Donnerstag, Februar 2, 2023
StartWorkbaseGünstiges Geld, große Probleme: Die Rolle der Investoren bei Unternehmenskrisen

Günstiges Geld, große Probleme: Die Rolle der Investoren bei Unternehmenskrisen

In diesen Tagen ist es schwer, sich dem Thema Rezession zu entziehen. Überall wird von Entlassungen und fallenden Kurse an den Kapitalmärkten berichtet. Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft ich in Gesprächen gehört habe, dass „die besten Unternehmen während einer Krise gegründet werden“, oder wie oft Investoren Gründern den Rat geben, schneller profitabel zu werden.

Aber was treibt diese Schlagzeilen wirklich an, was gibt den Anstoß zu diesen Gesprächen? Ist die Branche vielleicht selbst schuld? Welche Rolle spielt Venture Capitals (VCs)? Und gibt es etwas, worauf Gründer in der aktuellen Lage und nach Jahren des billigen und schnell verfügbaren Geldes achten sollten?

Falsch geplant

Die Meldungen über Entlassungen, Pleiten und Rückgänge an den Aktienmärkten lassen vermuten, dass viele Startups zwar schnell, aber nicht nachhaltig expandiert haben. Vielleicht haben sie zu früh skaliert. Eine verfrühte Skalierung erfolgt, wenn sich die Gründer nur auf „eine Dimension des Unternehmens konzentrieren und diese nicht mit dem Rest des Betriebs synchronisieren“ (Startup Genome Project). In vielen Fällen liegt der Schwerpunkt dabei auf dem Wachstum.

Um zu wachsen, stellen viele Startups neue Fachkräfte in ihren Vertriebsabteilungen ein, obwohl ihr Product Market Fit (PMF) noch nicht klar ist oder sie den Channel Market Fit noch nicht erreicht haben (CMF kommt nach dem PMF, aber noch vor der Skalierung – viele Gründer vergessen diesen Schritt, wie es scheint).

Eine vorzeitige Skalierung kommt in einem Markt, in dem es leicht verfügbares Geld gibt, häufiger vor – ein Phänomen, das wir in den letzten zwei Jahren beobachtet haben. Wenn viel Geld zur Verfügung steht, kann es passieren, dass Gründer zum Beispiel in Marketing und Vertrieb investieren, auch wenn viele Fragen noch offen sind. Eine vorzeitige Skalierung kann auch von Investoren gefördert werden, beispielsweise durch das Vorziehen von Finanzierungsrunden und durch zu frühen Fokus auf Wachstum. Investoren müssen aber auf ihr eigenes Geschäftsmodell achten und sicherstellen, dass ihr jungen Unternehmen Werte schafft, also zum Beispiel Geld verdient. Wichtig ist, das Gleichgewicht zu halten! Schafft billiges und leicht verfügbares Geld also tatsächlich große Probleme? Und was haben Investoren damit zu tun?

Günstiges Geld, große Probleme

Investoren sind nicht unwichtig, wenn es um die Herausforderungen geht, mit denen Startups in der Rezession zu kämpfen haben. Wenn wir uns kritisch mit der Frage auseinandersetzen, warum gerade gegründete Unternehmen Schwierigkeiten haben, Kapital zu beschaffen oder sich zu nachhaltigen Firmen zu entwickeln, zeigt sich, dass viele Startups, die in den letzten Jahren Mittel aufgenommen haben, das Geld regelrecht verheizt haben. Vielleicht liegt der Fehler nicht im wirtschaftlichen Abschwung, sondern darin, dass das Geld eigentlich gar nicht so leicht zu beschaffen sein sollte.

Venture-Capital-Investoren sind auf Investoren in späteren Phasen und dann auf die Aktienmärkte und Käufer angewiesen, um Exits und somit ihre Rendite zu erzielen. Laut Statistiken von Pitchbook Data (30. September 2022) markierten die Jahre 2020 und 2021 Rekordzahlen für europäische Exits, die Anzahl der Finanzierungsrunden und die Höhe der Investitionsbeträge.

Angesichts boomender Tech-Aktien, „hungriger“ Investoren in der Spätphase und eines aktiven Übernahmemarktes waren die VCs zuversichtlich, was die Bereitstellung von Kapital anging, weil sie sich sicher waren, dass es eine solide Rendite abwerfen würde. Dies führte dazu, dass eine Menge leicht verfügbares, billiges Geld in junge Unternehmen floss, die nicht immer wussten, wie sie es sinnvoll einsetzen sollten.

Billiges Geld bedeutet Probleme für die Startups, wenn sich die Märkte drehen. Auch die Aufnahme von Kapital zu einer zu hohen Bewertung kann jungen Unternehmen schaden. Teilweise werden bestehende Investoren, die zu viel investiert haben, eher aussteigen, da die Wahrscheinlichkeit, dass die Unternehmen ihre Bewertungen steigern können, gering ist.

Jetzt und im nächsten Jahr werden wir wahrscheinlich viele Beispiele sehen, bei denen die Investoren neu bewerten müssen, welche Startups in ihrem Portfolio sie auch weiterhin unterstützen wollen und welche nicht. Bestehende Investoren waren in der Vergangenheit die zuverlässigste Kapitalquelle für Startups.

Das ändert sich jetzt – ein negatives Signal für neue Investoren. Junge Unternehmen, die in der Frühphase zu viel Geld aufgenommen und jetzt wenig vorzuweisen haben, werden vom Markt streng geprüft. Die Lehre für Gründer lautet also: Nehmt erst dann Geld auf, wenn ihr wisst, wofür ihr es ausgeben wollt und vor allem wie weit ihr damit kommt.

Fazit

Schlagzeilen sind genau das: einfach nur Schlagzeilen. Es ist wichtig, zwischen den Zeilen zu lesen. Denn hinter den Kulissen tut sich immer mehr, als auf den ersten Blick ersichtlich ist. Auch wenn der Markt jetzt im Vergleich zu den Jahren 2020 bis 2021 eindeutig leidet, sollte die Frage nach der Nachhaltigkeit der Startups in jenen Jahren infrage gestellt werden.

Investoren sind immer noch interessiert, in ambitionierte Gründer und Gründerinnen zu investieren. Und trotz der Rezession gibt es nach wie vor viele Möglichkeiten, ein erfolgreiches Unternehmen aufzubauen und dabei auch profitabel zu sein oder schnell zu wachsen. Mit Geld sind Erwartungen verbunden.

Wenn Investoren in Startups investieren, sollten sie vorher eine Vorstellung davon haben, was der Fokus in den kommenden Monaten sein sollte:  Profitabilität oder Wachstum. Dabei ist es besonders wichtig, den Mittelweg zwischen diesen beiden Optionen, also die „Gefahrenzone“, zu meiden. Eine verfrühte Skalierung und überhöhte Bewertungen können Startups leicht in die Gefahrenzone bringen.

Es ist die ungewisse Zukunft, die den Mut der Investoren und letztlich auch den Erfolg von jungen Unternehmen dämpfen kann. Wer Gründer sein will, muss nicht nur jetzt, sondern in jeder Wirtschaftslage klug entscheiden.

Bildquelle/Fotograf: Reinier RVDA

Autorin:

Madeline Lawrence ist 25 Jahre alt und Head of DACH bei dem VC Peak. Sie arbeitet aus dem Büro in Berlin. Hier ist sie für das Sourcing in Deutschland, der Schweiz und Österreich verantwortlich. 

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder

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