir müssen niemandem schnelles Wachstum versprechen und können in Ruhe entscheiden, was das Produkt wirklich besser macht. Unsere Hoffnung ist, dass möglichst viele Menschen traraa! so schön finden wie wir.
Persönliche Fotos, Nachrichten und Sprachaufnahmen sind sensible Inhalte. Ihr setzt auf Server in Deutschland. Welche Rolle spielen Datenschutz und Datensicherheit bei traraa! und wie stellt ihr sicher, dass nur die vorgesehenen Empfänger Zugriff auf ihre Geschenkboxen erhalten?
Datenschutz war für uns von Anfang an Teil des Produkts. Jedes Geschenk hat einen eigenen, zufällig erzeugten Link, der praktisch nicht zu erraten ist und von Suchmaschinen nicht erfasst wird. Wer einen Gutschein verschenkt, kann ihn zusätzlich mit einer Geheimfrage schützen, deren Antwort nur die beschenkte Person kennt.
Unsere Server stehen in Deutschland. Wir zeigen keine Werbung und binden keine fremden Tracker ein. Bezahlt wird über einen Zahlungsdienstleister, Kartendaten landen also gar nicht bei uns. Und wir speichern nichts länger als nötig: 30 Tage nach Kauf bzw. Öffnungstag löschen wir Fotos, Sprachnachrichten und Texte.
Digitale Geschenkideen gibt es bereits in unterschiedlichen Formen. Was unterscheidet traraa! von klassischen E-Cards, digitalen Grußkarten oder anderen Online-Geschenkangeboten und welche Zielgruppen möchtet ihr besonders ansprechen?
Eine E-Card ist meistens ein Motiv mit einem Spruch. traraa! ist eher ein kleines Erlebnis: Man packt etwas aus, und darin stecken die eigenen Worte, eigene Fotos und die eigene Stimme. Dazu kommen das gemeinsame Geschenk, bei dem alle mitschreiben, und der Adventskalender. Für die beschenkte Person ist alles ohne App und ohne Konto nutzbar, und es gibt kein Abo.
Wir denken vor allem an Menschen, die gern persönlich schenken, aber nicht immer vor Ort sind: Paare in Fernbeziehungen, Familien mit Großeltern oder Kindern in anderen Städten, Teams und Klassen und alle, denen kurz vor dem Anlass noch etwas Schönes einfallen soll.
Eine Geschenkplattform wird häufig zu besonderen Anlässen wie Geburtstagen, Hochzeiten oder Weihnachten genutzt. Wie möchtet ihr Nutzer langfristig für traraa! gewinnen und welche Überlegungen habt ihr zu eurem Geschäftsmodell und zur Preisgestaltung angestellt?
Wir haben uns bewusst gegen ein Abo entschieden, weil man Geschenke nicht jeden Monat verschickt. Es gibt feste Einmalpreise: 4,99 € für ein Geschenk, 9,99 € für das gemeinsame Geschenk, und zwar für die ganze Box, nicht pro Person, und 14,99 € für den Adventskalender. Gestalten und die Vorschau sind kostenlos, bezahlt wird erst, wenn einem das Ergebnis gefällt.
Anlässe gibt es das ganze Jahr: Geburtstage, Jahrestage, Abschiede, Prüfungen, Valentinstag, Weihnachten. Unsere beste Werbung ist das Produkt selbst. Wer eine Box bekommt, sieht, wie es funktioniert, und schickt vielleicht beim nächsten Anlass selbst eine.
Ihr habt traraa! als kleines Gründerteam aus Südbrookmerland aufgebaut. Wie teilt ihr eure Aufgaben auf, welche Erfahrungen habt ihr beim bisherigen Unternehmensaufbau gesammelt und welche nächsten Entwicklungsschritte plant ihr für eure Plattform?
Ich (Leon) setze traraa! um, von der Entwicklung bis zur Gestaltung, und bringe viele der Ideen ein. Henrik bringt viel technisches Hintergrundwissen mit und ist bei allen Abstimmungen dabei. Was umgesetzt wird und was nicht, entscheiden wir immer gemeinsam. Diese Mischung funktioniert für uns sehr gut: einer, der gern macht, und einer, der jede Idee noch einmal kritisch prüft.
Gelernt haben wir vor allem, dass man früher veröffentlichen sollte, als man denkt, und dass ein kleines Team sehr klar entscheiden muss, was jetzt wichtig ist und was warten kann.
Als Nächstes wollen wir die Marke bekannter machen und mehr Menschen zeigen, dass ein digitales Geschenk persönlich sein kann. Wir sehen darin großes Potenzial: Viele haben nicht die Zeit, eine Karte zu kaufen, einen Brief zu schreiben und ihn rechtzeitig zur Post zu bringen. Mit traraa! können sie trotzdem etwas Persönliches verschenken, ganz ohne Papier, Umschlag und Versand.
Welche langfristige Vision verfolgt ihr mit traraa! und welche drei Ratschläge würdet ihr anderen Gründerinnen und Gründern geben, die mit einer eigenen digitalen Idee starten und diese ohne externe Investoren verwirklichen möchten?
Unsere Vision ist einfach: Wenn jemand an einen Menschen denkt, der ihm wichtig ist, soll daraus kein flüchtiger Text werden, sondern ein Moment, an den man sich erinnert. traraa! soll die selbstverständliche Art werden, digital persönlich zu schenken.
Unsere drei Ratschläge:
- Früh zeigen statt lange polieren. Echte Rückmeldungen sind mehr wert als jede weitere Woche Entwicklung.
- Rechtliches und Datenschutz von Anfang an mitdenken. Das kostet später sonst doppelt Zeit.
- Wenige Dinge richtig gut machen. Mit kleinem Budget gewinnt man nicht durch Masse, sondern durch ein Produkt, über das Leute gern erzählen.
Bild: Leon Wienekamp und Henrik Hartwich, Gründer von traraa!
Wir bedanken uns bei Leon Wienekamp und Henrik Hartwich für das Interview
Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.
















