Mittwoch, August 5, 2026
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Wer im Leben keinen Druck erlebt, kann die Resilienzmuskeln nicht trainieren

Die Führungskräfte-Coachin Prof. Heidi Stopper weiß, dass Resilienz die zentrale Eigenschaft für Berufstätige in einem volatilen Arbeitsmarkt ist. Im Interview mit herCAREER erklärt sie, wie sowohl Young Professionals als auch erfahrene Führungskräfte ihre Resilienz stärken können. Und sie erläutert, welche tragende Rolle das individuelle Kompetenz-Set dabei spielt.

„Wir denken derzeit noch viel zu sehr in Berufsgruppen und nicht in Kompetenzsets.“

herCAREER: Heidi, die meisten Menschen kennen dich als Topführungskräfte-Coachin. Du bist aber auch Professorin an der Macromedia Hochschule und hast Einblick was Menschen am Beginn Ihrer Berufslaufbahn bewegt. Wie unterscheiden sich die Stressoren dieser beiden Gruppen?

Heidi Stopper: Zu 90 Prozent sind die Stressoren die gleichen, schätze ich. Denn ein Stressor ist nicht das, was außen passiert, sondern vielmehr, was wir daraus machen. Menschen reagieren auf ein und dasselbe Ereignis sehr unterschiedlich – ein Beispiel: Ein unbekannter Hund kommt auf zwei unterschiedliche Personen zugerannt. Die eine Person ist mit Hunden aufgewachsen, kennt sie und liebt sie. Die zweite ist einmal schlimm von einem Hund gebissen worden. Du kannst dir vorstellen, dass die beiden sehr unterschiedlich auf diese Situation reagieren werden. Das heißt: Stress machen wir uns immer selbst.

herCAREER: Was bedeutet das für deinen Arbeitsalltag als Coachin?

Heidi Stopper: Ich erlebe, dass die Art und Weise, wie Menschen mit sich selbst sprechen – ob Young Professional oder C-Level-Führungskraft –, maßgeblich davon abhängt, wie glücklich und zufrieden sie sind. Nicht etwa die äußeren Umstände sind entscheidend, denn sonst würden die Zufriedenheitswerte in ärmeren Ländern oder in Ländern, in denen sogar Krieg und Konflikte herrschen, wie etwa in Israel, nicht besser ausfallen als in Deutschland.

herCAREER: Resilienz ist in aller Munde – für Menschen, Unternehmen und Nationen. Wie erklärst du dir die Popularität des Begriffs und des Bedürfnisses nach mehr Resilienz?

Heidi Stopper: Zum einen sind Modewörter sehr beliebt. Wir sind alle zu Küchenpsycholog geworden in den letzten zehn Jahren und nutzen psychologische Fachbegriffe, ohne wirklich zu wissen, ob sie angebracht sind. Der Ausdruck „Resilienz” stammt allerdings nicht aus der Psychologie, sondern aus der Physik. Er beschreibt die Fähigkeit eines Stoffes, in seine ursprüngliche Form zurückzukehren, nachdem Druck auf ihn ausgeübt wurde. Das bedeutet auch: Ohne Druck keine Resilienz. Für Menschen bedeutet das: Wer im Leben kaum Druck oder unangenehme Situationen erlebt, kann die Resilienzmuskeln nicht trainieren. Und momentan brauchen wir Resilienz ja schon, wenn wir morgens in die Zeitung schauen: Mit Krieg, Klima- und Wirtschaftskrise haben wir mehr Druckpunkte als noch vor einigen Jahren.

herCAREER: Früher waren in Stellenanzeigen Eigenschaften wie „belastbar“ oder „anpassungsfähig“ gefragt, heute soll man resilient sein. Wie können wir diese Eigenschaften voneinander abgrenzen?

Heidi Stopper: Wir passen uns immer ein Stück weit an neue Umgebungen an. Das ist auch gut so. Anpassungsfähigkeit ist ein Hebel, um Zugehörigkeit empfinden zu können. Und Zugehörigkeit ist ein menschliches Grundbedürfnis. Die Art von Anpassung, die du vielleicht meinst, ist ein Verbiegen. Das wiederum ist wenig erfolgreich und kann nicht zu Resilienz führen, denn durch Verbiegen kann man Druck nicht standhalten.

herCAREER: Also doch eher Belastbarkeit? Dem Druck gar nicht erst nachgeben? Eine härtere Oberfläche, ein sprichwörtlich dickes Fell entwickeln?

