Im Re-Fresh Global Interview erzählt Urte Zahn, wie das Unternehmen das Textilrecycling revolutionieren und gemischte Textilabfälle erstmals industriell verwertbar machen will
Wie ist Re-Fresh Global entstanden und wer sind die Köpfe hinter dem Unternehmen?
Re-Fresh Global ist aus einem sehr konkreten Problem der Textilindustrie entstanden: Gemischte Textilabfälle lassen sich mit herkömmlichen Methoden bis heute nur sehr begrenzt recyceln. Lediglich 1 Prozent werden derzeit in neue Fasern recycelt. Genau dort setzt unsere Technologie an.
Re-Fresh Global’s Gründerin und heutige Chief Product & Technology Officer Revital Nadiv bringt mehr als 20 Jahre Erfahrung aus der Textil- und Modeindustrie mit. In dieser Zeit hat sie aus nächster Nähe erlebt, wie groß das Problem nicht recycelbarer Mischtextilien tatsächlich ist. Daraus entstand der Anspruch, nicht nur über Nachhaltigkeit zu sprechen, sondern eine industriell skalierbare Lösung aufzubauen.
Ich bin seit Januar 2026 CEO von Re-Fresh Global. Ich bringe langjährige Erfahrung in industrieller Transformation, Innovation und im Aufbau neuer Geschäftsmodelle mit. Mich hat an Re-Fresh Global überzeugt, dass hier ein reales Industrieproblem mit einer skalierbaren technologischen Lösung adressiert wird. Genau diese Skalierung und den Aufbau des Unternehmens treibe ich heute mit voran.
Was hat euch dazu bewegt, euch auf das Recycling von Textilabfällen zu fokussieren?
Weltweit fallen jährlich 92 Millionen Tonnen Textilabfälle an. Das entspricht einem verlorenen Rohstoffwert von 500 Milliarden US-Dollar. Gerade gemischte Textilien wie Poly-Baumwolle sind mit bestehenden Verfahren bis heute nur begrenzt hochwertig und im großen Maßstab verwertbar.
Gleichzeitig steigt der regulatorische Druck in Europa deutlich, etwa durch die Abfallrahmenrichtlinie, Extended Producer Responsibility und die Verpackungsverordnung. Aus meiner Sicht ist aber vor allem entscheidend, dass die industrielle Infrastruktur fehlt, um gemischte Textilabfälle tatsächlich zu verarbeiten. Darauf ist der Ansatz von Re-Fresh Global ausgerichtet.
Welche Vision verfolgt Re-Fresh Global für die Zukunft der Textilindustrie?
Unsere Vision ist, dass Textilabfälle künftig nicht mehr vor allem als Entsorgungsproblem behandelt werden, sondern als Rohstoffquelle. Dafür braucht es Technologien und Infrastruktur, mit denen gemischte Textilien im industriellen Maßstab verarbeitet und in neue Zellulose- und Faserrohstoffe überführt werden können.
Wenn das gelingt, werden deutlich weniger Textilien verbrannt oder deponiert und stattdessen als wertvolle Ausgangsmaterialien in neue industrielle Anwendungen zurückgeführt.
Wie möchtet ihr mit eurer Technologie eine echte Kreislaufwirtschaft ermöglichen?
Gemischte Textilien sind bislang vor allem deshalb schwer zu verwerten, weil sie sich nur begrenzt trennen lassen und die industrielle Infrastruktur dafür weitgehend fehlt. Genau dort setzt unsere Technologie an: Wir haben ein enzymatisches Verfahren entwickelt, das gemischte Textilabfälle so aufbereitet, dass daraus hochwertige Rohstoffe entstehen.
Dabei entstehen mit Re-SanPulp™ ein Material für Nonwovens und textile Anwendungen sowie mit Re-Celloop™ ein Zelluloseprodukt für Einsatzfelder wie Kosmetik, Verpackung und Verbundwerkstoffe.
