Ladeinfrastruktur wird für die Immobilienwirtschaft zunehmend zum entscheidenden Faktor: Mit Aqueduct zeigt ChargeX, wie sich Ladeplätze einfacher, intelligenter und skalierbarer realisieren lassen.
Stellen Sie ChargeX doch kurz vor. Wer steckt hinter dem Startup und welche Erfahrungen bringt das Team mit?
Gemeinsam mit Tobias, meinem Mitgründer, habe ich bereits während unserer Zeit bei The Mobility House zusammengearbeitet. Diese Wurzeln prägen ChargeX bis heute: Wir sind ein Team aus passionierten Experten für Elektromobilität, innovative Technologien und ökologische Verantwortung. Unsere Startup-Erfahrung verbinden wir dabei stets mit einem kompromisslosen Fokus auf die Bedürfnisse unserer Kunden.
Wie entstand die Idee, Ladeinfrastruktur für Elektroautos modular und einfacher skalierbar zu machen?
Die Idee für Aqueduct entstand aus Erfahrung mit anderen Ladestationen und Abrechnungssystemen. Der Stromnetzanschluss, der Aufbau und der Betrieb waren viel zu komplex für die Kunden und damit wurden oft Infrastrukturprojekte erst gar nicht realisiert. Was unterm Strich dazu führt, dass damals auch die Ladeinfrastruktur der größte Blocker der E-Mobilität war. Das ist dann auch unsere Mission geworden: ChargeX macht jeden Stellplatz zu einem Ladeplatz.
Welche Vision verfolgt ChargeX für die Zukunft der Elektromobilität?
Für uns ist es ganz klar: Ein E-Auto-Fahrer will sein Auto dann laden, wenn er es nicht benutzt, also zu Hause und beim Arbeitsplatz. Das Auto ist dann quasi immer voll und das Laden ist dann kein Thema mehr. Aber damit das funktioniert muss sich jedes Auto, wenn es steht, an einen Ladepunkt andocken können. Das heißt, wir müssen jeden Stellplatz zu einem Ladeplatz machen.
Mit „Aqueduct“ setzt ChargeX auf ein Plug-and-Play-System. Welche Probleme lösen Sie damit konkret für Unternehmen und Immobilienbesitzer?
Insgesamt gibt es drei Probleme: Zum einen benötigen normale Ladestationen sehr spezialisierte Elektrofachkräfte, von denen es in Deutschland immer weniger gibt. Zusätzlich reicht das Stromnetz nicht aus, um mit konventionellen Systemen jeden Stellplatz zu einem Ladeplatz zu machen. Drittens ist Laden am Unternehmensstandort durch Lastmanagement, Betrieb und Abrechnungsfragen so komplex geworden, dass es mindestens vier, eher mehr Zulieferer benötigt, um ein Ladesystem umzusetzen und zu betreiben.
Diese ganze Komplexität lösen wir für unsere Kunden in einem vollintegrierten Ökosystem aus Plug-and-Play-Hardware mit Lastmanagementsystem und eigenen IT-Produkten für Abrechnung, Nutzermanagement und so weiter. Für die Immobilienwirtschaft bringen wir auch die Elektrofachkraft, den Service bis hin zum Stromvertrag für die Nutzer alles mit.
Welche Zielgruppen stehen aktuell besonders im Fokus und welche Anforderungen haben diese Kunden?
Unser erster Zielmarkt sind mittelständische Unternehmen in der verarbeitenden Industrie. Diese sind bis heute unsere Kern-Kundengruppe. Denn hier pendeln sehr viele Mitarbeiter zum Standort. Der PKW ist hier alternativlos. Für diese Zielgruppe muss Elektromobilität so einfach wie möglich sein, denn die zusätzliche Komplexität für den Standort muss natürlich auch vom Facility Management abgedeckt werden können. Insbesondere durch unseren Inhouse Support haben wir hier eine sehr hohe Kundenzufriedenheit.
Wir sind dann vor zwölf Monaten in die gewerbliche Immobilienwirtschaft eingestiegen. Für Besitzer und Verwalter von Büroimmobilien und Industriegeländen ist das Problem noch einmal größer, denn die Anforderungen aller Gewerbemieter müssen berücksichtigt werden. Hier bringen wir sogar den Ladestromtarif mit und kümmern uns um die komplette Aufrüstung der Elektroinstallation der Tiefgarage.
Wie wichtig ist intelligente Energieverteilung für die Zukunft moderner Ladeinfrastruktur?
Wir haben schon 2017 die Hypothese vertreten, dass ohne intelligente Energieverteilung es nicht möglich sein wird, großflächig Ladeinfrastruktur auszurollen. Das hat sich heute bewahrheitet, denn wir müssen als Ladestationsbetreiber immer Lastspitzen vermeiden und möglichst dann laden, wenn viel erneuerbarer Strom im Netz ist oder die Netzlast generell gering ist. Bis heute sind wir der einzige größere Anbieter, der den Mobilitätsbedarf der Nutzer in das Zentrum des Lastmanagements stellt.
Welche Herausforderungen bringt der schnelle Ausbau der Elektromobilität aktuell mit sich?
Die größte Herausforderung sehen wir aktuell in der Immobilienwirtschaft. Das neue Gesetz für Ladeinfrastruktur schreibt Eigentümern von Nicht-Wohngebäuden ab dem 01.01.2027 eine hohe Quote an Ladeinfrastruktur vor. Wir haben im Jahresverlauf spezifische Blaupausen entwickelt, um unsere Kunden bei der schnellen Planung und Umsetzung dieser Projekte zu unterstützen. Dies gilt übrigens auch für Unternehmen, die Ihre Niederlassung, Lager und Logistikflächen selbst verwalten.
