ValueVerde digitalisiert Investitionen in Genossenschaften und macht Beteiligungen an der Energiewende einfach, transparent und zugänglich
Was genau macht ValueVerde und welches konkrete Problem im Bereich der Energiewende wollten Sie mit Ihrer Plattform lösen?
Das Problem ist, dass wir ein massives Finanzierungsproblem in der kommunalen Energiewende haben. Ich bin ehrenamtlich politisch aktiv und hatte so mit Stadtwerken zu tun und da ging es immer wieder darum, dass Geld für die Projekte fehlt, die wir dringend brauchen. Dort Kapital einzubringen, ist allerdings schwierig und so bin ich auf Energiegenossenschaften gestoßen.
Bürger können sich direkt an der Energiewende beteiligen. In meinem Freundeskreis, wo viele im Klima- und Nachhaltigkeitsumfeld aktiv sind, kannte das aber auch niemand. Alle fanden es super, bis sie gemerkt haben, wie kompliziert es ist, tatsächlich Anteile zu zeichnen. Viele Genossenschaften sind kaum sichtbar, Prozesse sind papierbasiert, und man muss schon sehr genau wissen, wonach man sucht. Und das in einer Zeit, in der man über Trade Republic in Sekunden Aktien kaufen kann. Genau da setzt ValueVerde an: Wir machen Energiegenossenschaften sichtbar, vergleichbar und einfach digital zugänglich.
Wer steht hinter ValueVerde und welche Erfahrungen aus den Bereichen FinTech, Energie oder Genossenschaftswesen haben Sie in das Unternehmen eingebracht?
Hinter ValueVerde stehen Sebastian und ich. Sebastian war unter anderem bei der European Energy Exchange und bringt die Energiemarktperspektive mit. Ich habe vor Valueverde für einen nachhaltigen Fondsmanager unter anderem Sales und Public Affairs aufgebaut. Dort habe ich gelernt, wie Finanzprodukte strukturiert, reguliert und digitalisiert werden.
Dazu kommt mein ehrenamtliches Engagement in der Sozialdemokratie. Dadurch war ich sehr nah an kommunaler Wirtschaft, Genossenschaften und der Akzeptanzfragen bei der Energiewende. Diese Kombination hilft uns enorm. Wir verstehen Kapitalmärkte, wir verstehen Energiewirtschaft und wir verstehen das genossenschaftliche Modell nicht nur technisch, sondern auch gesellschaftlich.
Welche langfristige Vision verfolgen Sie mit ValueVerde für die Demokratisierung von Investitionen in Energiegenossenschaften?
Wir starten bewusst mit Energiegenossenschaften, weil dort der Impact am direktesten ist und aktuell am notwendigsten. Aber unsere Vision geht deutlich darüber hinaus. Allein in Deutschland gibt es über 8.000 Genossenschaften, europaweit steckt rund eine Billion Euro Kapital in genossenschaftlichen Strukturen.
Mittelfristig wollen wir die Infrastruktur für demokratisches, genossenschaftliches Investieren in Europa aufbauen. Unser Ziel ist, dass es genauso einfach wird, Anteile an Genossenschaften zu zeichnen, wie es heute ist Aktien zu kaufen. Und im Idealfall nicht nur über unsere Plattform, sondern perspektivisch über jede Bank und jeden Broker in Europa.
Im Grunde machen wir das, was jetzt auch im Private-Equity-Bereich passiert ist, nur mit einem anderen Anspruch. Bei uns geht es nicht um kurzfristige Optimierung, sondern um Beteiligung an realer, zirkulärer Infrastruktur. Es geht um regionale Wertschöpfung und Mehrwerte über den einzelnen Geldbeutel hinaus.
Wie gelingt es Ihnen, den bislang oft komplexen und papierbasierten Prozess einer Beteiligung an Energiegenossenschaften vollständig digital und nutzerfreundlich abzubilden?
Tatsächlich hatten wir ein gutes Timing. Wir haben im Januar letzten Jahres gestartet und durch eine Reform ist es seit dem 01.01.2025 möglich voll digital Anteile einer Genossenschaft zu zeichnen.
