Mittwoch, Mai 20, 2026
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Was passiert mit Kindern, wenn das Smartphone nie Pause macht?

OMNI-Bags entwickelt verschließbare Handytaschen für Schulen, um Smartphones im Unterricht kontrollierbar zu machen und den Schulalltag ruhiger und konzentrierter zu gestalten

Wie ist OMNI BAGS entstanden und wer steht hinter der Idee?

Mein Name ist Joscha Tümmler und ich habe vor über 6 Jahren die IT-Consulting-Firma TOPFLOOR gegründet. In der Beratung arbeiten wir primär mit dem öffentlichen Sektor zusammen und stehen dadurch im engen Kontakt mit vielen öffentlichen Trägern und auch Schulen. In Gesprächen mit Vertretern von Schulen wurde uns immer wieder berichtet, welch ein großes Problem Handys im Schulalltag darstellen und wie schwierig es ist, dieses zu lösen. Im Kontext der vor kurzer Zeit neu aufflammenden Debatte über Handyverbote an Schulen habe ich mich gefragt, wie man die Problematik lösen kann, ohne noch mehr Streit und Unmut zwischen Schülern und Lehrkräften zu schaffen. Die zündende Idee kam mir durch ein Produkt einer amerikanischen Firma, welche verschließbare Taschen für den Live-Entertainment-Bereich anstelle von Stickern zur Abdeckung von Handykameras anbietet. Ich dachte mir, dass sich diese Lösung mit einigen Anpassungen auch auf Schulen anwenden lässt, und gründete OMNI-Bags.

Was hat Sie dazu motiviert, sich mit der Smartphone-Nutzung im Schulalltag zu beschäftigen?

Der Auslöser war die Kommunikation mit einigen öffentlichen Kunden von uns, die mediale Berichterstattung zu Handyverboten bzw. Handyregelungen in Schulen, sowie der Austausch mit Lehrer:innen und Eltern in meinem privaten Umfeld. Die Probleme schienen enorm und weitverbreitet zu sein. Alle haben sich beschwert, aber Lösungsvorschläge machte niemand. Ich dachte mir, anstatt sich nur aufzuregen, sollte man eine Lösung finden, die hilft, dem Thema zu begegnen und das Problem zu lösen. Dabei muss man Schülern zwar auf Augenhöhe begegnen, doch am Ende des Tages sind sie eben Kinder und Jugendliche, die sich nicht gerne sagen lassen, was sie tun oder lassen sollen, also muss man einen Kompromiss finden. Wenn wir mit OMNI-Bags einen Beitrag zur Verbesserung des Umgangs mit Smartphones und damit zur Verbesserung der Verhältnisse an Schulen leisten können, macht mich das sehr glücklich.

Welche Vision verfolgt OMNI BAGS für den Umgang mit digitalen Geräten in Schulen?

Smartphones sind zu einem fundamentalen Teil unserer Gesellschaft geworden und werden so schnell nicht wieder verschwinden. Wir müssen lernen, damit bewusst umzugehen. Ein reines Verbot löst das Problem nicht. Schüler werden immer versuchen, bestehende Systeme und Regeln zu testen und zu umgehen. Es muss aber eine Möglichkeit geben, einen klar geregelten und verantwortungsvollen Umgang mit Smartphones zu etablieren – ein bisschen muss man die Schüler zu ihrem Glück zwingen. Wir glauben, mit OMNI-Bags eine vielversprechende Kompromisslösung gefunden zu haben, auf die sich die Schüler einlassen – unsere Pilotprojekte laden derzeit diesbezüglich zu Optimismus ein.

Wie soll sich der Unterricht durch Lösungen wie die von OMNI BAGS konkret verbessern?

Ein zentrales Problem, das durch die übermäßige Nutzung von Handys entsteht, ist der unbewusste Griff zum Gerät sowie der gefühlte Zwang, ständig online sein zu müssen, um nichts zu verpassen. Heutzutage sind nahezu alle Schüler mit Smartphones aufgewachsen, bzw. wachsen mit diesen auf. Sie sind mit den Geräten extrem gekoppelt und verbringen einen Großteil ihrer Freizeit in ihnen, wodurch enorme Abhängigkeiten entstehen. Indem Schüler keinen Zugriff auf ihre privaten Handys auf dem Schulgelände haben, sind Störungen durch die Geräte von vornherein ausgeschlossen. Durch das Wegfallen der allzeit verfügbaren Ablenkungsquelle können Schüler nach und nach ihre Konzentration und Aufmerksamkeitsspanne wieder verbessern und sich von Smartphones als primärer Unterhaltungsquelle emanzipieren.

