OnkoPass unterstützt Patientinnen und Patienten bei der ambulanten Therapie und möchte die Krebsversorgung durch eine digitale Verbindung zwischen Klinik und Zuhause verbessern
Können Sie OnkoPass kurz vorstellen und erzählen, wie die Idee zur Gründung des Unternehmens entstanden ist?
OnkoPass ist eine digitale Begleitung für Menschen, die sich ambulant gegen Krebs behandeln lassen, mit einem Fokus auf orale Tumortherapien (Krebsmedikamente in Form von Kapseln oder Tabletten) und Kombinationstherapien, zum Beispiel Tablette plus Infusion. Wir bringen dabei das Behandlungsteam in der Klinik und die Patientinnen und Patienten zu Hause auf einem gemeinsamen System zusammen: Therapiepläne, Laborwerte, Symptome, Termine und Nachrichten laufen an einem Ort zusammen.
Die Idee ist aus einer sehr konkreten Beobachtung entstanden: Immer mehr Krebstherapien finden zu Hause statt. Das gibt Patientinnen und Patienten mehr Freiheit, verändert aber auch die Verantwortung in großem Maße. Die Therapie muss im Alltag größtenteils eigenständig organisiert werden, während das Behandlungsteam zwischen den Terminen nur eingeschränkt mitbekommt, wie es ihnen tatsächlich geht. Genau diese Lücke wollten wir schließen: nicht mit noch mehr Terminen, sondern mit einer verlässlichen Verbindung zwischen Klinik und Zuhause. Aus dieser Überzeugung ist OnkoPass entstanden.
Wer steht hinter OnkoPass, und welche Erfahrungen haben die Entwicklung Ihrer Plattform geprägt?
Hinter OnkoPass steht ein Team, das sehr unterschiedliche Perspektiven zusammenbringt. Oliver verantwortet als Geschäftsführer den kommerziellen Aufbau, Manuel als CTO die technische Architektur und IT-Sicherheit, und ich als COO das Produkt und unsere internen Prozesse. Uns drei verbindet dabei dieselbe Überzeugung: Digitalisierung ist kein Selbstzweck. Sie muss den Menschen in der Versorgung spürbar helfen.
Dazu kommt klinische Expertise aus Medizin und Pharmazie mit Erfahrungen in Forschung, Klinik und klinischer Digitalisierung. Was uns dabei wichtig ist: Wir entwickeln OnkoPass selbst und sehr nah mit den Anwendern in der Klinik. Wir fragen also nicht nur, was technisch möglich ist, sondern vor allem, was im Alltag eines Behandlungsteams und von Patientinnen und Patienten tatsächlich funktioniert.
Welche Vision verfolgen Sie mit OnkoPass, und wie möchten Sie die ambulante Krebsversorgung langfristig verbessern?
Unsere Vision ist, dass die Versorgung von Menschen mit Krebs nicht an der Klinikpforte endet, sondern sich sicher und möglichst nahtlos im Alltag fortsetzt. Patientinnen und Patienten sollen auch zu Hause gut begleitet sein, und Behandlungsteams sollen einen verlässlichen Überblick haben, ohne dafür ständig zusätzliche Termine und Telefonate organisieren zu müssen. Aktuell haben Krebspatientinnen und -patienten im Schnitt fast fünfzig Kontakttage mit dem Gesundheitssystem pro Jahr: Termine, Anfahrten und Koordination. Man nennt das Zeit-Toxizität, denn das ist Zeit, die Menschen im Wartezimmer und auf der Autobahn verbringen, statt mit ihrer Familie.
Langfristig wollen wir, dass OnkoPass im deutschsprachigen Raum zur digitalen Grundausstattung onkologischer Zentren gehört. Behandlungsteams sollen Auffälligkeiten früh erkennen können, während Patientinnen und Patienten zu Hause die Sicherheit haben, dass ihre Therapie nicht aus dem Blick gerät. Gleichzeitig wollen wir Versorgung besser an den tatsächlichen Bedarf anpassen: Wer seine Therapie gut verträgt und seinen Alltag sicher selbst steuern kann, braucht nicht automatisch dieselbe Betreuungsintensität wie jemand, bei dem für eine optimale Therapie mehr Unterstützung nötig ist.
An welche Zielgruppen richtet sich OnkoPass hauptsächlich, und welche Herausforderungen lösen Sie für Behandlungsteams sowie Patientinnen und Patienten?
OnkoPass richtet sich an zwei Gruppen gleichzeitig: an onkologische Behandlungsteams, also Pflegekräfte, (Study) Nurses und Ärztinnen und Ärzte in Krebszentren, und an die Patientinnen und Patienten selbst.
