Mittwoch, August 12, 2026
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Wir müssen über Ungleichheit sprechen. Wer profitiert, wer verliert?

Die reichsten 10 Prozent der Menschheit besitzen rund 85 Prozent des weltweiten Nettovermögens. Für die österreichische Journalistin Rosa Lyon ist das keine abstrakte Zahl: Sie sieht darin eine Gefahr für Demokratie und Wirtschaft. Im Interview mit herCAREER spricht sie über die Ungleichheit als eins der großen Themen unserer Zeit: warum sie unsere Zukunft bedroht, welche Rolle das ökonomische und das kulturelle Kapital spielen – und was Frauen am Anfang ihrer Karriere tun können, damit gar nicht erst ein Gender-Pay-Gap entsteht.

„Die Gesetze sind genauso menschengemacht wie die Ungleichheit.“

herCAREER: Frau Lyon, schon bevor Elon Musk zum ersten Billionär wurde, besaßen laut Global Wealth Report die reichsten 10 Prozent der Menschheit rund 85 Prozent des weltweiten Nettofinanzvermögens. Sie finden das gefährlich, warum?

Rosa Lyon: Dass manche sehr reich sind, ist nicht gefährlich. Aber manche Ungleichheiten gefährden unser Wirtschaftssystem und unsere Demokratie. Denn unsere Gesellschaft fußt auf der Idee, dass Anstrengung plus Talent zum Erfolg führen. Doch immer weniger kommt es auf die eigene Leistung an, viel häufiger auf die Leistung der Vorfahren, also das Erbe, und darauf, in welche Familie, welches Land, welchen Kontinent man hineingeboren wurde. Dass das Leistungsversprechen nicht hält, wirkt sich auf die Motivation der meisten Menschen aus. Und das wird zu einem Problem für die Wirtschaft. Damit die gut funktioniert, sollten wir möglichst alle Talente bestmöglich nutzen, alles andere ist Energieverschwendung. Gewisse krasse Ungleichheiten führen auch zu Problemen mit der Demokratie.

herCAREER: Inwiefern?

Rosa Lyon: Wenn nicht mehr „ein Mensch eine Stimme“ gilt, sondern „ein Euro oder ein Dollar eine Stimme“, dann gibt es ein Problem.

herCAREER: Womit wir wieder bei Elon Musk als Beispiel wären, der sich mit Twitter, heute X, mal eben ein soziales Medium gekauft hat und auch so weltweit Politik beeinflusst.

Rosa Lyon: Das funktioniert nicht nur im Großen, sondern auch im Kleinen. Wenn ich die Telefonnummer vom Bürgermeister habe und regelmäßig mit ihm zur Jagd gehe, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass ich auf die politische Entwicklung im Ort anders Einfluss nehmen kann als jemand, der diese Möglichkeit nicht hat. Lobbyismus von Unternehmen ist die institutionalisierte Form dieses Zugangs.

herCAREER: Wenn es um die Vermögensverteilung geht, gehören Deutschland und Ihre Heimat Österreich zu den ungleichsten Ländern in Europa. Sie hinterfragen dennoch, dass Ungleichheit automatisch ungerecht ist. Bitte erklären Sie.

Rosa Lyon: Ungleichheit und Ungerechtigkeit sind keineswegs immer deckungsgleich. Ungleichheit bedeutet ja erst mal nur, dass zwei Dinge nicht gleich sind. Und selbst wenn manche mehr haben als andere, heißt das nicht automatisch, dass das ungerecht ist. Ich finde es wichtig, nicht grundsätzlich davon auszugehen, dass Ungleichheit schlecht ist, sie kann total gut sein.

herCAREER: Im Sinn von Vielfalt?