Entscheidend ist für uns aber nicht nur das Material selbst, sondern auch die Skalierung: Mit unserem lizenzierbaren Smart-Up™ System wollen wir ermöglichen, dass Textilabfälle näher an ihrem Entstehungsort verarbeitet werden. Das reduziert Transporte, stärkt die regionale Wertschöpfung und schafft lokale Arbeitsplätze.
Wer gehört zur Zielgruppe von Re-Fresh Global und welche konkreten Probleme löst ihr?
Zu unserer Zielgruppe gehören zum einen Industrien, die neue biobasierte und zirkuläre Rohstoffe suchen. Mit Re-Celloop™ adressieren wir insbesondere Anwendungen in Kosmetik, Verpackung und Verbundwerkstoffen. Dort lösen wir das Problem, dass nachhaltige, plastikfreie und lokal verfügbare Zellulosealternativen bislang nur begrenzt verfügbar sind.
Zum anderen adressieren wir mit Re-SanPulp™ Branchen wie Automotive und Haushaltsgeräte, in denen der Druck steigt, bis 2030 deutlich mehr recycelte Materialien in bestehende Produkte und Lieferketten zu integrieren. Hier bieten wir eine nachhaltige Rohstoffquelle für Autoinnenräume und Haushaltsgeräte.
Für Investoren ist Re-Fresh Global interessant, weil wir eine konkrete industrielle Umsetzungslücke mit einer skalierbaren Technologie und einem klaren Kommerzialisierungsansatz adressieren.
Welche Herausforderungen begegnen euch aktuell beim Aufbau eures Geschäftsmodells im Recyclingbereich?
Die größte Herausforderung ist ganz klar Kapital. Deep-Tech-Unternehmen brauchen Zeit, um Technologie zu entwickeln, zu validieren und in industrielle Anwendungen zu überführen. Viele Investoren suchen kürzere Zeithorizonte und schnellere Renditen, als sie im Aufbau industrieller Deep-Tech-Modelle realistisch sind. Wir sammeln aktuell 5 Millionen Euro, um unsere Demo-Fabrik in Thüringen zu bauen und parallel Technologie, Pilotprojekte und Kommerzialisierung weiter voranzutreiben.
Hinzu kommt, dass die regulatorische Richtung zwar klar ist, sich die konkreten Anforderungen in einzelnen Bereichen aber weiterentwickeln. Das erhöht den Druck im Markt, schafft aber noch nicht automatisch Umsetzungssicherheit.
Auch auf Kundenseite sehen wir eine typische Spannung: Viele Unternehmen verstehen das Problem und erkennen die Dringlichkeit, zögern aber noch, neue Materialien in bestehende Lieferketten zu integrieren. Deshalb sind Pilotprojekte für uns so wichtig. Sie schaffen Validierung, Vertrauen und die Grundlage für den nächsten Schritt in die industrielle Anwendung.
Wie geht Re-Fresh Global mit technischen Hürden bei der Verarbeitung gemischter Textilien um?
Die größte technische Herausforderung im Textilrecycling sind gemischte Textilien aus verschiedenen Fasertypen wie Baumwolle, Polyester, Elasthan und Viskose. Bei Re-Fresh Global haben wir dafür einen enzymatischen Prozess entwickelt, der eine selektive Trennung der Fasertypen ermöglicht, ohne die Materialien dabei zu zerstören. Unser Verfahren kann auf verschiedene Textilzusammensetzungen eingestellt werden. Dabei erreichen wir je nach Material eine Verwertungsquote von bis zu 95 Prozent.
Was unterscheidet Re-Fresh Global von anderen Ansätzen im Textilrecycling?
Viele Ansätze im Textilrecycling konzentrieren sich vor allem auf Textil-zu-Textil-Lösungen. Re-Fresh Global verfolgt bewusst einen Open-Loop-Ansatz: Wir verarbeiten Textilabfälle nicht nur zu neuen Faseranwendungen, sondern auch zu hochwertigen Zellulosematerialien für verschiedene Industrien.
