Dienstag, April 21, 2026
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Wird über Gesundheit noch offen gesprochen

Every Health gestaltet den Zugang zu sexueller Gesundheit neu und nutzt Telemedizin für eine diskrete und moderne Versorgung

Wie ist Every Health entstanden und wer sind die Menschen hinter dem Unternehmen?

Every Health ist aus Frust entstanden. Dima und Alex haben sich kennengelernt und schnell gemerkt, dass sie dieselbe Erfahrung teilen: Wer sich in Deutschland um seine sexuelle Gesundheit kümmern will, landet in einem System, das dafür nicht gemacht wurde. Lange Wartezeiten, überforderte Ärztinnen, unangenehme Gespräche und ganz viel Stigma. Dima hat ukrainische Wurzeln, ist in München aufgewachsen und hat vor Every Health als VC bei Atlantic VC gearbeitet. Alex hat als Geschäftsführer Natural Mojo zur führenden Supplements-Brand in sechs europäischen Märkten skaliert. Seit 2023 haben wir in Berlin ein Team aufgebaut, das heute aus knapp zehn Leuten besteht. Darüber hinaus haben wir ein starkes Netzwerk aus spezialisierten Fachärztinnen, Laborpartnern und Apotheken.

Welche persönlichen Erfahrungen oder Beobachtungen haben die Gründung geprägt?

Dima erinnert sich noch genau an den Moment, als er selbst zum ersten Mal einen STI-Test machen wollte. Beim Hausarzt wurde es sofort unangenehm, die Fragen fühlten sich an wie ein Verhör, und am Ende war nicht mal klar, ob die richtigen Tests überhaupt gemacht wurden. Dazu kam das Gefühl, sich für den eigenen Lebensstil rechtfertigen zu müssen. Du sitzt da, in einer Arztpraxis, und plötzlich geht es nicht mehr um deine Gesundheit, sondern darum, wie du lebst und mit wem.

Du merkst, wie dein Gegenüber anders mit dir spricht, sobald das Thema auf dem Tisch liegt. Und du fragst dich: Warum muss das so schwer sein? Jeder zweite Mensch wird laut WHO in seinem Leben eine Geschlechtskrankheit bekommen. Jeden Tag stecken sich weltweit eine Million Menschen neu an. Das System macht es allen unnötig schwer, Verantwortung für die eigene Gesundheit zu übernehmen. Die Konsequenz sind vermeidbare Infektionen und späte Diagnosen.

Welche Vision verfolgt Every Health für eine inklusivere Gesundheitsversorgung?

Sexuelle Gesundheit sollte so selbstverständlich sein wie eine Skincare-Routine. Kein Schamgefühl, kein Erklärungsbedarf, kein Spießrutenlauf durchs System. Every Health baut eine Plattform, auf der sich jeder Mensch unkompliziert, diskret und auf medizinisch höchstem Niveau um seine sexuelle Gesundheit kümmern kann. Uns geht es um mehr als nur eine bessere Experience zu bieten. Es geht um einen kulturellen Wandel. Eine Welt, in der es völlig normal ist, über sexuelle Gesundheit zu reden, sich regelmäßig zu testen und Prävention ernst zu nehmen.

Wie gelingt es Every Health, medizinische Angebote speziell auf die Bedürfnisse der LGBTQIA+ Community zuzuschneiden?

Die queere Community war der Ausgangspunkt, weil dort die Versorgungslücken am deutlichsten sichtbar sind. Der Ansatz dahinter gilt aber für alle: Zuhören, verstehen, was Menschen wirklich brauchen, und dann Produkte bauen, die genau das liefern. Klar gibt es Unterschiede in Risiken für unterschiedliche Gruppen und Verhaltensweisen. Aber am Ende des Tages profitieren alle von niedrigschwelligem Zugang zu guter Versorgung – egal wen man liebt. Gute sexuelle Gesundheitsversorgung ist inklusiv per Definition.

Welche Rolle spielt Telemedizin im Konzept von Every Health und wo liegen ihre größten Vorteile?

Telemedizin beseitigt die größte Hürde: den Gang zum Arzt. Für viele Menschen ist die Krankheit gar nicht das Problem. Der Weg zur Diagnose ist es. Wer sich schämt, geht nicht hin. Wer auf dem Land lebt, findet keine Spezialist*innen. Oder wer einen vollen Terminkalender hat, schiebt es ewig auf. Every Health bringt die Versorgung nach Hause: Heim-Tests mit Labor-Anbindung, Online-Anamnesen, ärztliche Konsultation, Rezept, alles digital, alles diskret und bequem von zuhause aus. Das senkt die Hemmschwelle massiv und sorgt dafür, dass mehr Menschen sich um ihre Gesundheit kümmern.

Vor welchen Herausforderungen steht Every Health beim Aufbau eines diskriminierungsfreien Gesundheitssystems?

Das deutsche Gesundheitssystem ist ganz gut in dem, wofür es gebaut wurde. Aber es wurde für eine andere Zeit gebaut. Die Strukturen sind träge, die Regulierung oft nicht auf der Höhe der technischen Möglichkeiten, und Innovation wird eher gebremst als gefördert. Das Gesundheitswesen ist eine der traditionellsten Branchen überhaupt. Manchmal fühlt es sich an, wie gegen Windmühlen zu kämpfen. Dazu kommt, dass sexuelle Gesundheit gesellschaftlich immer noch mit Stigma belegt ist, und das spiegelt sich auch in den Institutionen wider. Aber genau das ist der Antrieb: Wenn nicht wir das ändern, wer dann?