An welche Zielgruppen richtet sich OMNI BAGS und wie reagieren Schulen auf Ihr Konzept?

OMNI-Bags richtet sich an alle Schulen, in denen Handys einen Faktor für Störung oder Täuschung darstellen können. Nach unserer Erfahrung aus Gesprächen mit mehreren Hundert Schulen gibt es eigentlich so gut wie keine Schule, bei der der Umgang der Schüler mit dem Handy kein Problem ist. Unsere ersten Pilotprojekte an Schulen laufen bereits vielversprechend: Während Verbote zuvor vor allem Streit auslösten, sind viele Schüler den OMNI-Bags gegenüber zu Beginn zumindest ein wenig aufgeschlossener – was vermutlich auch auf die Novelität des Konzepts und das Gefühl, Teil von etwas Neuem und Ungewöhnlichem zu sein, zurückzuführen ist. Bei konsequenter Adaption in Deutschland bietet sich sogar die Chance, den Umgang mit Handys an Schulen nachhaltig zu beeinflussen. So könnte man erreichen, ein richtiges Bewusstsein und eine Achtsamkeit für den Umgang mit Handys zu schaffen, welche für eine langfristige Linderung des Problems so wichtig sind – und heute noch weitestgehend fehlen.

Welche zentralen Probleme im Unterricht lösen Ihre verschließbaren Handytaschen?

Die Probleme, die durch Smartphones im Unterricht entstehen, wirken auf mehreren Ebenen. Unmittelbar spürbar ist die ständige Ablenkung: Sobald das Handy griffbereit ist, werden Schüler durch Benachrichtigungen oder den Drang nach dem nächsten Blick auf den Bildschirm aus ihrer Konzentration gerissen. Das führt zu Unruhe, einem höheren Geräuschpegel und wiederkehrenden Störungen, sodass sowohl Lehrkräfte als auch Schüler wertvolle Zeit verlieren.

Mindestens genauso schwer wiegen die Inhalte, mit denen die Schüler konfrontiert werden. Cybermobbing über Messenger-Gruppen oder soziale Medien, unerreichbare Schönheitsideale und gefährliche Social-Media-Trends gefährden Kinder und Jugendliche psychisch wie physisch. Betroffene haben oft Angst, in die Schule zu kommen, oder können sich nicht auf den Unterricht konzentrieren, und Lehrkräfte bemerken solche Dynamiken häufig erst, wenn sie sich bereits verfestigt haben.

Hinzu kommt, dass die ständige Smartphone-Nutzung nachweislich Konzentrationsfähigkeit und Aufmerksamkeitsspanne reduziert. Schon die bloße Anwesenheit eines Handys auf dem Tisch wirkt sich negativ auf die Leistungsfähigkeit aus. Indem die Geräte während des Schultags sicher verwahrt sind, entsteht ein ruhigeres Miteinander, und Schüler können ihre Konzentration nach und nach wieder aufbauen – eine Fähigkeit, die weit über die Schule hinaus von zentraler Bedeutung ist.

Was unterscheidet OMNI BAGS von anderen Ansätzen im Umgang mit Smartphones an Schulen?

Ansätze zur Reduzierung von Handy-Störungen im Schulalltag gibt es bereits, sie bringen jedoch oft neue Probleme mit sich. Ein striktes Handyverbot führt etwa häufig dazu, dass Schüler ihre Geräte heimlich weiter nutzen, das Problem wird dadurch meist nur verlagert. Außerdem zeigt der Alltag: Auch Bundesländer, welche ein offizielles Handyverbot haben, kämpfen mit den gleichen Problemen. Solche Handyverbote sind ein politisches Signal, welches die Schulen bei der Umsetzung letztlich alleine lässt. Die Wahrheit ist, dass Schulen Hilfe brauchen, um die Regeln in der Praxis auch angemessen umsetzen zu können. Auch das Einsammeln von Smartphones ist nicht ideal, da dabei schnell Unsicherheiten oder Verlustängste entstehen. Schließlich handelt es sich um persönliche und oft wertvolle Gegenstände.