Für die Behandlungsteams geht es vor allem darum, wieder Luft zu schaffen: übersichtlichere Abläufe, weniger Verwaltungsaufwand und damit mehr Zeit für das, was wirklich zählt. Für Patientinnen und Patienten geht es um Sicherheit im Alltag: Die Therapie findet zu Hause statt, aber Fragen, Symptome oder Unsicherheiten entstehen trotzdem. OnkoPass bringt diese beiden Seiten zusammen. Das Ziel ist nicht, den persönlichen Kontakt zu ersetzen, sondern ihn gezielter dort einzusetzen, wo er wirklich gebraucht wird.
Immer mehr Krebstherapien finden ambulant statt. Warum steigt dadurch der Bedarf an digitalen Begleitlösungen?
Orale Tumortherapien haben in den vergangenen Jahren deutlich an Bedeutung gewonnen, weil sie unter anderem Patientinnen und Patienten mehr Flexibilität im Alltag ermöglichen. Gleichzeitig verschiebt sich damit ein Teil der Behandlung aus der Klinik nach Hause. Genau dadurch entsteht ein neuer Bedarf an Begleitung.
Nebenwirkungen müssen schnell und einfach gemeldet werden können, die regelmäßige und richtige Einnahme muss im Blick bleiben, und häufig ist zusätzliches Monitoring wie zum Beispiel Blutbildkontrollen notwendig. Diese finden teilweise dezentral statt, beispielsweise beim Hausarzt. In diesem Fall müssen Informationen trotzdem zeitnah beim Behandlungsteam ankommen. Je mehr Behandlung zu Hause stattfindet, desto wichtiger wird deshalb ein digitales Bindeglied, das genau das auffängt, was früher der kurze Blick der Pflegefachkraft im Wartezimmer geleistet hat.
Was macht OnkoPass aus Ihrer Sicht besonders im Vergleich zu anderen digitalen Gesundheitsanwendungen?
Was OnkoPass aus meiner Sicht besonders macht, ist vor allem der klare Fokus: Von Anfang an für die Onkologie gebaut, mit einem Schwerpunkt auf orale Tumortherapien. OnkoPass ist dabei keine Stand-alone-App. Der eigentliche Mehrwert entsteht dadurch, dass Patientinnen und Patienten und ihr Behandlungsteam auf demselben System arbeiten: Patientinnen und Patienten nutzen dafür die App, Behandlungsteams ein nutzerfreundliches Dashboard.
Das zeigt sich auch in den Details. Wir können komplexe Einnahmeschemata inklusive Einnahmepausen abbilden, Laborwerte integrieren und Abläufe an die tatsächliche Situation eines Patienten oder einer Patientin anpassen. Gleichzeitig lässt sich OnkoPass direkt an Krankenhausinformationssysteme anbinden. Am Universitätsklinikum Tübingen ist uns das bereits gelungen. Dadurch kann Doppeldokumentation vermieden werden, und das Behandlungsteam kann das Management in OnkoPass direkt für die Dokumentation im KIS nutzen.
Wie unterstützt OnkoPass Patientinnen und Patienten dabei, ihre Therapie sicher und zuverlässig in den Alltag zu integrieren?
Für Patientinnen und Patienten beginnt die Unterstützung schon beim Therapiestart. In der App ist verständlich dargestellt, welches Medikament wann eingenommen werden soll. Es gibt Erinnerungen, und die Einnahme kann direkt bestätigt werden. Treten Beschwerden auf, können diese ebenfalls direkt erfasst und mit dem Behandlungsteam geteilt werden, statt bis zum nächsten Termin warten zu müssen. Erfasste Labor- und Symptomverläufe lassen sich außerdem übersichtlich verfolgen. Damit wird Ärztinnen und Ärzten ermöglicht, diese Verläufe bei Therapieentscheidungen zu berücksichtigen.
Wichtig ist dabei die Abgrenzung: OnkoPass ersetzt nicht die medizinische Einschätzung des Behandlungsteams. Die App schafft Struktur und Transparenz im Alltag. Die medizinische Entscheidung bleibt bei den Fachleuten. Den persönlichen Austausch gibt es natürlich weiterhin, nur in konzentrierter Form, denn die Organisationsthemen fallen weg, und man hat mehr Zeit für das eigentliche Gespräch. Genau diese Kombination aus mehr Eigenständigkeit für Patientinnen und Patienten und besserem Überblick für das Behandlungsteam ist für uns entscheidend.
Welche Herausforderungen begegnen Ihnen bei der Entwicklung einer digitalen Lösung für den sensiblen Bereich der Onkologie?
In der Onkologie können Fehler besonders schwer wiegen. Deshalb steht Patientensicherheit bei uns grundsätzlich vor Geschwindigkeit. Das betrifft zunächst den Umgang mit hochsensiblen Gesundheitsdaten. Wir sind ISO 27001 zertifiziert und arbeiten als Auftragsverarbeiter der Kliniken nach deutschem Recht.
