FaceLedger schafft einen Marktplatz, auf dem Menschen ihr Erscheinungsbild für KI-generierte Werbung lizenzieren und die Kontrolle über dessen Nutzung behalten.
Können Sie FaceLedger kurz vorstellen und erzählen, wie die Idee für einen Marktplatz zur Lizenzierung des eigenen Erscheinungsbildes entstanden ist?
FaceLedger ist ein Marktplatz, auf dem verifizierte Menschen ihr Erscheinungsbild als Foto-Datensatz für KI-generierte Werbung lizenzieren. Unternehmen bekommen den Datensatz, einen automatisch erzeugten Lizenzvertrag mit Grenzen nach Zeit, Gebiet und Kanälen und einen Lizenznachweis für jede Kampagne. 65 Prozent des Lizenzpreises gehen an die Person. Ich arbeite seit Jahren in der Werbung. Seit generative KI in der Produktion angekommen ist, entstehen Gesichter in Minuten. Was in derselben Zeit nicht entsteht, ist das Recht, sie zu verwenden. Ein generiertes Gesicht kann niemand fragen. Die Verträge mit echten Models regeln Fotos und Videos, aber keine KI-Nutzung. Stock Footage deckt die Verwendung von einem Bild oder Video ab. Aus dieser Lücke ist FaceLedger entstanden.
Wer steht hinter FaceLedger, und welche Erfahrungen bringen Sie in den Aufbau des Unternehmens ein?
Hinter FaceLedger stehe ich, Marcel Mankus, als Gründer und Geschäftsführer der Faceledger UG in Frankfurt am Main. Ich habe in Aachen Maschinenbau studiert, danach einige Jahre selbstständig Content für Marken produziert, anschließend Medien- und Kommunikationsmanagement in Frankfurt abgeschlossen. Seitdem arbeite ich in der Werbung an der Schnittstelle von Konzept und Technik. Das Ingenieurstudium ist mein Fundament: Ich will verstehen, wie ein System funktioniert, bevor ich es einsetze. Die Jahre in der Produktion haben mir gezeigt, wie Shootings, Rechte und Freigaben in der Praxis laufen. Beides zusammen ist FaceLedger: ein System, das die Rechte an einem Menschen so sauber abbildet, dass eine Werbeproduktion damit arbeiten kann.
KI-generierte Werbung verändert die klassische Arbeit mit Models und Bildmaterial. Welches konkrete Problem möchten Sie mit FaceLedger lösen?
Das Problem ist die Lücke zwischen dem, was KI erzeugen kann, und dem, was ein Unternehmen verwenden darf. Ein rein generiertes Gesicht gehört niemandem, jeder kann Ähnliches erzeugen. Niemand kann belegen, dass es keiner realen Person ähnelt. Vor Gericht zählt Wiedererkennbarkeit, nicht Absicht. Ein echtes Model wiederum hat einen Vertrag für ein Shooting, nicht für neue Posen, neue Szenen und neue Kanäle aus einem Datensatz. FaceLedger schließt genau diese Lücke: ein echter, verifizierter Mensch, der eingewilligt hat, ein Vertrag, der die KI-Nutzung ausdrücklich regelt, dazu ein Nachweis, den das Unternehmen vorzeigen kann. Wir sehen das nicht als Compliance-Werkzeug, sondern als neue Produktionsform für Werbung: flexibel wie gepromptet, sicher wie geshootet.
Menschen stellen einen Foto-Datensatz ihres Erscheinungsbildes zur Verfügung. Wie stellen Sie sicher, dass sie trotzdem jederzeit die Kontrolle über dessen kommerzielle Nutzung behalten?
Die Kontrolle ist in den Ablauf eingebaut, nicht nur in den Text. Jede Person legt beim Onboarding fest, für welche Branchen sie nicht zur Verfügung steht, etwa Tabak, Politik oder Bademode. Unternehmen sehen vor einer Lizenz nur die Profilbilder, die die Person selbst freigegeben hat, nie den Datensatz. Jede einzelne Anfrage muss die Person aktiv annehmen, ohne Annahme entsteht kein Vertrag und kein Zugriff. Jede Lizenz ist begrenzt nach Zeit, Gebiet und Kanälen der Kampagne. Nach Laufzeitende wird der Datensatz beim Unternehmen gelöscht. Die Einwilligung kann die Person jederzeit widerrufen, dann gibt es keine neuen Lizenzen mehr. Und jeder Profilaufruf wird protokolliert. Das Prinzip dahinter: Die Person wird gefragt, verdient mit und kann Nein sagen.
