Das Münchner Startup fieldbrain bringt strukturierte Daten in den Außendienst und wandelt kurze Sprachnotizen aus dem Vertrieb automatisch in wertvolles Kundenwissen direkt im CRM um
Können Sie fieldbrain kurz vorstellen und erzählen, wie die Idee zur Gründung des Unternehmens entstanden ist?
fieldbrain sorgt dafür, dass Wissen aus Kundengesprächen nicht verloren geht. Nach einem Kundentermin spricht der Vertriebsmitarbeiter ein bis zwei Minuten ins Handy. Daraus entstehen automatisch Besuchsbericht, offene Punkte und nächste Schritte, und alles landet strukturiert im CRM.
Der Ausgangspunkt war eine Beobachtung: Der Außendienst ist die letzte Fläche im Vertrieb, über die niemand Daten hat. Telefonate laufen über Systeme, E-Mails sind durchsuchbar, Videokonferenzen werden transkribiert. Aber das Gespräch, das ein Außendienstler beim Kunden vor Ort führt, existiert nur in einem Kopf. Und abends um neun in drei Stichpunkten im CRM.
Das ist kein Disziplinproblem. Es ist ein Konstruktionsfehler: Wir bitten Menschen um zwanzig Minuten Arbeit, deren Nutzen jemand anderes hat. Solange das so ist, gewinnt jedes Mal der nächste Kundentermin. Zu Recht.
Wer steht hinter fieldbrain, und welche Erfahrungen haben die Entwicklung Ihrer Voice-to-CRM-Plattform geprägt?
fieldbrain wurde 2026 in München von Patrick Maghazehi und Jonas Schindel gegründet. Patrick kommt aus der Produktentwicklung und hat zuvor bereits Software gebaut, Jonas aus dem Vertrieb und der Vertriebsorganisation.
Diese zweite Perspektive hat das Produkt stärker geprägt als jede technische Entscheidung. Wer selbst Besuchsberichte geschrieben hat, weiß, warum sie so ausfallen, wie sie ausfallen: nicht aus Nachlässigkeit, sondern weil nach drei Tagen nur noch übrig ist, was ein Mensch sich merken kann. Der Nebensatz des Einkaufsleiters über einen möglichen Lieferantenwechsel im vierten Quartal steht in keinem Bericht. Nicht weil ihn niemand gehört hätte, sondern weil ihn am Freitagabend niemand mehr weiß.
Prägend war außerdem eine Grundhaltung: Der Vertriebsmitarbeiter ist bei uns nie der Gegenstand der Auswertung, sondern der erste Nutznießer. Ein System, das sich wie Kontrolle anfühlt, wird umgangen. Dann stimmt auch die Datenqualität nicht mehr, die man dem Unternehmen versprochen hat.
Welche Vision verfolgen Sie mit fieldbrain, und wie möchten Sie den Vertriebsalltag durch Künstliche Intelligenz langfristig verändern?
Unsere Vision ist, dass Kundenwissen im Unternehmen bleibt und nicht in einzelnen Köpfen. Wenn ein Außendienstmitarbeiter nach acht Jahren geht, verliert ein Unternehmen heute nicht eine Stelle, sondern das Wissen darüber, wer bei welchem Kunden wirklich entscheidet, welcher Einkäufer keine langen Angebote mag und warum ein Projekt vor drei Jahren gescheitert ist. Der Nachfolger fängt bei null an. Der Kunde merkt das sofort.
Wir verkaufen bewusst keine Künstliche Intelligenz. Wir lösen ein sehr konkretes Problem, und KI ist dafür das Mittel, nicht der Zweck. Der Maßstab ist nicht, wie beeindruckend die Technologie ist, sondern ob nach einem Kundentermin vollständige und brauchbare Informationen im System stehen, ohne dass jemand dafür abends noch Zeit aufwenden muss.
Langfristig soll jedes Gespräch das nächste besser machen. Das ist das eigentliche Ziel.
An welche Zielgruppen richtet sich fieldbrain hauptsächlich, und welche Herausforderungen lösen Sie für Vertriebsteams?
fieldbrain richtet sich an Unternehmen, deren Vertrieb beim Kunden vor Ort stattfindet und bei denen mehrere Personen denselben Kunden betreuen. Typisch sind Maschinen- und Anlagenbau, Industrie- und Automobilzulieferer, Medizintechnik, technischer Großhandel, Bauzulieferer, Elektrotechnik, Verpackungs- und Labortechnik.
Eine Mindestgröße gibt es nicht. fieldbrain ist ab einem einzelnen Außendienstmitarbeiter sinnvoll einsetzbar und funktioniert ebenso in größeren Vertriebsorganisationen. Entscheidend ist nicht die Zahl der Mitarbeiter, sondern wie komplex die Kundenbeziehungen sind.
Die Herausforderung, die wir lösen, hat zwei Seiten. Für den Vertriebsmitarbeiter fällt die manuelle CRM-Pflege weg, und nach einem Termin geht nichts mehr verloren. Für die Geschäftsführung und die Vertriebsleitung entstehen vollständige CRM-Daten, belastbarere Prognosen und Kundenwissen, das im Unternehmen bleibt. Beide Seiten sind wichtig, aber es sind zwei verschiedene Versprechen. Wir vermischen sie nicht.
