Mittwoch, September 2, 2026
StartEvents & TermineWehrhaftigkeit bedeutet mehr als viele Panzer, viele Waffen und viele Soldaten

Wehrhaftigkeit bedeutet mehr als viele Panzer, viele Waffen und viele Soldaten

Damit Deutschland frei bleibt, muss es resilienter und wehrhafter werden, sagt Wiebke Hönicke, die gerade nach 14 Jahren ihren Dienst bei der Bundeswehr quittiert hat. Im Interview mit herCAREER spricht Wiebke Hönicke über ihr Buch „Kämpfen können, um nicht kämpfen zu müssen“. Es ist ein Gespräch über Rollenklischees beim Militär, nationale und europäische Sicherheit und die Frage, wer eigentlich die Verantwortung für unsere Freiheit trägt.

„Eigentlich ist es schon Freiheit, unsere Normalität für normal zu halten.“

herCAREER: Was bedeutet Freiheit für dich?

Wiebke Hönicke: Freiheit bedeutet für mich, alles machen zu können, was ich möchte. Wie selbstverständlich das für mich im zivilen Alltag ist, habe ich bei meinem letzten Einsatz im Nordirak wieder gespürt, wo jeder Tag strikt durchgeplant war. Reisen zu können, ist Freiheit, Zugang zu Bildung zu haben, gerade als Frau …. Oder dass man bei uns lieben kann, wen man will. In Russland steht die LGBTQ-Community auf der Terrorismus-Liste. Wie frei wir sind, merke ich auch daran, dass ich mir in Deutschland nicht ständig Gedanken über die Sicherheit mache. Eigentlich ist es schon Freiheit, unsere Normalität für normal zu halten.

herCAREER: Du hast 2012 nach dem Abi einen Weg gewählt, der für viele danach klingt, persönliche Freiheit abzugeben: Warum hast du dich für die Offizierslaufbahn entschieden?

Wiebke Hönicke: In meiner Abi-Zeit war das Thema Afghanistan sehr präsent. Wir haben uns damals im Politikunterricht mit der Bundeswehr beschäftigt und die Einsätze auch mit Bereichen wie der Entwicklungshilfe verglichen. Mir ist da zum ersten Mal bewusst geworden, was für ein Glück ich habe, in Deutschland geboren zu sein. Und gleichzeitig wurde mir klar, irgendwer muss für diese Freiheit und Privilegien auch einstehen.

herCAREER: Gab es in deiner Familie Vorbilder?

Wiebke Hönicke: Nein, in meinem Umfeld hatte niemand etwas mit der Bundeswehr zu tun, und die Reaktionen reichten von Unverständnis bis Ablehnung. Für mich hatte der Dienst auch etwas mit unserer Geschichte zu tun. Im Zweiten Weltkrieg haben die Alliierten irgendwann gesagt: Wir schauen jetzt nicht mehr weg. Das hat die Freiheit, die wir heute haben, erst ermöglicht. Ich glaube, wir haben als Weltgemeinschaft eine Verantwortung. In einer globalisierten Welt hört die Verteidigung der nationalen Sicherheit nicht mehr an der Landesgrenze auf. Und dazu kam das Gefühl: Das ist ein echter Schritt raus aus meiner Komfortzone.

herCAREER: Warst du sehr sportlich?

Wiebke Hönicke: Ich habe damals Fußball gespielt und mich für ziemlich fit gehalten. Aber als ich mit meinen 1,58 Metern den 30-kg-Ausrüstungsrucksack tragen musste, mehr als die Hälfte meines Körpergewichts, hat mich das am Anfang schon sehr herausgefordert.

herCAREER: Du bist bei der Pioniertruppe gewesen, die den Ruf hat, sehr technisch zu sein und besonders männlich geprägt. Wie muss ich mir das vorstellen?

Wiebke Hönicke: Die Pioniere gehören zu den Kampfunterstützungstruppen und sind sehr dicht an den Kampftruppen dran. Zu den Aufgaben gehört so etwas wie Brückenbauen, Wege freisprengen oder auch Sperren legen, um feindliche Bewegungen zu hemmen. Alles, vom Feldlagerbau bis zur Verladung von Panzern. Mich hat die Vielfalt der Aufgaben gereizt. Aber der Ruf ist berechtigt: Diese Truppe ist vom Spirit her noch eine Männerwelt.

herCAREER: Wie zeigt sich das?

