Kyrok entwickelt ein KI-Betriebssystem, das mit KI-Agenten die Supply Chain mittelständischer Pharma- und Chemieunternehmen automatisiert und vorhandene Systeme intelligent erweitert.
Können Sie Kyrok kurz vorstellen und erzählen, wer das Unternehmen gegründet hat?
Kyrok ist das erste KI-Betriebssystem für Supply-Chain-Teams im Pharma- und Chemie-Mittelstand in der DACH-Region. Unsere branchenspezifischen KI-Agenten übernehmen Routineaufgaben entlang der Supply Chain, beginnend beim Kundenservice.
Kyrok legt sich dabei wie eine smarte Erweiterung über das bestehende Enterprise-Resource-Planning-System (ERP), ohne dass ein Unternehmen sein aktuelles System wechseln muss. Gegründet haben wir Kyrok 2025 zu zweit: mein Mitgründer Lukas Bierfreund und ich kennen uns aus dem Master an der WHU, unser Team sitzt in Berlin.
Wie entstand die Idee, ein KI-Betriebssystem für das Supply-Chain-Management in der Pharma- und Chemieindustrie zu entwickeln?
Lukas und ich haben uns gefragt, wo der Bedarf am größten ist und wo ein echter gesellschaftlicher Mehrwert entsteht. So sind wir beim Mittelstand der Pharma- und Chemiebranche gelandet, der kritischen Infrastruktur für Europa. Den Anstoß gab dann, was wir in den Werken sahen: In Betrieben, die hochkomplexe Medikamente und Chemikalien herstellen, werden Aufträge teils noch ausgedruckt und händisch in die nächste Excel-Tabelle übertragen.
Zwischen Kundenservice, Planung und Einkauf liegen Datensilos, die niemand verbindet. An der Technik fehlt es nicht, es hat nur nie jemand eine Lösung für genau diese Unternehmensgröße und ihre Anforderungen gebaut. Daher haben wir ein Jahr lang über 200 Interviews geführt und viele Betriebe vor Ort besucht, bevor wir die erste Zeile Code geschrieben haben.
Welche Vision verfolgen Sie mit Kyrok, und wie möchten Sie die Arbeit in Planung, Einkauf und Auftragsabwicklung langfristig verändern?
Heute fühlt sich die Arbeit oft wie ständiges Hinterherlaufen an: nachfragen, wo ein Auftrag steht, Tabellen abgleichen, Engpässe erst bemerken, wenn sie da sind. Das wollen wir umdrehen. Das System erledigt die Routine und meldet sich von selbst, bevor etwas auf der Kippe steht.
Die Menschen validieren und entscheiden, statt zu suchen. So wird ein Teil der europäischen Industrie widerstandsfähiger, der heute kaum Aufmerksamkeit bekommt.
Kyrok hat kürzlich 3,1 Millionen Euro in einer Pre-Seed-Finanzierungsrunde eingesammelt. Welche Bedeutung hat diese Finanzierung für die nächsten Entwicklungsschritte des Unternehmens?
Das Geld fließt vor allem in den Ausbau des Betriebssystems. Das Kundenservice-Modul ist bei unseren ersten Kunden im Einsatz und erfasst dort über 90 Prozent auch komplexere Aufträge fehlerfrei. Als Nächstes folgt der Einkauf, 2027 dann Produktions- und Materialplanung.
Parallel erweitern wir unser Team in Berlin. Am wichtigsten ist es uns, das Produkt gemeinsam mit unseren Pilotkunden zu vertiefen und die Ergebnisse zu belegen. Die Runde gibt uns den Spielraum, das in Ruhe und richtig zu tun, statt unter Druck zu wachsen.
Was hat Investoren wie Speedinvest, Arve Capital und erfahrene Branchenexperten davon überzeugt, in Kyrok zu investieren?
Speedinvest, unser Lead-Investor, kannten wir lange, bevor eine Finanzierung das Ziel war. Wir haben früh und viel inhaltlich gesprochen, daraus wuchs Vertrauen. Bei den weiteren Investoren war die Nähe zur Industrie entscheidend.