Viele Informationen aus Kundengesprächen gehen verloren oder werden erst später dokumentiert. Wie begegnet fieldbrain diesem Problem?
Der entscheidende Punkt ist der Zeitpunkt. Wer direkt nach dem Termin im Auto zwei Minuten spricht, gibt etwas völlig anderes wieder als jemand, der drei Tage später aus dem Gedächtnis tippt. Nicht nur mehr, sondern anderes: Zwischentöne, Andeutungen, die Reaktion auf einen Preis, die Bemerkung, dass ein Wettbewerber letzte Woche da war.
Deshalb setzen wir am Aufwand an. Sprechen dauert zwei Minuten, Tippen zwanzig. Was zwei Minuten kostet, wird gemacht, und zwar sofort.
Wichtig ist uns dabei: Es wird nichts aufgezeichnet. Der Mitarbeiter spricht seine eigene Notiz nach dem Termin, nicht das Gespräch mit dem Kunden. Das ist im deutschen Markt ein wesentlicher Unterschied, denn die Aufzeichnung eines vertraulichen Gesprächs würde die Einwilligung aller Beteiligten voraussetzen. Bei einer eigenen Sprachnotiz stellt sich diese Frage nicht.
Was macht fieldbrain aus Ihrer Sicht besonders im Vergleich zu anderen Lösungen für CRM und Vertriebsunterstützung?
Die meisten Lösungen in diesem Feld beantworten die Frage: Was wurde in diesem Gespräch gesagt? Wir nennen unseren Ansatz Sales Memory, weil er die Fragen beantwortet, die zwischen den Gesprächen liegen.
Warum kauft dieser Kunde noch nicht? Wer beeinflusst die Entscheidung tatsächlich? Welcher Einwand kam wiederholt? Worüber wurde vor neun Monaten gesprochen, das heute wieder relevant wird? Was muss ein Mitarbeiter wissen, bevor er morgen früh zu diesem Kunden fährt?
Keine dieser Antworten steht in einem einzelnen Gespräch. Sie entstehen aus der Verbindung vieler Gespräche über Monate hinweg und über mehrere Ansprechpartner. Genau dort liegt bei komplexen Kunden das eigentliche Problem: Ein Kollege spricht mit dem Einkauf, eine Kollegin drei Wochen später mit der technischen Leitung, die Geschäftsführung war vor einem halben Jahr da. Alles ist dokumentiert. Und trotzdem kann niemand sagen, wie dieser Kunde eigentlich zum Unternehmen steht.
Ihre Plattform wandelt Sprachnotizen automatisch in CRM-Einträge um. Welche Vorteile ergeben sich daraus für Vertriebsmitarbeitende und Unternehmen?
Für den Vertriebsmitarbeiter verschwindet Arbeit, die niemand gern macht: keine Besuchsberichte am Abend, keine manuelle CRM-Pflege, kein Nachtragen am Wochenende. Vor allem aber muss er sich vor einem Termin nicht mehr durch E-Mails und Notizen arbeiten, um zu rekonstruieren, was beim letzten Mal war. Das ist mehr Zeit für das, wofür er eingestellt wurde.
Für das Unternehmen sind die Daten zum ersten Mal vollständig und aktuell. Daraus folgen bessere Prognosen, ein realistischeres Bild vom Stand eines Deals und die Sicherheit, dass Kundenwissen nicht mit einer Kündigung verschwindet.
Der Innendienst profitiert oft am unmittelbarsten. Er weiß plötzlich, was beim Kunden tatsächlich besprochen wurde, statt nachfragen zu müssen. Und der Kunde muss Dinge nicht mehrfach erklären. Der teuerste Satz im Vertrieb ist nicht „zu teuer“, sondern „das hatte ich Ihrem Kollegen schon erklärt“.
Welche Herausforderungen begegnen Ihnen bei der Entwicklung einer KI-Lösung, die Vertriebswissen zuverlässig erfasst und strukturiert verarbeitet?
Die technisch schwierigste Aufgabe ist nicht die Spracherkennung, sondern die Einordnung. Aus einer Sprachnotiz zu erkennen, dass eine beiläufige Bemerkung ein Kaufsignal ist, während eine ausführlich beschriebene Anfrage keines ist, verlangt Verständnis für den Vertriebskontext, nicht nur für Sprache.
Die zweite Herausforderung ist Zuverlässigkeit. Ein System, das ein Gespräch falsch einordnet, richtet mehr Schaden an als eines, das gar nichts einordnet, weil sich jemand auf eine falsche Information verlässt. Wir sind an vielen Stellen bewusst zurückhaltend und geben lieber weniger Interpretation aus als eine, die nicht trägt.