Wiebke Hönicke: Wenn eine Frau in eine Truppe kommt, die vorher eine reine Männertruppe war, ändert sich die Dynamik. Da haben viele das Gefühl, die Frau bringt das Gefüge durcheinander, und geben ihr die Schuld daran, dass sich das Miteinander anders anfühlt. Gerade älteren Kameraden, die in einer Bundeswehr ohne Frauen „großgeworden“ sind, fällt diese Umstellung manchmal schwer. Dann kommt hinzu, dass viele Pioniere ein Studium wie Maschinenbau haben und ohne diesen Technikhintergrund gelten auch Männer als „Pioniere zweiter Klasse“. Dass ich einen Sprengschein habe und die entsprechende Ausbildung, konnte nicht immer klar aufwiegen, dass ich Bildungswissenschaften studiert habe.

herCAREER: Welches Klischee über Frauen hat dich am meisten genervt?

Wiebke Hönicke: Grundsätzlich wird erst mal unterstellt, dass man nur wegen der Quote dort ist. Dass ich aus eigener Motivation zu den Pionieren wollte und die Kompetenz dafür mitbringe, das musste ich als Frau immer wieder beweisen. Wäre das ein Rennen, würde man als Frau einen Kilometer hinter der Startlinie starten und die ersten 1000 Meter nur Vorurteile ausräumen. Trotzdem hat es mich fasziniert, Teil der Pioniertruppe zu sein, zumal bei Frauen immer alle denken: Sanitätsdienst. Ich fand es schon cool, mit diesem Rollenklischee zu brechen.

herCAREER: 2011, ein Jahr bevor du angefangen hast, war die Wehrpflicht ausgesetzt worden. Heute haben wir Krieg in Europa, Donald Trump stellt die NATO infrage, wir erleben Drohnenvorfälle, Cyberattacken und Anschläge auf kritische Infrastruktur, und Bundesverteidigungsminister Pistorius spricht davon, dass wir bis 2029 „kriegstüchtig“ werden müssen. Wo stehen wir in Sachen Sicherheit?

Wiebke Hönicke: Die deutsche Gesellschaft tut sich meiner Meinung nach schwer, die neue Realität anzuerkennen. Nach dem Ende des Kalten Kriegs war es eine große Errungenschaft, nicht mehr jeden Tag Sicherheit und Kriegstüchtigkeit mitdenken zu müssen. Aber die Lage hat sich spätestens mit der Annexion der Krim 2014 geändert. Wir müssen verstehen, dass Bündnisverteidigung heute wieder vor der eigenen Haustür beginnt. Es ist total menschlich, das verdrängen zu wollen.

Aber die erste große Drohnendebatte gab es 2013 und die nächste große folgte 2017 zur Bundestagswahl, und statt den Umgang damit mitzugestalten, haben wir das Thema verdrängt. Das können wir nicht länger riskieren. Es ist auch in unserem Interesse, die NATO zu stärken. Ich bin ganz bestimmt kein Trump-Fan, aber ich verstehe den Vorwurf, dass wir uns in Deutschland und Europa zu lange darauf verlassen haben, dass die USA Sicherheit „produzieren“ und wir sie „konsumieren“. Wir müssen in Europa bereit sein, die Verantwortung für uns zu übernehmen.

herCAREER: Am 18. September erscheint dein Buch mit dem Titel: „Kämpfen können, um nicht kämpfen zu müssen.“ Warum ist das für dich kein Paradox?

Wiebke Hönicke: Der Gedanke ist uralt: Ich bin so kampfbereit, dass es keinen Sinn macht, mich anzugreifen. Aufgrund der aktuellen Lage glaube ich aber, dass dieser Ansatz heute zu kurz greift.

herCAREER: Inwiefern?

Wiebke Hönicke: Wenn dein Gegner weiß, du kannst zwar kämpfen, würdest aber im Zweifel davor zurückschrecken, ist dein Trumpf nichtig. Die Abschreckung ist nur glaubwürdig, wenn du grundsätzlich wirklich bereit bist zu kämpfen und dich zu behaupten. Das ist eine Frage des Mindsets. Unsere Gesellschaft ist noch nicht bereit, anzuerkennen, dass wir eventuell kämpfen müssen. Aber nur dann wirkt die Abschreckung. Wir erleben gerade andauernd, dass Russland austestet, wie weit sie gehen können, ohne dass wir reagieren.

herCAREER: Dein letzter Auslandseinsatz war in Erbil, im Nordirak. Dort spielen die kurdischen Peschmerga-Soldatinnen eine wichtige Rolle im Kampf gegen den Islamischen Staat. Auch in Schweden gibt es seit 2017 einen geschlechtergerechten Wehrdienst. Bei uns sieht das Grundgesetz keine Wehrpflicht für Frauen vor. Wie stehst du dazu?