Unternehmen erhalten für jede Kampagne klar definierte Nutzungsrechte nach Zeit, Gebiet und Kanälen. Warum reicht eine klassische Model-Freigabe für KI-Anwendungen aus Ihrer Sicht nicht mehr aus?
Weil eine Model-Freigabe für einen endlichen Output geschrieben wurde: ein Shooting, ein Satz Bilder, ein Film. Mit KI ist der Output grenzenlos. Aus einem Datensatz lässt sich ein Mensch in jede Pose, jede Situation und jede Aussage setzen. Deepfakes zeigen, wohin das im schlimmsten Fall führt. Eine Freigabe für Fotos und Videos aus dem Shooting schützt die Person davor nicht. Und dem Unternehmen gibt sie keinen Beleg, dass genau diese Nutzung erlaubt war. Unsicher sind also beide Seiten.
Einfach ein Gesicht zu generieren löst das nicht. Ein erfundenes Gesicht gehört niemandem, morgen erzeugt die Konkurrenz mit einem ähnlichen Prompt fast dasselbe und weil die Modelle mit Bildern aus dem Internet trainiert sind, ähneln generierte Gesichter immer wieder realen, oft bekannten Menschen, ohne dass die Produktion es merkt. Haften muss sie trotzdem.
Deshalb ist bei uns die Lizenz das Produkt, nicht das Bild: ein Vertrag je Nutzung mit Laufzeit, Gebiet und Kanälen, Ausschlüsse, die die Person selbst festlegt, Annahme jeder einzelnen Anfrage, Löschung nach Laufzeitende und ein Lizenznachweis, den das Unternehmen vorzeigen kann.
Mit „Bring your own model“ können Marken ihre bisherigen Models auch für KI-generierte Werbung einsetzen. Für welche Unternehmen ist dieser Ansatz besonders interessant?
Für Marken, die schon mit eigenen Models arbeiten und jetzt mit KI produzieren wollen, ohne ihre Gesichter zu verlieren. Das sind vor allem gründergeführte Marken aus Mode, Beauty und Schmuck mit eigenem Onlineshop, die jede Saison neue Motive brauchen und bei denen die Kundinnen und Kunden die Models kennen. Die Models registrieren sich bei uns, wir übernehmen die Verifizierung und den Drehtag für den Datensatz. Die Marke lizenziert die KI-Nutzung sauber, statt Verträge zu dehnen, die dafür nie gedacht waren. Die Models verdienen an jeder Kampagne mit. Interessant ist es auch für Agenturen, die für ihre Kunden haften und deshalb einen Vertrag brauchen, den sie vorzeigen können.
Die Lizenzpreise beginnen bei 900 Euro netto, davon gehen 65 Prozent an die jeweilige Person. Wie sind Sie zu diesem Preismodell und der Aufteilung gekommen?
Der Preis ist öffentlich und deterministisch: Laufzeit, Gebiet und Kanäle bestimmen ihn, es gibt keine Verhandlung. Das war eine bewusste Entscheidung, weil Verhandlungen über Gesichter Zeit kosten und Misstrauen erzeugen. Die 900 Euro als Einstieg orientieren sich daran, was eine Lizenz ersetzt: einen Produktionstag plus Nutzungsrechte, aus dem sich viele Motive erzeugen lassen. Die 65 Prozent für die Person sind das Gegenteil dessen, was Stockplattformen zahlen. Der Mensch ist der Wert, nicht die Plattform, also bekommt er den größeren Teil. Mit den 35 Prozent finanzieren wir Verifizierung, Vertragserzeugung, Zahlungsabwicklung und den Nachweis.
Bei einem Geschäftsmodell rund um Gesichter, KI und Nutzungsrechte ist Vertrauen entscheidend. Was sind aktuell die größten Hürden, um Menschen und Marken von FaceLedger zu überzeugen?
Bei den Menschen ist es die Sorge, die Kontrolle über das eigene Gesicht zu verlieren. Die Antwort darauf ist nicht ein Versprechen, sondern der Ablauf: Ausschlüsse, Annahme jeder einzelnen Anfrage, Grenzen im Vertrag, Löschung, Widerruf. Wer das einmal durchgespielt hat, versteht es. Bei den Marken ist die größte Hürde die Gewohnheit. Ein Gesicht zu generieren kostet nichts und dauert Sekunden. Das Rechtsrisiko ist abstrakt, bis es konkret wird. Wir müssen also erklären, warum ein echter Mensch mit Vertrag mehr wert ist als ein beliebiges Gesicht. Die dritte Hürde ist, dass wir jung und klein sind. Wir haben noch keine großen Namen als Referenz. Das ändert sich nur mit den ersten Kampagnen, deshalb ist das gerade meine Hauptaufgabe.