Arve Capital, das Family Office hinter dem Pharmaverpackungs-Marktführer Sanner, kennt den Pharma-Mittelstand aus der Innensicht. Dazu kommen Menschen wie Dr. Marcell Vollmer, früher Chief Procurement Officer bei SAP, die genau die Systemwelt kennen, auf die wir Kyrok aufsetzen. Diese Industrieexperten gewinnt man nicht mit einem schönen Pitch. Sie sehen sofort, ob ein Produkt die Realität trifft.
In der Pharma- und Chemieindustrie geht mit dem Ruhestand vieler Fachkräfte wertvolles Erfahrungswissen verloren. Wie adressiert Kyrok diese Herausforderung?
In vielen Betrieben steckt das entscheidende Wissen in einzelnen erfahrenen Mitarbeitenden: Wer weiß, wie man eine bestimmte Bestellung richtig einplant, wann es bei einem Lieferanten eng wird, welcher Sonderfall wie zu behandeln ist.
Bis 2040 erreicht in Deutschland rund ein Drittel aller Erwerbspersonen das Rentenalter. Die Produktionsstandorte abseits der Ballungsräume trifft das besonders. Geht so eine erfahrene Person in Rente, geht die Erfahrung mit.
Unsere KI-Agenten erfassen solche auf Erfahrungswissen basierenden Abläufe und machen sie für das ganze Team nutzbar, statt sie an einzelne Personen zu binden. So bleibt das Wissen im Unternehmen, auch wenn die Generation wechselt.
Wie gelingt es Ihnen, vorhandenes Wissen in Unternehmen zu erfassen und für KI-Agenten nutzbar zu machen?
Das beginnt nah an der täglichen Arbeit. Wir schauen uns mit den Teams ihre konkreten Abläufe an, in den Onboarding-Workshops direkt vor Ort in der Produktion. Aus den realen Fällen, den Systemen und dem, was die erfahrenen Mitarbeitenden uns zeigen, leiten wir ab, wie ein Vorgang sauber läuft.
Die Agenten übernehmen dann die wiederkehrenden Schritte, und der Mensch behält die Übersicht und entscheidet. Wichtig ist uns dabei eines: Wir tun das gemeinsam mit der Belegschaft und nicht über ihre Köpfe hinweg.
An welche Zielgruppen richtet sich Kyrok hauptsächlich, und welche konkreten Probleme lösen Sie für diese Unternehmen?
Wir richten uns an mittelständische Pharma- und Chemieunternehmen, typischerweise mit 50 bis 500 Mitarbeitenden. Allein im DACH-Raum sind es rund 3.000 Unternehmen. Diese Gruppe sitzt zwischen den Stühlen: Die großen Enterprise-Suiten sind für sie zu schwer und zu teuer, die KI-Tools am Markt lösen jeweils nur einen Ausschnitt.
Konkret nehmen wir ihnen die wiederkehrende Routine in Kundenservice, Einkauf und Planung ab und vernetzen Abläufe, die heute über getrennte Systeme und Excel-Tabellen verteilt sind. Mit den kommenden Modulen wollen wir dann auch frühzeitig warnen, wenn etwa ein Rohstoff knapp zu werden droht.
Was macht Kyrok aus Ihrer Sicht besonders im Vergleich zu anderen KI-Lösungen für Supply-Chain-Prozesse?
Für einzelne Funktionen gibt es spezialisierte Anbieter, für Großkonzerne umfassende Supply-Chain-Suiten. Was es bisher nicht gab, ist ein System, das Kundenservice, Einkauf sowie Produktions- und Materialplanung in einem Betriebssystem zusammenführt und konsequent auf den Pharma- und Chemie-Mittelstand zuschneidet.