Wiebke Hönicke: Das Grundgesetz ist historisch gewachsen. Und es war sicherlich auch davon beeinflusst, dass früher in Kriegen physische Voraussetzungen entscheidender waren. Wir hinterfragen erst langsam das Rollenverständnis: Männer schützen, Frauen werden beschützt. Heute könnten wir diese Verantwortung genauso übernehmen. Doch solange das Grundgesetz vermittelt: „Das ist eigentlich keine Aufgabe für Frauen“, bleibt es schwierig, sie als Selbstverständlichkeit für Frauen anzunehmen – sowohl innerhalb der Streitkräfte als auch in der Gesellschaft. Der Fragebogen zur Wehrerfassung geht zum Beispiel an fast so viele junge Frauen wie Männer. Aber für Frauen ist die Antwort freiwillig und nur drei bis vier Prozent füllen ihn aus.

herCAREER: Was denkst du, woran das liegt?

Wiebke Hönicke: Warum sollte eine Frau sich verpflichtet fühlen, wenn keine Verpflichtung für sie besteht? Bisher muss sie sich ja gar nicht erst damit auseinandersetzen, so wird das Rollenbild zementiert. Parallel müssten wir uns mit dem Thema Care-Arbeit befassen, denn das ist auch Teil der Wahrheit: Viel mehr Frauen als Männer leisten in diesem Bereich einen Dienst an der Gesellschaft. Frauen einfach eine zusätzliche Pflicht aufzubürden, wäre nicht fair.

herCAREER: Du willst mit deinem Buch Denkanstöße geben und wünschst dir eine gesellschaftliche Debatte zur Wehrhaftigkeit. Warum?

Wiebke Hönicke: Ich glaube, wir müssen resilienter werden, um in schwierigen Zeiten klar, besonnen und schnell reagieren zu können. Der Stromausfall in Berlin Anfang des Jahres hat gezeigt, wie schlecht wir auf so etwas vorbereitet sind. Gleichzeitig signalisiert es nach außen, wie angreifbar wir sind. Wie zivile Strukturen und Bundeswehr sich ergänzen können, ist eine Debatte, die wir bei uns noch führen müssen. Es würde uns schon wehrhafter machen, so eine Situation durchzuspielen.

herCAREER: Finnland hat die längste europäische Außengrenze mit Russland, dort könnten 900 000 Männer und Frauen in der Reserve mobilisiert werden, das sind fast 20 Prozent der Bevölkerung. Ist das das Signal, dass dort eine Gesellschaft darauf eingestellt ist, sich im Ernstfall zu behaupten?

Wiebke Hönicke: In Ländern wie Finnland oder Estland ist der Druck aus Russland so präsent, dass sie viel besser vorbereitet sind. Ich glaube, die Bereitschaft zu kämpfen ist auch deswegen so wichtig, weil ein Konflikt am Ende des Tages über die kämpfenden Soldat:innen hinausgeht. Die Ukraine kann sich nur behaupten, weil es eine gesamtgesellschaftliche Leistung ist. Das Verständnis, dass Wehrhaftigkeit mehr bedeutet als viele Panzer, viele Waffen und viele Soldaten, das ist in der deutschen Gesellschaft noch nicht angekommen.

herCAREER: Du bringst die Idee eines Gesellschaftsjahrs auf. Was könnte das bringen?

Wiebke Hönicke: Ich stelle mir ein Drei-Säulen-Modell vor: Wir könnten im Bereich Pflege Verantwortung für die Generation vor uns übernehmen. Wenn wir in Bildung investieren, würde das die Zukunft stärken. Und ein Einsatz im Katastrophenschutz wäre ein Beitrag zu unserer Sicherheit. So ein Jahr müsste auch nicht unbedingt direkt nach der Schule stattfinden.

herCAREER: Kritiker:innen sagen, eine Dienstpflicht sei ein Eingriff in individuelle Freiheit, den man nicht mit „Freiheit verteidigen“ rechtfertigen könne. Wie siehst du das?

Wiebke Hönicke: Es ist ein Eingriff in die Freiheit, sogar ein sehr einschneidender, denn es geht um das höchste Gut, das man im Leben hat: Zeit. Ein Jahr Zivildienst oder Wehrdienst zu leisten, ist ein massiver Eingriff. Trotzdem plädiere ich dafür, anders darauf zu blicken.

herCAREER: Nämlich?

Wiebke Hönicke: Ich lebe in einer Gesellschaft, die mir Freiheit und Sicherheit bietet. Ich habe Zugang zu Bildung und einem guten Gesundheitssystem. Ich könnte es auch als Privileg sehen, mich ein Jahr in diese Gemeinschaft einzubringen und für die Werte dahinter einzustehen. Und ich habe es als ein Privileg wahrgenommen, dass ich dienen durfte. Das war ja bis zu dem Kreil-Urteil für Frauen nur im Sanitätsdienst und Musikkorps möglich. (Anm. d. Red.: Der Europäische Gerichtshof hat am 11. Januar 2000 geurteilt, dass ein genereller Ausschluss von Frauen vom bewaffneten Militärdienst eine unzulässige Diskriminierung darstellt. Tanja Kreil hatte 1996 Klage eingereicht.)

herCAREER: Hast du die Bundeswehr als gleichberechtigten Arbeitsplatz erlebt?