Was unterscheidet Every Health konkret von klassischen digitalen Gesundheitsanbietern?

Die meisten digitalen Gesundheitsanbieter verkaufen Produkte. Wir bauen Verständnis auf. Ein riesiger Teil des Problems ist fehlendes Wissen. Menschen wissen nicht, welche Infektionen es gibt, wie sie übertragen werden oder wann man sich testen lassen sollten. Wo andere Pillen verschicken, geben wir Wissen mit und binden Nutzer*innen aktiv in ihre eigene Gesundheit ein. Und wir bieten den gesamten Prozess aus einer Hand: Diagnostik, Beratung und bei Bedarf Verschreibung und Medikamente. Keine Brüche, kein Ärzte-Marathon, keine Wartezeiten. Alles an einem Ort – von der ersten Frage bis zur Behandlung.

Wie stellt Every Health sicher, dass Vertrauen und Sicherheit bei sensiblen Gesundheitsthemen gewährleistet sind?

Vertrauen entsteht durch Kompetenz und Transparenz. Medizinisch arbeiten wir mit renommierten Laboren, spezialisierten Fachärzt*innen und Schwerpunktapotheken. Jeder Inhalt auf unserer Plattform ist medizinisch geprüft, Datenschutz selbstverständlich DSGVO-konform. Aber das Wichtigste ist die Haltung: Wir kommunizieren auf Augenhöhe. Wer sich bei uns testet oder beraten lässt, soll sich sicher fühlen und es auch sein.

Welche Entwicklungen plant Every Health in den kommenden Jahren?

Wir denken Gesundheit viel größer als Tests und Rezepte. Die Vision ist eine Plattform, die Menschen ganzheitlich durch ihre sexuelle Gesundheit begleitet: Prävention, Diagnostik, Behandlung, Pflege und darüber hinaus. Wir wollen, dass sexuelle Gesundheit und Selbstfürsorge so selbstverständlich werden wie eine Skincare-Routine. Europas erste Adresse für intime Gesundheit. Wir schaffen eine neue Kategorie: Jeder Mensch soll unkomplizierten Zugang zu erstklassiger intimer Gesundheitsversorgung haben.

Welche Rückmeldungen aus der Community haben das Angebot besonders geprägt?

Wir bekommen regelmäßig Emails und DMs von Nutzerinnen, die uns für die Aufklärungsarbeit danken. Das Schönste daran: Viele erzählen uns, dass sie angefangen haben, selbst offen über sexuelle Gesundheit zu sprechen, mit Freunden, mit Sexualpartnern.
Gleichzeitig kommen dabei teilweise wirklich Horrorstories hoch. Erfahrungen, die Nutzerinnen mit Ärzt:innen gemacht haben, von abwertenden Kommentaren bis hin zu falschen Tests oder komplett verweigerter Behandlung. Das macht einen traurig und zeigt uns jedes Mal aufs Neue, wie dringend wir eine Verbesserung brauchen.

Auch konkrete Features entstehen direkt aus solchen Gesprächen. Die anonyme Partnerbenachrichtigung zum Beispiel: In einem Customer Research Interview hat uns jemand erzählt, dass er nach einem positiven Ergebnis verantwortungsvoll handeln wollte, aber Angst davor hatte. Also haben wir einen Weg gebaut, Sexualpartner anonym zu benachrichtigen.
Letztens hat sich ein Nutzer unseres STI-Präventionsservices bei uns bedankt, weil er früher vier bis fünf Chlamydien-Infekte pro Jahr hatte und seit er unseren Service nutzt keinen einzigen mehr. Und eine Lehrerin hat angefragt, ob sie unseren Test im Sexualkundeunterricht zeigen darf.

Was waren bisher die wichtigsten Learnings?

Man kann viel überlegen, grübeln, planen. Aber am Ende des Tages weiß man erst, ob etwas funktioniert, wenn man es umsetzt. Wir haben gelernt, schnell rauszugehen, echtes Feedback zu sammeln und dann nachzubessern. Perfektion im Stillen bringt niemandem etwas.
Gerade in einem so traditionellen Feld wie Medizin begegnet man ständig Menschen, die nicht an Neues glauben. Die Zweifel säen, die sagen: „Es bleibt alles so wie es ist.“ Manche versuchen aktiv, dir Steine in den Weg zu legen. Da muss man einen starken Willen haben und gut filtern: Für wen machen wir das eigentlich? Was sind deren reale Probleme? Wenn man sich das immer wieder vor Augen führt, wird der Lärm von außen leiser.

Welche drei Ratschläge würden Sie anderen Gründer:innen mit auf den Weg geben?

Löst ein Problem, das euch selbst nachts wachhält. Wenn die Motivation nur der Markt ist, werdet ihr in der ersten wirklich harten Phase aufgeben. Wenn es persönlich ist, macht ihr weiter.
Redet mit euren Nutzer:innen, bevor ihr baut, und hört danach nie auf damit. Die gefährlichste Annahme im Startup ist, dass man weiß, was die Leute wollen.
Gute Leute machen so viel aus. Egal ob Mitarbeitende, Geschäftspartner oder Investoren: Menschen um sich zu haben, die dieselbe Ambition, Professionalität und Treue teilen, entscheidet oft über Make or Break.

Bildrechte: © Every Health

Wir bedanken uns bei Lupo Porschen für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder

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