Eine zweite Herausforderung ist die technische Integration. Krankenhausinformationssysteme sind historisch sehr unterschiedlich gewachsen, und eine saubere, automatisierte Anbindung braucht deshalb enge Abstimmung mit den IT-Teams vor Ort. Und schließlich ist auch die Kommunikation anspruchsvoll: Inhalte für Patientinnen und Patienten müssen verständlich sein, ohne unnötige Fachbegriffe und ohne eine falsche Sicherheit zu vermitteln. Gerade in der Onkologie muss immer klar sein, wann das Behandlungsteam gefragt ist.
Bei alldem setzen wir konsequent auf deutsche und europäische Standards: DSGVO-konform und mit offener Anbindung an bestehende Krankenhausinformationssysteme über den internationalen FHIR-Standard.
Wie wichtig ist die enge Zusammenarbeit mit Ärztinnen, Ärzten und onkologischen Behandlungsteams für die Weiterentwicklung von OnkoPass?
Ohne die enge Zusammenarbeit mit onkologischen Behandlungsteams gäbe es OnkoPass in dieser Form nicht. Wir entwickeln gemeinsam mit mehreren deutschen Universitätskliniken, in klinischen Studien genauso wie im laufenden Praxiseinsatz.
Für uns ist diese Nähe zur Versorgung kein formaler Schritt im Entwicklungsprozess, sondern die wichtigste Lernquelle. Nur wenn man mit Pflegekräften und Ärztinnen und Ärzten über ihren Alltag spricht, merkt man, ob eine Funktion wirklich entlastet oder am Ende nur zusätzliche Arbeit erzeugt. Genau daraus entstehen bei uns viele Weiterentwicklungen. In einer eigenen Studie konnten wir den administrativen Aufwand für Behandlungsteams bereits um etwa 30 Prozent senken.
Welche neuen Funktionen oder Weiterentwicklungen stehen bei OnkoPass aktuell im Fokus?
Aktuell arbeiten wir an drei Schwerpunkten. Erstens wollen wir das Therapiemanagement noch stärker individualisieren, mit Hilfestellungen und Funktionen, die sich genauer an der konkreten Situation von Patientinnen und Patienten orientieren. Den dafür notwendigen regulatorischen Rahmen entwickeln wir parallel.
Zweitens schauen wir uns explorativ an, wie KI vor allem administrative Abläufe sinnvoll unterstützen kann. Drittens wollen wir OnkoPass perspektivisch auf weitere Erkrankungsbilder, Tumorentitäten und Arzneimittelformen ausweiten.
Wo soll OnkoPass in den kommenden Jahren stehen, und welche Rolle möchten Sie bei der Digitalisierung der Krebsversorgung einnehmen?
In den nächsten Jahren wollen wir von Pilotpartnerschaften zu einer festen Größe in onkologischen Zentren im gesamten deutschsprachigen Raum werden. Dabei bauen wir die IT-Integration, die sich am Universitätsklinikum Tübingen bereits bewährt hat, in der Fläche aus, statt auf weitere Insellösungen zu setzen.
Wir wollen dabei nicht einfach eine weitere App anbieten. Unser Anspruch ist, Versorgung im Alltag wirklich besser zu machen und die strukturierten Daten, die dabei entstehen, auch für Forschung und Versorgungsqualität nutzbar zu machen. Perspektivisch wollen wir das Prinzip, das wir bei oralen Tumortherapien entwickelt haben, auf weitere Bereiche der ambulanten Krebsversorgung übertragen.
Am Ende wäre für uns ein gutes Ergebnis, wenn OnkoPass gar nicht mehr als besondere digitale Lösung wahrgenommen wird, sondern einfach dazu gehört, wenn Krebsversorgung ambulant stattfindet.
Welche drei Ratschläge würden Sie anderen Gründerinnen und Gründern geben, die mit einer digitalen Gesundheitslösung einen nachhaltigen Beitrag zur medizinischen Versorgung leisten möchten?
Erstens: Sucht euch von Anfang an echte Partner in der Versorgung, nicht nur Testkundinnen und Testkunden. Ohne die enge, oft auch mühsame Zusammenarbeit mit Kliniken hätten wir viele Annahmen für richtig gehalten, die sich im Alltag als falsch erwiesen hätten.
Zweitens: Nehmt Regulatorik und Datenschutz nicht als lästige Pflicht, sondern als Teil des Produkts. Gerade im Gesundheitswesen entscheidet Vertrauen darüber, ob eine Lösung überhaupt eingesetzt wird.
Drittens: Bleibt geduldig mit dem Tempo des Gesundheitswesens, ohne dabei euren eigenen Anspruch zu verlieren. Digitale Versorgung im Krankenhaus verändert sich langsamer als in anderen Branchen. Wer aber dranbleibt, zuhört und bereit ist, sein Produkt immer wieder an der Realität zu messen, kann hier einen Unterschied machen, der Menschen konkret hilft.
Fotocredits: © OnkoPass
Wir bedanken uns bei Maximilian Roederstein für das Interview
Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.

