Damit erweitern wir die Verwertungsmöglichkeiten gemischter Textilabfälle deutlich und schaffen echtes Upcycling für Materialströme, die bislang nur sehr begrenzt genutzt werden konnten. Gleichzeitig verbrauchen wir nach unseren bisherigen Daten rund 50 Prozent weniger Energie und verursachen rund 85 Prozent weniger CO2-Emissionen als vergleichbare Virgin-Materialien.
Welche Rolle spielt eure biotechnologische Lösung für die Skalierbarkeit eures Modells?
Der enzymatische Ansatz ist für die Skalierbarkeit unseres Modells zentral, weil er sich auf unterschiedliche Textilzusammensetzungen und Qualitäten einstellen lässt. Gleichzeitig können Enzyme in großen Mengen produziert und in modularen Anlagen eingesetzt werden. Genau darauf ist unser Smart-Up™ System ausgelegt: Es ist an verschiedenen Standorten effizient replizierbar.
Welche nächsten Schritte plant Re-Fresh Global in Bezug auf Wachstum und Marktausbau?
Der nächste große Schritt für Re-Fresh Global ist der Aufbau unserer Demo-Fabrik in Thüringen. Dafür sammeln wir aktuell 5 Millionen Euro Seed-Kapital, um die nächste industrielle Phase und Einsätze zu finanzieren.
Gleichzeitig bauen wir auf unserer bisherigen Traktion auf: Wir haben sieben bezahlte Pilotprojekte abgeschlossen und damit 500.000 Euro Umsatz generiert. Parallel bringen wir unsere Smart-Up™ Mikrofabrik in den Einsatz, schließen laufende Pilotprojekte mit europäischen OEMs ab und arbeiten an den nächsten Schritten in Richtung Serienintegration. Anwendungen in Akustik und Automotive treiben wir weiter voran, und erste Re-Celloop™ Materiallieferungen für die Kosmetikindustrie sind bereits angelaufen. Gleichzeitig wollen wir für Re-Celloop™ weitere Pilotprojektpartner gewinnen, um zusätzliche industrielle Anwendungen zu erschließen.
Wo seht ihr Re-Fresh Global in den nächsten fünf Jahren?
In fünf Jahren sehen wir Re-Fresh Global als einen etablierten Infrastruktur- und Technologieanbieter für enzymatisches Textilrecycling. Entscheidend wird sein, dass unsere Smart-Up™ Mikrofabriken beziehungsweise standardisierten Module dort eingesetzt werden, wo Textilabfälle anfallen, und damit lokale Verwertungsinfrastruktur entsteht.
Aus heutigen Pilotprojekten sind dann belastbare Serienanwendungen mit Partnern in Automotive, Kosmetik, Verpackung und Haushaltsgeräten geworden. Re-SanPulp™ und Re-Celloop™ ersetzen Virgin-Materialien in industriell relevantem Maßstab.
Welche drei Ratschläge würdet ihr anderen Gründerinnen und Gründern mit auf den Weg geben?
Erstens: Arbeitet an einem Problem, das wirklich relevant ist. Nicht jedes interessante Thema ist auch ein tragfähiges Unternehmen. Entscheidend ist, ob es dafür einen echten Bedarf und langfristig einen belastbaren Markt gibt.
Zweitens: Verwechselt Aufmerksamkeit nicht mit Fortschritt. Gerade in technologiegetriebenen Unternehmen zählen am Ende Validierung, Umsetzung und echte Kundenbeziehungen mehr als gute Sichtbarkeit allein.
Drittens: Sucht euch die richtigen Menschen an eure Seite. Das gilt für Team, Partner und Investoren gleichermaßen. Wer ein komplexes Unternehmen aufbauen will, braucht nicht nur Kapital und Kompetenz, sondern auch Vertrauen, Ausdauer und die Bereitschaft, gemeinsam durch schwierige Phasen zu gehen.
Photocredit: Carolin Weinkopf
Wir bedanken uns bei Urte Zahn für das Interview
Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder

























