Ein digitaler Frühwarner für das Smartphone, der anschlägt, bevor es zu spät ist: Der Gründer von ChildSaver im Interview über den schmalen Grat zwischen Kinderschutz und Privatsphäre und warum klassische Überwachungs-Apps oft scheitern
Können Sie ChildSaver kurz vorstellen und erzählen, wie die Idee zur Gründung des Unternehmens entstanden ist?
ChildSaver ist eine Kinderschutz-App für Android. Sie läuft offen auf dem Handy des Kindes, mit dessen Wissen, und warnt Eltern früh, wenn im Chat etwas Gefährliches passiert: Anzeichen von Grooming, Mobbing, Hassrede oder Selbstgefährdung. Entstanden ist die Idee aus meiner Arbeit als Streamer BodenlosTV. Seit November 2024 gebe ich mich in sozialen Netzwerken als Kind aus, um Erwachsene zu erkennen, die an Kindern sexuelle Straftaten begehen wie bspw. Grooming und übergebe die Fälle der Polizei. So habe ich bis heute 329 Täter überführt und der Polizei übergeben. Teilweise haben die Medien auch darüber berichtet, wie im Januar diesen Jahres. In hunderten dieser Chats lief immer das gleiche Muster ab. Ich habe gesehen, wie ein Täter Vertrauen aufbaut, wie er Grenzen langsam verschiebt, welche Sätze kurz vor der Gefahr fallen. Dieses Wissen steckt heute in ChildSaver, damit Eltern solche Muster erkennen können, bevor es zu spät ist.
Welche Vision verfolgen Sie mit ChildSaver, und wie möchten Sie Familien im digitalen Alltag langfristig unterstützen?
Meine Vision ist ein Kinderschutz, der warnt, ohne zu bespitzeln. Eltern sollen nicht heimlich mitlesen. Sie sollen rechtzeitig einen Hinweis bekommen, wenn wirklich etwas Ernstes passiert, und dann mit ihrem Kind reden können. Langfristig soll ChildSaver mit den Gefahren mitwachsen, also mit neuen Plattformen, neuen Maschen und neuen Formen von Druck auf Kinder. Wir wollen der ruhige Frühwarner im Hintergrund sein, der Familien Sicherheit gibt, ohne das Vertrauen zwischen Eltern und Kind zu zerstören.
An welche Zielgruppen richtet sich ChildSaver hauptsächlich, und welche Herausforderungen möchten Sie mit Ihrer Lösung lösen?
ChildSaver richtet sich an Eltern von Kindern und Jugendlichen, die ein eigenes Smartphone haben. Das Problem dahinter: Kein Elternteil kann jeden Chat mitlesen, und die meisten wollen das auch gar nicht. Trotzdem passieren Grooming, Mobbing und Übergriffe genau dort, wo Eltern nicht hinschauen. Diese Lücke schließen wir. Die App meldet die Gefahr, nicht den harmlosen Alltag des Kindes.
Viele Eltern wünschen sich mehr Sicherheit für ihre Kinder, möchten sie aber nicht permanent überwachen. Wie gelingt ChildSaver dieser Spagat?
Zwei Dinge machen das möglich: Offenheit und Datensparsamkeit. Das Kind weiß, dass die App läuft, es gibt keine versteckte Spionage. Und Eltern sehen nicht den ganzen Chatverlauf. Die App schlägt nur an, wenn sie ein echtes Risiko erkennt, alles andere bleibt privat. So haben Eltern im Ernstfall ein Auge darauf, ohne ihr Kind rund um die Uhr zu kontrollieren.
Was macht ChildSaver aus Ihrer Sicht besonders im Vergleich zu klassischen Kinderschutz- oder Monitoring-Apps?
Klassische Monitoring-Apps arbeiten oft heimlich und zeigen Eltern möglichst viel, vom Standort über alle Nachrichten bis zu Screenshots. Das ist Überwachung. Wir wollten das Gegenteil. ChildSaver ist offen, speichert keine Bilder und zeigt nicht alles, sondern nur den einen Moment, auf den es ankommt: eine erkannte Gefahr. Und unsere Erkennung stammt nicht aus der Theorie, sondern aus der Praxis, aus tausenden echten Chats mit Tätern.
Ihre Lösung erkennt Risiken wie Cybergrooming, Cybermobbing oder Hate Speech. Welche Rolle spielt dabei die lokale Analyse direkt auf dem Gerät?
Die erste Erkennung passiert direkt auf dem Gerät des Kindes. Das hat zwei Gründe. Der eine ist Datenschutz: Bild- und Videoinhalte verlassen das Gerät nicht, sie werden dort eingeordnet, und Eltern bekommen nur einen Texthinweis, niemals das Bild selbst. Der andere ist Tempo, die App kann sofort reagieren. Schwierigere Fälle laufen zusätzlich über eine abgeschottete Prüfung. Wichtig ist mir dabei: Die App macht auf Anzeichen aufmerksam, gerade bei einem sensiblen Thema wie Selbstgefährdung, damit Eltern das Gespräch suchen oder fachliche Hilfe holen können. Sie behandelt nichts und ersetzt keine Fachstelle.