Was unterscheidet ChargeX von klassischen Anbietern von Ladelösungen?
Andere Anbieter setzen auf verschiedene Lösungen, die durch offene Protokolle miteinander vernetzt werden. Das klingt zwar in der Theorie sinnhaft, aber in der Praxis führt das zu großen Verzögerungen im Roll-out, Kompatibilitätsproblemen und insgesamt einer sehr schlechten Nutzer- und Kundenerfahrung. Wir haben entweder eigene Lösungen oder setzen auf jeweils eine Drittanbieterlösung, die wir speziell auf uns abstimmen, um eine viel bessere Nutzererfahrung zu generieren. Damit können wir mit weniger Leistung mehr Stellplätze ausstatten und bieten eine viel höhere Verfügbarkeit der Infrastruktur.
Welche Rolle spielen digitale Services wie Monitoring und automatische Abrechnung für Ihre Kunden?
Der Kunde benötigt bestimmte Services für seine Abrechnung, für seine Buchhaltung etc. Die müssen einfach funktionieren und simpel im täglichen Ablauf sein, damit eMobilität keinen signifikanten Mehraufwand bei der eigenen Belegschaft führt. Wir haben deshalb zum Beispiel extra ein Frontend für Hotels entwickelt, damit Frontdesk-Mitarbeiter ganz einfach die Gäste bei ihren Ladevorgängen unterstützen können.
Wie wichtig sind Themen wie Nachhaltigkeit und Ressourceneffizienz für die Entwicklung Ihrer Systeme?
E-Mobility-Startups sind Nachhaltigkeit und Ressourceneffizienz die Kern unserer DNA. Zum Beispiel werden defekte Ladestationen von Kunden bei uns nie weggeschmissen sondern kommen zurück zu ChargeX, werden repariert und kommen dann in einen sekundären Kreislauf. Das hat sowohl ökologische als auch ökonomische Vorteile und ist schon immer ein Standard-Prozess bei ChargeX.
Welche technologischen Entwicklungen oder neuen Produkte plant ChargeX in den kommenden Jahren?
Kurz- und mittelfristig geht es darum, unsere Ladepunkte noch schneller an die Wand zu bekommen. Wir brauchen aktuell im Durchschnitt etwas mehr als vier Monate, um ein größeres Ladeprojekt mit komplexen Stromnetzanpassungen an die Wand zu bekommen. Durch neue Produkte zur Vereinfachung der Vorinstallation, Automatisierungen im Ablauf und der Projektorganisation z.B. mit KI werden wir unter zwei Monaten kommen. So können wir Immobilienfonds helfen, Ihren gesamten Gebäudebestand schnellstmöglich GEIG-konform aufzurüsten.
Langfristig weiß in Deutschland noch niemand, wie wir Ladeinfrastruktur für Mehrparteienhäuser oder sogar Sozialwohnungen anbieten können. Hier möchten wir mit ChargeX natürlich auch eine Vorreiterrolle einnehmen, um jedem Zugang zur Ladeinfrastruktur bieten zu können. Hier machen wir erste Gehversuche im ASCEND Projekt zusammen mit der Stadt München.
Wie verändert die steigende Zahl an Elektrofahrzeugen die Anforderungen an Gebäude und Unternehmen?
Alles läuft darauf hin, dass wir jeden Stellplatz zu einem Ladeplatz machen müssen. Und nur intelligente Steuerung der Ladevorgänge und zukunftssichere Infrastruktur können das ermöglichen. Die gesamte Industrie hat hier gut vorgearbeitet, dass heute für den Rollout keine Blocker mehr vorliegen.
Warum ist ChargeX Teil des Mobility Hub München geworden?
Für ChargeX ist München ein Heimspiel, weshalb es für uns selbstverständlich war, Teil des Mobility Hubs zu werden. München bietet ein starkes Netzwerk aus kommunalen Playern, Großkonzernen, Mittelständlern und Startups. Wir profitieren von diesem Umfeld, um Innovationen voranzutreiben und die Elektromobilität in der Region aktiv mitzugestalten.
Welche Vorteile bietet der Mobility Hub München für ein wachsendes Startup im Bereich Elektromobilität?
Die Vernetzung ist natürlich ein großer Teil. Als Start-Up ist es z.b. schwierig, Teil des politischen Diskurses zu sein. Mit dem Mobility Hub hat man hier das Netzwerk und auch die Bühne, die eigene Innovation vorzustellen, Reichweite zu bekommen und diese auch mit etablierten Playern zu validieren und auszurollen.
Welche drei Tipps würden Sie anderen Gründern im Bereich Mobility und ClimateTech mit auf den Weg geben?
Mein erster Tipp wäre, mir ein Netzwerk zu suchen, in dem Gründer sind, die eine ähnliche Herausforderung schon mal durchgestanden haben. Bei uns waren es der Mobility Hub und der Climate KIC. Mein zweiter Tipp ist es, die ersten Mitarbeiter immer nach Attitude einzustellen. Mobility und Climate Tech leben meist vom Nutzer und damit muss jeder im Team den Nutzer verstehen. Und nummer drei: Die Skalierung ist immer top Priorität. Denn echten Impact haben eine Technologie, ein Produkt und eine Firma nur, wenn sie es schafft auch in der breiten Masse Anwendung zu finden.
Bildcredits @ ChargeX
Wir bedanken uns bei Michael Masnitza für das Interview
Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.