Neben OMNI-Bags existiert bereits eine Handvoll ähnlicher Produkte auf dem Markt, welche das gleiche Problem zu lösen versuchen. Nach unserem jetzigen Kenntnisstand lassen sich deren Schlösser jedoch alle durch Öffner von Drittanbietern umgehen. OMNI-Bags setzt bei all diesen Problemen an: Die Geräte bleiben im Besitz der Schüler, werden jedoch sicher verwahrt. Der Öffnungsmechanismus kann ausschließlich von Lehrkräften oder autorisierten Aufsichtspersonen gesteuert werden. So entsteht eine klare, praktikable und vertrauenswürdige Lösung.

Wie stellen Sie sicher, dass Ihre Lösung im Schulalltag praktikabel bleibt?

Wir haben unser Produkt bewusst so konzipiert, dass sich die Lösung ohne großen Aufwand in den Schulalltag integrieren lässt. Zu Beginn des Schultags legen die Schüler ihr Smartphone in die OMNI-Bag und behalten es weiterhin bei sich. Der anschließende Verschluss erfolgt schnell und unkompliziert durch die Schüler, sodass keine wertvolle Unterrichtszeit verloren geht. Ein zentraler Vorteil ist, dass die Geräte durchgehend im Besitz der Schüler bleiben. Dadurch werden organisatorischer Aufwand reduziert und typische Konflikte, wie sie bei Sammelboxen oder dem Einsammeln entstehen, vermieden. Gleichzeitig sind die Smartphones während des Unterrichts und in Prüfungssituationen zuverlässig unzugänglich.

Am Ende des Schultags werden die OMNI-Bags zentral durch die Lehrkraft geöffnet. Der integrierte Verschlussmechanismus stellt sicher, dass ausschließlich autorisierte Personen Zugriff haben. So entsteht eine einfache, sichere und alltagstaugliche Lösung, die sowohl Lehrkräfte entlastet als auch für klare Strukturen im Unterricht sorgt.

Mit welchen Herausforderungen waren Sie beim Aufbau von OMNI BAGS konfrontiert?

Das größte Problem liegt in den langen Entscheidungswegen für die Finanzierung der OMNI-Bags durch Bürokratie und fehlende Zuständigkeiten in Kommunen und Ländern, sowie fehlende Zugänglichkeit zu den richtigen Budgets. Deshalb ist ein Teil unserer Leistung auch die Beratung von Schulen im Hinblick auf die Finanzierungswege.

Welche nächsten Schritte plant OMNI BAGS für die Weiterentwicklung oder Expansion?

Wir wollten uns zunächst auf den deutschen und europäischen Markt fokussieren und sicherstellen, dass das Konzept trägt. Unser Ziel ist, dass jede Schule in Deutschland OMNI-Bags verwendet – so sehr sind wir von dem Konzept überzeugt.

Wie sehen Sie die Rolle von Smartphones im Unterricht in den kommenden Jahren?

Wie bereits zuvor angesprochen, werden Smartphones in den nächsten Jahren nicht verschwinden, im Gegenteil. Unser Leben wird immer vernetzter. Smartphones sind heute schon nicht mehr wegzudenken und werden künftig ein noch integralerer Bestandteil unseres Lebens sein. Wir sind keine Gegner von Handynutzung, Social Media, AI und Co. Im Gegenteil – wir sind ein IT-Consulting-Unternehmen und glauben, dass man das Problem rund ums Thema Handy zuallererst einmal regulieren muss, beziehungsweise ein Werkzeug liefern muss, um es zu regulieren. Dann sollte man in den nächsten Schritten einen kontrollierten und zeitgemäßen Umgang mit digitalen Technologien in den Unterrichtsalltag integrieren. AI, Social Media und Technologie allgemein sind Dinge, mit welchen Schüler sich in ihrem zukünftigen Lebens- und Berufsalltag allgegenwärtig konfrontiert sehen. Im derzeitigen Setting, welches durch Probleme, Konflikte und Chaos geprägt ist, ist ein solcher Umgang aber aktuell nicht zu gewährleisten.

Welche drei Ratschläge würden Sie anderen Gründerinnen und Gründern geben?

Löst ein Problem mit eurem Produkt/eurer Dienstleistung für eine klare Zielgruppe! Nur wenn das gegeben ist, habt ihr überhaupt eine Existenzgrundlage.

Geht ins Gespräch mit den Menschen, für die ihr glaubt, ein Problem zu lösen, und entwickelt im Austausch mit eurer Zielgruppe eure Lösung immer weiter.

Fokussiert euch auf eine Lösung, die gut funktioniert, und steckt da 100 % eures Fokus rein.

Titelbild @OMNI-Bags

Wir bedanken uns bei Joscha Tümmler für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder

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