Datenschutz und Privatsphäre sind gerade bei Kindern besonders wichtig. Wie stellt ChildSaver sicher, dass Schutz und Privatsphäre im Gleichgewicht bleiben?
Datenschutz bauen wir von Anfang an ein, nicht nachträglich. Standortdaten und die auf dem Kindergerät erkannten Risiko-Hinweise, also Auslöser und Kontext, sind Ende-zu-Ende verschlüsselt. Lesbar werden sie erst im Browser der Eltern, mit einem Schlüssel, der das Gerät der Eltern nie verlässt. Bilder speichern wir grundsätzlich nicht. Für die Texterkennung werden Sprachnachrichten kurz verarbeitet, das sagen wir offen dazu. Überhaupt ist mir wichtig, klar zu benennen, was verschlüsselt ist und was nicht, statt pauschal alles als sicher zu verkaufen. Gerade bei Kindern ist das Pflicht.
Welche Herausforderungen begegnen Ihnen bei der Entwicklung einer Technologie, die sowohl technisch zuverlässig als auch gesellschaftlich akzeptiert sein soll?
Technisch ist das Schwerste, echte Gefahr von harmlosem Alltag zu trennen. Ein Fehlalarm zu viel, und Eltern verlieren das Vertrauen. Ein übersehener Fall, und der Schutz greift genau dann nicht, wenn er zählt. Gesellschaftlich ist die größte Hürde die Angst vor Überwachung, die viele zu Recht haben. Meine Antwort darauf ist immer die gleiche: offen arbeiten, wenig Daten sammeln, und klarmachen, dass die App warnt und nicht ausspioniert.
Digitale Gefahren verändern sich ständig. Wie entwickelt ChildSaver seine Plattform weiter, um auf neue Risiken reagieren zu können?
Digitale Gefahren ändern sich ständig, also lernt unsere Erkennung ständig mit. Durch meine tägliche Arbeit an der Front sehe ich sehr früh, welche neuen Maschen Täter fahren, auf welche Plattformen sie ausweichen und wie sich ihre Sprache verändert. Das fließt direkt in die App zurück. Dadurch bleibt ChildSaver nah an dem, was wirklich passiert, statt einem starren Regelwerk zu folgen, das schnell veraltet.
Welche nächsten Funktionen und Entwicklungsschritte stehen bei ChildSaver aktuell im Fokus?
Gerade machen wir die Erkennung über noch mehr Apps und Situationen hinweg zuverlässiger und erklären Eltern die Meldungen so verständlich wie möglich. Parallel bauen wir den Schutz davor aus, dass die App unbemerkt abgeschaltet wird. Und wir arbeiten an der offiziellen Verfügbarkeit über den Google Play Store, damit Einrichtung und Updates für Eltern einfacher werden.
Wie sehen Sie die Zukunft des digitalen Kinderschutzes, und welche Rolle soll ChildSaver dabei langfristig übernehmen?
Ich glaube, digitaler Kinderschutz bewegt sich weg von der Rundum-Überwachung, hin zur gezielten Warnung im Ernstfall. Kinder haben ein Recht auf Privatsphäre, Eltern ein Recht auf Sicherheit. Bei richtig gebauter Technik ist beides möglich. ChildSaver soll das Werkzeug sein, das diesen Mittelweg gangbar macht: im Alltag zurückhaltend, im Ernstfall unterstützend, und immer als Ergänzung zu Polizei und Fachstellen, nicht als Ersatz.
Welche drei Ratschläge würden Sie anderen Gründerinnen und Gründern geben, die mit ihrer Technologie einen gesellschaftlichen Mehrwert schaffen möchten?
Erstens: Bau aus echter Erfahrung, nicht aus Annahmen. ChildSaver ist praxisnah, weil die App aus tausenden realen Fällen entstanden ist und nicht aus einer Idee am Schreibtisch.
Zweitens: Sei ehrlich, gerade bei sensiblen Themen. Versprich nichts, was du nicht halten kannst, und sag offen, wo deine Lösung an Grenzen stößt.
Drittens: Halte durch. Gesellschaftlich wichtige Probleme sind selten schnell gelöst, und der Gegenwind ist größer als bei einer reinen Geschäftsidee. Aber die Fälle, die man dadurch verhindert, sind jede Mühe wert.
Bildcredits privat
Wir bedanken uns bei Frederic Dluzinski für das Interview
Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.