Wir haben dann fünf Launch-Genossenschaften gefunden, mit den wir gestartet haben und haben den gesamten Prozess gemeinsam durchgespielt. Von der Frage, welche Informationen relevant sind im Beteiligungsprozess bis hin zu formalen Anforderungen – etwa wie der Vorstand weiterhin korrekt über Beitritte entscheidet oder wie rechtliche Vorgaben sauber eingehalten werden. Wir haben da auch zu Beginn direkt Kontakt zu Regulierungsbehörden aufgenommen und unser Modell vorgestellt. Parallel haben wir die Nutzerführung aufgebaut. Es soll sich anfühlen wie eine moderne Finanzanwendung, aber ohne das genossenschaftliche Modell zu verwässern.
Unser MVP ist dabei bewusst auch ein Lerninstrument. Wir schauen genau: Wie reagieren Nutzerinnen und Nutzer? Wo hakt es bei Genossenschaften? Denn nur wenn das im Kern sauber funktioniert, kann es über Partner oder Banken angeboten werden.
Welche Zielgruppen sprechen Sie mit ValueVerde konkret an und welche Bedürfnisse dieser Anlegerinnen und Anleger stehen für Sie im Mittelpunkt?
Im ersten Schritt sprechen wir Menschen an, denen Nachhaltigkeit und die Energiewende wichtig sind und die wirklich wissen wollen, was mit ihrem Geld passiert. Viele möchten einen konkreten, regionalen Impact haben und nicht nur ein abstraktes Finanzprodukt kaufen.
Mittelfristig bauen wir unser B2B2C-Modell aus. Mit den Impact Hubs in Leipzig, Dresden und Hamburg haben wir die erste Anbindung geschaffen. Perspektivisch wollen wir über Innovationshubs, Nachhaltigkeitsplattformen, Crowdinvesting-Portale sowie Sparkassen, Volksbanken und Neobanken wachsen.
Was unterscheidet ValueVerde von klassischen Crowdinvesting Plattformen oder anderen nachhaltigen Investmentangeboten?
Es gibt zwei zentrale Unterschiede. Crowdinvesting läuft häufig über projektbezogene Nachrangdarlehen mit qualifiziertem Rangrücktritt, also Fremdkapital mit eigenkapitalähnlicher Haftung. Genossenschaftsanteile sind dagegen klares Eigenkapital. Man partizipiert am Unternehmenserfolg, erhält eine Ausschüttung statt eines festen Zinsversprechens und hat wie bei einer Aktie Stimmrechte. Im Gegensatz zu Aktienkonzernen hat gilt das Prinzip “eine Person, eine Stimme” und so entscheidet nicht die Höhe des investierten Kapitals über den Einfluss. Daher spricht man auch oft von der demokratischsten Unternehmensform.
Der zweite Punkt ist, man investiert nicht in ein einzelnes Projekt, mit spezifischem Projektrisiko, sondern in eine Genossenschaft, oft mit vielen Anlagen, zum Teil verschiedenen Zweigen und damit breiterer Diversifikation. Man beteiligt sich also an einem realen, regional verankerten Energieunternehmen und nicht an einem einzelnen Projekt.
Wie stellen Sie Transparenz in Bezug auf Projekte, Rendite, Risiken und ökologische Wirkung sicher?
Im Onboarding lassen wir uns sämtliche relevanten Informationen geben – jedes einzelne Projekt, Art der Anlage, erzeugte Kilowattstunden, CO₂-Einsparung, Ladepunkte bei E-Mobilitätsprojekten und so weiter. Zusätzlich prüfen wir die von der Generalversammlung beschlossenen Jahresabschlüsse, analysieren die Entwicklung von Eigenkapital, Fremdkapital und Mitgliederzahlen und schauen uns die Ausschüttungshistorie seit 2019 bzw. bei jüngeren Genossenschaften seit Gründung an.
Auf dieser Basis bereiten wir die Daten strukturiert auf und machen Impact nachvollziehbar, etwa indem wir Energieerzeugung und CO₂-Einsparung ins Verhältnis zum gezeichneten Kapital setzen. Gleichzeitig kommunizieren wir klar, dass es sich um Eigenkapital handelt – inklusive Satzung, Kündigungsfristen und langfristigem Charakter der Beteiligung.
Mit welchen regulatorischen oder marktseitigen Herausforderungen sehen Sie sich als Plattform im Spannungsfeld von FinTech und Energiewirtschaft konfrontiert?