Wiebke Hönicke: In der Theorie ja, in der Praxis ist noch Luft nach oben. An vielen Stellen gilt immer noch: Männer fördern Männer. Auch wenn ich gute Mentoren hatte und sehe, dass insgesamt etwas in Bewegung kommt. So etwas wie Karriere und Kinderwunsch ist ja nie leicht zu verbinden, aber bei der Bundeswehr muss man da noch mal ganz besonders planen, weil der Karriereweg sehr eng gesteckt ist, bestimmte Lehrgänge zum Beispiel in einem bestimmten Alter absolviert werden müssen. Hinzu kommt, dass man als Offizier* alle zwei, drei Jahre umzieht, was auch bedeutet, dass nur wenige, die eine Familie gründen, die Möglichkeit haben, auf die Unterstützung durch Großeltern zurückzugreifen.

herCAREER: Was würdest du denn einer jungen Frau sagen, die überlegt, zur Bundeswehr zu gehen, sich aber vor der Kultur dort fürchtet?

Wiebke Hönicke: Du musst dich damit auseinandersetzen, dass du in eine Kultur kommst, die von Männern dominiert ist. Entwickle Mechanismen für dich, wie du damit gut umgehen kannst. Vielleicht hilft es, dich ganz auf dich zu konzentrieren, um dich nicht zu verbiegen. Noch besser ist, dich mit anderen Frauen zusammenzutun und euch gegenseitig zu stärken. Der Zusammenhalt unter Frauen ist gar nicht so leicht, ich habe das an mir selbst erlebt: Man möchte am liebsten die eine Frau sein, die diese Probleme nicht hat.

herCAREER: Ein easygoing Pick-me-Girl.

Wiebke Hönicke: Ja. Ich war am Anfang genau so ein Pick-me-Girl mit der Haltung: Wer Leistung bringt, hat gar kein Problem in dieser Männerwelt. Damit habe ich es aber vor allem den Männern leicht gemacht, die mich als Vorzeigefrau anerkannt haben und ihre Abwehrhaltung gegen andere Frauen aufrechterhalten konnten. Das lief, glaube ich, bei uns allen unbewusst ab. Das würde ich heute anders machen. Gemeinsam kann man gezielt Frauen in einer männerdominierten Welt stärken. Und das gilt nicht nur für die Frauen untereinander, sondern da können auch Männer für Frauen eine Lanze brechen, die einem Kameraden auch mal klarmachen: Frauen gehören dazu.

herCAREER: Da kommt hoffentlich kein Rückschritt auf uns zu. Gerade unter den jungen Männern gibt es heute viele, die finden, dass jetzt aber auch mal gut ist mit der Gleichberechtigung. Du hast jetzt gerade den Dienst verlassen. Warum? Und was hast du vor?

Wiebke Hönicke: Nach 14 Jahren wollte ich an einem Ort ankommen, auch weil ich gern Familie hätte. Und ich hatte keine Lust mehr, mein ganzes weiteres Berufsleben immer drei Schritte mehr zu gehen, um am Ende die gleiche Distanz zurückzulegen wie ein Mann. Das entwickelt sich zwar in die richtige Richtung, aber für mich ist es Zeit für etwas Neues. Ich bin neugierig auf die zivile Welt, auch wenn ich Reserveoffizier bleibe. Im Oktober beginnt meine Ausbildung zur klinisch-therapeutischen Kinder- und Jugendpsychotherapeutin, da passt dann endlich mein Pädagogik-Studium mit Schwerpunkt Psychologie genau. Das wird dann in Zukunft mein Beitrag zur Resilienz.

*Wiebke Hönicke ist es wichtig, militärische Dienstgrade nicht zu gendern. Nur wenn es etwas betrifft, das nur Frauen erleben, gendert sie bewusst bei der Dienstgradgruppe „Offizier“, um den Unterschied deutlich zu machen.

Das Gespräch führte die freie herCAREER-Redakteurin Silvi Feist.

Wiebke Hönicke spricht am 23. Oktober beim Podcast-MeetUp auf der herCAREER Expo über gemeinsame Verantwortung, nationale Sicherheit und die Frage, warum wir kämpfen können sollten, um nicht kämpfen zu müssen.

Bild Wiebke Hönicke Pionieroffizier, Mit-Initiatorin bei #WirGegenExtremismus und hostet den Podcast „Buschfunk“

Quelle messe.rocks GmbH

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