Heidi Stopper: Wir sind nicht aus Teflon, auch wenn sich das viele Menschen wünschen. Viele Kund kommen zu mir, um ihre Resilienz zu stärken, in der Hoffnung, dass dann alles von ihnen abperlt, als seien sie aus Teflon. Das ist allerdings nicht die Lösung. Die Lösung besteht darin, zu lernen, mit negativen Emotionen umzugehen. Je öfter wir das üben, desto resilienter werden wir und desto mehr Sicherheit finden wir in uns selbst. Niemand wird schon resilient geboren, wir trainieren unsere Resilienz kontinuierlich. Und dabei kann kein Buch und kein Resilient-in-drei-Tagen-Seminar helfen.

herCAREER: Wenn wir in Deutschland also vergleichsweise wenig Resilienz vorweisen können, …

Heidi Stopper: … dann wahrscheinlich, weil wir in den vergangenen 30 Jahren vergleichsweise wenige Großkrisen bewältigen mussten. Natürlich hatten wir Krisen, aber sie waren verhältnismäßig kurz.

herCAREER: Macht Glück uns also resilient?

Heidi Stopper: Wenn wir uns dessen bewusst sind, dass wir Sicherheit in uns selbst finden können, dann können wir recht unbeschadet durch schwere Zeiten oder volatile Arbeitsmärkte gehen. Wir müssen herausfinden: Wie kann ich mir selbst innere Sicherheit schaffen?

herCAREER: Ja, wie?

Heidi Stopper: Es gibt die Theorie der Circles of Influence von Stephen Covey. Es sind drei konzentrische Kreise: Der kleinste Kreis in der Mitte beschreibt „I control“, der etwas größere Kreis daneben beschreibt „I influence“ und der dritte Kreis, der in Relation eigentlich nicht auf Papier zu bringen ist, beschreibt „I can’t control, I accept “. In der Glücks- und Leistungsforschung sagt man: Wenn ich mich zu 80 Prozent darauf konzentriere, was ich kontrollieren kann, dann bin ich am zufriedensten, leistungsstärksten und glücklichsten.

herCAREER: Aber was können wir kontrollieren?

Heidi Stopper: Wir können kontrollieren, mit welcher Haltung wir anderen Menschen und Situationen begegnen. Gut ausgebildete Menschen können bis zu einem gewissen Grad auch kontrollieren, in welchem Team oder Unternehmen sie arbeiten wollen – oder zumindest, in welchem nicht. Was können wir hingegen beeinflussen? Zum Beispiel die Dynamik in einem Team. Aber den größten Teil unseres Lebens können wir nicht beeinflussen und nicht kontrollieren. Und darum ist es wichtig, eine Kompetenz und auch eine Akzeptanz im Umgang mit Unsicherheit zu entwickeln.

herCAREER: Das erinnert mich an das Serenity-Prayer, das Gelassenheitsgebet der Anonymen Alkoholiker: „Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

Heidi Stopper: Diese Lehre findet sich auch in buddhistischen Weisheiten – und derzeit scheint sie mir sehr passend. Dieser westliche Trend, das ewige Glück zu suchen, ist doch Wahnsinn. In keinem Leben gibt es nur Glück – wie sollen wir Glück empfinden, wenn wir die negativen Gefühle nicht kennen? Die Natur hat uns nicht umsonst mit so vielen Emotionen ausgestattet.

herCAREER: Wie meinst du das?

Heidi Stopper: Emotionen sind wichtige Informationsquellen. Auch negativ empfundene Emotionen wie Wut, Trauer, Neid und Eifersucht sind wichtig und wir sollten sie wahrnehmen und reflektieren. Denn die Informationen, die in diesen Gefühlen stecken, sind sehr wichtig!

herCAREER: Wie entschlüsselt man diese Informationen?

Heidi Stopper: Es gibt so viele Coaches, manche nutzen mittlerweile auch KI als Sparringspartner. Ich bin dafür, auch viel offener mit Freund zu sprechen und Netzwerke zu nutzen. Gerade jetzt, da Arbeitsumfelder immer volatiler werden, bekommen Netzwerke eine neue Relevanz. Dort findet man gute Ansprechpartner, um Gedanken zu sortieren, gemeinsam zu reflektieren und einander zu spiegeln.

herCAREER: Gibt es da Methoden und Tools?

