Kein XS, kein 75B: Die Textilingenieurin und MYNE-Gründerin im Interview über KI-gestützte 3D-Körpervermessung, eine Retourenquote von unter einem Prozent und warum das klassische Größensystem ein struktureller Denkfehler ist
Können Sie MYNE kurz vorstellen und erzählen, wie die Idee zur Gründung des Unternehmens entstanden ist?
MYNE ist ein Schweizer Tech-Start-up, das maßgefertigte BHs auf Basis eines KI-gestützten Smartphone-Scans produziert — on demand, ohne Standardgrößen, für jeden Körper individuell berechnet. Gegründet habe ich MYNE gemeinsam mit meinem Mann Mathias — er als Industriedesigner, ich als Textilingenieurin mit 15 Jahren Erfahrung in der Produktentwicklung für internationale Marken. Seit Anfang 2025 sind wir am Markt. Was mich immer wieder beschäftigt hat: Warum akzeptieren Frauen seit Jahrzehnten, dass ein Kleidungsstück, das sie täglich tragen, drückt, verrutscht oder einschneidet? Das Problem war nie der weibliche Körper. Das Problem war das System dahinter.
Welche Vision verfolgen Sie mit MYNE, und wie möchten Sie die Passform von BHs langfristig neu denken?
Unsere Vision ist eine Welt, in der Kleidung nicht mehr nach Größensystem, sondern nach Körperform gekauft wird. Kein XS, kein 75B — nur der individuelle Körper als Ausgangspunkt. Der BH ist der Anfang. Die Technologie dahinter ist auf andere Kategorien übertragbar — überall dort, wo Passform entscheidend ist.
An welche Zielgruppen richtet sich MYNE hauptsächlich, und welche Bedürfnisse möchten Sie mit Ihren maßgefertigten BHs erfüllen?
MYNE richtet sich an Frauen, die einen BH suchen, der wirklich zu ihrem Körper passt — nicht zu einer Konfektionsgröße. Das ist keine Frage des Alters oder des Lifestyles. Was unsere Kundinnen verbindet: die Erfahrung, dass Unterwäsche bisher immer ein Kompromiss war.
Viele Frauen finden keinen wirklich passenden BH. Warum sehen Sie darin eher ein Problem des klassischen Größensystems als der individuellen Körperformen?
Das BH-Größensystem basiert auf Standardisierung und Durchschnittswerten — entwickelt vor fast hundert Jahren für industrielle Massenproduktion, nicht für individuelle Körper. Zwei Frauen mit derselben BH-Größe können völlig unterschiedliche Körperformen haben, in Symmetrie, Form, Volumen. Trotzdem bekommen sie dasselbe Produkt. Das ist kein Zufall — das ist ein struktureller Denkfehler, der über Jahrzehnte normalisiert wurde.
MYNE kombiniert KI, 3D-Körpervermessung und On-Demand-Produktion. Was macht dieses Zusammenspiel aus Ihrer Sicht besonders?
Was MYNE besonders macht, ist der geschlossene Prozess: Vom Smartphone-Scan über die algorithmische Passformberechnung bis zur automatisierten Fertigung — ohne Medienbruch, ohne manuelle Eingriffe. Das ist der Unterschied zwischen einem guten Ansatz und einem skalierbaren System.
Wie funktioniert der Smartphone-Scan, und welche Vorteile bietet er gegenüber herkömmlichen Methoden der Größenbestimmung?
Die Kundin dreht sich einmal vor der Kamera — Unterwäsche oder enganliegende Kleidung genügen, der Vorgang dauert wenige Sekunden. Das KI-System erfasst dabei hunderte Messpunkte und gleicht sie mit einer Datenbank von hochauflösenden 3D-Körperscans des Hohenstein-Instituts ab. Die Ergebnisse sind präziser als eine manuelle Vermessung mit dem Maßband, weil typische Messfehler durch unterschiedliche Anlegetechniken oder Körperhaltung entfallen. Datenschutz war von Anfang an keine nachgelagerte Frage, sondern eine Grundvoraussetzung. Das Gesicht wird verpixelt und der Hintergrund gelöscht, übermittelt wird ausschließlich ein anonymisierter Zahlensatz — zu keinem Zeitpunkt mit Namen oder Kontaktdaten verknüpft. Die Messdaten dienen einzig der Fertigung des BHs. Wir halten uns streng an die Richtlinien des DSGVO — dem strengsten Datenschutzstandard weltweit.