Wir bewegen uns zwischen Genossenschaftsrecht und finanzmarktnahen Fragestellungen, das bringt natürlich regulatorische Anforderungen mit sich. Deshalb sind wir von Anfang an in den Austausch mit den relevanten Stellen, unter anderem mit der Bundesbank, der IHK und Genossenschaftsverbänden gegangen. Uns war wichtig, die Prozesse sauber aufzusetzen und früh Klarheit zu schaffen, statt später nachjustieren zu müssen.
Gleichzeitig standardisieren wir eine Anlageform, die historisch sehr individuell organisiert ist. Das ist technisch und strukturell anspruchsvoll, aber gut machbar, wenn man es systematisch angeht.
Welche Rolle spielt der Gedanke der regionalen Bürgerenergie für Ihr Geschäftsmodell?
Regionale Bürgerenergie ist der Kern unseres Modells. Das ist die Idee, aus der wir kommen. Die lokale Wertschöpfung bei Genossenschaften ist doppelt so hoch, wie bei Konzernen. Wenn eine Genossenschaft eine Energieanlage baut, werden häufig lokale Handwerksbetriebe eingebunden, Gewinne bleiben in der Region und Entscheidungen werden vor Ort getroffen. Das kann ein echter Motor für regionale Vitalisierung sein.
Strukturell geht es um die Kombination aus Klimaschutz, Eigentum und Verantwortung vor Ort. Genossenschaften ermöglichen Selbstwirksamkeit, Menschen sind nicht mehr nur passive Konsumentinnen und Konsumenten, sondern aktive Mitgestalter. Das ist zirkuläre Wirtschaft, eine Wirtschaft von Menschen für Menschen.
Wie möchten Sie ValueVerde in den kommenden Jahren weiterentwickeln, etwa in Bezug auf neue Projekte, Funktionen oder Zielgruppen?
Aktuell geht es darum, mehr Energiegenossenschaften auf die Plattform zu bringen und gleichzeitig die technische und regulatorische Basis weiter zu stärken, damit wir skalieren können. Parallel bauen wir unser B2B2C-Modell aus. Unser Anspruch ist, dass Genossenschaftsanteile dort verfügbar werden, wo Menschen heute bereits sind.
Dazu kommt, dass wir auch das Angebot ausbauen wollen. Wir werden jetzt schon von Wohnungsbau- und Konsumgenossenschaften angesprochen und genau das ist langfristig die Vision. Genossenschaften gibt es in fast allen Wirtschaftssektoren. Funktional wollen wir perspektivisch Dinge ermöglichen, die man aus der klassischen Kapitalanlage kennt, zum Beispiel Sparpläne. Langfristig wollen wir die Infrastruktur werden, über die genossenschaftliches Investieren selbstverständlich wird, so etwas wie die “Deutsche Börse“, nur eben für Genossenschaften und echte Wirkungsprodukte.
Wenn Sie auf Ihre bisherige Reise mit ValueVerde blicken, welche drei Ratschläge würden Sie anderen Gründerinnen und Gründern mit auf den Weg geben?
Mein Tipp ist, sich ein Problem zu suchen das man ganz intrinsisch lösen will und auf das man echt Lust hast. Gründen ist nicht so romantisch, wie es auf LinkedIn oft aussieht. Es ist anstrengend, es gibt Rückschläge, Absagen, es ist ein emotionaler Roller-Coster – insbesondere mit Familie und Kleinkind. Wenn einen das Thema nicht wirklich packt, ist es schwer das durchzuhalten. Man sollte etwas bauen, worauf man auch in fünf Jahren noch Bock hat.
Zweitens würde ich sagen, gerade bei komplexen oder regulierten Themen sollte man früh den Dialog suchen. Mit Verbänden, mit Regulierern, mit Menschen, die das System verstehen. Vieles lässt sich am Anfang klären und sauber aufsetzen, das erspart einem später viel Aufwand.
Was mir auch geholfen hat, war der Dialog mit anderen Gründerinnen und Gründern aus. Schreibt sie an, sprecht offen über Herausforderungen. Am Ende haben wir alle ähnlichen Themen und es hilft einfach, zu sehen, dass man nicht allein ist.
Und sonst gilt machen, nicht alles bis ins kleinste Detail vorbereiten und prognostizieren wollen, auch weil sich im Prozess viel wieder ändert.
Bildcredits: @privat
Wir bedanken uns bei Nathanael Meyer für das Interview
Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder

