Rosa Lyon: Wir alle haben unterschiedliche Talente, Bedürfnisse, Wünsche. Daher ergibt es auch Sinn, dass wir unterschiedliche Dinge tun und unterschiedlich viel verdienen. Die Frage ist: Wo ist Ungleichheit nicht gut? Und warum ist sie hier nicht gut? Und wie kann man das ändern? Kinderarmut in reichen Ländern ist so ein Fall. Dass es in Ländern wie Österreich, der Schweiz oder Deutschland Kinder gibt, die in Armut aufwachsen, ist eine Schande. Und zwar nicht nur moralisch, sondern auch wirtschaftlich. Das ließe sich sehr leicht ändern, würde nicht viel kosten. Es ist absurd, aber es wird trotzdem nicht gelöst.

herCAREER: Mithilfe des Films „Pretty Woman“ zeigen Sie in Ihrem Buch „Mehr als Geld“, was der Soziologe Pierre Bourdieu als die verschiedenen Formen von Kapital beschreibt: ökonomisch, kulturell, sozial, symbolisch. Warum reicht ein Blick aufs Konto nicht aus, um zu verstehen, wo jemand steht?

Rosa Lyon: Ungleichheit ist weit mehr als nur Geld. Das ist nicht zufällig der Titel meines Buchs. Es gibt eben auch soziales, symbolisches und kulturelles Kapital. Zu wissen, wie man sich bei Tisch oder in der Oper benimmt, die richtigen Telefonnummern und Kontakte – das eröffnet Möglichkeiten, die anderen Menschen fehlen. Manches lässt sich konvertieren, aber nicht alles. Wenn Sie so wollen: Das ist der Unterschied zwischen altem Geld und Neureichen.

herCAREER: Sie schreiben, dass staatliche Ausgaben, die als sozial gelten, Ungleichheit sogar vermehren können.

Rosa Lyon: Der Ausbau des öffentlichen Verkehrs ist ein Beispiel. Wir gehen immer davon aus, dass es sich um eine soziale Maßnahme handelt. Aber so einfach ist es nicht. Menschen, die es sich leisten können, bauen Häuser, viele im Umland von Städten. Wenn diese Gebiete dann ans Verkehrsnetz angeschlossen werden, wertet es die Immobilien auf. Das Gleiche gilt für eine Wohnung in der Stadt, in der eine neue U-Bahn-Linie entsteht. Von aufgewerteten Immobilien profitieren wohlhabende Menschen.

herCAREER: Gerade werden Kürzungen beim Sozialstaat geplant, weil der zu teuer sei. Sie stellen fest, dass Geld oft in die andere Richtung umverteilt wird: von unten nach oben. Was ist der größte Denkfehler, den Menschen über Umverteilung machen?

Rosa Lyon: Dass Umverteilung und Sozialstaat gleichbedeutend sind. Tatsächlich wird ständig umverteilt und sehr oft von unten nach oben. Beispielsweise finanzieren wir alle mit dem Ausbau des öffentlichen Verkehrs die Immobilienwertsteigerungen reicher Menschen. Oder die Bankenrettungen in der Finanzkrise. Alle haben das Geld von einigen wenigen gerettet. Oder die Unterstützung von Unternehmen in der Pandemie. Das waren große Umverteilungen von unten nach oben.

herCAREER: Die eigenen Privilegien zu hinterfragen, ist nicht leicht. Viele arbeiten hart und sind überzeugt, dass sie ihren Wohlstand selbst verdient haben. Wie kann man da das Bewusstsein für ungleiche Voraussetzungen schärfen, damit Solidarität möglich wird?

Rosa Lyon: Wir müssen häufiger darüber sprechen und brauchen eine Debatte über Ungleichheit, in der es nicht nur um den Sozialstaat geht oder nur um Vermögensbesteuerung, sondern um alles. Bei jedem Gesetz, das beschlossen wird, muss mitgedacht werden: Was bedeutet das für wen? Wer profitiert, wer verliert?

herCAREER: Die Grundsicherung liegt in Deutschland für alleinstehende Erwachsene bei 563 Euro, bei Bedarf plus Wohngeld.

Rosa Lyon: Alle sollten mal versuchen, einen Monat mit dem Geld auszukommen. Es lohnt sich, das auszuprobieren. Ich empfehle auch allen Abgeordneten, öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen, weil man so zumindest ein bisschen Kontakt mit „normalen“ Menschen hat.

herCAREER: Das Versprechen der Leistungsgesellschaft war immer: „Wer hart arbeitet, schafft es.“ Was bedeutet es, wenn das nicht mehr gilt?