Welche Rolle spielen individuelle Schnittmuster und maßgefertigte Bügel für Tragekomfort und Passform?
Der klassische Metallbügel ist ein Kompromiss — er wurde für Standardgrößen entwickelt, nicht für individuelle Körper. Bei MYNE ersetzen wir ihn durch einen flexiblen Silikon-Frame, der sich dem Körper anpasst und Halt gibt, ohne einzuschneiden oder Druckpunkte zu erzeugen. Dank CNC-gesteuerter Technik werden die Stoffe millimetergenau zugeschnitten. Es gibt keinen Standardschnitt, keine Annäherung — jeder BH ist einzigartig.
Welche Herausforderungen begegnen Ihnen bei der Entwicklung einer Technologie, die individuelle Maßanfertigung wirtschaftlich skalierbar machen soll?
Die größte Herausforderung war nicht die Technologie selbst, sondern das Zusammenspiel der einzelnen Schritte. Scan, Algorithmus, Fertigung — jeder Teil funktioniert für sich. Sie zu einem geschlossenen, automatisierten Prozess zu verbinden, der auch wirtschaftlich funktioniert, hat Jahre gedauert. Maßanfertigung war bisher Handarbeit und damit nicht skalierbar. Wir haben den Produktionsprozess selbst neu gedacht.
MYNE produziert erst nach der Bestellung. Welche Bedeutung hat dieses On-Demand-Modell für Nachhaltigkeit und den Umgang mit Überproduktion?
On-Demand ist bei MYNE die konsequente Umsetzung unserer individualisierten Fertigung – mit einem entscheidenden Nachhaltigkeitseffekt. Weil wir ausschließlich nach Bestellung produzieren, entstehen weder Überproduktion noch Lagerbestände oder unverkaufte Ware. Gleichzeitig sorgt die passgenaue Fertigung für eine Retourenquote von unter einem Prozent – weit entfernt von den branchenüblichen bis zu 50 Prozent. Ein wirtschaftlich interessantes und nachhaltiges Business Modell.
Wie verändert sich aus Ihrer Sicht das Bewusstsein der Verbraucherinnen für personalisierte Mode und digitale Fertigung?
Frauen sind zunehmend bereit, neue Wege zu gehen — wenn der Nutzen klar ist und das Vertrauen stimmt. Was wir beobachten: Kundinnen, die einmal einen wirklich passenden BH getragen haben, verstehen sofort, was ihnen bisher gefehlt hat. Das verändert die Erwartungshaltung nachhaltig. Die Frage ist nicht mehr, ob personalisierte Mode kommt. Die Frage ist, wer den Prozess dafür intelligent genug gebaut hat.
Welche nächsten Entwicklungsschritte und Wachstumsziele stehen bei MYNE aktuell im Fokus?
Die aktuelle Kollektion geht bis 90D — wir arbeiten daran, das Größenspektrum zu erweitern. Langfristig geht es um mehr: eine Welt, in der Kleidung nicht nach Größensystem, sondern nach Körperform gekauft wird. Die Technologie dafür existiert bereits — MYNE wird die Plattform sein, die diesen Wandel anführt. Der BH ist der Anfang. Dafür suchen wir strategische Partner und Wachstumskapital, die diese Vision teilen.
Welche drei Ratschläge würden Sie anderen Gründerinnen und Gründern geben, die mit innovativen Technologien etablierte Branchen verändern möchten?
Erstens: Die Branche von innen kennen. Wer ein System wirklich verändern will, muss verstehen, warum es so geworden ist, wie es ist.
Zweitens: Früher loslassen. Perfektion vor dem Start ist eine Illusion — die wichtigsten Erkenntnisse kommen aus echten Situationen, aus Gesprächen mit Kundinnen, aus Fehlern.
Drittens: Timing ist alles. Eine gute Idee zur falschen Zeit verändert nichts.
Bildcredits MYNE
Wir bedanken uns bei Linda Durisch für das Interview
Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.
Premium Start-up: MYNE

Kontakt:
MYNE
Plazza Staziun 11
7013 Domat/Ems
Schweiz
www.its-myne.com
hello@its-myne.com
Ansprechpartner: Linda Durisch & Mathias Durisch