Die meisten KI-Tools am Markt sind horizontal gebaut, für alle Branchen zugleich und damit für keine richtig. Wir gehen bewusst den umgekehrten Weg: vertikal, tief in die Chemie- und Pharma-Branche hinein. So bilden wir die branchenspezifischen Abläufe ab, die hier über Erfolg oder Stillstand entscheiden: Endverbleibserklärungen, Gefahrgut, Betäubungsmittellizenzen. All das setzt auf dem vorhandenen ERP auf, statt es zu ersetzen.
Viele Unternehmen stehen KI noch mit Vorsicht gegenüber. Welche Rolle spielen Transparenz, Compliance und menschliche Kontrolle in Ihrem Ansatz?
Diese Vorsicht ist berechtigt, gerade in regulierten Branchen, und wir nehmen sie ernst. Bei uns trifft die KI keine Entscheidung im Alleingang: Die Agenten erledigen Vorarbeit und Routine, während Übersicht und Entscheidung beim Menschen bleiben, besonders in komplexen Fällen.
Dabei ist jeder Schritt nachvollziehbar, das Team sieht, was ein Agent getan hat und warum. Dazu liegen die Daten auf europäischer Infrastruktur, und unser Ansatz ist auf die regulatorischen Anforderungen der Branche ausgelegt.
Welche Herausforderungen begegnen Ihnen beim Aufbau eines KI-Unternehmens für regulierte Branchen wie Pharma und Chemie?
Das Schwierigste an einer regulierten Branche ist, dass man Vertrauen nicht einfordern kann, man muss es sich verdienen. Niemand übergibt einem jungen Unternehmen seine Auftragsabwicklung, weil die Demo gut aussah.
Dazu kommt, dass jeder Betrieb seine eigenen Sonderfälle hat, von Gefahrgut bis zu betriebsinternen Ausnahmen, die in keiner Standardsoftware sauber abgebildet sind. Wir mussten beweisen, dass wir das verstehen, und zwar im echten Betrieb, nicht auf Folien.
Deshalb arbeiten wir von Anfang an sehr eng mit unseren Kunden: Bevor wir irgendetwas einrichten, sitzen wir vor Ort mit dem Team zusammen und gehen ihre echten Fälle durch. Für das Onboarding gehen wir dann direkt in die Produktion. Genau dort entsteht das Vertrauen.
Welche nächsten Produktentwicklungen und Wachstumsziele stehen bei Kyrok aktuell im Fokus?
Produktseitig führen wir das Betriebssystem Schritt für Schritt zur vollständigen Supply Chain, in der Kundenservice, Einkauf sowie Produktions- und Materialplanung nahtlos ineinandergreifen.
Beim Wachstum geht es uns zuerst um Tiefe statt Breite: mehr Pilotkunden über die Pilotphase hinausführen, die Ergebnisse belegen, das Team in Berlin aufbauen. Mittelfristig sprechen wir denselben Mittelstand über den DACH-Raum hinaus europaweit an.
Welche drei Ratschläge würden Sie anderen Gründerinnen und Gründern geben, die mit KI-Lösungen komplexe Industrieprozesse neu denken möchten?
Erstens: Substanz vor Form. Die echten Erfolgskennzahlen sind Kundennutzen und ein tragfähiges Geschäft. Für mich zählt nicht die Zahl der Finanzierungsrunden oder gewonnenen Pitch-Wettbewerbe. Gerade bei komplexen Industrieprozessen heißt das, früh und viel mit echten Kunden zu sprechen und am Produkt zu arbeiten, statt sich mit „Fake Work“ wie endlosem Networking oder Skalierung vor dem Product-Market-Fit zu verzetteln.
Zweitens: Versteht die Branche, bevor ihr baut. In regulierten Industrien reicht eine clevere KI-Idee nicht, es zählt das echte Verständnis für die Abläufe und Datenbasis dahinter.
Drittens: Fokus schlägt Ressourcen. Gerade ohne unbegrenztes Kapital ist es entscheidend, genau die richtigen Dinge zu tun und den Rest konsequent ruhen zu lassen.
Bildcredits Fotograf Guido Schwarz
Wir bedanken uns bei Daniel Hofinger für das Interview
Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.

