Heidi Stopper: Haufenweise! Man kann das Internet oder die Künstliche Intelligenz fragen: „Welche Tools helfen mir, negative Gedanken und Haltungen zu erkennen?” Für mich spielt auf der Selbstreflexionsebene allerdings die Bestärkung eine größere Rolle. Ich stelle die Frage: „Was sind deine ‘transferable skills’, deine übertragbaren Fähigkeiten?”

herCAREER: Also Skills, die ich universell anwenden kann? Warum ist das sinnvoll?

Heidi Stopper: Die Kernfrage für Menschen in einem volatilen Arbeitsmarkt ist doch die der Beschäftigungsfähigkeit. Bin ich einstellbar? Sind meine Fähigkeiten gefragt? Und damit meine ich nicht, welche Software ich beherrsche oder wie groß die Teams sind, die ich geleitet habe.

herCAREER: Sondern?

Heidi Stopper: Was ist dein USP, deine unique selling proposition? Welche Kompetenzen machen dich einzigartig? Jede hat ein einzigartiges Kompetenzset, das es auszubauen gilt, um „beschäftigungsfähig“ zu bleiben. Der erste Schritt ist, dieses Kompetenzset zu erkennen. Bei mir wäre das nicht gewesen: „Ich bin Personalchefin und Volljuristin“. Sondern: „ich kann komplexe Sachverhalte durchdringen und bin analysestark. Außerdem kann ich Menschen sehr gut einschätzen. Ich bin kommunikationsstark. Weil ich andere so leicht lesen kann, kann ich besonders gut zielgruppengerecht kommunizieren und auch Interessenlagen durchschauen und gemeinsame Lösungen finden. Aus dem Bewusstsein meiner Kompetenzen heraus fiel es mir leicht, von der Raumfahrt in ein Medienunternehmen zu wechseln.

Heidi Stopper: Das ist ein sehr gutes Beispiel. Wir denken derzeit noch viel zu sehr in Berufsgruppen und nicht in Kompetenzsets. Das Problem dabei ist, dass wir 60 Prozent der Berufsbilder, die es morgen geben wird, noch gar nicht kennen, während andere bald nicht mehr existieren werden. Darum sollten wir alle – aber vor allem diejenigen, die noch ihr ganzes Arbeitsleben vor sich haben – darüber nachdenken: Was ist mein einzigartiges Skill-Set? Wo will ich es ausbauen? In welche Richtung möchte ich mich weiterentwickeln? Denn aus diesem Kompetenzset ergeben sich Karrierechancen, die wir heute noch nicht sehen können.

herCAREER: Überspitzt gesagt: Die Zeiten, in denen wir uns über unsere Berufsbezeichnung definiert haben, sind vorbei?

Heidi Stopper: Ja. Es geht nicht mehr darum, einen Platz auf dem Arbeitsmarkt zu finden, der bedeutet: „Ich bin Bäckerin”, „Ich bin Buchhalterin” oder „Ich bin Juristin”. Wir müssen darüber nachdenken, was wir mitbringen. Ich bin ein Organisationstalent. Ich kann zehn Dinge gleichzeitig jonglieren. Ich bleibe ruhig, wenn es heiß hergeht.

herCAREER: Das sollten Lebensläufe und Bewerbungsschreiben in Zukunft sicherlich reflektieren, oder?

Heidi Stopper: Bei den Top-Leuten lesen wir sie heute schon und die Anforderungen gehen noch weiter: Es reicht nicht, Berufserfahrung und Kompetenzen aufzuzeigen – Bewerber müssen beweisen, dass sie mit ihren Kompetenzen im Unternehmen etwas bewirken können, also Impact generieren. Der CV einer erfahrenen Fachkraft sollte reflektieren, dass sie mit ihren Fähigkeiten auch Dinge umsetzen und einen Mehrwert für das Team oder das Unternehmen schaffen kann.

Das Interview führte herCAREER-Redakteurin Kristina Appel.

Heidi Stopper wird am 22.10.2026 auf der herCAREER einen Vortrag darüber halten, wie du deine „übertragbaren Kompetenzen” erkennst und ausbaust, um resilient durch deine Karriere zu gehen.

Bild Prof. Heidi Stopper Topmanagement-Coach & Beraterin ehem. Vorstand im MDAX, Autorin und mehrfache Beirätin © Karin Volz

Quelle messe.rocks GmbH

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