Rosa Lyon: Das ist eins der großen Themen der Zukunft. Erst habe ich es für ein Vorurteil gehalten, dass junge Menschen nicht mehr so viel arbeiten wollen wie wir, aber im Alltag erlebe ich, sie achten wirklich sehr auf ihre Work-Life-Balance. Das finde ich toll. Aber wenn wir weiterhin im Kapitalismus leben wollen, sollten wir zusehen, dass wir etwas ändern. Ich halte ihn immer noch für die beste Wirtschaftsform.

herCAREER: Was muss dafür passieren?

Rosa Lyon: Die ÖVP, die Österreichische Volkspartei, hat vor vielen Jahren den Slogan: „Leistung muss sich wieder lohnen“ im Wahlkampf genutzt. Ich will keine Wahlempfehlung abgeben, daher bin ich mit diesem Satz vorsichtig. Aber den Gedanken finde ich total richtig.

herCAREER: Genau diesen Slogan haben CDU und CSU bei uns auch propagiert. Aber er wird auch herangezogen, um Sozialleistungen gering zu halten, damit es sich für Geringverdiener:innen lohnt zu arbeiten. Was braucht es denn, damit sich Leistung für weite Teile der Menschen lohnt?

Rosa Lyon: Es gibt unterschiedliche Stellschrauben. Von der Besteuerung von Löhnen und Gehältern über eine Verbesserung der Vereinbarkeit von Arbeit und Familie bis dahin, Karrierewege durchlässiger zu machen, um nur wenige Beispiele zu nennen. Es gibt auch so viel Potenzial, das nicht wahrgenommen wird. Soziale Mobilität nützt nicht nur den Betroffenen, sie nützt der Wirtschaft. Es würde viel bewegen, wenn Menschen mit Migrationshintergrund, Kinder aus weniger gebildeten Schichten bessere Chancen bekämen.

herCAREER: Sie zitieren eine Studie der Wirtschaftsuniversität Wien, wonach Männer nach zehn Jahren Karriere fast 27 Prozent mehr Einkommen haben als Frauen, trotz gleicher Startbedingungen. Was passiert in diesen zehn Jahren?

Rosa Lyon: Es fängt ungleich an und entwickelt sich ungleich weiter. Schon das Einstiegsgehalt ist bei Männern in der Regel deutlich höher und bei jeder Gehaltserhöhung setzt sich das fort. Betreuungszeiten sind bei dieser Studie übrigens berücksichtigt und herausgerechnet.

herCAREER: Die herCAREER Expo ist eine Messe für Frauen*. Was raten Sie einer Frau, die am Anfang ihrer Karriere steht, damit dieser Einkommens-Gap gar nicht erst entsteht?

Rosa Lyon: Sich möglichst viel Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl zuzulegen. Mich hat das oft Mühe gekostet. Meine Karriere war alles andere als geradlinig. Ich wollte erst Opernsängerin werden, habe dann Betriebswirtschaft und Volkswirtschaft studiert, dann bin ich zum Radio gegangen, war zwischendrin Nachrichtenmoderatorin und bin jetzt Korrespondentin für den Iran und die Türkei. Was ich also raten kann, ist Vertrauen in sich selbst aufzubauen, dass man wendig genug ist, allen möglichen Situationen gewachsen zu sein.

herCAREER: Und wie ist Ihnen das gelungen?

Rosa Lyon: Es hilft, sich mindestens in einer Sache richtig gut auszukennen. Mittlerweile ist es bei mir zum Glück mehr als nur eine Sache. Und es ist gut, sich Unterstützung zu suchen, zum Beispiel eine Mentorin oder einen Mentor.

herCAREER: Warum ist es gerade für Frauen wichtig, nicht nur ans Einkommen zu denken, sondern auch an einen möglichen Vermögensaufbau?

Rosa Lyon: Frauen lassen sich oft immer noch gesellschaftlich dazu drängen, sich wirtschaftlich abhängig zu machen, vor allem, sobald sie Kinder bekommen. Vermögensaufbau ist allerdings in Österreich und Deutschland kaum nötig.

herCAREER: Wirklich?