Die dritte ist die Verbindung über Zeit hinweg. Ein einzelnes Gespräch zu strukturieren, ist heute vergleichsweise gut lösbar. Aus zwanzig Gesprächen über zwei Jahre mit fünf verschiedenen Ansprechpartnern ein widerspruchsfreies Bild eines Kunden zu bauen, ist die eigentliche Arbeit. Genau daran entscheidet sich, ob Sales Memory mehr ist als ein Begriff.
Wie wichtig ist die Integration in bestehende CRM-Systeme für die Akzeptanz Ihrer Plattform?
Sie ist die Voraussetzung. Ein Vertriebssystem, das ein weiteres Werkzeug neben dem CRM ist, wird nicht benutzt. Der Nutzen entsteht erst, wenn die Informationen dort ankommen, wo ohnehin gearbeitet wird.
Deshalb ersetzen wir kein CRM. fieldbrain schreibt in Salesforce, HubSpot, Microsoft Dynamics, SAP, Pipedrive, Zoho und Slack. Wer eines dieser Systeme im Einsatz hat, behält es.
Diese Haltung ist auch strategisch: Kundenwissen sollte nicht davon abhängen, welches CRM ein Unternehmen gerade nutzt. Wer in fünf Jahren das System wechselt, sollte sein Gedächtnis behalten. Ein Anbieter, der beides besitzt, hat kein Interesse daran.
Welche neuen Funktionen oder Weiterentwicklungen stehen bei fieldbrain aktuell im Fokus?
Unser Schwerpunkt liegt derzeit auf der Kundenansicht. Sie soll fünf Fragen auf einem Bildschirm beantworten: Wie ist der vollständige Verlauf dieses Kunden? Wer sind alle Ansprechpartner und in welcher Rolle? Welche Themen sind offen? Wo bestehen Risiken? Und was sollte ein Mitarbeiter wissen, bevor er morgen dorthin fährt?
Der Maßstab, an dem wir uns messen, ist konkret: Kann ein neuer Vertriebsmitarbeiter nach fünf Minuten einen komplexen Bestandskunden übernehmen? Wenn ja, funktioniert Sales Memory. Wenn er stattdessen gut strukturierte Gesprächsnotizen sieht, haben wir nur Dokumentation gebaut.
Parallel arbeiten wir an der Tiefe der Branchenlogik. Ein Gespräch in der Medizintechnik verläuft anders als eines im technischen Großhandel, und ein System, das den Unterschied kennt, ordnet besser ein.
Wo soll fieldbrain in den kommenden Jahren stehen, und welche Rolle möchten Sie im Bereich KI-gestützter Vertriebslösungen einnehmen?
Wir wollen im deutschsprachigen Raum die Lösung sein, an die man denkt, wenn Kundenwissen im Außendienst verloren geht. Nicht die größte Plattform mit den meisten Funktionen, sondern diejenige, die dieses eine Problem am besten löst.
Konkret für die nächsten zwölf Monate: eine überschaubare Zahl von Kunden, bei denen das System täglich genutzt wird und die bereit sind, mit Zahlen darüber zu sprechen. Wir halten fünfzehn Unternehmen mit belegbaren Ergebnissen für wertvoller als tausend Registrierungen ohne Nutzung. Das ist die unbequemere, aber ehrlichere Messgröße.
Längerfristig sehen wir Sales Memory als Grundlage für ein Betriebssystem des Vertriebs, in dem Prognose, Coaching und Kundenbetreuung auf derselben Wissensbasis aufsetzen. Aber das ist eine Konsequenz, kein Startpunkt. Zuerst muss das Gedächtnis funktionieren.
Welche drei Ratschläge würden Sie anderen Gründerinnen und Gründern geben, die eine KI-basierte Softwarelösung für Unternehmen entwickeln möchten?
Erstens: Bauen Sie für den, der es benutzt, nicht für den, der unterschreibt. Im B2B kauft fast nie die Person, die täglich damit arbeitet. Bei uns kauft die Vertriebsleitung Transparenz und Prognosesicherheit – benutzen muss es der Außendienstmitarbeiter. Wenn Sie nur für den Käufer bauen, bekommen Sie den Abschluss und verlieren die Nutzung. Und ohne Nutzung ist der zweite Vertrag weg. Beide Seiten brauchen ein eigenes, ehrliches Versprechen. Vermischen Sie die beiden nie in derselben Botschaft.
Zweitens: Sprechen Sie früher mit Kunden, als es sich richtig anfühlt. Wir haben Positionierung und Texte aus guten Annahmen entwickelt. Gute Annahmen sind trotzdem Annahmen. Jedes echte Gespräch ist mehr wert als eine weitere interne Diskussion.
Drittens: Verkaufen Sie keine KI, verkaufen Sie ein Ergebnis. Im Mittelstand interessiert niemanden, welches Modell im Hintergrund arbeitet. Interessant ist, ob nach einem Kundentermin die richtigen Informationen im System stehen. Wer über Technologie spricht statt über das Problem, verliert die Aufmerksamkeit in den ersten dreißig Sekunden.
Bildcredits privat
Wir bedanken uns bei Patrick Maghazehi für das Interview
Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.