Seit August ist die Plattform bereits in acht Sprachen verfügbar. Warum haben Sie sich so früh für eine internationale Ausrichtung entschieden?
Weil man schon heute in den Medien sieht, wie unterschiedlich Länder auf künstliche Intelligenz reagieren. Die einen regulieren früh, die anderen lassen laufen, beides hat Vor- und Nachteile. Die Frage nach der Identität stellt sich aber überall gleich. FaceLedger hat sich zum Ziel gesetzt, die Plattform für Identität im KI-Zeitalter zu werden, weltweit. Zum Start liegt der Fokus auf Deutschland, Lizenzen gibt es zunächst nur für Menschen mit Aufenthalt hier, andere Länder stehen auf einer Warteliste. Mit den acht Sprachen erreichen wir aber schon jetzt Menschen in über 100 Ländern in ihrer Amtssprache und machen dort auf das Thema aufmerksam.
Ein Marktplatz funktioniert erst richtig, wenn auf beiden Seiten genügend Teilnehmer vorhanden sind. Wie wollen Sie gleichzeitig attraktive Gesichter und zahlende Marken gewinnen?
Wir fangen nicht mit beiden Seiten gleichzeitig an, sondern mit einer kleinen Zahl an Unternehmen, die ein konkretes Problem haben und in den nächsten Wochen kaufen könnten. Mit denen sprechen wir, bevor wir irgendetwas pitchen: Wie produziert ihr heute, was passiert, wenn ihr ein echtes Gesicht verwenden wollt, wer prüft die Rechte, was kostet euch das. „Bring your own model“ löst dabei das Henne-Ei-Problem, weil die Marke ihre eigenen Models mitbringt und beide Seiten in einem Schritt entstehen. Parallel registrieren sich Menschen von selbst, seit die Plattform live ist, ohne Werbung. Das erste Zahnrad, das sich wirklich dreht, ist wichtiger als die große Zahl.
FaceLedger wurde erst im April 2026 gegründet. Welche Vision verfolgen Sie langfristig und welche nächsten Entwicklungsschritte stehen jetzt im Vordergrund?
Unsere Mission ist, das Erscheinen menschlicher Identität in KI-generierter Werbung vertraglich zu regeln: Wer sein Gesicht gibt, wird gefragt, verdient mit und kann Nein sagen. Wer es nutzt, hat einen Vertrag, der hält. Die Vision dahinter ist, synthetische Werbung menschlicher zu machen. Dass Identität etwas Schützenswertes ist, zeigt KI mehr denn je. Für diesen Schutz will FaceLedger weltweit stehen. Die nächsten Schritte sind sehr konkret: die ersten großen Unternehmen, die über die Plattform lizenzieren und wiederkommen, die Freischaltung weiterer Länder nach dem Start in Deutschland. Alles andere kommt danach.
Welche drei Ratschläge würden Sie anderen Gründerinnen und Gründern geben, die ein Geschäftsmodell an der Schnittstelle von KI, Persönlichkeitsrechten und Werbung aufbauen möchten?
Erstens: Baue erst das kleinste Zahnrad, das sich wirklich dreht, nicht den ganzen Markt. Ein Kunde, eine Person, ein funktionierendes System, ein Wiederkauf. Wenn das läuft, wird alles andere leichter.
Zweitens: Nimm die Rechte ernst, bevor es jemand von dir verlangt. Gerade in Deutschland. Einwilligung, Widerruf und Nachweis sind bei diesem Thema kein Anhang, sondern selbstverständlich. Wer das von Anfang an in den Ablauf baut, muss später nicht teuer nachrüsten.
Drittens: Sprich mit Menschen, nutz deine Community, egal wie klein sie dir noch vorkommt. Meine ersten Registrierungen kamen aus Gesprächen, nicht aus einer Kampagne.
Und hab vorallem dabei Spaß, sei stolz auf das, was du baust. Das trägt durch die Tage, an denen es auch mal nicht so läuft.
Fotocredits: © privat
Wir bedanken uns bei Marcel Mankus für das Interview
Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.

