Rosa Lyon: Ja, der Sozialstaat sichert noch immer die großen Risiken des Lebens ab, sodass die Situation bei uns anders ist als zum Beispiel in den USA oder auch anderen europäischen Ländern. Das bedeutet natürlich nicht, dass es nicht zu viele Menschen gibt, die in Armut leben – auch in reichen Ländern –, vor allem Frauen und Kinder. Dass es bei uns eine Grundabsicherung gibt, sehe ich auch, aber der Sozialstaat ist schon unter Druck.

Es wird enger, eindeutig.

herCAREER: In Deutschland wird manchmal über die Vermögenssteuer diskutiert. Wenn man die Abwehr der konservativen Kräfte hört, klingt das fast so, als sollte der Sozialismus eingeführt werden. Dabei gab es die Steuer bis 1997 und sie ist jetzt nur ausgesetzt. Müssen wir da auch fragen, wem nutzt es?

Rosa Lyon: In den USA gab es mal eine Vermögensbesteuerung von 70 Prozent. In Österreich ist sie komplett abgeschafft worden, und ich glaube nicht, dass sie so bald wieder eingeführt wird, weil es ähnliche ideologische Überzeugungen wie in Deutschland gibt. Aber ich denke, langfristig ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich das ändert.

herCAREER: Die Millionenerbin Marlene Engelhorn hat mit der Bewegung taxmenow Steuergerechtigkeit gefordert, weil auch sie die extreme Vermögenskonzentration für gefährlich hält. Dagegen sind Elon Musk und PayPal-Gründer Peter Thiel überzeugt, jeder Dollar ist ihr ureigener Verdienst und jede Steuer eine ungerechtfertigte Umverteilung. Haben Sie Hoffnung, dass der immense Einfluss der Tech-Bros und ihrer Konzerne aufhaltbar ist?

Rosa Lyon: Das ist, was ich eingangs mit der Gefahr für die Demokratie meinte. Letztendlich ist es eine Gesetzesfrage. Die Gesetze sind genauso menschengemacht wie die Ungleichheit. Um das zu ändern, müssen wir anders wählen, brauchen eine aktive Zivilgesellschaft und eine lebendige Debatte. Wenn wir darüber reden, wer profitiert wovon, wo gibt es Ungleichheiten, die unserer Gesellschaft Probleme machen, und wie kann man die beseitigen – wäre viel gewonnen.

herCAREER: Was war der größte Augenöffner für Sie bei den Recherchen?

Rosa Lyon: Die Verbildlichung von Vermögensunterschieden in den USA. Der Münchner Soziologe Fabian Pfeffer, der zu sozialer Ungleichheit forscht, macht die Unterschiede mithilfe von Türmen aus Ein-Dollar-Münzen sichtbar (Anm. d. Red.: Hier gibt es die Animation https://youtu.be/PAHYCiiXQlQ). So eine Münze ist zwei Millimeter dick. Wer in den USA ein Vermögen von einem Dollar hat, hätte einen zwei Millimeter hohen Turm – und hat damit mehr als die ärmsten zehn Prozent der Bevölkerung, denn von denen sind viele verschuldet. 2025 wäre der Stapel von Elon Musk rund 867 800 Kilometer hoch gewesen, fast zweimal zum Mond und zurück, und seitdem hat sich sein Vermögen mehr als verdoppelt. Das ist astronomische Ungleichheit.

Das Gespräch führte die freie herCAREER-Redakteurin Silvi Feist.

Rosa Lyon wird am 23. Oktober 2026 beim Authors-MeetUp live Fragen zum Thema soziale Ungleichheit und zu ihrem Buch „Mehr als Geld. Warum Ungleichheit unsere Zukunft bedroht“ beantworten.

Bild: Rosa Lyon Journalistin des ORF Sie arbeitet als Reporterin, mitunter auch als Moderatorin, für Radio und Fernsehen und berichtet aus vielen Ländern dieser Welt, unter anderem aus Afghanistan, Pakistan und Syrien © Ingo Pertrama

Quelle mess.rocks GmbH

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